Nach ihrem 5000-Meter-Lauf sind diese Athletinnen völlig entkräftet.
Nach ihrem 5000-Meter-Lauf sind diese Athletinnen völlig entkräftet.
Bild: www.imago-images.de / Paul Kuroda
Exklusiv

"Diese Sportler sind Hitzschlag-gefährdet": Sportmediziner warnt vor zu hoher Belastung bei Olympia

04.08.2021, 16:5304.08.2021, 18:20
Nikolai stübner und Lukas grybowski

Wenn am späten Donnerstagabend die olympischen Geher ihr 50-Kilometer-Rennen beginnen, startet laut Dr. Robert Margerie vom Zentrum für Sportmedizin in Berlin einer der anstrengendsten Wettbewerbe der Olympischen Spiele. Gegenüber watson sagt der Mediziner: "50 Kilometer Gehen ist in meinen Augen die härteste Belastung in der Hitze. Die Sportler sind länger unterwegs und entsprechend schwieriger ist es für den Körper, für ausreichend Kühlung zu sorgen. Da spielt der Flüssigkeitsverlust auch eine große Rolle. Diese Sportler sind Hitzschlag-gefährdet."

"Ich kann das Spiel beenden, aber ich könnte sterben"
Tennis-Spieler Daniil Medwedew während
einer Partie bei Olympia

Damit ist ein Problem der Olympischen Spiele in Tokio schon auf dem Tisch: Die enormen Temperaturen. Die Tennis-Spieler beschwerten sich über die extreme Hitze. Der Russe Daniil Medwedew antwortete während einer Partie auf die Frage, ob es ihm gute gehe, zum Schiedsrichter: "Ich kann das Spiel beenden, aber ich könnte sterben." Dazu ergänzt er: "Wenn ich sterbe, wer ist dann verantwortlich?" Die Spanierin Paula Badosa musste aufgeben und mit einem Rollstuhl vom Platz gefahren werden. Eine russische Bogenschützin ist zusammengebrochen.

Könnten diese körperlichen Reaktionen zum Ende der Spiele noch zahlreicher auftauchen? Mit dem 50-Kilometer-Gehen und dem Marathon stehen noch die beiden längsten Ausdauerwettbewerbe an. Immerhin: Das IOC hat aus der Leichtathletik-WM 2019 in Doha gelernt. Damals erlitten mehrere Athleten bei den unterschiedlichsten Disziplinen einen Kollaps und brachen zusammen. Deshalb wurde sowohl das Gehen als auch der Marathon in Japans Norden nach Sapporo verlegt. Aber auch dort wird es ungemütlich, bei rund 30 Grad. Dabei ist die Hitze nicht das einzige Problem.

Neben Hitze ist auch Luftfeuchtigkeit tückisch

Margerie erklärt: "Problematisch ist die Kombination aus hoher Luftfeuchtigkeit und der Hitze – das betrifft Ausdauersportarten oder technischen Sportarten wie Beachvolleyball." Und die Luftfeuchtigkeit in Sapporo soll am Donnerstag wohl bei 75 Prozent liegen. Diesen Fakt hat auch Andrew Lichtenthal und sein Ärzte-Team auf dem Schirm. Er ist der leitende Arzt des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV). Lichtenthal erklärt: "Aufgrund der Luftfeuchtigkeit ändert sich das Schwitzverhalten. Auf der Haut bildet sich bereits ein kleiner Wasser-Film und die Transpiration wird hierdurch deutlich erschwert. Dadurch wird weniger Schweiß abgegeben und der Körper kann nicht richtig gekühlt werden."

Das zentrale Ziel, die Körper-Kerntemperatur zu senken, kann nicht mehr gewährleistet werden. Um sich auch an die hohe Luftfeuchtigkeit zu gewöhnen, empfehlen beide Mediziner eine Adaptations-Zeit. Margerie sagt: "Wenn man solche Bedingungen wie in Tokio hat, ist es sinnvoll rechtzeitig anzureisen. Das bedeutet nicht nur vier bis fünf Tage vorher, sondern zwei Wochen und auch unter diesen Extrembedingungen zu trainieren. Das ist enorm wichtig in der Vorbereitung."

