Ammar Riad Abduljabbar landete beim Olympischen Boxturnier auf Platz 5
Ammar Riad Abduljabbar landete beim Olympischen Boxturnier auf Platz 5
Bild: dpa / Swen Pförtner
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"Ich war immer der untalentierte Boxer": Ammar Riad Abduljabbar scheidet im Olympischen Viertelfinale aus und will jetzt zu den Profis

30.07.2021, 08:59

Das Telefon von Ammar Riad Abduljabbar stand nicht mehr still. "Ich habe sehr, sehr viele Anrufe und Nachrichten über Whatsapp, Facebook und Instagram bekommen", freute sich der 25-Jährige gegenüber watson. Kurzzeitig seien es so viele gewesen, dass er kurz sein Handy abschalten musste, erzählte der Boxer freudestrahlend weiter. Am Dienstagmorgen deutscher Zeit besiegte er den Peruaner Jose Maria Lucar Jaimes einstimmig nach Punkten und zog im Olympischen Boxturnier ins Viertelfinale ein. Dabei verkündete er nach dem Kampf selbstbewusst: "Mein Ziel ist die Nummer 1 zu werden. Die Goldmedaille zu holen."

Auf dem Weg zu dieser Medaille war für ihn am Freitagmorgen gegen Welt- und Europameister Muslim Gadschimagomedow aus Russland Schluss. "Ich habe es ins Viertelfinale geschafft. Das ist eine große Leistung. Ich wollte mehr, aber es hat nicht geklappt", sagte er nach der klaren 0:5-Niederlage. Und dennoch schreibt Abduljabbar aktuell eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, die er jetzt im Profibereich fortsetzen will.

"Ich war immer der untalentierte Boxer, der nichts draufhatte. Als ich gesagt habe, dass ich zu Olympia will, haben viele nicht daran geglaubt. Aber ich wollte es unbedingt und habe es geschafft."
Boxer Ammar Riad Abduljabbar

"Ich glaube, ich realisiere das alles erst, wenn ich wieder in Hamburg bin. Aktuell bin ich voll im Stress und merke gar nicht, was um mich herum los ist", erzählt er. Denn noch vor einigen Jahren machte ihm das Boxen nicht wirklich Spaß.

Ammar Riad Abduljabbar (l.)  und Muslim Gamsatowitsch in Aktion
Ammar Riad Abduljabbar (l.) und Muslim Gamsatowitsch in Aktion
Bild: dpa / Swen Pförtner

Vor zehn Jahren, im Alter von 15 Jahren, folgte Ammar seinem Vater aus dem Irak nach Deutschland. Erfahrungen im Boxsport hatte er damals noch keine, dafür kämpfte er sich mit verschiedenen Jobs von der Baustelle bis zum Gemüsestand durch das Leben. Sein Vater ermutigte ihn in Hamburg schließlich, mit dem Boxen zu beginnen. Und Ammar gefiel der Sport zunächst überhaupt nicht.

Die monotone Aufbauarbeit und zu lernen, wie man richtig schlägt, machte ihm zu Beginn nur wenig Spaß. Doch aus Dankbarkeit gegenüber seinem Vater blieb er dabei. Sein Ehrgeiz wurde immer größer und er entwickelte sich rasend schnell.

"Boxen hat mein Leben verändert. Ohne das Boxen wäre ich komplett woanders. Ich habe durch den Sport einfach auch so viele Freunde gewonnen, die ich teilweise schon als meine Familie bezeichne und die mich so gut es geht unterstützen", erzählt der gebürtige Iraker.

Nur acht Jahre, nachdem er mit dem Boxen begonnen hatte, ist er 2018 Kapitän der Hamburg Giants in der 2. Bundesliga und gewinnt bei den deutschen Meisterschaften den Titel im Schwergewicht.

"Er hat mich nach Deutschland gebracht und mir geholfen, meinen Weg zu gehen. Ohne ihn wäre ich nicht derselbe Ammar, der ich heute bin."
Boxer Ammar Riad Abduljabbar über die Beziehung zu
seinem Vater

Mit purem Willen zum Erfolg

"Ich war immer der untalentierte Boxer, der nichts draufhatte. Als ich gesagt habe, dass ich zu Olympia will, haben viele nicht daran geglaubt. Aber ich wollte es unbedingt und habe es geschafft. Man sagt nicht umsonst, dass Wille Berge versetzt. Wenn man an sich glaubt, kann man alles schaffen."

Auf der Seite des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV) wird Abduljabbar als das größte Mentalitätsmonster im A-Kader des Verbandes bezeichnet.

Um auch bei den Spielen in Tokio nichts dem Zufall zu überlassen, ging es für ihn bereits fast einen Monat vor Beginn der Spiele nach Japan. "In der ersten Woche hatte ich ein paar Probleme mit dem Jetlag, aber jetzt habe ich mich angepasst. Es war gut, dass wir schon fast einen Monat vorher angereist sind."

Kaum Kontakt mit anderen Athleten

Mehr als zehn Tagen war er im Olympischen Dorf, doch wirklich Olympiastimmung kam beim Boxer nicht auf. Das lag vor allem daran, dass er sich viel in seinem Zimmer aufhielt und die Zeit zur Analyse seines Gegners und Regeneration nutzt.

Ins Gespräch mit anderen Athleten kam der 25-Jährige bisher nur ganz kurz und selten. "Ich habe mit einigen kurz gesprochen, aber distanziere mich eher von ihnen, weil ich nicht krank werden möchte – sei es Corona oder einfach eine Erkältung. Es geht um Olympia und das nehme ich wirklich sehr ernst."

Daher stört es ihn auch nicht, dass keine Zuschauer in der Halle sind. Auch wenn Abduljabbar es gewohnt ist, vor mehreren Tausend Zuschauern zu kämpfen. Der Vorteil ist nun, dass er die Kommandos seines Trainers Ralph Dickert viel besser versteht.

Täglich in Kontakt mit seinem Vater

Doch da weder Zuschauer in der Halle, noch Familienangehörige im Olympischen Dorf dabei sein können, telefoniert er täglich mit Freunden und vor allem mit seinem Vater in Deutschland.

"Ich bin ihm unendlich dankbar. Ohne ihn wäre ich noch im Irak und am Arbeiten. Er hat mich nach Deutschland gebracht und mir geholfen, meinen Weg zu gehen. Ohne ihn wäre ich nicht derselbe Ammar, der ich heute bin."

Abduljabbar will Profi-Boxer werden

"Das ist mein Ziel jetzt. Ich bin ein Mensch der über Runden gehen kann, ich kann kämpfen, ich bin ein Krieger", sagte er nach der Niederlage am Freitag. "Wenn es mehr Runden geben würde, dann glaube ich, würde ich besser kämpfen können. Drei Runden ist halt zu wenig, um sich zu zeigen."

Boxverbands-Sportdirektor Michael Müller hält einen Start von Abduljabbar in Frankreich in drei Jahren aber trotz der Absichten nicht für ausgeschlossen. "Das ist ja alles möglich zwischendrin. Entscheidend ist, dass die Leute zurückkommen, wenn Paris eine gute Chance bietet. Und olympische Medaillen sind schon verlockend", sagte er der dpa.

"Wir brauchen nicht zwingend, dass er die ganze Zeit bei uns boxt. Entscheidend ist, ob er sich vorstellen kann, rechtzeitig wieder dabei zu sein, wenn es um olympische Medaillen in Paris geht."

(mit Material von dpa)

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