Der Drogenkonsum während der Pandemie hat laut Rauschgiftreport zugenommen.
Der Drogenkonsum während der Pandemie hat laut Rauschgiftreport zugenommen.Bild: iStockphoto / Olena Bondarenko
Interview

"Um Drogen zu nehmen, braucht man kein Darknet mehr, da reicht auch Telegram": Die Gefahren der Drogenszene im Internet

04.10.2021, 10:5705.10.2021, 08:53

Die Pandemie hat viele Dinge in unserem Leben geändert – aber nicht den Konsum von Drogen. Das ergab der Rauschgiftreport 2020, der Ende Juli erschien. Eine der neuen Erkenntnisse: Der Online-Handel mit Drogen hat zugenommen. Hier gibt es laut BKA-Präsidenten Holger Münch "eine hohe Nutzerzahl und eine einfache Verfügbarkeit".

Die Investigativjournalistin Isabell Beer hat drei Jahre lang im Milieu der Drogenszene Internet recherchiert und darüber ein Buch geschrieben: "Bis einer stirbt", heißt es. Sie war in Chatforen und -gruppen und im Dark Net unterwegs und gewann tiefe Einblicke, was diese jungen Drogenkonsumenten bewegt. Die beiden Teenager Leyla und Josh sind die Hauptakteure in ihrem Buch – Josh verstarb an einer Überdosis, Leyla gelang irgendwann der Entzug.

Die Investigativjournalistin Isabell Beer hat ein Buch über die Drogenszene im Internet geschrieben.
Die Investigativjournalistin Isabell Beer hat ein Buch über die Drogenszene im Internet geschrieben.anke madlen/jäckel

Watson hat mit Isabell Beer über ihr neues Buch, ihre beiden Protagonisten Leyla und Josh und ihre eigenen Drogenerfahrungen gesprochen.

watson: Wie kamst du denn überhaupt auf das Thema deines Buches?

Isabell Beer: Es fing damit an, dass ich auf Facebook auf Gruppen gestoßen bin, die Namen mit Drogen trugen und ich mich gefragt habe, was darin eigentlich passiert. Ich bin dann mit verschiedenen Profilen dort beigetreten und habe mitgelesen. Dabei hab ich schnell gemerkt, dass es da wirklich um Drogen geht. Dort haben sich Drogenkonsumenten vernetzt, es wurde auch mit Drogen gehandelt und die Leute, die da aktiv sind, waren sehr jung zu dem Zeitpunkt, zum Teil auch noch minderjährig. Einige haben sich gefährliche Tipps gegeben. Vor allem ein Jugendlicher ist mir aufgefallen, Josh. Er ist rausgestochen aus dieser Masse an jungen Menschen, weil er in seinen Kommentaren großes Fachwissen an den Tag gelegt hat. Und darum hab ich angefangen, anhand seiner Facebook-Beiträge sein Leben zu rekonstruieren. Das hat am Ende zehn Aktenordner gefüllt. Daraus wurde zuerst ein Artikel für die ZEIT. Es war aber so viel Material, dass schnell klar war: Damit lässt sich auch ein Buch füllen.

"Manche aus Neugier, andere, um zu vergessen. Die Gründe sind vielfältig, so wie das ja auch beim Konsum von Alkohol in der Gesellschaft der Fall ist"

Wie bist du an die beiden Akteure im Buch – Layla und Josh – rangekommen? Hast du sie einfach angeschrieben?

Nein, so einfach war das nicht. Es hat damit angefangen, dass ich erst einmal zu Josh recherchiert habe. Irgendwann habe ich dann sein Profil aufgerufen und gemerkt, dass er nicht mehr lebt. Daraufhin habe ich seine Eltern kontaktiert und später auch Leute aus seinem Umfeld. Aber andere jungen Menschen, die mit Drogenszene zu tun hatten, hatten erstmal wenig Interesse daran, mit mir zu sprechen. Was ich durchaus verstehen kann, da war auch viel Angst vor den Konsequenzen, also dass ihnen auch Schuld zugeschoben wird. Und darum hat es sehr lange gedauert, bis manche davon bereit waren, mit mir zu sprechen. Eine der ersten war Leyla, über die es ja auch in dem Buch geht.

Meth zählt zu Maries Lieblingsdrogen. „Mit einer der besten Drogen find ich 😊“, schreibt sie. Crystal Meth ist einfach nur geil, am besten unendlich ballern“, stimmt eine andere Userin zu. „Fakt ist, alle haben über Meth eine so negative Einstellung, weil sie den Medien glauben!“, so Marie weiter. „Crystal ist komplett rein, da weiß man, was man zu sich nimmt“ Ohne Drug Checking kann Marie aber nicht wirklich wissen, wie rein das Meth ist, dass sie beim Dealer kauft.