Genau über diesen Zeitraum hatte Lichtenthal und der DLV für seine Athleten ein Trainingscamp in Miyasaki organisiert. Ab Mitte Juli konnten sich die Athletinnen und Athleten auf die Wettbewerbe vorbereiten. Was passiert in der Adaptations-Phase genau? Lichtenthal erklärt: "Der Kreislauf und der Stoffwechsel wird dann so umgestellt, dass die Körpertemperatur nicht so schnell ansteigt und weniger natriumhaltiger Schweiß abgegeben wird."

Das ist wichtig. Natrium gehört mit Kalium, Chlorid und Bikarbonat zu den Elektrolyten im Blut, die in einem bestimmten Verhältnis vorhanden sind. Lichtenthal sagt: "Der Körper schafft es, in der Adaptions-Phase den Natrium-Verlust beim Schwitzen zu verringern. Dadurch bleibt das Elektrolyte-Verhältnis im Blut und den Zellen länger aufrecht, größere Elektrolytverschiebungen können vermieden werden, und der Körper kann länger sportliche Leistung erbringen."

Das Kuriose am vorolympischen Trainingslager in Miyasaki: "Wir haben aber auch Athleten, die das Pre-Camp gar nicht nutzen wollten. Sie kommen für den Wettkampf und reisen danach schnell ab. Aber, sie sind das gewohnt, beispielsweise durch regelmäßige Teilnahmen an der Diamond League", erzählt Lichtenthal.

Diamond League
Die Diamond League ist eine Serie von Leichtathletik-Veranstaltungen, die weltweit ausgetragen werden. Sie wird vom Weltverband "World Athletics" (IAAF) organisiert und durchgeführt. 2021 fanden die Events unter anderem in Doha, Florenz, London oder Shanghai statt.

Zusätzlich zur Adaptation können sich die Sportler und Sportlerinnen auch schon in Deutschland an die Wettkampfbedingungen zumindest anfangen zu gewöhnen. Vor der heißen Leichtathletik-WM 2019 in Doha (über 40 Grad) ließen sich die Geher ganz besondere Trainingsformen in der Heimat einfallen. Lichtenthal erzählt schmunzelnd: "Vor Doha haben die Geher in Hitzekammern trainiert oder sie sind vor warmen Strahlern auf dem Fahrrad-Ergometer gefahren. Das war teilweise schlimmer, als in Doha selbst."

Zusammenbruch wegen Überlastung: Alina Reh brach 2019 bei der WM den 10.000-Meter-Lauf ab.
Zusammenbruch wegen Überlastung: Alina Reh brach 2019 bei der WM den 10.000-Meter-Lauf ab.
Bild: www.imago-images.de / Ulrik Pedersen

Aber nicht nur die Verbandsärzte beschäftigen sich mit der optimalen Vorbereitung auf die Wettkämpfe. Auch der internationale Leichtathletik-Verband World Athletics hatte schon vor Doha die Hitze und die körperlichen Reaktionen für die WM 2019 und Olympia 2020 auf dem Schirm. Eine Studie ("Beat the heat") im Namen des Verbands wurde veröffentlicht, in der genau die zweiwöchige Adaptation angesprochen wurde oder auch das Simulieren der hohen noch im Herkunftsland.

Kühlung auch während der Wettkämpfe nötig

Sollte trotz Adaption und Vorbereitung in Deutschland ein Athlet Probleme mit der Hitze bekommen, gibt es für die medizinischen Unterstützer einige naheliegende Werkzeuge. Margerie zählt auf: "Zum Schutz kann man sich mit Eis von außen kühlen und kalten Getränken." Lichtenthal ergänzt noch nasse Handtücher und Kühlwesten. Er selbst geht mit den DLV-Athleten zusätzlich alle Szenarien bei Hitze durch: "Auch mit Vorkehrungen und Fragen für den Ernstfall sollten sich die Athleten beschäftigen: Wie verhalte ich mich in der Hitze? Habe ich mein Handtuch und meine Kühl-Weste dabei? Habe ich meine Getränke mit Elektrolyten dabei?"

Bei den Gehern könne man laut Margerie noch Sprinkleranlagen nutzen, die für Erfrischung und Abkühlung der Athleten und Athletinnen sorgen könnten. Ein Sonnenschutz durch eine Mütze sei auch unumgänglich.

