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Ist es für junge Menschen in Ordnung, sich jetzt schon auf den Impftermin gegen Corona zu freuen? (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Boris Jovanovic

Meinung

Ich bin 33, gesund – und habe einen Corona-Impftermin: Muss ich ein schlechtes Gewissen haben?

Als Ende Dezember 2020 die ersten Menschen in Deutschland gegen Corona geimpft worden sind, war das wie ein verspätetes Weihnachtsgeschenk: Unglaublich, dass dieser Impfstoff so schnell auf den Markt gekommen ist. Unfassbar, dass es nach all den Einschränkungen und Todesfällen diesen Lichtblick gibt.

Und dann kam für mich bald die Erkenntnis: Unwahrscheinlich, dass man als junger Mensch zeitnah geimpft werden würde. Nach dem anfänglichen Chaos der Impfaktion habe ich mich, wie so viele in meinem Alter, damit angefreundet, erst in einem, vielleicht sogar erst in zwei Jahren mit der Impfung dran zu sein. Und irgendwie war das auch okay: Schließlich bin ich erst 33 Jahre alt, habe keine Vorerkrankungen, muss niemanden versorgen oder pflegen und kann mich seit einem Jahr größtenteils ins Homeoffice zurückziehen.

Jung, gesund, im Homeoffice: Ist es okay, jetzt gegen Corona geimpft zu werden?

Gefühlt bin ich jetzt, wo gerade einmal ein Viertel der Bevölkerung hierzulande die Erstimpfung erhalten hat, noch nicht berechtigt, mich gegen Corona impfen zu lassen.

Und bin nun bald dran: Heute früh habe ich einen Termin am 23. Mai im Impfzentrum am Tempelhofer Feld, Berlin, ergattert, Impfstoff: Moderna. Bis Anfang Juli werde ich meine Zweitimpfung erhalten haben, ab Mitte Juli etwa schon wird das Vakzin vollständig wirken.

In mir drin hüpft etwas vor Freude, wenn ich daran denke, was ich noch diesen Sommer alles wieder tun werden darf: in den Urlaub fahren, zum Beispiel. Oder meine Mutter umarmen, ohne sie im schlimmsten Fall einem lebensbedrohlichen Risiko auszusetzen.

"Bis vor Kurzem hat es sich noch geradezu kriminell angefühlt, wenn sich jemand in meinem Alter oder noch jünger sich bereits gegen Corona impfen lässt."

Und gleichzeitig setzt so etwas wie eine Impf-Scham ein: Ist es richtig, dass ich – jung, gesund, im Homeoffice – schon geimpft werden kann, wenn jemand anderer den Impfstoff vielleicht noch nötiger braucht? Weil er jeden Tag im Kundenkontakt ist zum Beispiel? Oder, weil er Angehörige pflegt?

Bis vor Kurzem hat es sich noch geradezu kriminell angefühlt, wenn sich jemand in meinem Alter oder noch jünger sich bereits gegen Corona impfen lässt. Als mir ein Kumpel, der noch jünger ist als ich, vor Kurzem erzählte, dass er möglicherweise über einen Kontakt bald schon geimpft werden könnte, schien es fast so, als würde er mir ein verbotenes Vorhaben anvertrauen.

Ein anderer Freund schickte mir den Kontakt zu einer Arztpraxis zu, bei der ich möglicherweise noch einen Impftermin mit Astrazeneca bekommen könnte. Für das Vakzin von Astrazeneca wurde in Berlin vor Kurzem schon die Altersbeschränkung aufgehoben, schon bald war kein Termin mehr aufzutreiben gewesen. Einen Arzt anrufen, um sich mit dem Impfstoff spritzen zu lassen, fühlte sich fast so verwegen an, wie dem Koks-Taxi eine SMS zu schicken. Ich ließ es bleiben.

Jede Impfung trägt zur Herdenimmunität bei – und das hilft uns allen

Eine Freundin von mir hatte ähnliche Bedenken wie ich: Was, wenn wir am Ende jemandem anderen den Impfstoff wegnehmen, wenn wir uns jetzt impfen lassen? "Ich hätte ein schlechtes Gewissen, mich jetzt schon impfen zu lassen", sagte sie, während wir eines Abends mit viel Abstand zueinander Mimosas tranken.

Ich kann diese Sorgen nachvollziehen. Andererseits: Die Hochrisikogruppe ist mittlerweile geimpft, die meisten Menschen der Prioritätsgruppe 2 sind auch schon dran gewesen. An dieser Stelle des Pandemiegeschehens trägt jeder einzelne Mensch, der sich zur Impfung meldet, zur Herdenimmunität bei. Denn ich schütze nicht nur mich selbst, indem ich mich impfen lasse, sondern auch andere: Mittlerweile sind sich Experten weitgehend sicher, dass eine Impfung nicht nur den Impfling selbst, sondern auch dessen Mitmenschen vor einer Übertragung des Coronavirus schützt. Und das ist schließlich eins der Ziele: Infektionsketten unterbrechen.

"Die Impfkampagne nimmt endlich das Tempo an, das wir uns alle gewünscht haben – sollten wir uns dann nicht darüber freuen dürfen, dass wir nun alle bald dran kommen?"

Ich denke, die Debatten der vergangenen Monate haben auf mehreren Ebenen zur Verunsicherung beigetragen: Nicht nur, dass die Astrazeneca-Debatte bei manchen für Verunsicherung gesorgt hat. Es wurde auch der Eindruck vermittelt, der Impfstoff sei ein kostbares Gut, dass nur wenigen Menschen zur Verfügung stehen darf. Und anfangs war das auch so: Dass zuerst ältere und kranke Menschen geimpft werden sowie jene, die Ältere und Kranke versorgen, war gut und richtig.

Und nun steht der nächste Schritt an. Nun kommt der Impfstoff wirklich in der breiten Bevölkerung an. Mittlerweile ist Deutschland beim Impfen schneller als manch ein Vorreiter-Staat wie die USA oder Großbritannien. Die Impfkampagne nimmt endlich das Tempo an, das wir uns alle gewünscht haben – sollten wir uns dann nicht darüber freuen dürfen, dass wir nun alle bald dran kommen?

Bald werden wir hoffentlich alle geimpft sein

Es ist nicht auszuschließen, dass bei den Mengen von Impfstoff, über die Deutschland mittlerweile verfügt, und bei dem Tempo, mit dem die Impfungen voranschreiten, wirklich alle Mitbürger, die wollen, bis zum Sommer ein Impfangebot haben werden. So, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel es mehrfach versprochen hatte. Und möglich auch, dass wir am Ende sogar zu viel Impfstoff haben werden – und schon jetzt Maßnahmen in die Wege leiten sollten, um übriggebliebenen Impfstoff möglichst schnell an andere Länder zu übermitteln, deren Impfquote noch nicht so hoch ist.

Bis ich Ende Mai an der Reihe sein werde, werden noch hunderttausende Menschen in Berlin geimpft werden. Darüber – und natürlich auch über meinen eigenen Termin – freue ich mich und male mir schon aus, wie der Sommer wohl sein wird: hoffentlich nahezu Corona-frei.

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