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Ist die plötzliche Solidarität gegenüber Pflegepersonal falsch? Eine Berliner Pflegerin beschwerte sich zumindest darüber. (Symbolbild) Bild: E+ / alvarez

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Pfleger sind wütend wegen Corona-Krise: "Fühlen uns noch mehr ausgenutzt"

Als die 28-jährige Krankenpflegerin Nina Magdalena Böhmer auf Facebook ihre Wut über die Situation von Pflegekräften in Deutschland schilderte, die sich in der Corona-Krise nur noch weiter zugespitzt hätte, löste sie eine Welle der Solidarität aus. Viele Menschen, die im selben Bereich tätig sind, erkannten ihre eigene Situation und Probleme in ihrem Post wieder.

Schlechte Bezahlung, ein zu hohes Arbeitspensum und scheinbar keine Hilfe vom Staat erleben viele Pfleger allzu häufig. Und da hilft es ihnen auch nicht, wenn sich abends ein paar Leute auf den Balkon stellen und eine Runde klatschen.

Oder kurz, wie Nina es selbst in ihrem Posting formulierte:

"(...) ich bin sauer. Und euer Klatschen könnt ihr euch sonst wohin stecken, ehrlich gesagt... Tut mir leid, es so zu sagen, aber wenn ihr helfen wollt oder zeigen wollt, wie viel wir wert sind, dann helft uns, für bessere Bedingungen zu kämpfen."

Watson berichtete über das Posting. Einer unserer Leser, der selbst Pfleger ist, konnte mit Nina nicht übereinstimmen. Er kommentierte unter anderem: "Die Menschen, die uns applaudieren, die haben nie über unsere Gehälter und Arbeitsumstände entschieden. Es sind Menschen, die uns ihre Solidarität bekunden. Diese Solidarität zurückzuweisen, empfinde ich – verzeiht mir – als stillos."

Watson hat Pfleger gefragt, wie sie sich zu Corona-Zeit fühlen

Auch andere Menschen sind der Ansicht, dass man diese Solidarität nicht ablehnen sollte. Erst recht sollte man in Zeiten der Krise nicht so drastische Maßnahmen ergreifen, wie Nina sie auf Facebook nennt. Sie sprach auch davon, dass jetzt eigentlich alle Pflegekräfte kündigen sollten.

Weil Ninas Beitrag anscheinend kontrovers aufgenommen wird, hat watson weitere Pfleger und Pflegerinnen gefragt, was sie von dem Beitrag halten und wie sehr sie sich während der Corona-Krise allgemein unterstützt fühlen.

"Sie haben uns als 'Arschwischer' bezeichnet"

Eine Krankenpflegerin aus Düsseldorf sagt gegenüber watson beispielsweise:

"Ich stehe zu hundert Prozent hinter dem, was Böhmer in ihrem Post geschrieben hat. Seit Jahren, Jahrzehnten ist unser Beruf in der Gesellschaft ein 08/15-Job, wird als 'Arschwischer' bezeichnet. Und nur die Menschen, die selbst einmal in einer ernsten Lage waren oder enge Angehörige haben, die vieles mitbekommen haben während des Krankenhausaufenthalts, können 'Danke' sagen und unsere Arbeit wertschätzen.

Von der Politik will ich erst gar nicht anfangen! Da koche ich vor Wut! Wir ringen um Anerkennung und bessere Bedingungen und nichts passiert. Alles wird klein geredet oder erst gar nicht gehört. Und jetzt, in einer der größten Katastrophen, sind wir Helden? Jetzt werden wir gelobt, hoch angesehen. Sollen weiter machen und kämpfen. Doch für was? Wir setzen unsere Gesundheit aufs Spiel (indem wir anderen helfen wollen) und bekommen nichts dafür!

Wie wäre es einmal mit einer Geldprämie? Und jeder weiß, dass nach Corona alles so sein wird wie vorher! Nichts, aber auch gar nichts, wird sich ändern! Und das ist es, was mich auf die Palme bringt."

"Man fühlt sich teilweise durch die Maßnahmen als Pflegekraft noch mehr ausgenutzt"

Ein weiterer Pfleger sieht die Situation ähnlich kritisch wie seine Kollegin:

"Es ist zwar nett, dass die Menschen sich mit einer gemeinschaftlichen Geste bedanken und ich weiß die Geste zu schätzen. Nur Lob verändert nichts an den Berufsbedingungen, die schon vor der Krise stark verbesserungswürdig gewesen sind, weil das Arbeiten einem viel Zeit und Ressourcen abverlangt.

Durch die Corona-Krise haben sich die Bedingungen durch die neuen Regulationen des RKIs noch einmal zugespitzt, sodass man nun zusätzlich das Gefühl hat, einmal mehr von der Regierung im Stich gelassen zu werden.

