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Krankenpflegerin Nina Böhmers Facebook-Post über die Zustände in der Pflege ging im März viral. Bild: Alexandra S. Aderhold

Interview

Pflegerin über Corona: "Wir wurden während der Pandemie richtig verheizt"

"Ich bin richtig doll traurig und enttäuscht, ich fühle mich verarscht und ich kann es nicht fassen. Ich bin ernsthaft sprachlos." Mit diesen Worten wendete sich die Krankenpflegerin Nina Böhmer Ende März, während der Höchstphase der Corona-Pandemie, an die Öffentlichkeit: Auf Facebook verfasste sie eine wütende Botschaft, in der sie die miesen Zustände in der Pflege anprangerte.

Das Posting der 28-Jährigen wurde über 73.000 Mal geteilt, Böhmer wurde zu einer der Symbolfiguren, die täglich nicht nur gegen das Coronavirus, sondern sämtliche andere Krankheiten kämpft. Und das bei schlechter Bezahlung, anstrengenden Arbeitszeiten und chronischem Personalmangel.

Mit diesem Posting machte Böhmer auf die Pflege-Situation während der Corona-Krise aufmerksam:

Mittlerweile hat Böhmer ein Buch herausgegeben über die Herausforderungen, denen sich Pflegekräfte nicht nur während der Corona-Pandemie, sondern auch außerhalb von Krisenzeiten stellen müssen. Inspiriert von ihrem Facebook-Posting trägt es den Titel: "Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken".

Watson hat mit Böhmer über Wertschätzung für Pfleger und Pflegerinnen gesprochen, welche Rolle die Politik dabei spielt und was aus dem Applaus geworden ist, der wochenlang von den Balkonen tönte.

"Das Klatschen steht für mich symbolhaft für die Corona-Krise."

Watson: Frau Böhmer, wenn Sie die Corona-Krise für Pflegekräfte in einem Wort zusammenfassen müssten – welches wäre das?

Nina Böhmer: Wenn ich mir eins aussuchen müsste, wäre das: Kanonenfutter.

Warum?

Weil wir Pfleger und Pflegerinnen während der Pandemie richtig verheizt worden sind. Dass es Missstände in der Pflege gibt, ist ja nun schon länger bekannt – während der Pandemie allerdings wurden die Arbeitsbedingungen noch herausfordernder.

Deswegen standen auch wochenlang jeden Abend Menschen auf ihrem Balkon und applaudierten für das medizinische Fachpersonal, das an vorderster Front gegen das Virus kämpfte.

Das Klatschen, das jeden Abend um 18 Uhr ertönte, steht für mich deswegen auch symbolhaft für die Corona-Krise und ist mir besonders in Erinnerung geblieben.

"Personalmangel, lange Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung waren auch vor der Pandemie schon Thema, wurden von der Öffentlichkeit aber eher ignoriert. Bei all diesen Problemen hilft Klatschen nun einmal nicht."

Es hat sie allerdings auch wütend gemacht: Im März verfassten Sie deshalb einen Facebook-Beitrag, in dem unter anderem der Satz stand: "Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken". Das ist nun auch der Titel Ihres neuen Buchs. Was hat Sie denn an dem Applaus so gestört?

An sich weiß ich, dass der Applaus nett gemeint war und die Menschen so ihre Solidarität uns und den Ärzten und Ärztinnen gegenüber bekunden wollten. Wahrscheinlich haben sich die Deutschen die Geste von den Italienern abgeschaut, wo die Pandemie ja noch viele Opfer mehr gefordert hat. Dennoch hat es mich geärgert, dass erst eine große Krise kommen musste, bis die Menschen gemerkt haben, wie schlecht es um die Pflege hierzulande steht: Personalmangel, lange Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung waren auch vor der Pandemie schon Thema, wurden von der Öffentlichkeit aber eher ignoriert. Bei all diesen Problemen hilft Klatschen nun einmal nicht.

In Ihrem Buch zitieren Sie eine Krankenschwester, die sich nach Ihrem Posting bei Ihnen gemeldet hatte. Sie schrieb: "Während die Eliten im Homeoffice ihr Geld verdienen, reißen wir uns für ein paar Kröten den Arsch auf". Können Sie ihren Frust nachvollziehen?

In gewisser Hinsicht, aber ich würde das nicht so heftig formulieren und kann das so auch nicht unterstützen. Klar gibt es Berufe, in denen Homeoffice möglich gewesen ist und in denen man auch besser verdient als bei uns. In der Pflege geht es eben nicht, zu Hause zu bleiben und von da aus zu arbeiten, das ist einfach so – und damit geht leider einher, dass wir uns einem größeren Ansteckungsrisiko aussetzen. Das war es wohl auch, was die Pflegerin so aufregte. Andererseits kann ich mir vorstellen, dass es für manche Menschen im Homeoffice nicht immer einfach war, vor allem nicht, wenn sie neben der Arbeit kleine Kinder betreuen mussten.

"Wäre so ein großer Ansturm gekommen wie in Italien, wäre das auch für die Pflegekräfte schrecklich geworden."

Obwohl die Lage in der Pflege vor Corona schon brenzlig war, hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Personaluntergrenzen während der Pandemie aufgelöst. Konnten Sie das nachvollziehen?

