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Junge Leute haben weniger Sex? Von wegen, wir haben nur anderen

Junge Leute. Achja. Soll man sie eigentlich zurechtweisen oder doch lieber bemitleiden? Viele ältere Herrschaften entscheiden sich für zurechtweisen: Millenials geben nicht genug Geld aus, legen Wert auf Work-Life-Balance und gehen dem Rest der Welt auch noch mit der Klimakrise auf die Nerven. Was für Pfeifen.

Aber irgendwie können sie einem auch ein bisschen leid tun.

Millenials haben nicht genug Sex

Denn sie haben neben der ganzen Besserwisserei halt nicht genug Spaß im Leben. Anders gesagt: Sie haben nicht genug Sex.

Diese Diagnose wird zumindest seit einigen Jahren zuverlässig immer wieder in unsere Timeline gespült. Alle haben sie berichtet, von der großen "New York Times" bis hin zu vielen Newsportalen hierzulande.

Nur: Sie stimmt so nicht.

Denn der Mythos vom sexlosen Millenial, der den vermeintlich so sexuell aktiven 68ern sicherlich das Ego poliert, halt näherer Betrachtung nicht so wirklich stand.

"Wie oft hattest Du Sex?"

Schauen wir uns mal die Datengrundlage an. Die Studie, die in dem Zusammenhang oft zitiert wird, ist eine Umfrage des "General Social Survey", einem soziologischen Langzeitprojekt in den USA, bei dem alle möglichen Fragen zur Befindlichkeit von Altersgruppen gestellt werden. Was Menschen glauben, wo sie politisch stehen, wie sie sich selbst wahrnehmen. Und dazu zählen auch Fragen wie: "Wie oft hattest du im letzten Jahr Sex?" Und diese Frage wurde zwischen 1989 und 1994 von den 18-29jährigen im Durchschnitt noch mit "81,29 mal im Jahr" beantwortet.

Und von 2010 bis 2014 sank diese Zahl, auf 78.5. Also 2.79 mal weniger.

Mal abgesehen davon, dass dieser Rückgang uns nicht wirklich besorgniserregend erscheint, ist es nun doch auch so: Wir wissen sehr wohl, das Quantität nicht gleich Qualität ist.

Und "Sex" nicht gleich "Sex."

Denn das, was unsere Eltern vielleicht noch exklusiv als "Sex" gewertet hätten, nämlich penetratives Rein-Raus, ist für die jüngere Generation eben nur noch eine Art von Sex. Und vielleicht nicht unbedingt die Wichtigste.

Wir wissen: Beim Sex muss kein Penis eine Vagina penetrieren. Auch Sex zwischen Frauen, Männern, sowie Oralsex oder andere geschlechtliche Stimulation ist...Sex!

Was sich also trotz dem 2,79 mal weniger Sex im Jahr spekulieren lässt: Ja, vielleicht haben Millenials ein bisschen weniger Sex. Aber vielleicht haben sie mit ihrer Antwort auch einfach nur eine konservative Definition von Sex vorweggenommen. Also so geantwortet, wie ihre Eltern wohl noch über Sex geredet haben. Was sie mal gelernt haben, was Sex ist: Der Klassiker des Rein-raus.

Sex ist nicht gleich Sex

Dabei sind andere sexuelle Spielarten auf dem, sozusagen, Vormarsch. Das zeigen Zahlen einer Studie der "London School of Hygiene and Tropical Health". Dort zeigte sich, das von den 16-14jährigen diejenigen, die neben vaginalem Sex auch Oral- und Analsex haben, sich von 1990 bis 2010 fast verdoppelt hat.

Das, was sexuell zwischen Menschen passieren kann, ändert sich also. Um diese Vielfalt abzubilden, reicht die Frage "Wie oft hattest Du Sex?" womöglich nicht mehr. Sondern sollte so formuliert werden, das klar wird, was Sex alles sein kann: Deutlich mehr als die gute alte Penetration.

Mehr "sexuelle Intelligenz"

Mit diesen Veränderungen ändert sich allerdings nicht nur die Art und Weise, wie wir Sex definieren – und damit eben auch die Menge, also Quantität, an Sex, sondern auch das, was war als "Qualität" wahrnehmen. Denn da Millenials zunehmend mehr Oralsex haben, liegt eine andere These recht nahe: Sie haben besseren Sex. Schließlich ist es hinreichend bekannt, dass Oralsex die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau zum Höhepunkt kommt, deutlich ansteigen lässt. Weniger Sex heißt also nicht unbedingt weniger Orgasmen.

So beschreibt auch Helen Fisher, Wissenschaftlerin am renommierten "Kinsey Institute" in der "Cosmopolitan", eher eine "Zunahme der sexuellen Intelligenz" bei Millenials und hält die alarmierenden Überschriften zur Sex-Rezession für übertrieben.

Auch der Sexualwissenschaftler Justin Lehmiller ist sich sicher:

"Es ist nicht so, dass wir grundsätzlich weniger Sex hätten, wir haben nur anderen Sex als bislang gemessen wurde."

Justin Lehmiller, "Cosmopolitan"

Lehmiller geht sogar noch einen Schritt weiter. Er beschreibt den Sex der Millenials sogar als "sexuelle Revolution."

"Unsere Sexualpraktiken ändern sich und daher müssen wir auch die Art und Weise ändern, wie wir Sex verstehen. Denn was es bedeutet, ändert sich von Generation zu Generation."

Justin Lehmiller, "Vice"

In anderen Worten: Die vermeintliche Sexflaute der Millenials ist eher eine Art Mißverständnis. Wir verstehen Sex einfach anders.

Und dabei ist Mitleid nun so gar nicht nötig.

Dr. G-Punkt über den Jungfernhäutchen-Mythos

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