Warum nehmen diese jungen Menschen in deinem Buch Drogen?

Manche aus Neugier, andere, um zu vergessen. Die Gründe sind vielfältig, so wie das ja auch beim Konsum von Alkohol in der Gesellschaft der Fall ist. Die Droge ist oft nur ein Symptom – das sagt auch Leyla – und gerade bei Menschen, die sehr exzessiv konsumieren, problematische Konsummuster entwickeln oder in die Sucht abrutschen, steckt in sehr vielen Fällen etwas ganz anderes dahinter. Oft haben sie Probleme, über die sie nicht sprechen. Das ist einer der Ansatzpunkte, dass man da ein offenes Ohr schenkt. Ich glaube, dass Bestrafungen in dem Fall nicht funktionieren. Da gibt es ja etwas, was dem Jugendlichen fehlt und ihn dann noch zu bestrafen, finde ich einfach falsch. Und ich glaube auch nicht, dass das der richtige Weg ist, sondern dass es besser ist, Verständnis und Offenheit zu zeigen und gemeinsam nach Wegen zu suchen, da rauszukommen und sich auch Hilfe von außen zu suchen. Aber was sich auch gezeigt hat, ist, dass es sehr schwierig ist, Jugendlichen oder Suchtkranken zu helfen, da rauszukommen, solange sie das selbst nicht wollen.

Und diese Internetseiten? Werden die überhaupt nicht kontrolliert?

Also bei den Darknet-Seiten werden schon immer wieder Handelsplattformen abgeschaltet. Also zum Beispiel AlphaBay, wo beispielsweise auch Josh bestellt hat, wurde in der Zwischenzeit abgeschaltet. Aber dann ziehen die Verkäufer zum Teil einfach nur auf andere Plattformen um. Das ist einfach eine Sache, die sich dadurch nicht lösen lässt. Das sieht man auch, wenn man den Bundeslagebericht des BKA von 2020 zum Thema Rauschgiftkriminalität anschaut. Das heißt, dass die Zahl der Drogendelikte im zehnten Jahr in Folge gestiegen ist, die Verfügbarkeit über das Internet enorm ist und da merkt man, die Polizei kann dem gar nicht mehr beikommen.

"Um Drogen zu nehmen, braucht man kein Darknet mehr, da reicht auch Telegram"

Aber dass solche Foren auch auf Facebook oder TikTok ganz leicht zugänglich sind, ist doch erschreckend, oder? Gibt es dort keine Gegenmaßnahmen?

Um Drogen zu nehmen, braucht man kein Darknet mehr, da reicht auch Telegram. Es werden vielleicht von Plattformen wie zum Beispiel TikTok oder Instagram bestimmte Hashtags gesperrt, damit man darüber diese Beiträge nicht mehr aufrufen kann. Aber dann erfindet man einfach einen neuen Hashtag oder schreibt es ein bisschen anders und schon findet man die ganzen Sachen wieder.

Treffen sich die Jugendlichen aus den Foren auch im echten Leben zum Drogennehmen?

Das kommt schon auch vor. Josh hat ein paar seiner Online-Freunde auch im realen Leben getroffen. Aber es passiert sehr viel online und das macht es auch so gefährlich, weil man das Gefühl hat, man konsumiert in Gesellschaft, aber eigentlich sitzt man alleine vor dem PC oder dem Handy und wenn wirklich was passiert, ist keiner da, der Hilfe holen kann. Und das macht es natürlich zu einem riesigen Problem. Dann fällt Leuten vielleicht auf: Oh, die Person hat sich jetzt seit einer Ewigkeit nicht mehr gemeldet. Aber die wissen gar nicht, wo dieser Mensch eigentlich wohnt und trauen sich auch nicht, den Notarzt zu rufen, aus Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen für sich selbst.

Online vernetzt sich Josh mit dem Administrator und mit anderen Konsumenten. Hier sagt auch erst einmal keiner, dass Josh mit den Drogen aufhören soll. „Ich kiff zuviel“, postet er. „Es gibt kein zu viel, nur zu wenig“, antwortet einer seiner Online-Freunde, den er noch nie im echten Leben gesehen hat.

Was sagst du denn zu so Serien wie "How to Sell Drugs Online Fast", wo der Drogenkonsum schon sehr cool dargestellt wird. Findest du sowas problematisch?

