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Deutsche Sexarbeiterinnen sind durch Corona derzeit arbeitslos. Bild: iStockphoto / Pollyana Ventura

Interview

"Sind pfui und sollen deshalb nicht mehr stattfinden": Prostituierte schießt gegen Lauterbach

Die Rotlichtbezirke in Deutschland sind seit Ausbruch des Coronavirus wie ausgestorben. Geschlossene Bordelle, keine Prostitution mehr an den Straßen – auch Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen befinden sich im Lockdown. Der Berufsverband der Branche stellte am Dienstag ein Hygienekonzept vor, das er zusammen mit Gesundheitsämtern ausgearbeitet hatte.

Doch jetzt haben 16 Bundestagsabgeordnete der Union und SPD (darunter Karl Lauterbach) in einem Brief an die Länder gefordert, Prostitution nicht nur von der schrittweisen Lockerung auszunehmen, sondern käuflichen Sex komplett zu verbieten. Die Begründung: Es handle sich dabei um eine menschenunwürdige Tätigkeit, die virologisch Superspreader-Potential hätte.

"Typisch", findet Johanna Weber. Sie sitzt im Vorstand des Berufsverbands für erotische und sexuelle Dienstleistungen e.v. (BesD) und meint: Trotz Schmuddel-Image ist es auch in der Sexbranche möglich, Corona-Vorschriften einzuhalten. Watson sprach mit ihr über Prostituierte, denen ihr Erspartes ausgeht, Infektionsketten in Bordellen und welche Gefahren sich durch ein längeres Berufsverbot ergeben.

"Ich finde es sehr problematisch, dass die Corona-Krise als Vorwand genutzt wird, um durch die Hintertür ein Verbot der Prostitution durchzukriegen."

Johanna Weber zu watson

watson: Was denken Sie über die aktuelle Forderung nach einem langfristigen Shutdown der Prostitution?

Johanna Weber: Ich finde es sehr problematisch, dass die Corona-Krise als Vorwand genutzt wird, um durch die Hintertür ein Verbot der Prostitution durchzukriegen. Wir kennen die Gruppe bereits, die sich da zu Wort meldet. Dieselben Politiker haben schon früher ein Problem mit unserem Berufsstand gehabt. Wir wären jederzeit bereit, uns mit denen zusammenzusetzen und sinnvolle Lösungen für Probleme in der Branche zu finden, aber eine Zusammenarbeit war bislang leider schwierig.

Die vorgeschlagene Lösung ist also Ihrer Meinung nach nicht sinnvoll.

Was sie fordern, sind ja Aussteigeprojekte nach dem schwedischen Modell. Wir nennen die übrigens Umstiegsprojekte, weil wir die Sexarbeit nicht als Sackgasse betrachten. Es fehlen allerdings für viele Sexarbeitende die Alternativen. Umstiegsprojekte für diejenigen Kolleginnen, die aufhören wollen, finden wir wichtig, aber dafür braucht es dann auch entsprechende Fachleute und jede Menge Geld.

"Gerade jemand wie Herr Lauterbach müsste doch in Zeiten von Corona ganz andere Themen auf der Agenda haben."

Scheinbar sind Sie von dem Vorstoß nicht überrascht.

Vom Thema selbst nicht. Vom Zeitpunkt allerdings schon. Gerade jemand wie Herr Lauterbach müsste doch in Zeiten von Corona ganz andere Themen auf der Agenda haben. Es ist durchaus möglich, Prostitution so zu gestalten, dass sie den derzeitigen Pandemieplänen genügen. Dass jetzt keine Gruppensex-Partys stattfinden können, ist völlig klar. Aber in den meisten Fällen geht es um Eins-zu-eins-Kontakt. Und damit kann man arbeiten.

Für mich ist klar: Den Politikern, die sich da zusammengetan haben, geht es nicht um Corona, sondern generell um die Abschaffung der Prostitution. Als seriöser Politiker sollte man solche persönlichen Motive aber – gerade in Krisen-Zeiten – aus der Arbeit raushalten.

Angenommen, das Verbot würde dennoch durchgesetzt. Würde das in Zeiten von Corona helfen?

Der Gedanke dahinter ist ja immer: 'Wenn ich die Prostitution verbiete, findet sie nicht mehr statt.' Das ist ein Irrglaube. Die Problemfaktoren sind ja alle schon verboten, zum Beispiel Menschenhandel, Zuhälterei, Ausbeutung oder Sex gegen den Willen der Prostituierten. So etwas kann besser verhindert werden, je transparenter das Gewerbe ist.

Ein Prostitutions-Verbot führt dazu, dass gerade die Sexarbeiter, die auf das Geld angewiesen sind, illegal auf dem Straßenstrich oder in Hotels arbeiten. Rein vom Infektions-Gedanken her ist das viel gefährlicher, weil Hygienestandards nicht geprüft und Infektionsketten nicht mehr nachvollzogen werden können. Kurz gesagt: Logisch ist dieser Vorschlag im Sinne von Corona nicht.