"Wenn man einen Hitze-Schock mit Kollaps hat, durchblutet der Körper nur noch die Hauptsysteme im Sinne einer Zentralisierung. Das kann primär sehr gefährlich sein und auch Spätfolgen haben, wenn es nicht rechtzeitig therapiert wird"
DLV-Arzt Andrew Lichtenthal über mögliche
Spätfolgen von Hitze-Schocks

Bekommen die Athleten und Athletinnen trotz der Vorkehrungen einen Hitzschlag oder Hitze-Schock, ist die sofortige ärztliche Betreuung wichtig. "Wenn man einen Hitze-Schock mit Kollaps hat, durchblutet der Körper nur noch die Hauptsysteme im Sinne einer Zentralisierung. Das kann primär sehr gefährlich sein und auch Spätfolgen haben, wenn es nicht rechtzeitig therapiert wird – für solche Vorfälle sind wir Ärzte definitiv mit dabei", sagt Lichtenthal. Heißt: Bricht ein Athlet oder eine Athletin zusammen, kümmern sich die Ärzte sofort um ihn oder sie. Anders als bei Amateur-Läufern, bei denen die Gefahr besteht, dass sie bei einem Zusammenbruch im Einzeltraining erst nach Stunden gefunden werden.

"Wir reden bei der Hitze oft schnell über Läuferinnen und Läufer, aber in Doha hatten zuerst unsere Werfer Probleme
DLV-Arzt Andrew Lichtenthal über die
Folgen von Hitze beim Sport

Für Margerie ist klar, dass die Läufer bei den Temperaturen die gefährdetsten Sportler sind: "Bei den Kurzzeitbelastungen wie Sprint und Weitsprung spielt das nicht so eine große Rolle – das sieht man ja auch daran, wie viele neue Weltrekorde dort aufgestellt wurden." Dennoch wurden beim Deutschen Leichtathletik-Verband auch Erfahrungen mit Schwächeanfällen von anderen Sportlern gesammelt. Lichtenthal erzählt überraschend: "Wir reden bei der Hitze oft schnell über Läuferinnen und Läufer, aber in Doha hatten zuerst unsere Werfer Probleme. Die hatten wir zunächst nicht auf dem Schirm und sie haben wohl zur falschen Tageszeit bei falschem Sonnenstand trainiert."

Dabei ist die reine sportliche Tätigkeit der muskulösen Athletinnen und Athleten beim Werfen zeitlich viel begrenzter als beim Laufen. Lichtenthal: "Eigentlich sind sie nicht so Risiko gefährdert, aber durch andere Körpermaße haben sie eine ganz andere Isolierung als die Läufer. Die Tendenz zur Überhitzung ist gegeben."

Auch andere Beschwerden tauchen auf

DLV-Arzt Lichtenthal beschäftigt sich in Tokio aber nicht nur mit Hitze-Folgen. Er muss die Athletinnen und Athleten vor schweren Verletzungen schützen und will gleichzeitig nicht das Karriere-Highlight nehmen. "Es gibt viele andere Beschwerden, die engmaschig kontrolliert werden müssen, unter anderem kleinere Verletzungen müssen untersucht werden und mit der Athletin oder dem Athleten besprochen werden. Zum Beispiel bei Muskelverletzungen kam es schon vor, dass wir den Start eines Athleten absagen mussten. Dafür ist ein enormes Vertrauens-Verhältnis wichtig, da man natürlich nicht die Chance auf Olympia verbauen möchte." Gleichzeitig werden solche Entscheidungen immer gemeinsam mit einem weiteren Arzt getroffen, um eine möglichst objektive Grundlage zu finden.

Ein Problem, das während der Olympischen Spiele sonst immer auftritt, hat Lichtenthal bis jetzt noch nicht konfrontiert: Erkältungen und Magen-Darm-Probleme. "Davon sind wir in Tokio bis jetzt verschont geblieben. Vermutlich aufgrund der Abstands-Regelungen und das Maskentragen sowie die Händehygiene durch Corona."

Jetzt müssen im Schluss-Spurt der Olympischen Spiele nur noch die Folgen der Hitze abgefedert werden, damit Geher wie Christopher Linke oder Marathon-Läufer Hendrik Pfeiffer auch in Tokio ein gutes Ergebnis abliefern können.

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