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Für viele Kinder ist der Anblick arbeitender Eltern im Homeoffice inzwischen normal. Bild: Westend61 / Westend61

watson-Story

"Mit dem Laptop zum Arbeiten ins Bad eingeschlossen": Wie Eltern Homeoffice und Kinder-Betreuung meistern

Lockdown zum Ersten, zum Zweiten uuund... die Nachricht, dass die Kindertagesstätten wieder geschlossen werden, trieb so manchen Eltern Tränen der Verzweiflung in die Augen. Also mir zumindest. Denn wie toll Homeoffice mit Kindern zu Hause funktioniert, habe ich schon im Frühjahr feststellen dürfen – nämlich gar nicht.

Es mag vereinzelt machbar sein, nachts zu arbeiten, wenn alle anderen Energie tanken, Interviewpartnern höchste Aufmerksamkeit vorzugaukeln, während die Kinder auf dem Ipad hüpfen und "Kannst du kurz"-Anfragen mit Links zu beantworten, weil die rechte Hand gerade vollgeschissene Babybeine in die Luft hält. Aber lachen tut man darüber nur zwei Tage lang. An Tag drei steigen die Tränen auf.

Und so geht es nicht nur mir

Über Wochen hinweg ist der Mangel an Schlaf, Aufmerksamkeit und Professionalität einfach nicht zu ertragen. Weder für meine zweijährigen Zwillinge, noch für meine Kollegen, am wenigsten aber für mich selbst. Jeder kommt dabei zu kurz. Die Kita war die Rettung. Nun ist sie wieder zu.

Jedes dritte Kind geht (laut Umfrage des "Redaktionsnetzwerks Deutschland") weiter in die Notbetreuung. Alle anderen Eltern sollen ihre Kinder "zu Hause betreuen, wann immer möglich". Das wirft Fragen auf: Gilt es auch als "betreuen", wenn man ihnen den Fernseher anschmeißt und ein Brötchen in die Hand drückt? Heißt "möglich", dass man unter drei Nervenzusammenbrüchen und schluchzendem Kindergebrüll zumindest seine Arbeitsstunden runtergerissen hat?

Und während ich diesen Text schreibe, passiert das:

Julia Dombrowsky Zwillinge

Wegen mangelnder Aufmerksamkeit wurden die Zwillinge der Redakteurin zu "Selbstversorgern". Bild: privat

In Anbetracht der steigenden Infektionszahlen und überlasteten Erziehern ist die Schließung logisch und bleibt dennoch ein Dilemma: Die Großeltern können bei der Betreuung nicht einspringen und wer die durch die Regierung angekündigten Extra-Krankheitstage ausschöpft, muss auf einen Teil des Einkommens verzichten und mehrere Wochen in der Arbeit ausfallen. In der naiven Hoffnung natürlich, dass Corona am 14. Februar vorbei ist und man diese Tage nicht später im Jahr noch braucht...

In den sozialen Netzwerken fordern einige Mütter und Väter daher Corona-Elterngeld, andere hätten gerne bezahlten Urlaub oder private Betreuungsangebote. Realistisch wirkt das nicht. Also wie zur Hölle kriegen das all die anderen Eltern hin? Für watson fragten wir bei einigen nach.

Jara darf ihren Sohn in die Kita bringen, weil sie alleinerziehend ist

Jara aus Hamburg, Alleinerziehend mit Gabriel

Jara und ihr Sohn Gabriel. Bild: instagram.com/jaronella / privat

Jara A. ist Key Account Manager und 35 Jahre alt, sie lebt alleinerziehend mit ihrem Sohn Gabriel, 2, in Hamburg.

"Zum Glück bin ich alleinerziehend! Dass ich das mal so sage, hätte ich vor einem Jahr nicht gedacht, aber das war vor Corona. Jetzt bin ich einfach dankbar, dass dieses miese Schicksal mich vor dem absoluten Nervenzusammenbruch schützt und ich mein Kind weiterhin in die Notbetreuung meiner Kita geben darf. Denn wer arbeitet, kann nicht nebenher Kinderbetreuung machen. Das ist ein Vollzeitjob und anstrengend und nervenaufreibend dazu.

"Jetzt bin ich einfach dankbar, dass dieses miese Schicksal mich vor dem absoluten Nervenzusammenbruch schützt."

Das Wochenende hat wieder gezeigt: Wenn ich mich zwei Tage, ohne Arbeit nebenher, um das Kind kümmere und wir dabei nichts machen können, außer hier rumzuhängen oder mal zum Bäcker zu laufen, dann reichen zwei Tage Zweisamkeit und spätestens Sonntagabend höre ich das Wort 'Kita' in Dauerschleife. Er ist zwei!

