Interview
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Jannik Kirchenkamp (l.) mit Nationalspieler Robin Koch im Performance-Center "Black Hall" in Krefeld. bild: privat/zvg

Interview

"Vereine sind eher froh": Für diesen Mann opfern Nationalspieler ihre Freizeit

Jannik Kirchenkamp ist Athletiktrainer – und der Coach der Fußballprofis. Zusammen mit Bundesliga-Profi Robin Koch vom SC Freiburg hat der 26-Jährige im Juli das Fitness- und Performance-Center "Black Hall" in Krefeld gegründet. Die beiden richten sich mit ihrem Angebot – Fitness-, Athletik- und Reha-Training sowie Verletzungsvorsorge – insbesondere an Fußballer.

Mitgründer Koch konzentriert sich auf seine Profikarriere, feilt nebenbei im "Black Hall" regelmäßig mit Jannik, Geschäftspartner und Trainer seines Vertrauens, an seiner Athletik. Und das zusätzliche Training scheint sich auszuzahlen: Innerhalb von nur drei Jahren schaffte Robin Koch es von der Regionalliga bis in die Nationalmannschaft.

Auch einige andere Bundesliga-Profis setzen auf Janniks Training in Krefeld. Die aktuell vereinslosen Samed Yesil und Sinan Kurt, zwei Ex-Talente mit Karriereknick, halten sich bei ihm fit, um in guter Verfassung zu sein, falls ein Verein anklopfen sollte.

Ein Gespräch über Mund-zu-Mund-Propaganda, frohe Bundesliga-Klubs und Süles EM-Chancen.

watson: Warum brauchen Profifußballer überhaupt einen zusätzlichen Trainer? Die trainieren doch den ganzen Tag…

Jannik Kirchenkamp: Na ja, in den Vereinen ist es in der Regel so, dass ein Athletiktrainer für die ganze Mannschaft verantwortlich ist. Da kann man als Einzelner natürlich kein individuelles, spezialisiertes Training machen. Und es trainieren ja auch nicht nur Profis bei uns, die aktuell bei einem Verein unter Vertrag stehen. Sondern auch vereinslose Spieler oder Profis, wenn sie in der Sommerpause ein paar Wochen trainingsfreie Zeit haben. Spieler wie Robin Koch, die aktuell einen Verein haben, müssten natürlich nicht nebenbei noch bei uns eine Einheit machen.

Aber?

An Schnelligkeit, Agilität und Beweglichkeit kann immer gearbeitet werden. Mit regelmäßigem Athletiktraining kann man sich einen Vorteil gegenüber anderen verschaffen.

"An Schnelligkeit, Agilität und Beweglichkeit kann immer gearbeitet werden."

War das auch Teil eurer Vision, die ihr hattet, als ihr das Performance-Center gegründet habt?

Unsere Vision war es, ein professionelles Fitnessstudio speziell für Sportler aufzubauen, weil es sowas unserer Meinung nach in Deutschland noch nicht in dieser Form gibt. Dass Profis zusätzliches Athletiktraining machen, ist ein relativ junges Phänomen bei uns.

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2014 zahlte der FC Bayern München für den Nachwuchsspieler Sinan Kurt (links) noch 3 Millionen Euro – nun sucht er einen Verein und hält sich bei Kirchenkamp (rechts) fit. Bild:privat/zvg

Woher kommt das Phänomen?

In den USA und Kanada gibt es schon viele solcher Performance-Center. Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann brachte um die WM 2006 herum den Stein auch in Deutschland ins Rollen, setzte als einer der ersten Trainer auf das Training neben dem Fußballtraining.

Woher kennst du Robin Koch eigentlich?

Ich habe die vergangenen sieben Jahre in Luxemburg als Fitnesstrainer und Ernährungsberater gearbeitet. Damals habe ich in Trier gewohnt. Zu der Zeit hat Robin in der U19 bei Eintracht Trier gespielt und schon mit mir zusammen trainiert. So haben wir uns kennengelernt.

Und Robin Koch vertraut dir seitdem in Sachen Athletik- und Fitnesstraining?

