Claudia Neumann arbeitet seit 1999 beim ZDF als Reporterin und Kommentatorin.
Claudia Neumann arbeitet seit 1999 beim ZDF als Reporterin und Kommentatorin.bild: ZDF/Torsten Silz
Interview

"Riesiges Manko": ZDF-Kommentatorin Neumann über die Vorbereitung auf die Frauen-EM und Equal Pay beim DFB

Am Freitagabend wird Claudia Neumann das erste EM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft kommentieren. Im Gespräch mit watson erzählt sie von einer großen Hürde während der Vorbereitung und Erwartungen an das DFB-Team.
08.07.2022, 09:1608.07.2022, 11:53

Eine Fußball-Europameisterschaft ist für Claudia Neumann nichts Neues. Dabei ist es egal, ob Männer oder Frauen auf dem Platz stehen. Seit über 20 Jahren begleitet die 58-jährige Sportjournalistin Fußball-Großereignisse.

"Es ist ein riesiges Manko, dass es nur ganz wenig verlässliche Quellen gibt."
ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann über das Problem, sich über Frauen-Fußball zu informieren

Für ihre Art zu kommentieren, muss sie gerade bei Männer-Länderspielen viel Kritik und Hass auf den sozialen Netzwerken einstecken. Im Interview mit watson erzählt sie, warum sie das nicht überrascht, wieso sie wenig Zeit hat, sich mit der Frauen-Bundesliga ausführlich zu befassen, und übt Kritik am DFB.

watson: Frau Neumann, ist es schwieriger, sich auf Frauen- statt auf Männerspiele vorzubereiten?

Claudia Neumann: Die Mechanismen sind eigentlich genau die gleichen, allerdings ist es bei den Frauen fast anstrengender und zeitaufwendiger.

Wieso?

Weil wir den Alltag des Frauenfußballs nicht so sehr verfolgen. Ich kann gar nicht alles gucken, so wie ich das beim Männerfußball mache, einfach, weil ich dort auch arbeitsmäßig permanent im Einsatz bin. Meine Zeit würde gar nicht ausreichen, wenn ich mir in meiner Freizeit auch noch alle Frauen-Spiele angucken würde.

Wie sieht dann Ihre Vorbereitung aus?

Man guckt sich beispielsweise die Highlight-Spiele der Liga noch einmal an oder sucht ein paar Ausschnitte, wenn man gelesen hat, dass dort etwas Außergewöhnliches passiert ist. Oder ich versuche zumindest die Tore aus den Testspielen der jeweiligen Nationalmannschaften nochmal zu sehen.

Abgesehen davon und der Webseite "Soccerdonna" ist es im Internet wahnsinnig schwer an Informationen über die Spielerinnen zu kommen.

Definitiv. Es ist ein riesiges Manko, dass es nur ganz wenige verlässliche Quellen gibt. Und wenn man viel liest, erkennt man auch sehr große Unterschiede und muss schauen, was jetzt eigentlich die richtige Angabe ist. Das ist manchmal sehr mühselig und man muss wirklich aufpassen.

Neumann wurde 2016 als erste Frau bei einem Männerturnier als Kommentatorin eingesetzt.
Neumann wurde 2016 als erste Frau bei einem Männerturnier als Kommentatorin eingesetzt.bild: ZDF/Torsten Silz

Auf die Suche nach korrekten und spannenden Informationen begeben sich auch die Kollegen vom Streaminganbieter Dazn, der alle EM-Spiele übertragen wird. Wie bewerten Sie diese Konkurrenzsituation?

Das ist auch nur die halbe Wahrheit. Denn bei den vorherigen Turnieren hat Eurosport parallel die Spiele übertragen. Und die Rechteagentur von ARD und ZDF hat die Sublizenz für das Turnier bewusst an Dazn gegeben. Natürlich herrscht aufgrund der Erfahrung vorheriger Turniere das Selbstbewusstsein, dass die Zuschauer zunächst die ersten beiden Knöpfe auf der Fernbedienung drücken und die Spiele in der ARD, im ZDF oder den Mediatheken online schauen.

Aber verschwinden die Spiele nicht automatisch vom Radar der Zuschauer, wenn sie lediglich in der Fernsehapp gezeigt werden?

Ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender hat nicht die Aufgabe, eine Sportart zu promoten. Die Aufgabe für uns besteht darin, den Frauensport weiter zu fördern, weil er historisch benachteiligt war. Und da ist der Fußball auch im Vergleich zu anderen Sportarten in den letzten Jahren immer sehr gut situiert gewesen. ARD und ZDF haben spätestens seit der WM 2015 alle Spiele im TV oder zumindest online gezeigt. Das ist ein legitimer Ausspielweg, der in der Bewertung zu schlecht wegkommt.

Es gibt also keinen kleinen Konkurrenzkampf mit Dazn?

Nein, absolut nicht. Wir sind alle sehr kollegial unterwegs und tauschen uns auch in der Vorbereitung aus. Wir machen alle einen Job und gönnen uns gegenseitig die guten Einsätze.

"Wenn man diese absolute Summe in Relation zu den Männern setzt, hat der DFB noch nicht das richtige Zeichen gesetzt."
Claudia Neumann zur Rekordprämie der Frauen-Nationalmannschaft

Der Frauen-Fußball wird auch immer mehr professionalisiert. Unterscheiden sich die großen Turniere der Frauen und Männer dennoch?

