Social Media-Nutzer sind oft leichte Opfer für Verschwörungstheorien.
Social Media-Nutzer sind oft leichte Opfer für Verschwörungstheorien.
Bild: iStockphoto / Finn Hafemann
Analyse

"Über sogenannte soziale Medien wie Facebook und auch YouTube werden Verschwörungsmythen normalisiert": Experte kommentiert Löschung der Querdenker-Gruppen auf Facebook

17.09.2021, 17:0618.09.2021, 12:21

Als "schädliches Netzwerk" bezeichnet der mächtigste SocialMedia-Konzern der Welt nun die Querdenker-Bewegung und zieht Konsequenzen: Wie Facebook am Donnerstagabend mitteilte, entfernte es insgesamt 150 Nutzerkonten, Seiten und Gruppen, die von Mitgliedern mit Verbindung zur Querdenker-Bewegung betrieben wurden. Diese hätten auf mehreren Plattformen zur Gewalt gegen die angebliche "Coronadiktatur" der Regierung aufgerufen und somit gegen Facebook-Regeln gegen "gesundheitsschädliche Falschinformationen, Aufruf zur Gewalt, Mobbing, Belästigung und Hassrede verstoßen" hätten.

Es sei weltweit die erste gezielte Aktion, die sich gegen eine Gruppierung richte, die eine "koordinierte Schädigung der Gesellschaft" (im englischen Original: "Coordinated Social Harm") verursache, sagte Facebook-Sicherheitsmanager Nathaniel Gleicher.

Welche Auswirkungen eine solche Entscheidung auf die Verbreitung von Fake News und Verschwörungsideologien hat, darüber hat watson mit dem Religionswissenschaftler Michael Blume gesprochen. Blume ist Beauftragter gegen Antisemitismus des Landes Baden-Württemberg – und Autor mehrerer Bücher zum Thema Verschwörungsmythen.

Blume, der auch einen Podcast über Verschwörungstheorien betreibt, widerspricht gegenüber watson vehement dem häufig geäußerten Vorwurf, Löschungen oder Sperrungen dieser Art seien Zensur: "Auch jede Zeitung ist dafür verantwortlich, welche Texte und Bilder sie veröffentlicht. Nach meiner Auffassung hat Facebook Antisemitismus, Hass und Anti-Impfungs-Verschwörungsmythen viel zu lange laufen lassen und damit auch den Tod von Menschen etwa in Myanmar und den USA mitverursacht."

"Die Inhalte bergen in der vorliegenden Form das Potenzial, in reale Gewalt umzuschlagen und auch in anderer Form gesellschaftlichen Schaden anzurichten."
Gemeinsames Statement von Nathaniel Gleicher, globaler Sicherheitsmanager von Facebook und von Deutschland-Manager Semjon Rens

Dies sieht Facebook offenbar ähnlich. In ihrem Statement sagen der globale Sicherheitsmanager von Facebook, Nathaniel Gleicher, sowie Deutschland-Manager Semjon Rens: "Die Inhalte bergen in der vorliegenden Form das Potenzial, in reale Gewalt umzuschlagen und auch in anderer Form gesellschaftlichen Schaden anzurichten." Sie betonten auch, dass die Querdenker "reale Gewalt gegen Menschen ausgeübt" hätten, die "im Journalismus, bei der Polizei oder im Gesundheitswesen" arbeiten.

Nach der Ansicht Blumes sollten nicht nur die Betreiber der Plattformen, sondern auch staatliche Institutionen die Köpfe hinter der Querdenken-Bewegung stärker in den Blick nehmen.

"Tatsächlich würde ich mir wünschen, dass endlich auch staatlich gegen die starken Hinweise auf Betrug und Geldwäsche im Kontext von Querdenken und QAnon vorgegangen wird. Wo ist das ganze Geld geblieben, dass sich Verschwörungsunternehmer wie Michael Ballweg oder Bodo Schiffmann haben 'schenken' lassen? Was ist mit Verkauf weiterer Produkte wie Esoterik, Gold und Finanzanlagen?"

Ab in den "Kaninchenbau": Nutzer sind leichte Opfer für Verschwörungsideologien

Selbst Menschen, die gar nicht so radikal sind, werden mit harmloseren Botschaften in den sozialen Medien geködert und schnell immer tiefer in den dunklen Kosmos, den "Kaninchenbau", hineingezogen.

