Interview
BERLIN - MAY 16:  Escort girls await customers at Berlin's exclusive Night Club Bel Ami on May 16, 2006 in Berlin, Germany. Escort girls across Germany are anticipating booming business in June as soccer fans from around the world will descend upon the country for the World Cup.  (Photo by Andreas Rentz/Getty Images)

Deutsche Sexarbeiter wissen durch Corona nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Bild: Getty Images Europe / Andreas Rentz

Interview

Bordell-Besitzerin kritisiert Politik: "Das ist eine Lüge. Da geht wohl die Fantasie mit ihnen durch"

Stress ums Rotlichtgewerbe: Nachdem 16 Bundestagsabgeordnete gefordert hatten, Prostitution zu verbieten, da die Branche "Superspreader"-Qualitäten habe, wehrte sich der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen e.V. in einem offenen Brief gegen diese Vorwürfe.

Diese "rückwärtsgewandte, moralinsaure, herabwürdigende und respektlose, um Aufmerksamkeit heischende Politik" würde die gesamte Branche diskreditieren. Unberechtigt, wie es weiter heißt. Die Öffnung des Rotlichtmilieus sei auch unter Corona-Richtlinien möglich.

Was ist da los? Die Berliner Bordellbesitzerin Elke Winkelmann sprach mit watson über Hygiene, Existenzängste und das Vorurteil der unmündigen Prostituierten.

watson: Wie kam es zu dem offenen Brief an die Länder?

Elke Winkelmann: Wir mussten uns einfach zu Wort melden, ich habe etwas gegen Ungerechtigkeit. Unser Verband setzt sich vor allem aus Bordellbetreibern zusammen, aber auch einigen SexarbeiterInnen. Wir haben momentan keine Ahnung, wie es mit uns weitergeht und fühlen uns durch die Äußerungen dieser Politiker stark diskriminiert. Es wird ja schon lange an diesen Kampagnen rumgedocktert, um unsere Branche endgültig abzuschaffen.

"Ich habe schon früher die Diskriminierung erlebt, als es hieß, wir würden alle AIDS verbreiten, jetzt ist es eben Corona."

Elke Winkelmann zu watson

Hamburg hat gerade entschieden, dass die Bordelle noch mindestens bis zum 30. Juni geschlossen bleiben müssen.

Bei uns in Berlin ist das noch in der Schwebe. Was für uns so bitter ist: Jedes Mal, wenn in der Politik von irgendwelchen neuen Lockerungen die Sprache ist, werden Prostitutionsstätten gar nicht erwähnt. Für uns gibt es dadurch keine Perspektive, wir können nicht planen und wissen nicht, welche Zeiträume wir überbrücken müssen oder ob unser ganzer Berufsstand am Ende verboten wird. Wir haben einfach keine Lobby. Stellen Sie sich mal vor, da würde sich ein Politiker hinstellen und für uns einzutreten – da wäre was los.

Selbst Tim Mälzer zog doch letztens über die dreckigen Puffs her. Es ist schon schade, wenn Leute sowas sagen, meistens kommt es gerade von denen, die nie mit uns zu tun hatten. Diese Menschen stellen sich was ganz Schlechtes unter Sexarbeit vor. Die halten uns für schmuddelig, zwielichtig und die Frauen sind alles traumatisierte Opfer.

"Wir haben klar gesagt, das ist eine Lüge."

Elke Winkelmann zu watson

Sie sehen keine Schattenseiten der Prostitution?

Die Schattenseiten entstehen vor allem in der Illegalität. Wenn es Opfer gibt, ist das furchtbar. Zuhälterei ist furchtbar und zu Recht verboten. Aber da wird immer ein Bild geschaffen, von den armen Frauen, denen geholfen werden muss. Das entspricht nicht unserer Realität.

Die Politiker äußern sich so nach dem Motto: Diese Frauen müssen von klügeren Leuten an die Hand genommen werden, wir müssen ihnen das Gewerbe verbieten – als ob Sexarbeiter nicht selbst denken könnten, keine erwachsenen Frauen wären, als wären wir dumm. Das ist wirklich sehr verletzend!

Aus der Politik heißt es, die Prostitution hätte "Superspreader"-Qualitäten.

Wir haben klar gesagt, das ist eine Lüge. Da geht wohl die Fantasie durch mit Leuten, die die Branche nicht kennen. Von wegen Orgien... Es ist meistens so, dass die Frauen ihre Stammgäste haben und Termine mit denen vereinbaren, da geht es um Eins-zu-Eins-Kontakt. Und sowohl der Kunde als auch die Prostituierte haben großes Interesse an ihrer eigenen Gesundheit, das ist doch logisch.

Unter Umständen wären Hygienepläne bei uns sogar besser umsetzbar als in anderen Branchen. In der Prostitution wurde immer schon auf Hygiene geachtet, das gehört zum Arbeitsalltag. Die Frauen wollen definitiv nicht krank werden, denn wer krank wird, fällt aus und hat kein Einkommen mehr.

Was passiert, wenn Sexkauf verboten wäre?

Wenn die Prostitution verboten wird, findet sie in der Dunkelheit statt. Dann haben die Frauen nicht mehr die Möglichkeit, ihre Rechte so durchzusetzen, wie es jetzt in einem geschützten Rahmen möglich ist. Sie können sich nicht mit Kolleginnen austauschen, keine einheitlichen Regeln aufstellen, auch die Hygiene ist dann nicht mehr gesichert.

War denn der Vorschlag, die Politiker in den Puff einzuladen, ernst gemeint?

Klar! Meine Geschäftspartnerin und ich haben in der Vergangenheit immer mal die Türen für die Öffentlichkeit geöffnet, Kunstausstellungen gemacht und auch mit Politikern zusammen gesessen. Es ist wichtig, dass die Menschen sehen: Wir sind transparent, wir sind auch ganz normale Bürger. Wenn die Leute kommen, begreifen sie das auch.

"Als ob Sexarbeiter nicht selbst denken könnten, keine erwachsenen Frauen wären, als wären wir dumm. Das ist wirklich sehr verletzend!"

Elke Winkelmann zu watson

Denken Sie darüber nach, aufzugeben?

Ich habe als Sexarbeiterin angefangen und bin jetzt schon viele Jahre Bordellbetreiberin. Ich liebe diesen Beruf, aber es ist total schwer durchzuhalten. Momentan fragt man sich schon: Lohnt es sich noch, Geld in den Betrieb zu stecken? Die Kosten laufen weiter, aber Einnahmen gibt es nicht. Da geht man an das Ersparte, das eigentlich für die Rente gedacht war.

Wirtschaftlich macht das momentan alles keinen Sinn mehr. Andererseits kämpfe ich nun schon so lange um Anerkennung – soll man einfach aufgeben? Ich habe schon früher die Diskriminierung erlebt, als es hieß, wir würden alle AIDS verbreiten, jetzt ist es eben Corona. Aber mir liegt diese Arbeit so am Herzen, ich arbeite gerne mit Frauen zusammen, wir sollten gemeinsam stark sein.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Karl-Theodor zu Guttendoof 28.05.2020 10:09
    Highlight Highlight Ich fordere Milliardenhilfen für das systemrelevante Sex"gewerbe". Vor alem für die Zuh... äh ... "Aufpasser"

    Die gewerbe-treibenden Damen (Herren) sollten zu Heldinnen erhoben werden!
    (Aber bitte übersetzen in die jeweilige Heimatsprache all dieser freiwilligen Gewerbe-treibenden.

    MfG Ihr Karl-Theo

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