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Caucasian pediatrician with stethoscope is waiting for patient stock photo. Pediatrics concept

Kinderärzte klagen über volle Wartezimmer und verunsicherte Eltern. Viele müssen Corona-Maßgaben folgen, hinter denen sie selbst nicht stehen. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / YakobchukOlena

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Ist der Schnupfen schon Corona? Was eine Kinderärztin erlebt

Das Jahr ist 2020. Das Land ist Deutschland. Und Humorist Loriot persönlich hätte seine Freude an dem Sketch, der sich hier momentan jeden Tag in ähnlicher Form abspielt:

Applaus, Applaus für den Irrsinn, der auch Nina (Name von der Redaktion geändert) aus Bayern derzeit zum Kopfschütteln bringt. Nina ist Kinderärztin und selbst Mutter sowohl eines Kita- als auch eines Schulkindes. Die Problematik der Corona-Auflagen kennt sie also aus jeglicher Perspektive und sagt: "Ich staune, was da auf Ärzte abgewälzt wird." Sie hat derzeit ständig mit leicht erkälteten Kinder und ihren Eltern zu tun, die irgendwo zwischen Verzweiflung und Hysterie um ihre Hilfe bitten.

Sie sagt:

"Wenn mich noch eine Mutter fragt, ob ihr schniefendes Kind den Corona-Virus hat, wandere ich aus! Nach China."

Ist das Schnupfen oder schon Corona?

Zu Beginn der Pandemie erlebte sie ihre Praxis eher ruhiger als sonst. Zum einen, weil Vorsorge-Untersuchungen verschoben werden durften, zum anderen, weil weniger Eltern Krankschreibungen für den Arbeitgeber brauchten, da sowieso jeder im Homeoffice war. "Ich hatte auch den Eindruck, banale Infekte wurden häufiger als sonst zu Hause auskuriert, weil viele Angst hatten, sich im Wartezimmer anzustecken", erzählt sie weiter.

Doch das war nur die Ruhe vor dem Sturm. Sobald die Lockerungen in Kraft traten und die Kitas schrittweise öffneten, scharrten die Eltern in ihrem Wartezimmer mit den Hufen. Notgedrungen – denn Kita-Kinder müssen derzeit schon bei kleinen Erkältungssymptomen abgeholt werden, es könne ja Covid-19 sein. Selbst gesunde Kleinkinder durchlaufen im Schnitt allerdings acht bis zwölf Erkältungen im Jahr und bringen berufstätige Eltern damit in eine Zwickmühle, die Nina selbst nur zu gut kennt:

"Da zuckt man bei jedem Husten zusammen, aus Angst, das Kind könne vielleicht morgen nicht in die Kita oder wartet die ganze Zeit auf den Anruf der Erzieher 'Sie müssen ihr Kind bei uns abholen, es hat eben geniest.'"

Und so sammelten sich bei ihr Eltern mit der Bitte nach einer Bestätigung, dass ihre Kleinen nur eine normale Erkältung, keine durch das Coronavirus ausgelöste Erkrankung hätten. "In den meisten Fällen ging es dabei um die klassische Schnupfnase, kein typisches Corona-Symptom – diese Atteste habe ich anfangs also ausgestellt."

Freischein für chronisch Kranke

Doch dann erließ das Gesundheitsministerium neue Maßgaben: Nina darf jetzt nur noch chronisch kranken Kindern derartige Atteste ausstellen. Für die Ärztin der größte Unsinn überhaupt: "Denn das würde auch bedeuten: Ein Kind mit Heuschnupfen dürfe jederzeit in die Kita – selbst wenn es am Ende doch das Coronavirus hat. Und andererseits auch: Eltern von einem Kind mit Schnupfen können direkt mit ihm zu Hause bleiben und sich beim Arbeitgeber abmelden. Das ist unlogisch."

In ihrer Wut schrieb sie sogar einen Brief an das bayerische Gesundheitsministerium, in dem sie neuen Vorgaben als eine "Zumutung" für Familien und Ärzte kritisiert.

Sehr geehrte Frau Trautner, sehr geehrte Frau Huml,
(...)
1. Jedes gesunde Kind im Kindergartenalter "erkrankt" im Jahr an acht bis zwölf banalen Infekten der oberen Luftwege. (...)

2. Wenn alle Kinder mit den oben genannten Symptomen den Kindergarten nicht besuchen können, führt dies zum einen zu einer erheblichen Belastung der berufstätigen Eltern und

3. zu einer permanenten Inanspruchnahme des Gesundheitswesens.

