Legendärer Abend, katastrophaler Morgen? Derzeit kursiert ein "Geheimmittel" für den Kater nach zu viel Alkohol.
Legendärer Abend, katastrophaler Morgen? Derzeit kursiert ein "Geheimmittel" für den Kater nach zu viel Alkohol.getty images / Caiaimage/Paul Bradbury
Gesundheit & Psyche

Durchfallmedikament gegen den Kater: Wie gefährlich ist das Wundermittel Elotrans?

02.08.2022, 10:40

Gegen den Kater am nächsten Morgen gibt es viele Tipps: Der eine schwört auf das Wasser von sauren Gurken, eine andere auf Aspirin und Rollmops und wieder andere versuchen, den Kater bereits mit genügend Wasser zwischen den Drinks am Abend selbst vorzubeugen.

Doch inzwischen scheint es, schwören junge Leute vor allem auf eins in Sachen Katervermeidung: Elektrolytelösung.

Konsum ohne Konsequenzen

Vor allem das Medikament Elotrans des Pharmakonzerns Stada ist dabei besonders beliebt. Die Social-Media-Plattform Tik Tok ist voller Videos junger Menschen, die sich teilweise betrunken filmen und ankündigen, Elotrans auszuprobieren – und sich danach hellauf begeistert von der Wirkung zeigen. Eigentlich ist die Elektrolyte-Lösung ein Mittel gegen Durchfallerkrankungen. Nun ist es scheinbar auch das lang ersehnte Heilmittel für einen Alkoholkonsum ohne Konsequenzen.

Viele Influencer schwören auf Elotrans als Anti-Kater-Mittel.
Viele Influencer schwören auf Elotrans als Anti-Kater-Mittel.tiktok

Trinken ohne Kater am nächsten Tag – eine Vorstellung, die wahrscheinlich viele Menschen reizvoll finden. Kann es wirklich so einfach sein? Die hohe Nachfrage scheint darauf hinzudeuten.

Denn die Influencer und Influencerinnen sind nicht die einzigen, die das Potenzial der Elektrolyte-Mischungen wie Elotrans oder Tabletten wie Katerfly und Hang & Over als Anti-Katermittel entdeckt haben. Ihre Fans folgen treu. Das merkt man daran, dass die Medikamente derzeit überall ausverkauft sind: Weder Amazon noch (Online-)Apotheken kommen mit der Lieferung von Elotrans hinterher. Laut Aussage des Berliner Apothekenverbands gegenüber watson besteht dieser Lieferengpass seit Mai dieses Jahres.

Eine Sprecherin des Bayerischen Apothekerverbands sagt auf Anfrage von watson: "Uns wird von einer vermehrten Nachfrage nach Elotrans berichtet. Punktuell kommt es auch zu Lieferengpässen. Wir wissen von Apotheken, bei denen das Präparat bereits seit einiger Zeit nicht mehr verfügbar ist. Einige stellen das Elektrolytpulver daher in der Apotheke selbst her." Für welchen Zweck es verwendet werde, sei nicht bekannt.

"Falsch dosiert kann es zu erheblichen Nebenwirkungen kommen, von Krämpfen und Durchfall bis im schlimmsten Fall sogar zu Herz-Rhythmus-Störungen."
Sprecherin der Apothekerkammer Bayern gegenüber watson zur Nutzung von Elotrans

Dafür häufen sich beim Online-Lieferanten Kommentare zur Anwendung von Elotrans, die keinen Zweifel daran lassen, wo das Medikament seinen Einsatz findet:

Einige Amazon Bewertungen für Elotrans.
Einige Amazon Bewertungen für Elotrans.watson

Die Sprecherin des Apothekerbandes Bayern warnt allerdings davor, Elotrans ohne Notwendigkeit zu konsumieren: "Falsch dosiert kann es zu erheblichen Nebenwirkungen kommen, von Krämpfen und Durchfall bis im schlimmsten Fall sogar zu Herz-Rhythmus-Störungen."

Nicht nur die falsche, auch die dauerhafte Einnahme kann laut Lutz Schehrer gefährlich werden. Das Vorstandsmitglied des Hamburger Apothekervereins sagt gegenüber watson: Wenn man das Präparat täglich anwende, könne das "aufgrund des Kaliumgehaltes zu Nierenschäden, und aufgrund des Natriumgehaltes zu Bluthochdruck führen. Die enthaltenen Salze sollen ja nur zugeführt werden, wenn diese zu stark ausgeschieden wurden."

Gerade für vorerkrankte Menschen mit Herzschwäche, Bluthochdruck oder Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) kann die Einnahme von Elektrolyte-Lösung schnell gefährlich werden.

Elektrolytemittel Elotrans restlos ausverkauft

Der Konzern selber hat scheinbar nicht viel gegen die missbräuchliche Nutzung seines Medikaments. Ihr lustiger Instagram-Auftritt lässt jedenfalls Raum für Interpretationen. Laut Heilmittelwerbegesetz (HWG) allerdings ist irreführende Werbung für Medizinprodukte verboten. Da Elotrans nur "zur Rehydratation und Elektrolytsubstitution bei Durchfallerkrankungen" zugelassen ist, darf es folglich nicht als Katermittel beworben werden.

Stada selbst sagt auf Anfragen des Magazins "Der Spiegel" öffentlich, auf keinen Fall wolle man mit dem Instagram-Kanal "die Risiken des Alkoholgenusses kleinreden oder relativieren oder Menschen dazu motivieren, Alkohol zu trinken." Das Unternehmen führt die erhöhte Nachfrage nach dem Durchfallmedikament auf die Reisesaison zurück.