Genau. Robin ist dann zum 1. FC Kaiserslautern gewechselt. Er hat jemanden gesucht, der ihn weiterhin nebenbei im Bereich Athketik- und Reha-Training unterstützt. So sind wir in Kontakt geblieben und haben weiter zusammengearbeitet.

Was genau trainiert denn Robin Koch mit dir? Auf was konzentriert er sich im Athletiktraining?

Sein Fokus liegt aktuell auf Explosivität und Schnelligkeit, insbesondere Antrittsschnelligkeit. Er kommt dann meistens für zwei, drei Tage hier in Krefeld vorbei, um zu trainieren.

Welche Profis vertrauen dir außer Robin Koch und wie kommen die Kontakte zustande?

Es läuft viel über Empfehlungen, man kennt sich unter Fußballern. Bei Robins Freiburger Kollegen hat sich ein bisschen was herumgesprochen: Luca Waldschmidt und Brandon Borrello waren hier. Markus Schubert, U21-Nationaltorwart vom FC Schalke, war schon bei mir, außerdem Gladbachs Ibrahima Traoré sowie Dominick Drexler vom 1. FC Köln. Auch mit Marcel Noebels, dem deutschen Eishockey-Nationalspieler von den Eisbären Berlin, habe ich schon trainiert.

"Die Vereine sind meistens eher froh, wenn sie sehen, dass die Spieler so motiviert sind, dass sie noch eine Einheit neben dem Training machen."

Hattest du schon mal Ärger mit einem Verein, weil du einen Spieler neben seiner Arbeit einspannst?

Nein, überhaupt nicht. Mit den Jungs, die bisher hier trainiert haben, war das gar kein Problem. Die Vereine sind meistens sogar eher froh, wenn sie sehen, dass die Spieler so motiviert sind, dass sie noch eine Einheit neben dem Training machen. Da hat sich bisher noch nie jemand beschwert.

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Samed Yesil (rechts) galt als größtes deutsches Sturm-Talent und wurde vom FC Liverpool gekauft – nun trainiert der derzeit vereinslose Spieler bei Kirchenkamp, um fit zu bleiben. bild:privat/zvg

Auch die vereinslosen Sinan Kurt und Samed Yesil trainieren bei dir, das sorgte vor ein paar Wochen für ein mittelgroßes Medienecho. Lief das auch über Mund-zu-Mund-Propaganda?

Ja. Im Fall von Sinan Kurt war es Ex-Bundesligaprofi Marcel Ndjeng (u.a. Arminia, Gladbach, Hertha, d. Red.), der auch schon bei uns trainiert hat. Er hat Sinan empfohlen, hier zu trainieren.

Und Samed Yesil?

Samed Yesil wohnt in Krefeld, da er zuletzt beim KFC Uerdingen spielte. Da hat mich der Berater angerufen und mich gefragt, ob ich ihn fit machen könne. Es kann ja jederzeit ein Anruf kommen, von einem Verein, der ihn unter Vertrag nehmen will. Und da muss er jederzeit bereit sein und eine perfekte Fitness haben.

Yesil und Kurt gelten beide als gescheiterter Talente, Kurt sogar als schwieriger Typ. So etwas ist aus der Ferne immer leicht gesagt. Wie ist dein Eindruck von den beiden?

Es wird ja immer viel geschrieben über die beiden, speziell über Sinan. Ich will da eigentlich nicht viel zu sagen, da ich die Vergangenheit der beiden nicht kenne. Ich kann nicht beurteilen, wie sie sich in ihren Vereinen im Trainingsalltag verhalten haben, wie sie mit ihren Trainern gesprochen haben. Ich kann nur die Gegenwart beurteilen.

Und zu welchem Schluss kommst du?

Beide Jungs wollen das Vergangene hinter sich lassen. Ich kann nur sagen, dass beide Gas geben. Sie sind immer pünktlich, haben noch keinen einzigen Termin abgesagt. Was man aber sagen muss: Sie kamen jeweils nicht aus Eigeninitiative.

"Hand aufs Herz, wer braucht nicht mal einen Tritt in den Hintern?"

Sondern?

