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Julian Mars: Der Autor und seine Romanfigur Felix haben nach eigener Aussage nicht viel gemeinsam, bis auf die Erfahrung, wie die Gesellschaft mit Homosexualität umgeht. bild: Nora Heinisch/getty images,collage watson

"Offene Homosexualität kann immer noch gefährlich sein. Auch 2019 in Deutschland"

Wie frei lebt es sich wirklich als schwuler Mann? Davon handelt Julian Mars' Roman "Lass uns hier verschwinden". Im watson-Interview erzählt er, warum auch Heteros dieses Buch lesen sollten.

Der neue Roman "Lass uns von hier verschwinden" von Julian Mars steht ganz frisch in den deutschen Buchläden. Es ist die Fortsetzung des Coming-off-Age-Romans "Jetzt sind wir jung". Romanfigur Felix ist nun Anfang Zwanzig. Neben emotionalen Wachstumsschmerzen steht auch Felix' Homosexualität im Mittelpunkt.

Mit watson hat der Autor darüber gesprochen, was es für einen jungen Mann in Deutschland 2019 bedeutet, schwul zu sein.

watson: Julian, beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass du mit dem Erwachsenwerden abrechnest. Findest du es doof, erwachsen zu sein?
Julian Mars: Es ist ja eine Forstsetzung. Im ersten Buch ging es ums Teenagersein. Im Alter von 16, 17 wünscht man sich eher, noch erwachsen zu werden, Entscheidungen treffen zu können. Ich kenne es von mir, dass mit Mitte 20 die Desillusionierung eintritt. Ich schaute auf die Uhr, dachte, vom Alter her bin ich erwachsen, fühlte mich aber kein Stück reifer als vor 5 oder 10 Jahren. Nur die Probleme sind größer geworden.

Als Kind wollte man erwachsen werden, um mehr 'zu dürfen'. Auf einmal merkt man, dass man zwar mehr machen darf, aber auch mehr machen muss.

Nichts ist so einfach, wie man es sich vorgestellt hat. Dazu kommen die Erwartungen, die die Gesellschaft an einen hat: Mit Mitte 20 musst du spätestens das erste Mal eine ernsthafte Beziehung führen und dich im Leben gefunden haben. Da schwingt mit, dass du einen Job haben solltest, mit dem du angeben kannst, und eine schöne Wohnung. Der Prozess, herauszufinden, was ich wirklich für mich brauche und will, ist ziemlich anstrengend.

Was ist neben dem Erwachsenwerden das wichtigste Thema des Buches?
Natürlich die Homosexualität. Felix ist nun mal ein homosexueller Mann. In dem neuen Buch wollte ich zeigen, dass das Schwulsein etwas ist, was dich in vielen Entscheidungen dein Leben lang begleitet, auch nach dem ersten Coming-out. Zum Beispiel bei der Frage: Wie gehe ich mit meinem Freund in der Öffentlichkeit um? Können wir Händchen halten, wenn wir unterwegs sind? Muss ich gucken, wer da rechts und links von mir unterwegs ist? Wenn ich umziehe und den Job wechsle: Oute ich mich vor den Kollegen?

Als schwuler Mensch hast du viele kleine Coming-outs, ein Leben lang.

Wenn man nicht queer ist und sich nie mit dieser Thematik auseinandersetzt, ist einem nicht bewusst, wie groß dieser Akt des Outings immer wieder ist und dass es mit einem Mal nicht getan ist.

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Deutschland 2017: Wenn Mann und Frau sich auf der Straße küssen, ist das okay, doch bei zwei Frauen sinkt die öffentliche Akzeptanz. Am niedrigsten ist sie bei zwei Männern, die sich Zuneigung zeigen. statista

Was magst du an deinem Protagonisten Felix?
Felix ist echt. Die Reaktionen der Leser auf ihn sind vollkommen unterschiedlich. Es gibt Leute, die sagen: "Ich liebe ihn und ich finde ihn so sympathisch." Es gibt Leute, die sagen: "Ich finde das ganze Buch scheiße, weil ich den Ich-Erzähler so furchtbar finde." Viele Meinungen liegen irgendwo in der Mitte. Das ist als Autor sehr beglückend zu sehen. Echte Menschen rufen auch unterschiedliche Emotionen hervor. Ich mag außerdem, dass Felix ein Guter ist, der auch für seine Mitmenschen nur Gutes möchte. Er ist nicht berechnend oder manipulativ. Wenn man ihn als Freund hat, kann man sich auf ihn verlassen. Ich mag auch seine Neugierde. Es gibt aber auch Dinge an ihm, die ich anstrengend finde, weshalb ich auch verstehen kann, wenn Leute ihn nicht mögen.