Wie stark das einen Einfluss hat, weiß ich nicht. Man merkt, dass sich die Jugendlichen, die in diesen Foren aktiv sind, zum Beispiel Breaking Bad und anderen Serien zum Thema aktiv angeguckt haben. Es gab zudem eine Recherche von "Strg _F" zum Thema Schmerzmittel Tilidin. Im Deutsch-Rap ist das oft Thema, auch in Songs des Rappers Capital Bra – und die Reporter fanden deutliche Hinweise darauf, dass einige Jugendliche aufgrund solcher Songs damit angefangen haben.

"Man sollte stattdessen auf Aufklärung und Informationen setzen und sich auch mal alternative Ansätze überlegen"

Und was meinst du, wie genau diese Internetforen den Drogenkonsum verändert haben?

Es hat sich eine Parallelszene im Internet gebildet. Es ist ganz egal, wo ich in Deutschland lebe oder wie alt ich bin. Ich kann mir einfach Drogen nach Hause bestellen und es ist nicht schwierig. Ich kann in meinem Bett liegen, am Smartphone sein und währenddessen auf Telegram, Instagram oder sonst wo Sachen bestellen. Ich muss dazu noch nicht einmal rausgehen.

Du sprichst dich im Buch aktiv für die Legalisierung von Drogen als einen Lösungsansatz aus. Man liest aber auch gleichzeitig im Buch, dass Marihuana bei Josh eine Einstiegsdroge ist. Kann eine Legalisierung ein Schritt in die richtige Richtung sein?

Ich glaube, man muss da wissenschaftlich rangehen. Es gibt ja schon Länder wie Kanada, wo man die Legalisierung gerade von Cannabis versucht hat. Das ist natürlich nicht die Lösung für alles. Es braucht parallel Therapie-Angebote, ehrliche Aufklärung und es darf nicht so sein wie bei Alkohol, wo man mit Werbung bombardiert wird und den man an jeder Supermarktkasse kriegt. Ich denke, dass es wichtig ist, zu überlegen, wie man es schaffen kann, einen legalen Rahmen zum Beispiel für Cannabis zu schaffen und dabei einen guten Jugendschutz zu verwirklichen. Portugal hat es mit einer Entkriminalisierung von Konsumenten aller Drogen versucht, also dass man Leute nicht dafür bestraft, dass sie konsumieren. Es ist nur eine Ordnungswidrigkeit und man bekommt Therapieangebote. Damit holt man die Menschen mehr aus dem Untergrund heraus und erreicht vielleicht, dass sie eher bereit sind, darüber zu sprechen und sich vielleicht auch Hilfe zu holen. Die Zahl der Drogentoten ist in Portugal nach der Entkriminalisierung gesunken.

Was ist mit Beratungsangeboten?

Es sollte auf jeden Fall mehr Drug-Checking-Angebote geben, damit Konsumenten ihre Substanzen testen lassen können und sich so auch vor ungewollten Überdosen und Streckstoffen schützen können. Und das sind schon mal Schritte, mit denen man viel erreichen könnte. Verbote verhindern nicht, dass Menschen Drogen nehmen und daran sterben. Man sollte stattdessen auf Aufklärung und Informationen setzen und sich auch mal alternative Ansätze überlegen.

Portugals Drogenpolitik
Vor zwanzig Jahren hat Portugal Drogen entkriminalisiert. Bis zu einer bestimmten Menge ist der Besitz und Konsum geringer Mengen illegaler Drogen keine Straftat mehr, sondern eine Ordnungswidrigkeit. Bei Verstößen entscheiden speziell geschaffene Kommissionen nach einem persönlichen Gespräch über geeignete Maßnahmen. Im Fall von Abhängigkeiten werden die Strafen ausgesetzt, wenn sich die Betroffenen freiwillig in Therapie begeben. Zusätzlich wurden die Reformen durch eine Reihe von Maßnahmen zur Prävention, Schadensreduzierung und Therapie ergänzt.
Das Fazit: Viele Studien zur portugiesischen Drogensituation weisen eine positive Entwicklung seit den Reformen nach: Die Zahl der konsumbedingten Todesfälle ist deutlich gesunken, und die drogeninduzierte Mortalitätsrate liegt mit vier Todesfällen pro eine Million Einwohnern inzwischen weit unter dem europäischen Durchschnitt von 22 Todesfällen pro eine Million Einwohnern.
Bundeszentrale für politische bildung

Und hab ich es richtig verstanden, was in einem Punkt im Buch so ein bisschen angedeutet wird, dass du selber auch mal eine schwere Zeit hattest. Also hast du früher selbst Erfahrungen mit Drogen gemacht?