Beide wurden ein bisschen dazu gedrängt, bei mir zu trainieren. Aber, Hand aufs Herz, wer braucht nicht mal einen Tritt in den Hintern? Ich komme jedenfalls mit beiden gut klar, wir sind ja auch im gleichen Alter, und ich glaube, dass beide sehr motiviert sind, wieder bei einem neuen Verein durchzustarten.

Wie läuft so ein Training dann ab? Kannst du uns das am Beispiel Kurt und Yesil erklären?

Beide machen einmal die Woche ein regeneratives Training. Da werden eigentlich nur Beweglichkeits- und Dehnübungen gemacht, ein bisschen Stabilitätstraining und Fahrradfahren. Zweimal die Woche machen sie Athletiktraining: Stabilitätsübungen für die Körpermitte und die Beinachsen, spezielles Krafttraining für den Unterkörper, Sprungkraft inbegriffen. Danach Schnelligkeit und Agilität. Da trainieren wir dann fußballspezifisch mit Ball und Widerständen, Hürden und so weiter.

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Sinan Kurt bild:privat/zvg

Ehrt es dich, dass die Profis ausgerechnet zu dir kommen?

Ich wollte immer mit Fußballern zusammenarbeiten. Dass das jetzt so gut klappt, und mir so namhafte Spieler über einen langen Zeitraum vertrauen, da bin ich schon stolz drauf. Das ist ein Zeichen für mich, dass ich meine Arbeit gut mache.

Auch die Vor- und Nachsorge von Verletzungen spielt bei euch eine große Rolle. Niklas Süle, Abwehrkollege von Robin Koch in der Nationalelf, hat sich im Oktober das vordere Kreuzband gerissen. Wie schätzt du das als Experte ein, kann er zur EM 2020 fit werden?

Also, da er ja schon einmal einen Kreuzbandriss hatte, also die Plastik gerissen ist, wird es sehr schwer. Wie es der Zufall so will, habe ich meine Masterarbeit über das Training nach einer Kreuzbandplastik geschrieben. Die durchschnittliche Ausfallzeit beträgt sechs bis neun Monate. Ich glaube schon, dass er es schaffen kann...

... Aber?

Das Risiko für Nachverletzungen ist relativ hoch. Die Reißfestigkeit des Kreuzbandes ist erst nach neun bis zwölf Monaten wieder gewährleistet. Eigentlich käme das Turnier zu früh. Wenn er es schafft, dann würde er wohl ohne Spielpraxis in die EM gehen.

Erinnert ein bisschen an Neuer bei der WM 2018…

Ja, aber beim Torwart und Kapitän ist das nochmal ein bisschen was anderes. Ich weiß nicht, ob Jogi Löw einen Abwehrspieler komplette ohne Spielpraxis mitnehmen würde.

Kann man bei euch eigentlich auch als Jugend- oder Amateurkicker seine Athletik verbessern?

Ja, wir bieten das auch für Nachwuchs- und Amateurspieler an, die solche Möglichkeiten in ihren Vereinen in der Regel nicht haben. Es sei denn, es sind Jugendspieler, die in einem Nachwuchsleistungszentrum eines Profiklubs untergekommen sind. Die meisten Jugend- und Amateurklubs haben nicht die Möglichkeit, unter Profibedingungen Athletiktraining durchzuführen.

Das ist Jannik Kirchenkamp

Jannik galt selbst mal als talentierter Nachwuchskicker, auch wenn er sich mit dem Begriff etwas schwer tut. Karriere-Highlight: Bei einem Turnier in Krefeld ist er vom FC Bayern München gesichtet und zu einem Probetraining eingeladen worden. Da war Jannik zwölf Jahre alt.

Sechs Jahre später machte ihm ein Knie-Totalschaden einen Strich durch die Fußballerkarriere-Rechnung: Kreuzband, Innenband, Innenmeniskus. "Ich war damals Kassenpatient. Die Reha ist dann nicht so gut verlaufen", sagt er.

Enttäuscht von dieser langwierigen Verletzungsgeschichte reifte bei ihm der Gedanke, dass er das später mal besser machen und anderen helfen will. In Köln hat er seinen Bachelor in Fitnessökonomie und anschließend seinen Master in Prävention & Gesundheitsmanagement abgeschlossen. Seit 2017 arbeitet er als Athletiktrainer für Profisportler.

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