Glücklicherweise waren die Krankenhäuser hierzulande auch während der Höchstphase der Pandemie verhältnismäßig leer. Wäre so ein großer Ansturm gekommen wie in Italien, wäre das auch für die Pflegekräfte schrecklich geworden: Denn mit dem Aussetzen der Personaluntergrenzen hätte ein Pfleger oder eine Pflegerin unbegrenzt viele Patienten betreuen müssen. Ich weiß nicht, wie das hätte funktionieren sollen, wenn eine Pflegekraft allein plötzlich für beispielsweise 50 Menschen oder mehr zuständig gewesen wäre.

Wie viele Patienten betreuen Sie denn aktuell im Durchschnitt?

Im Frühdienst sind es im Schnitt 18. Im Nachtdienst können es deutlich mehr sein, etwa 35, manchmal 40, für die man allein verantwortlich ist. Da kann es schon einmal passieren, dass man die ganze Schicht über keinen Schluck trinkt oder nicht mal auf Toilette geht, weil einfach die Zeit dafür nicht da ist.

Wie konnte es denn Ihrer Meinung nach zu derartigen Missständen in der Pflege kommen?

Wegen der Fallpauschalen, die in Krankenhäusern eingeführt worden sind, steht der Profit zu sehr im Vordergrund. Die Kliniken wollen fair wirtschaften, sparen dann allerdings gleichzeitig an Personalkosten. Wegen solcher Sparmaßnahmen lassen sich die bestmöglichen Behandlungen allerdings nicht mehr durchsetzen, weil es schlichtweg an qualifizierten Fachkräften fehlt.

"Wir sind nicht im Hotel, sondern im Krankenhaus, und können nicht jeden Extra-Wunsch erfüllen."

Nicht nur vonseiten der Politik fehlt es an Wertschätzung in der Pflege: In Ihrem Buch sprechen Sie auch über den mangelnden Respekt, den Sie von Patienten erfahren. Woher, glauben Sie, kommt so eine Haltung?

Wahrscheinlich sind manche Patienten unzufrieden, weil wir Pflegekräfte aufgrund unserer Arbeitsbedingungen keine Zeit für sie haben. Den Frust darüber kann ich nachvollziehen. Schwieriger ist es allerdings, wenn wir mehr als Servicekräfte angesehen werden. Schließlich sind wir nicht im Hotel, sondern im Krankenhaus, und können nicht jeden Extra-Wunsch erfüllen.

Werden Ärzte und Ärztinnen Ihrer Erfahrung nach mehr respektiert?

Ein wenig, was vermutlich daran liegt, dass sie noch mehr Fachwissen haben als wir Pfleger und Pflegerinnen. Allerdings darf man nicht vergessen: Auch wir verfügen über medizinische Fachkenntnisse, auch wir setzen uns in der Ausbildung mit Anatomie, Krankheitsbildern oder OP-Verläufen auseinander. Trotzdem passiert es immer wieder, dass Patienten den Pflegekräften gegenüber ungehalten werden – und zum Arzt dann ganz freundlich und höflich sind.

"Es gab so viele Corona-Helden, über die nicht so viel gesprochen wurde, wie zum Beispiel medizinische Fachangestellte, die Mitarbeiter in Apotheken oder Laboren sowie Zahntechnische Assistenten."

Glauben Sie denn, die Pflegenden konnten die Corona-Zeit nun nutzen, um sich Gehör und damit vielleicht auch mehr Wertschätzung zu verschaffen?

Ich denke schon. Mir fällt auf, dass uns größeres Interesse entgegengebracht wird als sonst, die Medien berichten viel über unsere Situation, das ist natürlich eine gute Möglichkeit für uns, um gehört zu werden und Druck aufbauen, damit sich die Arbeitsbedingungen in diesem sonst so schönen Beruf ändern. Gleichzeitig gab es auch so viele andere Corona-Helden, über die nicht so viel gesprochen wurde, wie zum Beispiel medizinische Fachangestellte, die Mitarbeiter in Apotheken oder Laboren sowie Zahntechnische Assistenten, die auch einem besonders großen Ansteckungsrisiko mit dem Coronavirus ausgesetzt sind. Da wurden viele Menschen in der öffentlichen Debatte vergessen.

Und was ist nun von dem Applaus während des Lockdowns geblieben? Hat sich nachhaltig etwas geändert?

Eigentlich nicht viel: Die Wertschätzung im Arbeitsalltag ist recht ähnlich geblieben. In der Gesellschaft ist es zwiegespalten, habe ich den Eindruck. Manche Menschen stehen uns bei und sehen, dass sich etwas ändern muss in der Pflege. Andere, und das sehe ich immer wieder in den Kommentarspalten zum Thema Pflege, meinen, wir würden zu viel jammern und bereits ausreichend verdienen. Die Politik hat außerdem versucht, mit der einmaligen Bonuszahlung an Pflegekräfte das Ruder herumzureißen und zu zeigen, dass sie gewillt ist, etwas zu verändern – allerdings nicht nachhaltig. Ich hätte mir lieber eine langfristige Änderung des Systems gewünscht.

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