Ich will gar nicht wissen, wie es größeren Kindern geht, die seit Wochen von ihren Freunden, Sport und Bildung fern gehalten werden und dazu noch in ständiger Angst vor der Krankheit leben müssen, die sie nicht verstehen. Also gut, dass ich alleinerziehend bin und mein Kind zumindest ein paar Stunden am Tag, ein paar Freunde und Erzieher sehen darf. Trotzdem leide ich mit, denn das, was uns und unseren Kindern da zugemutet wird, geht einfach so nicht mehr."

Michal fühlt sich privilegiert, obwohl er seine Kinder zu Hause betreut

Michal M., 45, aus Düsseldorf hat eine 3-jährige Tochter und einen 8-jährigen Sohn. Er und seine Frau arbeiten beide in der Kulturbranche, die gerade besonders unter der Corona-Pandemie leidet. Privat konnten sie sich mit der Kinderbetreuung zu Hause gut arrangieren, aber Michal weiß, wie anstrengend es sein kann, gemeinsam mit Kind zu arbeiten.

"Obwohl unser Alltag während Corona natürlich alles andere als normal ist, habe ich den Eindruck, dass meine Frau und ich eigentlich recht privilegiert sind – selbst wenn wir unsere Kinder zu Hause betreuen.

Wie arbeiten beide in Vollzeit. Dadurch, dass in der Kunst- und Kulturbranche aktuell aber wegen der Pandemie nicht viel passiert, habe ich gerade nicht allzu viele Termine vor Ort, habe weniger Stress und kann viel von zu Hause aus arbeiten. Deswegen kann ich mich auch tagsüber ganz gut um die Kinder kümmern, während meine Frau gerade stärker in ihre Arbeit eingebunden ist. Wenn ich dann doch mal abends zu einer Probe muss, übernimmt wiederum meine Frau. Wir wechseln uns ab, so gut es eben geht.

"Wir haben beide unsere Jobs, bekommen unser Gehalt, haben einen Garten, in dem unsere Kinder spielen können – es funktioniert irgendwie."

Ich bin froh, dass wir trotz Pandemie in einer verhältnismäßig luxuriösen Situation sind: Wir haben beide unsere Jobs, bekommen unser Gehalt, haben einen Garten, in dem unsere Kinder spielen können – es funktioniert irgendwie. Auch, wenn wir natürlich mehr aufeinander hocken als sonst.

Ich kann mir aber nicht vorstellen, wie Eltern ihren Alltag und die Kinderbetreuung stemmen, wenn sie beide täglich acht Stunden nonstop vor dem Rechner sitzen müssen. Selbst wir kommen hin und wieder an unsere Grenzen – wenn man konzentriert versucht, am Laptop zu arbeiten und gleichzeitig sein Kind im Auge zu behalten, kratzt das einfach an den Nerven."

Tatjanas Sohn geht in eine private Kita und wird daher weiter betreut

Tatjana und ihr Sohn. Kita Lockdown

Tatjana und ihr Sohn Fynn Stefan. Bild: privat / privat

Tatjana K. ist 24 Jahre alt und arbeitet selbstständig im Beautybereich. Sie lebt im österreichischen Klagenfurt, auch dort herrscht Lockdown. Ihr Sohn Fynn Stefan wurde gerade 4 Jahre alt.

"Mein Sohn feierte im Januar mitten im Lockdown seinen vierten Geburtstag. Da er einen privaten und keinen städtischen Kindergarten besucht, haben wir keine Probleme mit den Betreuungsplätzen. Das ist für mich eine riesige Erleichterung! Bestimmt könnte ich auch für kurze Zeit neben ihm zu Hause arbeiten, aber auf Dauer würde es nicht zu hundert Prozent funktionieren.

"Eltern, die Beruf, Homeschooling und Freizeitaktivitäten unter einen Hut bringen müssen, beneide ich nicht."

Der Lockdown machte alles anders. Ich vermisse mittlerweile soziale Kontakte und die ganzen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Wir machen aber als Familie das Beste aus der Situation. Besonders schön für mich ist es, dass man sich durch die Lockdown-Ruhe mehr Zeit nimmt. Ich liebe es, vergessene Dinge mit meinem Sohn neu zu entdecken. Zum Beispiel war die Weihnachtszeit sehr besonders für uns, weil wir Kekse backen, mit Salzteig basteln und den Schnee in vollen Zügen genießen konnten. Alles ohne Zeitdruck, irgendwohin zu müssen.