Lieferengpässe gibt es tatsächlich aktuell nicht nur bei Elotrans: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte listet derzeit über 250 Medikamente auf, die nicht lieferbar sind – meist jedoch nur zeitweise und in bestimmten Verpackungsgrößen. Dazu gehören beispielsweise auch wichtige Alltagsmedikamente wie Paracetamol- und Ibuprofensäfte für Kinder, Asthmasprays, Blutdrucksenker, Narkosemittel, Antidepressiva und Jod-Tabletten.

Das kommt daher, dass aus Kostengründen immer mehr Wirkstoffe von Arzneien in ein paar wenigen Betrieben zum Beispiel in China und Indien produziert werden. Während im Jahr 2000 noch 59 Prozent der Wirkstoffe in Europa produziert wurden und 31 Prozent in Asien, kommen 2020 63 Prozent der Wirkstoffe aus Asien. So kommt es auch schneller zu Lieferschwierigkeiten.

Der Anfang in den Alkoholismus wird einfacher

Wie problematisch der Trend zur Elektrolyte-Lösung als Anti-Kater-Mittel ist, weiß auch Dr. med. Reingard Herbst, Suchtmedizinerin und Chefärztin der Nescure Privatklinik am See.

Dr. Reingard Herbst sieht den Elektrolyte-Trend kritisch.
Dr. Reingard Herbst sieht den Elektrolyte-Trend kritisch.privat

"Ich sehe nicht das Problem in der Nutzung an sich, sondern in dem, was das Ganze den Nutzern vorgaukeln kann", sagt sie im Gespräch mit watson. Darüber hinaus findet sie es problematisch, wenn Kleinkinder oder alte Menschen nun keine Medikamente mehr bekommen, weil Partygänger sie gegen ihren Kater verwenden. Denn für sehr junge oder hochbetagte Menschen können Durchfallerkrankungen durchaus eine ernste Gefahr darstellen.

"Die Anspruchshaltung unserer Gesellschaft ist wirklich, die Dinge nicht mehr spüren zu wollen."
Dr. Reingard Herbst

Doch das nicht die einzige Sorge, die Herbst umtreibt. "Das sind die Patienten von morgen", sagt sie. Ihre Befürchtung ist, "dass die jungen Menschen mit dem Alkohol noch leichtfertiger umgehen", wenn sie die direkten und auch unangenehmen Nachwirkungen des Konsums nicht mehr spüren.

Den Menschen werde "durch dieses Nichtspüren der Auswirkung vorgegaukelt (...), dass der Alkohol vermeintlich ungefährlicher wäre", kritisiert die Suchtmedizinerin. Und sie sieht, gerade im Hinblick auf einen "fließenden Übergang in eine Abhängigkeit", den leichtfertigeren Alkoholkonsum als "sehr problematisch".

"Diese Wahrnehmung des Körpers, dass er auf Dinge reagiert, ist etwas ganz Elementares. Wir sind ja gerade wunderbar dabei, immer alles wegzudrücken. Unsere Gesellschaft möchte nichts Unangenehmes spüren. Ich hab Kopfweh, ich brauche eine Tablette. Mir geht es nicht gut: Das muss man wegmachen. Ich habe eine Erkrankung: Die muss morgen weg sein. Die Anspruchshaltung unserer Gesellschaft ist wirklich, die Dinge nicht mehr spüren zu wollen."
Dr. Reingard Herbst

Verdrängung mit Alkohol

Und gerade das kann zum Problem werden: Diejenigen Patienten der Suchtmedizinerin, die sich spüren und merken können, wie ihr Körper reagiert, würden ganz anders und vorsichtiger mit Medikamenten umgehen. Dies gilt nicht nur für körperliche, sondern auch seelische Beschwerden. "Wir müssen auch schlechte Gefühle aushalten und schauen: Wie lange dauert es und was muss ich tun, dass ich rauskomme aus dem Ganzen?"

"Genau das sind auch unsere Patienten: diejenigen, die sich nicht mehr spüren."
Dr. Reingard Herbst

Denn Alkohol und Depressionen hängen häufig zusammen: Damit einher gehe der Wunsch, nichts mehr zu spüren. "Genau das sind auch unsere Patienten: diejenigen, die sich nicht mehr spüren." Manche benutzten den Alkohol, um das zu erreichen, um etwas nicht zu spüren. Zum Beispiel, um schlechte Gefühle zu verdrängen.

Feiern, als gäbe es keinen Kater: Kein Problem mit Elektrolyte-Lösung.
Feiern, als gäbe es keinen Kater: Kein Problem mit Elektrolyte-Lösung. getty images/SolisImages

Und genau das sei das Gefährliche: Denn "dann rutscht man ganz schnell in diese Funktionalität des Suchtmittels", sagt Herbst und führt weiter aus:

"In dem Moment, wo der Alkoholkonsum eine Funktion übernimmt, wird es ganz schnell im Gehirn ein anderes Umgehen geben. Das heißt, alle Gefühle oder Zustände, die ähnlich im Gehirn gedeutet werden, wie eine Veränderung von Gefühlsmustern, eine Bedrohung oder Stressreaktion, die werden dann ganz schnell umgelenkt in die Richtung 'Da brauche ich jetzt Alkohol dazu, dann ist es weg'. Da wird man konditioniert wie ein Hund, der Sitz und Platz machen muss. Dafür gibt es einen Hundekuchen und dann macht man eben Sitz und Platz."

Dabei hat Herbst gar nichts dagegen, wenn man Elektrolyte-Mittel in Ausnahmefällen einmal gegen den Kater verwende: "Es sollte trotzdem ein Mittel sein, was man da belässt, wo es hingehört. Und wenn man es mal benutzt, okay, von mir aus. Aber das ist kein Freibrief für noch mehr Alkohol."

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