4. Aufgrund der Vorgabe, dass chronisch kranke Kinder (...) auch MIT Erkältungssymptomen den Kindergarten besuchen dürfen, werden sich die Anfragen häufen, den gesunden Kindern Atteste über eine dieser Diagnosen auszustellen. (...)

5. Zu Ende gedacht bedeutet diese Regelung im Umkehrschluss, dass im Herbst nur noch wenige gesunde und alle chronisch kranken Kinder die Kindergärten besuchen dürfen – auch wenn die chronisch Kranken erkältet oder im schlimmsten Falle tatsächlich mit COVID-19 infiziert sind. (...)

Die meisten Arbeitgeber wird es nach dem Verbrauch der zehn Krankheitstage, die Eltern pro Kind und Jahr zustehen, nicht interessieren, dass eine Vorschrift Ihres Ministeriums für die vielen Fehltage verantwortlich ist. (...)

Und ich als Kinderärztin fühle mich alleine gelassen mit den Folgen dieser Entwicklungen, mit denen ich nicht im geringsten einverstanden bin und die ich trotzdem in meinem täglichen Arbeitsleben verteidigen muss.

Auszug aus Ninas Brief an das Ministerium

Ärztin bemerkt: Verunsicherung der Eltern überträgt sich auf Kinder

Eine Antwort erhielt Nina nicht. Stattdessen immer mehr kleine Patienten, die von gestressten Eltern begleitet werden. "Was man jetzt schon merkt ist, dass die Verunsicherung der Eltern auf die Kinder überspringt", berichtet Nina weiter. "Seit dem Beginn der Pandemie höre ich zunehmend Klagen über plötzliches Nägelkauen, Schlafstörungen und extreme Anhänglichkeit. Die Kinder bekommen die Maskenpflicht mit, sind irritiert, dass sie niemanden zu ihrem Geburtstag einladen durften. Die Kinder haben zwar keine Angst vor dem Virus an sich, aber sie spüren durchaus, dass es da draußen irgendetwas gibt, vor dem sich die Erwachsenen fürchten."

Jetzt, wo in Bayern selbst symptomlose Menschen auf das Coronavirus getestet werden dürfen, würde der Test zunehmend gefordert, auch wenn die Medizinerin selbst davon gar nichts hält: "Nun kommen viele zu mir, frei nach dem Motto: 'Mein Kind hat Schnupfen. Können wir da nicht gleich noch einen Corona-Test machen?' Für den Arbeitsalltag ist das kompliziert und in den meisten Fällen auch völlig unnötig." Nina hatte bislang nicht einen einzigen Positivfall, sie rät den meisten Eltern vom Test ab, auch, weil er eine falsche Sicherheit suggeriert.

Ihren eigenen Kindern sagt sie, würde sie bei einem banalen Schnupfen ohne starken Husten oder Fieber nicht testen lassen. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dies auf das Coronavirus hinweist, außerdem stellen die Tests nur eine Momentaufnahme dar. Ein Patient kann also einen negativen Test haben, die Eltern sind beruhigt – und morgen steckt es sich mit dem Coronavirus an."

Wirre Konzepte, irre Diskussionen

Wer mit Erkältungssymptomen in die Praxis kommt, wird nur abends empfangen und das in voller Schutzmontur. Für die Ärzte eine erschwerte Arbeitsatmosphäre, für die Kinder angsteinflößend. Insgesamt also ein Zustand, den Nina lieber heute als morgen beenden würde. Doch von politischer Seite fehlen bislang bessere Lösungen.

Kita-Erzieher sind verunsichert, welche Kinder sie in die Stätten lassen dürfen und welche nicht. Eltern sind verzweifelt, weil sie nicht schon wieder auf der Arbeit fehlen können und die Ärzte sind überlastet und verwirrt aufgrund der sich immer wieder ändernden Bestimmungen. Gerade zu Beginn sei viel Zeit dadurch verloren gegangen, dass Verantwortlichkeiten nicht geklärt waren, berichtet Nina. So hätte sie Kinder mit Covid-19-Symptomen beispielsweise an das Gesundheitsamt verwiesen und dieses dann wieder zurück zu ihr.

"Ich verstehe, dass die Politiker auf eine sich ständig verändernde Situation reagieren mussten, aber klarere Ansagen wären wichtig gewesen und fehlen mir auch heute noch", sagt sie deutlich. Solange diese Ansagen ausbleiben, wird es wohl noch ein wenig weitergehen, mit leidigen Diskussionen an Kita-Türen und vollen Wartezimmern beim Kinderarzt.

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