Florian Wellbrock zeigt nach dem Sieg im 10.000-Meter-Schwimmen seine Muskeln.
Florian Wellbrock zeigt nach dem Sieg im 10.000-Meter-Schwimmen seine Muskeln.
Bild: www.imago-images.de / Frank Hoermann
Exklusiv

Nach Gold über 10.000 Meter: Das sagt Schwimm-Rekordhalter Biedermann über Wellbrock

05.08.2021, 18:0007.08.2021, 13:18

Nach einer Stunde, 48 Minuten und 33 Sekunden schlug Florian Wellbrock in der Bucht von Tokio im Ziel an. Er überquerte als erster die Linie und holte beim Freiwasserschwimmen über 10.000 Meter Gold. Auf allen vieren krabbelte er aufs Land, übergoss sich danach mit kaltem Wasser zur Abkühlung. In diesem Moment wird klar: Wellbrock hat Geschichte geschrieben.

Der 23-Jährige holt erstmals seit 13 Jahren wieder eine Goldmedaille für den Deutschen Schwimm-Verband bei Olympia. 2008, bei den Olympischen Spielen in Peking, gewann Britta Steffen gleich zweimal (50 und 100 Meter Freistil) die begehrte Sieger-Medaille. Das letzte Gold eines Mannes ist sogar noch länger her: 1988 gewannen sowohl Michael Groß für die Bundesrepublik als auch Uwe Daßler für die damals noch bestehende DDR.

"Das Ziel war eine Medaille. Auf Gold habe ich nicht spekuliert, aber ich habe gemerkt, dass die ersten Runden locker waren."
Schwimmer Florian Wellbrock über das 10.000-Meter-Marathon-Schwimmen bei Olympia

Extrovertierte Siegessprünge, wie es sonst bei Olympia üblich ist, gab es trotz des historischen Erfolgs von Wellbrock nicht. Er blieb cool, zeigte seine Muckis und analysierte danach fast sachlich am ZDF-Mikrofon:

"Das Ziel war eine Medaille. Auf Gold habe ich nicht spekuliert, aber ich habe gemerkt, dass die ersten Runden locker waren und wenn ich nach hinten geguckt habe, habe ich gemerkt, dass die anderen Jungs Probleme hatten."

Lob von Ex-Weltmeister Biedermann

Etwas emotionaler reagierte Ex-Schwimmer Paul Biedermann. Der 34-Jährige und Weltmeister von 2009 (200 und 400 Meter Freistil) schwärmt gegenüber watson:

"Nach 33 Jahren ist es wieder die erste Goldmedaille für die deutschen Männer im Schwimmen. Das macht die Leistung von Florian so außergewöhnlich und bemerkenswert. Außerdem hat er etwas Historisches geschafft. Er ist erst der zweite Mensch auf der Welt, der bei Olympischen Spielen eine Medaille im Becken und im Freiwasser gewonnen hat."

Vorher ist das nur dem Tunesier Oussama Mellouli 2012 in London gelungen. Dabei war nicht unbedingt zu erwarten, dass Wellbrock gewinnt, schon gar nicht mit 25 Sekunden Vorsprung. Über 800 Meter ist Wellbrock als Vierter ins Ziel gekommen, bei den 1500 Metern holte er Bronze.

Paul Biedermann bejubelt 2009 in Rom seinen Weltmeistertitel über 200 Meter Freistil
Paul Biedermann bejubelt 2009 in Rom seinen Weltmeistertitel über 200 Meter Freistil
Bild: imago sportfotodienst / Laci Perenyi

Extra-Motivation nach Platz 4?

Für Aufsehen hatte nach dem 800-Meter-Finale die Kritik von Wellbrocks Trainer gesorgt. Bernd Berkhahn hatte nach dem vierten Platz erklärt: "Er hat gemeint, er wäre schnell genug. Er hat die Abstände nicht richtig eingeschätzt, das muss man so klar sagen."

Nach dem Gold-Gewinn wird der vierte Platz bei den 800 Metern schnell vergessen sein – und vielleicht hatte das Verpassen sogar etwas Gutes. Zumindest sprach Wellbrock das selbst an: "Vielleicht habe ich den Dämpfer über 800 Meter gebraucht, um bei den 10 Kilometern stärker wiederzukommen."

Für Biedermann, der noch insgesamt drei Weltrekorde hält, stellt sich nun eine andere Frage. Eigentlich galten die 1500 Meter bei Wellenbrock als Parade-Distanz, jetzt siegte er im Schwimm-Marathon. Biedermann gegenüber watson:

"Mit dem Erfolg im Rücken stehen ihm sportlich alle Möglichkeiten zu Verfügung. Es wird spannend mit anzusehen, ob er in Zukunft sich eher auf das Freiwasserschwimmen konzentrieren wird oder auch weiterhin mit im Becken an den Start gehen wird."
Britta Steffen bejubelt 2008 ihre zweite Goldmedaille bei Olympia in Peking
Britta Steffen bejubelt 2008 ihre zweite Goldmedaille bei Olympia in Peking
Bild: imago sportfotodienst / Laci Perenyi

Auch die letzte deutsche Gold-Medaillen-Gewinnerin, Britta Steffen, gratulierte Wellbrock. Zur "dpa" sagte die 37-Jährige: "Eine Medaille ist mega, aber Gold bedeutet: Ich hab' Historie geschrieben. Du bist nie Ex-Olympiasieger, das ist wirklich schön, dass man diesen Titel trägt wie den eigenen Namen, er gehört zu dir – für immer!" Sie traue ihm auch in der Zukunft noch einiges zu. Gegenüber watson sagt Steffen: "Ich bin selbst gespannt. Er könnte tatsächlich sein Resultat zu den Spielen in Paris nochmal toppen." Dort findet 2024 Olympia statt.

Obwohl Wellbrock jetzt mächtig stolz auf sich und euphorisch sein wird, ist klar, dass er mit 23 Jahren schon die Schatten-Seite des Lebens kennengelernt hat. Als er acht Jahre alt war, starb seine damals 13-jährige Schwester. Kurz nach einem Schwimm-Wettkampf. Den Spaß an diesem Sport verlor er dennoch nicht. Aber der Unglücksfall brachte ihn auch dazu, folgenden Satz auf seine Brust tätowieren zu lassen: "Genieß dein Leben ständig, du bist länger tot als lebendig." Er entspringt dem Lied "Fühl dich frei" von Rapper Sido.

Dieses Mantra nimmt er wohl auch ernst. Nach seinem Erfolg kündigte er an, dass er nach seiner Deutschland-Rückkehr trainieren wird und sich um Medienanfragen kümmern will. Danach stünde dann endlich sein Urlaub an. Und den kann er mit der Gold-Medaille so richtig genießen.

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