Ich glaube, für uns sieht die Welt momentan aber bloß so rosarot aus, weil die Kinderbetreuung weiterhin geregelt ist und mein Sohn noch nicht die Schule besucht. Eltern, die Beruf, Homeschooling und Freizeitaktivitäten unter einen Hut bringen müssen, beneide ich nicht. Ich glaube, viele Eltern müssen jetzt über ihren Schatten springen und im Familien und Bekanntenkreis nach Hilfe fragen. Es ist ja keine Schande, an seine Grenzen zu kommen."

Paul betreut seine Kinder daheim, um die Kita zu entlasten

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Luise und Karl beim Lockdown-Picknick im Pyjama. Bild: privat

Paul S., 40, und seine Frau arbeiten beide in Vollzeit, während sie ihre Kinder, 5 und 2, in München zu Hause betreuen. Obwohl Paul seine Kinder in die Kita geben könnte, hat er sich bewusst dagegen entschieden.

"Obwohl ich in einem systemrelevanten Beruf arbeite und wir unsere Kinder in die Notbetreuung abgeben dürften, haben meine Frau und ich uns bewusst dagegen entschieden. Zum einen natürlich, um unsere Kontakte zu minimieren und unsere Familie vor einer Corona-Ansteckung zu schützen. Zum anderen aber, und das ist der Hauptgrund, weil wir glauben: Andere Familien brauchen die Kita-Plätze gerade dringender als wir und wir wollen die Erzieherinnen und Erzieher nicht zusätzlich belasten.

Meine Frau und ich glauben, dass Pfleger, Ärzte, Polizisten oder Menschen, die in der Lebensmittelbranche arbeiten, die Kinderbetreuung einfach gerade eher benötigen als wir. Wir können ins Homeoffice ausweichen und dort unsere Kinder selbst betreuen. Das können andere, die in ihrer Arbeit vor Ort sein müssen, eben nicht. Und die sollten unserer Meinung nach priorisiert behandelt werden. Es kann ja nicht sein, dass angesichts des Infektionsgeschehens alle weiterhin ihre Kinder in die Kita schicken wie immer. Dass manche Betreuungsstätten bis zu 75 Prozent ausgelastet sind, kann ich nicht nachvollziehen.

"Es ist nicht einfach, wenn wir aber so unseren Teil beitragen können, um andere zu schützen, ist es das meiner Frau und mir wert."

Natürlich ist es stressig, zu Hause mit zwei kleinen Kindern zu arbeiten, vor allem wenn beide Elternteile in Vollzeit tätig sind. Meine Frau und ich wechseln uns ab, so gut es eben geht: Wir haben die Regel, wer das Video-Meeting mit dem größeren Redeanteil hat, bekommt das Schlafzimmer für sich, während der andere ein Auge auf die Kinder wirft. Aufgaben, bei denen ich mich sehr konzentrieren muss, erledige ich nachts, manchmal gehe ich erst um 4 Uhr morgens schlafen und muss um 8 Uhr wieder aufstehen. Und ja, es ist auch schon vorgekommen, dass ich mich mit dem Laptop zum Arbeiten ins Bad eingeschlossen oder meiner Tochter die tolle Aufgabe gegeben habe, Wäsche abzuhängen, um sie irgendwie zu beschäftigen.

Es ist nicht einfach, wenn wir aber so unseren Teil beitragen können, um andere zu schützen, ist es das meiner Frau und mir wert. Wir sind beide sehr freiheitsliebende Menschen und wollen schließlich auch, dass die Pandemie bald vorbei ist. Ein Ende ist ja glücklicherweise in Sicht, die Infektionszahlen sinken, es werden immer mehr Menschen geimpft. Und wir freuen uns darauf, vielleicht im Sommer schon wieder verreisen zu können."

Liesa ist zuversichtlich, dass die Corona-Maßnahmen bald ihre Wirkung zeigen

Liesa ist 31 und arbeitet in Dresden im Gesundheitswesen. Ihre Tochter geht momentan noch ganz normal in die Kita, die trotz Lockdown zu 70 Prozent ausgelastet ist. Liesa ist dankbar, dass ihr Alltag noch einigermaßen normal abläuft.

"Wir haben Glück – mein Mann und ich sind beide systemrelevant. Mein Arbeitgeber ist sehr verständnisvoll für die Lage junger Eltern und bietet, wo er kann, Unterstützung an, auch wenn mein Arbeitskalender sehr voll ist.