Mit Alkohol, was ja auch eine Droge ist. Aber ich kenne das Gefühl. Das Interessante daran ist, dass ich meine eigene Geschichte sehr lange gar nicht damit in Verbindung gebracht habe. Einfach, weil es bei Alkohol so alltäglich ist und man das dann gar nicht als Droge sieht, obwohl es ja eine ist. Und es kam erst im Laufe der Recherche, dass ich mir dachte: Stimmt, ich hatte eigentlich auch so eine Phase als Jugendliche, wo ich nicht über meine Probleme sprechen konnte und dann versucht habe, mich zu betäuben. Und das hatte auch ein gefährliches Ausmaß angenommen.

Du warst drei Jahre lang so tief in der Drogenszene drin und hast recherchiert. War da die Versuchung auch mal da, selbst Drogen zu nehmen, um dich besser in deine Protagonisten hineinversetzen zu können?

Tatsächlich nicht. Es ging bei dieser Recherche ja auch nicht um mich. Es ist wichtig, bei Themen eine professionelle Distanz zu wahren. Mir war es viel wichtiger, mit ihnen zu sprechen und zu versuchen, ihre Beweggründe zu verstehen. Durch meine eigene Geschichte konnte ich zudem manches ganz gut nachvollziehen.

Bald wird Josh auf Oli treffen. Im Internet verbindet die beiden ein gemeinsamer Freund, eine gemeinsame Gruppe und die Liebe zu Drogen. Oli ist in der letzten Zeit vor allem Fitness-Gruppen beigetreten, hat Sport gemacht, sich mit Ernährung beschäftigt. Aber er hat sich auch einer Drogen-Gruppe angeschlossen, in der Leyla und Josh Mitglied sind. Er fragt: "Hero & Emma geht die mische fit?" Er fragt also, ob er Heroin und MDMA in Kombination nehmen kann. Zwei Tage später ist Oli tot. Ein Nutzer postet einen Screenshot von Olis Frage in die Gruppe und schreibt: "Der junge Kerl hier ist an einer Überdosis gestorben. Seine Mutter hat ihn wahrscheinlich sogar noch gefunden. Vor ein paar Tagen hat er noch seinen Trip gepostet." – "Mich interessiert, wer da ja gesagt hat", fragt Youssef. Josh antwortet: "Ich.. :D" Und: "Ich kann da ja nix dazu, dass er sich Überdosis gibt :D Im Prinzip geht emma un shore."

Heute kann man Drogen schnell und anonym im Internet bestellen. Ist die Hemmschwelle online denn niedriger, Drogen zu konsumieren?

Es kommt mir so vor, dass das der Hauptunterschied zu der Offline-Drogenszene ist: Wenn ich mich in der offenen Drogenszene bewege, dann sehe ich auch das Elend. Da sehe ich, wie weit manche gehen, um sich einen Schuss zu setzen. Und all das sehe ich nicht, wenn ich im Internet unterwegs bin, wo jeder aus Social Media nur das teilt, wo er sich toll findet und alles super ist. Aber die ganzen Sachen, die dann passieren, wie die Entzugserscheinungen sind und so weiter, davon teilt natürlich keiner Videos oder Bilder. Und das ist genau das Problem. Man sieht nur die eine Seite.

Also nicht die Drogengruppen sind das Problem, sondern die Politik?

Am Anfang dachte ich auch, diese Gruppen sind das Problem, weil sich die Leute da gefährliche Tipps geben. Manche der Gruppen sind aber zuerst aus einem guten Gedanken heraus entstanden, um Menschen aufzuklären und Überdosen vorzubeugen – weil viele einfach nicht wissen, wo sie solche Infos bekommen. Das ist ein großes Problem. Aber diese Gruppen haben eine Eigendynamik entwickelt und das sind natürlich auch keine Experten, die da Infos geben, sondern irgendwelche Leute, die im Zweifel selbst gerade was konsumiert haben. Das Problem ist eigentlich, dass die Info fehlt und dass die Leute gar nicht wissen, wo sie denn seriöse Informationen zu dem Thema finden. Und ich glaube, das wäre auch ein Ansatzpunkt, wo man schnell was bewirken könnte.

Das Buch "Bis einer stirbt: Drogenszene Internet. Die Geschichte von von Leyla & Josh" ist erschienen beim Ullstein Verlag. Das Buch gibt es in einer weißen Jugendversion samt Safer Use Tipps und einer schwarzen Version für Erwachsene.

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