Ich frage, weil du jetzt schon das zweite Buch über Felix‘ Leben schreibst. Das erste war eine Coming-Out-Geschichte in Felix‘ Teenager-Jahren. Jetzt ist er Anfang 20. Was genau hat dich an daran gereizt, eine Fortsetzung zu schreiben?
Als ich das erste Buch vor drei Jahren abgeschlossen hatte, habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht, eine Fortsetzung zu schreiben. Aber dann haben mich Leser immer wieder gefragt, ob es irgendwann weitergehen wird. Ich habe zwischendurch an anderen Sachen gearbeitet, aber habe auch gemerkt, dass mich die Figuren nicht loslassen. Bei den Lesungen, die ich in den letzten zwei Jahre ab und zu gehalten habe, hatte ich immer Spaß die Figuren 'wiederzusehen'. Und dann kam der Gedanke: Ich habe Lust mir zu überlegen, wie es da weitergeht. Es gibt aber auch Figuren, die ich lieber habe als Felix. Zum Beispiel seinen Exfreund Martin.

Martin hat Felix im ersten Teil eiskalt verlassen. Warum taucht er in diesem neuen Lebensabschnitt wieder auf?
Als Gegengewicht. Wir haben auf der einen Seite Felix, der lange Probleme mit seiner Homosexualität hatte. Er hatte auch Probleme mit anderen Homosexuellen, weil er die alle komisch fand. Die waren ihm zu bunt, zu schrill. Auch den organisierten Aspekt, wie in einem schwulen Verein zu sein, findet er ganz furchtbar. Martin ist der absolute Gegenentwurf dazu. Martin ist im schwulen Sportverein, er arbeitet ehrenamtlich in der Aidshilfe. Es war mir wichtig zu zeigen, dass es unter Homosexuellen genauso viele unterschiedliche Lebensentwürfe gibt, wie unter Heterosexuellen.

Glaubst du, dass du die Vielseitigkeit der queeren Welt gut abgedeckt hast?
Einerseits habe ich versucht, eine große Bandbreite zu zeigen. Andererseits ist es ein Unterhaltungsroman. Auch, wenn ich einige Themen anspreche, die mir wichtig sind, soll es kein Bekehrungsstück sein. Es wäre vermessen, den Anspruch zu haben, die ganze Vielfalt an Menschen widerspiegeln zu können. Felix bewegt sich in einer privilegierten Blase, die kaum Minderheiten miteinschließt.

Im Idealfall habe ich einen Unterhaltungsroman geschaffen, der auch ein bisschen aufklärt, aber ich wollte es da nicht übertreiben.

Es gibt im Buch eine radikale Aussage. Anna sagt zu Felix, dass er in der heutigen Zeit in Berlin lebt und so schwul sein kann, wie er nur will. Tatsächlich gibt es auch in Berlin immer wieder Angriffe auf queere Menschen. Warum hast du Anna das sagen lassen?
Annas Aussage spiegelt das wider, was viele heterosexuelle Menschen denken: Leute, die nicht mal schwulenfeindlich sind. Eigentlich stehen sie dem wohlgesonnen gegenüber, aber sie haben keine Vorstellung davon, wie es wirklich ist. Die Erfahrung habe ich in meinem eigenen Freundeskreis in Deutschland gemacht. Da wurde gesagt: "Ihr dürft heiraten, du kannst dich outen, du wurdest noch nie deswegen zusammengeschlagen. Es ist doch gut jetzt." Das meine ich mit mangelndem Bewusstsein. Gerade beim Thema Händchenhalten oder der Frage, ob ich meinem Freund in der Öffentlichkeit einen Kuss geben kann.

Du weißt nicht, wie der Typ, der jetzt gerade neben dir in der Bahn steht, darauf reagieren wird. Wird er dich ‚nur‘ beleidigen oder wird er dich sogar zusammenschlagen? Oder wirst du im allerextremsten Fall dafür getötet? Du weißt es nicht.

Das trägt man immer ein Stück weit mit sich: Offene Homosexualität kann immer noch gefährlich sein. Auch in Deutschland 2019. Das belastet, zumindest unterbewusst.

Ist es für queere Menschen denn in Städten sicherer als auf dem Dorf?
In den meisten Fällen schon, weil man unsichtbarer ist und mehr Schicksalsgenossen hat. Aber das kann man nicht verallgemeinern. Ich bin auch in einer kleinen Dorfgemeinschaft aufgewachsen. Die Leute sind erst mal skeptischer, wenn man sich outet. Ich kann mir aber vorstellen, dass man in der Dorfgemeinschaft trotzdem akzeptiert ist, wenn man da gut verwurzelt ist. Das würde ich zumindest jedem wünschen. In der Stadt kann man in Anonymität auch untergehen. Homofeindliche Übergriffe kommen auch in der Großstadt vor. Es ist pauschal nicht zu sagen.

"Lass uns von hier verschwinden"

Julian Mars' Buch ist im Albino-Verlag erschienen und kostet 18 Euro.

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"Lass uns von hier verschwinden" – ein Buch, das auch Heteros lesen sollten. bild: julian mars

Zahl der homo- und transphoben Gewalttaten in Deutschland 2018 gestiegen

Kurz nach unserem Gespräch mit Julian Mars kam die neue Reiseempfehlung des Gay Travel Index heraus. Diese gibt eine Einschätzung für Touristen, in welchen Ländern sich Homosexuelle sicher fühlen können. Deutschland rutschte von Platz 3 im Vorjahr auf Platz 23 ab.

Keine Romangeschichte: Bastian sollte die Homosexualität "ausgetrieben" werden.

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Video: watson/katharina kücke, max biederbeck

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