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Welche Freiheiten könnten Geimpften bald schon wieder zustehen? (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Andrey Zhuravlev

Interview

Genesen, geimpft, mit negativem Test: Epidemiologe erklärt, bei wem das Corona-Ansteckungsrisiko am niedrigsten ist

Die Frage um die Rückkehr zur Normalität für Menschen, die bereits gegen Corona geimpft sind, löste eine heikle Debatte aus: Bund und Länder sind beim Impfgipfel am Montag allerdings zu keinem Ergebnis gekommen. Ob Geimpfte bald wieder die alten Freiheiten genießen dürfen, auf die Nicht-Geimpfte möglicherweise noch warten müssen, ist noch nicht klar.

Bereits vor dem Impfgipfel hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) davor gewarnt, dass für Getestete nicht das gelten dürfe, was für vollständig Geimpfte gilt. Die Sicherheit der Impfung sei viel robuster als die Sicherheit von Tests. Genesene sollten mit Geimpften gleichgestellt werden, sofern die Krankheit nicht länger als sechs Monate zurückliege, so Merkel nach dem Impfgipfel.

Genesene, Geimpfte oder Menschen, die einen tagesaktuellen und negativen Corona-Test vorweisen können: Von wem geht das geringste Übertragungsrisiko aus? Und wer dürfte dementsprechend als erstes gewisse Freiheiten zurückerlangen? Darüber hat watson mit dem Epidemiologen Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule in Berlin gesprochen.

"Geimpfte sollen ihre Rechte wieder zurückerhalten, das ist der entscheidende Schritt in die Post-Corona-Zeit."

watson: Momentan sind knapp über 7 Prozent der Bevölkerung in Deutschland gegen Corona geimpft. Ergibt es überhaupt Sinn, jetzt schon über Privilegien für Geimpfte zu diskutieren?

Timo Ulrichs: Ja, unbedingt! Denn es ist absehbar, dass wir bald in die Lage kommen, dass diese Frage akut wird. Deshalb wäre es schön gewesen, der Impfgipfel am Montag hätte hierzu schon klarere Vorgaben gemacht. Geimpfte sollen ihre Rechte wieder zurückerhalten, das ist der entscheidende Schritt in die Post-Corona-Zeit.

Sind Geimpfte denn tatsächlich gegen das Coronavirus geschützt? Gilt das auch schon ab der ersten Impfung?

Ja, sind sie, schon ab der ersten Impfung gibt es einen Schutz gegen schwere Covid-19-Erkrankungen, und auch Infektionen werden seltener.

"Zu einem sehr geringen Anteil können Geimpfte noch infiziert werden, erkranken aber nicht und geben das Virus auch nicht weiter."

Können Geimpfte das Virus weiterhin übertragen, auch wenn sie selbst nicht mehr daran erkranken?

Nein, das ist sehr unwahrscheinlich. Zu einem sehr geringen Anteil können Geimpfte noch infiziert werden, erkranken aber nicht und geben das Virus auch nicht weiter.

Es heißt, dass Geimpfte ein weniger großes Risiko darstellen, Corona zu übertragen, als negativ getestete Menschen. Stimmt das?

Ja, das stimmt. Diese beiden Personengruppen können diesbezüglich nicht miteinander verglichen werden. Geimpfte können das Virus nicht mehr übertragen, negativ Getestete sehr wohl: Nämlich, wenn sie falsch-negativ sind oder mit einem Test getestet wurden, der nicht sensitiv genug war und Viren in der Rachenrückwand nicht gefunden hat.

Inwiefern hängt das Übertragungsrisiko, das von negativ Getesteten ausgeht, von der Art des Tests ab?

Hier gibt es die Reihenfolge von genau bis eher ungenau: Virus-PCR, Antigen-Schnelltest (von Profis abgenommen), Selbsttests.

Wie hoch ist das Übertragungsrisiko, das von Genesenen ausgeht? Und wie wahrscheinlich ist es, dass Genesene sich selbst noch einmal anstecken können?

Das Übertragungsrisiko ist sehr gering bis vergleichbar dem Zustand nach einer (ersten) Impfung. Allerdings können Genesene durchaus noch infiziert werden und danach auch erkranken (unter anderem abhängig von der Virus-Variante).

"Eine durchgemachte Erkrankung an Covid-19 bedeutet hingegen, dass das Immunsystem ausreichend Gelegenheit hatte, das Coronavirus kennenzulernen – das kann mit einer ersten Impfung gleichgesetzt werden."

Wie verlässlich kann ich überhaupt nachweisen, dass ich bereits eine Corona-Infektion überstanden habe?

Infektion ist nicht gleich Erkrankung! Eine überstandene Infektion, nachgewiesen durch einen positiven Virus-PCR-Test, bedeutet gar nichts: weder sicheren Schutz vor erneuter Infektion oder Erkrankung, noch ein reduziertes Risiko einer Weitergabe. Eine durchgemachte Erkrankung an Covid-19 bedeutet hingegen, dass das Immunsystem ausreichend Gelegenheit hatte, das Coronavirus kennenzulernen – das kann mit einer ersten Impfung gleichgesetzt werden. Deshalb sollten Genesene dann nur eine Impf-Dose erhalten anstatt der üblichen zwei.

Genesene, Geimpfte und negativ Getestete: Was ist Ihre Empfehlung, für wen die Corona-Beschränkungen als erstes aufgehoben werden sollten?

Für Geimpfte und Genesene aus oben genannten Gründen, und zwar dann, wenn wir die dritte Welle gebrochen haben und die Zahlen wieder sinken werden. Dann könnten zunächst Öffnungen für Geimpfte gemacht werden – und dann abgestuft für noch nicht geimpfte Menschen unter Vorlage von negativen Tests.

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