Blume erklärt die konkrete Gefahr, die aus seiner Sicht von sozialen Medien ausgeht: "Über sogenannte soziale Medien wie Facebook und auch YouTube werden Verschwörungsmythen normalisiert und Leute angelockt, danach in noch radikalere Gruppen gezogen, manipuliert und abgezockt." Darin stecke eine riesige Gefahr für die solcherart Angegriffenen, aber auch für die Verschwörungsgläubigen selbst.

Die Opfer der Verschwörungsaktivisten werden dabei oft nicht nur mit falschen Informationen gefüttert, sondern auch um einige Summen Geld erleichtert: "Umso mehr Geld sich Verschwörungsgläubige abluchsen lassen, umso schwerer finden sie auch wieder den Ausstieg. Jede Instagram-Influencerin muss ihre Werbung kenntlich machen, aber hier lassen wir bisher riesige Abzocken zu", so Blume gegenüber watson.

"Über sogenannte soziale Medien wie Facebook und auch YouTube werden Verschwörungsmythen normalisiert und Leute angelockt."
Politikwissenschaftler Michael Blume gegenüber watson

Das strengere Vorgehen von Facebook gegenüber der Querdenker-Bewegung hält er für eine geeignete Maßnahme, die "großen Schaden" verhindere. "Das Sperren der Accounts unterbricht die gefühlt ständige Verbindung zwischen den Verschwörungsverkündern wie Donald Trump auf Twitter, Querdenken auf Facebook oder Ken Jebsen auf YouTube", erklärt Blume.

Die Radikalisierung geht digital noch schneller

Die Gefahr bei der Sperrung oder Löschung von als gefährlich oder schädlich eingestufter Personen und Gruppen, ist die Abwanderung auf andere, gänzlich unkontrollierte Kanäle. Beispiele dafür sind der ehemalige Ken-FM Moderator Ken Jebsen oder der Kanal "Querdenken 711", den Youtube Ende Mai löschte, da er gegen die Youtube-Richtlinien für Fehlinformationen verstoßen hatte. Der Sprecher von "Querdenken 711" kündigte daraufhin an, auf eine dezentrale Alternative zu Youtube ausweichen zu wollen.

Trotz dieser Gefahr findet Michael Blume das Vorgehen sinnvoll, denn "Verschwörungsbewegungen radikalisieren sich immer und digital schneller denn je." Als Beispiele führt er Holocaust-Leugner in den USA an, die mit NS-Symbolen demonstrieren dürfen. Diese Freiheit "hat keinen Rechtsextremisten jemals beschwichtigt. Gerade auch autoritäre Personen reagieren nicht auf Kuschelpädagogik, sondern nur auf klare Grenzziehungen."

"Gerade auch autoritäre Personen reagieren nicht auf Kuschelpädagogik, sondern nur auf klare Grenzziehungen."
Politikwissenschaftler Michael Blume gegenüber watson

Mit dem aktuellen Vorgehen wendet Facebook neue Regeln für "neue Arten von bedrohlichen Netzwerken" an. Habe der Schwerpunkt beim Vorgehen gegen schädigendes Verhalten zunächst auf "nicht authentischen Aktivitäten" auf Facebook gelegen, bei denen Akteure ihre tatsächliche Identität verschleiern, gehe es nun auch um "authentische" Akteure, "deren Verhalten zu gesellschaftlichem Schaden führen kann", erklärte der Online-Riese.

Dies zeigt, dass auch Facebook die Gefahr von radikalen Nutzern auf seinen Plattformen durchaus bewusst ist. "Auch wenn wir Querdenken nicht grundsätzlich auf unserer Plattform verbieten, werden wir die Lage weiter beobachten und Maßnahmen ergreifen", sobald Facebook weitere Verstöße gegen seine Nutzungsregeln feststelle, erklärten Gleicher und Rens.

Facebook sollte diese Verantwortung für seine Inhalte wie jeder andere Medienanbieter auch wahrnehmen, sagt Michael Blume gegenüber watson: "Facebook ist ja erstaunlich gut darin, blanke Brüste zu entfernen – aber gegen Hakenkreuze, Holocaust-Leugnung und gefährliche Falschinformationen zur Impfung haben sie viel zu lange gezögert."

(mit Material der dpa)

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