Ich finde es zwar lobenswert, dass sich die Regierung und unser Bundesgesundheitsminister so einsetzen, um der Krise entgegenzuwirken, allerdings fühlt man sich teilweise durch die Maßnahmen als Pflegekraft noch mehr ausgenutzt und zu wenig geschätzt. Unterstützt wird dies noch durch leere Versprechungen."

"Finde es toll, dass unsere Arbeit honoriert wird – und hoffe, dass es so bleibt, wenn die Pandemie vorbei ist"

Eine Kinderkrankenschwester aus Düsseldorf steht dem Applaus versöhnlicher gegenüber, aber auch sie hofft, dass es nicht nur dabei bleibt. Stattdessen sollte sich nachhaltig etwas für Pflegekräfte ändern:

"Ich finde es toll, dass die Leute applaudieren und dass auch die Politik die Arbeit der Ärzte und Pflegekräfte honoriert. Ich hoffe nur, dass das nachhaltig bleibt, auch wenn die Pandemie vorbei ist.

Ich bin auch der Meinung, dass die Menschen, die im Pflegebereich sind, zu wenig Geld verdienen. Aber als viel schlimmer empfand ich immer die Tatsache, dass man chronisch unterbesetzt ist und dass man besonders am Wochenende ständig unter Stress arbeiten musste.

Ich glaube, das ist der Umstand, der die ganze Pflege negativ erscheinen lässt und der Grund, weshalb viele in dem Bereich im Laufe der Zeit ihren Job aufgeben. Weil man nicht genug Zeit für den Patienten hat, in der Dokumentation untergeht und das eben auf den chronischen Personalmangel zurückzuführen ist. Und das muss dringend behoben werden. Ich glaube, dann würden auch viel mehr Leute wieder in diesen Job gehen."

"Diskussion über Wertschätzung von Pflegekräften sollte auf Zeit nach Corona geschoben werden"

Ebenso sieht ein anderer Pfleger den Applaus als willkommene Wertschätzung und betont noch einmal den besonderen Kontext der aktuellen Zeit, der nicht ignoriert werden sollte:

"Wie die Kollegin richtig schreibt, ist der Pflegeberuf heute nicht attraktiv: hohe Arbeitsbelastung durch Unterbesetzung, Überstunden, schlechte Bezahlung und jahrelanges 'Nichtgehörtwerden' von Politik und Tarifpartnern. Darüber könnte man lange debattieren...

Doch heute ist eine Situation in den deutschen Krankenhäusern eingetreten, die so nicht vorhersehbar war. Sie erfordert den massiven Einsatz von Ärzten und Pflegekräften und anderen Mitarbeitern des Gesundheitswesens. Da heißt es 'Anpacken'.

Die Diskussion über die Anerkennung und Wertschätzung von Pflegekräften sollte auf die Zeit nach Corona geschoben werden. Ein klein wenig Anerkennung für den schweren Pflegeberuf erfahren die Pflegekräfte durch Beifallbekundungen aus der Bevölkerung. Darüber sollte man sich freuen.

Es bleibt die Hoffnung, dass diese Anerkennung auch in der Zeit nach Corona anhält und nicht so schnell in Vergessenheit gerät, wie sie jetzt in dieser schwierigen Zeit aufkeimt. Und dass sich diese Anerkennung in aktive Unterstützung für die berechtigten Belange der Pflegekräfte wandelt."

Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie stressig der Pfleger-Beruf ist

Ich selbst war mehrere Jahre in einem Krankenhaus tätig und der Großteil meiner Familie besteht aus Pflegerinnen und Pflegern. Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie stressig der Beruf ist, wie viel Personal fehlt, wie unverhältnismäßig der Lohn für die harte Arbeit ist. Ich kann Nina Magdalena Böhmers Wut aus diesem Grund zu einem gewissen Grad verstehen.

Aber: Man darf den Kontext der aktuellen Situation nicht unterschätzen. Wir befinden uns in einer Krise. Menschen infizieren sich jeden Tag, viele sterben. Das Klatschen, das Böhmer als falsch anklagt, ist eine Geste der Solidarität in einer Zeit, in der viele Menschen sich hilflos fühlen. Ich unterstelle niemandem, dass er während des Klatschens irgendwelche Hintergedanken hat, sondern denke, dass er in diesem Moment aufrichtige Wertschätzung zeigen möchte.

Wir brauchen nachhaltige Veränderungen im Pflegebereich

Und natürlich ändert Klatschen nichts an einer Situation, die schon lange vor der Krise problematisch war. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Schritt, wenn die Krise bewältigt worden ist, noch weitergeht und zu nachhaltigen Veränderungen führt.

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