Ich bin sehr glücklich, dass meine Tochter einen geregelten Tagesablauf hat. Da sie aber noch sehr klein ist, kann bei ihr ein normaler 'Kindergartenschnupfen' recht schnell vorkommen und dies führt bei mir dann doch zu großer Unsicherheit, ob ich mein Kind abgeben kann oder nicht.

"Mir fehlt es als Mutter eher an meinem privaten Ausgleich, wie Kultur und Freunde."

Da ich im Gesundheitssystem arbeite, habe ich durch mein Wissen vollstes Verständnis für die Maßnahmen, fühle mich aber auch gleichzeitig privilegiert, dass unser Alltag so normal abläuft. Mir fehlt es als Mutter eher an meinem privaten Ausgleich, wie Kultur und Freunde, was den Arbeits - und Mutteralltag manchmal recht eintönig wirken lässt. Aber ansonsten bin ich zuversichtlich, dass es – wenn sich alle an die Maßnahmen halten würden – bald wieder ein bisschen bunter und abwechslungsreicher wird."

Juli wünscht sich, dass die Politik mehr an Familien mit kleinen Kindern denkt

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Zu Hause arbeiten geht nur, wenn sie und ihr Mann die Kinder abwechselnd betreuen, sagt Juli. Bild: privat

Juli S. aus Dortmund ist 40 und Coach für Eltern sowie Autorin. Ihre beiden Zwillingssöhne, 5, gehen seit vergangener Woche wieder in die Kita. Ansonsten betreuen Juli und ihr Mann noch ihren einjährigen Sohn zu Hause.

"Hier in NRW haben wir den eingeschränkten Regelbetrieb und meine Zwillingssöhne haben dort aktuell die Möglichkeit, vormittags ein paar Stunden in einer kleinen Gruppe zu verbringen.

Meine Selbstständigkeit bastele ich um die Betreuung der Großen und unseres kleinen Sohns, 1, herum. Da mein Mann Elternzeit hatte, sind wir persönlich betreuungsmäßig in diesem zweiten Lockdown gut zurechtgekommen. Allerdings haben die Zwillinge Kontakte zu anderen extrem vermisst. Ich sehe jedoch auch bei meinen Klientinnen und bei Frauen, mit denen ich über Social Media in Kontakt stehe, wie belastet viele Familien aktuell sind.

"Wenn ich die Kinder betreue, kann ich im Grunde keine einzige Mail in einem Rutsch beantworten."

Als Coach kann ich nur arbeiten, wenn meine Kinder betreut sind. Sonst habe ich keine Möglichkeit, meinen Klientinnen gerecht zu werden. Im ersten Lockdown haben wir in Schichten gearbeitet. Mein Mann hat um 5 Uhr das Haus verlassen, ich bin dann aufgestanden und habe so lange beispielsweise E-Mails und Anfragen abgearbeitet, bis die Kinder wach wurden. Wenn mein Mann dann am frühen Nachmittag nach Hause kam, habe ich weitergemacht, Zoom-Termine wahrgenommen und so weiter. Wenn ich die Kinder betreue, kann ich im Grunde keine einzige Mail in einem Rutsch beantworten, sodass für uns nur Schichtdienst funktioniert.

Mir ist bewusst, dass alle um verantwortungsvolle Entscheidungen bemüht sind. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass die Politiker bei ihren Entscheidungen die Familie und insbesondere die Kinder mehr sehen und mitdenken und das auch praktisch einfließen lassen."

Meinung

Kinder im Dauerstress: Warum die Kindheit mit dem Kita-Besuch aufhört

Ilona Böhnke ist Erzieherin in Dortmund. In ihrer 40-jährigen Laufbahn hat sie eine wichtige Beobachtung gemacht: Kinder verbringen immer mehr Zeit in Kitas, deren Alltag ist durchgetaktet. Dass Spielen nach Stundenplan und das ständige Zusammensein in der Gruppe auch Arbeit für die Kinder bedeutet, wissen viele Erwachsene nicht. Böhnke warnt nun vor möglichen Folgen.

Morgens Mathe, dann Bildungsbereich Natur bis mittags. Nach der Mittagspause Entspannung, vielleicht noch eine Runde Malen oder Singkreis und dann noch Turnen, bis es wieder nach Hause geht.

Was auf den ersten Blick wie der Alltag von mindestens einem Grundschüler wirkt, ist tatsächlich ein ganz normaler Tag für ein Klein- oder Vorschulkind in der Kita. Zeit für freies Spielen? Bleibt da eigentlich gar nicht.

Viele der Probleme, die in deutschen Kitas vorherrschen, sind zwar immer noch nicht …

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