Das Turnier läuft mittlerweile haargenau nach den gleichen Regeln wie bei den Männern. Das war vor 15 Jahren noch nicht der Fall. Es gab 2005 schon eine EM in England und das wirkte von der Uefa noch sehr stiefmütterlich, in den meisten Fällen sogar schlecht organisiert. Das hat sich mittlerweile geändert, es greifen die gleichen Mechanismen wie bei Männerturnieren, sowohl rund um die Spielorganisation als auch bei den Team-Zugängen. Zur Professionalisierung gehört eben auch Fokussierung, heißt eingeschränkte Medienaktivitäten. Aber das ist nachvollziehbar.

Auf den Presserunden im Vorfeld des Turniers haben sich viele Spielerinnen zur Equal-Pay-Debatte geäußert. Kann das vom Sportlichen ablenken?

Das muss nebeneinander laufen. Ich begrüße es, dass sich mittlerweile immer mehr Fußballerinnen selbst äußern und den Finger in die Wunde legen und für Haltungen stehen. Das hat es früher nicht gegeben.

Der DFB verkündete hingegen stolz, den Spielerinnen bei einem Turniersieg die Rekordprämie von 60.000 Euro zu bezahlen.

Wenn man diese absolute Summe in Relation zu den Männern setzt, hat der DFB noch nicht das richtige Zeichen gesetzt. Denn wenn man sich die Ausschüttungen genau anschaut, ist die Schere eher größer als kleiner geworden.

Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft bereitete sich wie das Männerteam in Herzogenaurach auf die EM vor.
Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft bereitete sich wie das Männerteam in Herzogenaurach auf die EM vor.bild: IMAGO / Beautiful Sports

Neben dem Equal-Pay geht es den Spielerinnen vor allem auch um Equal-Play – also die gleichen Voraussetzungen wie die Männerteams zu haben.

Genau. Das muss man sehr differenziert betrachten. Da wird viel in einen gemeinsamen Topf geworfen und dann nicht ganz sauber voneinander getrennt. Worum es den meisten Fußballerinnen ja in erster Linie geht: die Voraussetzungen zu verbessern. Dort gibt es in vielen Ligen in vielen Bereichen riesige Defizite. Aber die Basis muss stimmen, damit sie ihren Sport professionell ausüben können.

Die deutschen Spielerinnen hatten im Trainingscamp in Herzogenaurach die gleichen Voraussetzungen wie das Männer-Team. Das einzige Testspiel gegen die Schweiz wurde mit 7:0 gewonnen. Wie nehmen Sie die Stimmung um das Team wahr?

Seit 2019 und speziell im ersten Halbjahr dieses Jahres war ich wirklich verwundert und hatte kein Gefühl, wo diese Mannschaft steht, konnte keine Entwicklung identifizieren. Wenn man die Spielerinnen kaum im Ligaalltag verfolgt, konnte einem angst und bange werden.

Und dieses Gefühl hat sich nun geändert?

Ja. Es wirkt so, dass die Mannschaft seit Beginn der Vorbereitung einen klaren Plan hat und jede Spielerin weiß, wo sie in der Mannschaft steht. Die Schweiz war zwar kein Gegner auf Augenhöhe, aber das DFB-Team hat mir mit ihrem zielstrebigen Auftritt in höchster Intensität das Gefühl gegeben, dass durchaus was drin ist, wenn die Mannschaft bis ans Limit geht.

Sie werden das deutsche Auftaktspielspiel im ZDF kommentieren. Wird es ähnlich wie bei Männer-Spielen sein, dass 80 Millionen Fußball-Fans Ihren Job sowieso viel besser können?

Ach, wissen Sie, das ist völlig nebensächlich. Ein auch von außen gern bespieltes Feld, das es im Frauenfußball erst gibt, seit es im Männerfußball medial so inflationär behandelt wird. Die grundsätzliche Besserwisserei hat es schon immer gegeben und das haben die Kollegen in den 80er Jahren auch schon erlebt. Einfach mal ignorieren, das täte allen ganz gut.

Claudia Neumann während der Frauen-Weltmeisterschaft 2019 in Frankreich
Claudia Neumann während der Frauen-Weltmeisterschaft 2019 in Frankreichbild: IMAGO / Sven Simon

Also ist es für Sie nicht schlimm?

Das ist per se nichts Schlimmes oder Dramatisches. Es wollen einfach alle am Fußball teilhaben und es gehört dazu. Wenn man ein größeres Turnier begleitet, dann hat jeder seine eigene Meinung. Wenn das alles vernünftig abläuft, ist alles wunderbar und wenn es den Stil der guten Erziehung ein bisschen verlässt, dann kann man das in dem Moment auch nicht ändern. Doch insgesamt glaube ich, dass es im Frauenfußball nicht ganz so extrem ist.

Die Beleidigungen und Bedrohungen schießen aber doch öfter mal über das Ziel hinaus.

Absolut. Aber das ist kein Problem, das nur den Fußball betrifft, sondern mit der Kommunikation in den Netzwerken zu hat. Wir erleben das vor allen Dingen bei Politikerinnen und Politikern und das ist ein anderes gesellschaftliches Phänomen, das nicht nur auf den Fußball zu reduzieren ist.

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