"Wir sind 'pfui' und deshalb sollen wir nicht mehr stattfinden."

Johanna Weber zu watson

Sie glauben, hier wird mit zweierlei Maß gemessen?

Ja, eindeutig. Wir sind "pfui" und deshalb sollen wir nicht mehr stattfinden. Selbst das Gesundheitsamt sieht infektionstechnisch keinen Unterschied zwischen einer normalen Massage und einer erotischen. In unserer Branche kommen auch nicht solche Menschenmassen zusammen wie in der U-Bahn. Wir haben also nicht mit anderen Infektions-Problemen zu kämpfen als andere Branchen auch.

Wie geht es den Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen seit Corona?

Der Großteil der Branche hat einen festen Wohnsitz und ist normal beim Finanzamt angemeldet. Für die gilt dasselbe wie auch für andere Selbstständige, die keine laufenden Kosten haben: Sie leben momentan von ihren Rücklagen. Die Soforthilfegelder, die vom Staat als Ersatz für die fehlenden Einkünfte angekündigt wurden, sind ja nur für Betriebskosten. Aber ähnlich wie ein freier Musiker können Sexarbeiter das Geld nicht verwenden. Viele suchen nach schnellen Jobs, aber die sind derzeit rar. Wichtig wäre eine Perspektive. Dann könnten die Betroffenen zumindest absehen, ob sie drei Monate überbrücken oder sich langfristig nach anderer Arbeit umsehen müssen.

Und wenn man keine Rücklagen hat?

Dann wird es prekär. Was machen wir mit all den Sexarbeitenden, die durch die Netze fallen? Die kein Erspartes haben oder zu schlecht ausgebildet sind für andere Jobs? Die vielleicht nicht gut Deutsch sprechen? Die sollen ja während Corona nicht in die Illegalität gezwungen werden. Wir haben für diese Fälle einen Nothilfefonds gegründet und können so besonders bedürftigen Kolleginnen unter die Arme greifen. Es ist toll, wie viele Spenden da eingehen. Trotzdem merken wir, wie uns auch dieses Geld durch die Finger rinnt. Es muss was passieren. Ich finde es eine Frechheit, dass sich die Politiker nicht viel eher darum Gedanken machen, als solche Forderungen zu stellen.

Das allergrößte Problem der Branche sind aber langfristig die Arbeitsplätze, also die Bordelle. Die stehen seit über zwei Monaten leer, die Kosten laufen aber weiter. Geht das so weiter, sind in einem halben Jahr alle pleite. Und wo sollen wir dann arbeiten?

"Während der Dienstleistung darf der Mund-Nase-Schutz auch nicht abgesetzt werden."

Johanna Weber zu watson

Wie könnte denn so ein Corona-Betrieb im Bordell aussehen?

Da kann man sich zwei Faktoren zunutze machen: Erstens herrscht in einem Bordell nur Eins-zu-eins-Kontakt und zweitens wollen die Freier sowieso niemanden sonst sehen. Die wollen ihrem Nachbarn sicher nicht plötzlich auf dem Flur begegnen. Spontane Besuche wären dann erstmal nicht möglich, der Kunde müsste telefonisch einen Termin abmachen und dann holt die Prostituierte ihn an der Tür ab.

Im Zimmer gelten die Hygienerichtlinien: Hände waschen, während des Vorgesprächs 1,5 Meter Abstand halten und dann darf während der Dienstleistung der Mund-Nase-Schutz auch nicht abgesetzt werden. Klar ist das blöd, kann man aber machen. In der Regel haben die Bordelle sowieso schon gute Reinigungskonzepte, die aber problemlos erweitert werden können, wie mir die Betreiber immer wieder versichern. Heißt also: Lüften, Türklinken desinfizieren, intensiv zwischen den Besuchen putzen. Wie es auch andere Betriebe handhaben.

Aber Freier wollen ja meist nicht erkannt werden. Wie sollen dann da Infektionsketten gesichert werden?

Unser Plan wäre es, dass die Kunden einen Zettel, Briefumschlag und Kugelschreiber bekommen, ihre Handynummer und E-Mail aufschreiben und auf den Umschlag Datum und Uhrzeit ihres Besuchs notieren. Diese Umschläge könnten wir vier Wochen aufbewahren und danach entsorgen. Die meisten Kunden kennen und vertrauen den Sexarbeitern und wollen auch selbst informiert sein, da sehe ich also kein Problem. Sollte dann tatsächlich ein Corona-Fall auftreten, könnte man sofort nachvollziehen, wer miteinander in Kontakt war und den Freier kontaktieren.

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