Interview
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Carl Josef kann über Behinderten-Witze lachen. Aber sie müssen schon gut sein. Bild: Aleksander Paric

Interview

"Dann bin ich es, der aus Mitleid lacht" – Comedian Carl Josef über seinen Hype

Das erste Mal sah ich Deutschlands derzeit berühmtesten Teenager Anfang Juni. Es war Carl Josefs zweiter Auftritt überhaupt, bei einer Comedy-Show im Mad Monkey Room in Berlin. Da wurde dieser kleine Junge im Rollstuhl auf die Bühne gehievt und brachte in sieben Minuten das Publikum zum Ausrasten. Als ob es nichts wäre.

Jede seiner Punchlines platzierte er perfekt, die Nummer hatte er smart geschrieben, und voll mit schwarzer Selbstironie. Ein natürliches Stand-Up-Talent, das zwei Wochen später auch das bundesweite Internet entzückte.

Carl Josefs Auftritt bei Nightwash machte deutschlandweit die Runde:

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Video: YouTube/MySpass

Bei dem Auftritt sagte er Dinge wie:

"Meine Krankheit zwingt mich, den ganzen Tag auf einem Stuhl zu sitzen und auf nen Bildschirm zu starren. Kurz gesagt: Ich leb das Leben, wie ihr es auch tut."

Oder:

"Ich habe mir überlegt: Wenn ich heute nicht lustig sein werde, schiebe ich es einfach auf meine Behinderung."

Über vier Millionen Menschen sahen sein Video von der "Nightwash"-Bühne. Für viele Medien war der Auftritt des 14-Jährigen die Good News des Frühsommers.

Ortstermin: Downtown Vechelde

"Ich bin jetzt offiziell Promi. Promiflash hat über mich berichtet," grinst Carl, während er am Strohhalm seiner Eisschokolade nuckelt.

Wir sitzen in "Downtown Vechelde" (Zitat von Carls Vater Dirk), einem kleinen Ort bei Braunschweig, vor dem "Ristorante Pizzeria Eiscafé bei Toni".

Drinnen stoßen 20 pensionierte Frauen an einer langen Tafel mit Pils an, auf der Straße demonstrieren gut 50 Vechelder in orangenen Westen gegen den beschlossenen Straßenbaubeitrag. Ältere begrüßen uns mit einem freundlichen Winken, Jüngere geben Carl einen Fist-Bump.

Auch Carls Vater Dirk sitzt mit am Tisch. Er erzählt, dass die Familie von Carl dessen neue Popularität nutzen will, um auf seine Krankheit aufmerksam zu machen.

Carl hat Muskeldystrophie des Typs Duchenne. Seine Muskeln bauen mit zunehmendem Alter ab, die meisten Betroffenen erleben ihren 30. Geburtstag nicht. Mit einem Spendenaufruf möchte der junge Comedian Forschungsmethoden finanzieren, die das Heilen von erblichen Krankheiten erforschen.

Doch erstmal konzentriert sich Carl auf seine Comedy-Karriere. Und wenn man mit ihm spricht, dann bekommt man den Eindruck, dass er schon ziemlich genau weiß, was er gerade tut.

watson.de: Gibt es einen Witz, auf den du besonders stolz bist?
Carl Josef: Ich weiß, dass das Publikum den Witz mit meinem Hund sehr lustig findet ("Mein Behindertenhund ist nicht trainiert für mich. Er ist einfach nur behindert."). Ich bin eher stolz darauf, mich überwunden zu haben, auf der Bühne aufzutreten. Ich wollte keine Witze bringen, die ich selber nicht lustig finde, auch wenn das Publikum den Witz sicher feiern würde.

Glaubst du, dass einige Comedians kalkuliert fürs Publikum schreiben, ohne dass sie es selber lustig finden?
Einige tun das bestimmt. Wenn allerdings jeder das bringen würde, worauf das Publikum steht, dann wäre jeder zweite Comedian gleich. Aber es macht einen Comedian aus, dass er seine eigene Art hat.

Comedian Jan Overhausen ist der, der dich zur Comedy gebracht hat. Wie genau lief das ab?
Ich habe schon länger Videos von Comedians geschaut. Wenn ich sie feiere, dann markiere ich sie. Eines war von Jan Overhausen. Er hat mich angeschrieben, ob ich nicht Lust hätte, auf eine Show von ihm zu kommen. Beim Schreiben hat er gemerkt, dass ich wohl ganz lustig bin. Also hat er mich gefragt, ob ich auch mal auf die Bühne möchte. Vielleicht wollte ich das, habe mich aber bis dahin nicht so getraut. Dann hat er mir etwas beim Schreiben geholfen und mir Tipps gegeben.

Carl Josef mit Comedian und Mentor Jan Overhausen

Was für Tipps waren das?
Erst einmal hat er mir ein paar grundsätzliche Begriffe, die jeder Stand-Up-Comedian kennen sollte, beigebracht. Dann hat er mir ein paar Strategien gezeigt, die ich auch anwende.

Kannst du eine verraten?
Eine Strategie ist das Shitsandwich: Starke Witze packt man an den Anfang. In die Mitte kommt dann neues oder schwächeres Material und zum Schluss dann wieder gutes. Nach dem Prinzip habe ich auch meine bisherigen Sachen geschrieben.

Bist du sofort auf die Comedy-Bühne im Mad Monkey Room gegangen oder hast du das Material vorher getestet?
Ich habe die Witze bei meiner Konfirmation getestet. Das hat schon ganz gut geklappt. Dann habe ich ein Video an Jan geschickt. Der meinte, dass ich mir keine Sorgen machen müsste. Und dann hatte ich Anfang Mai meinen ersten Auftritt im Mad Monkey Room. Meine Schwester hat ein Video davon online gestellt, und das ist viral gegangen.

Was sagen denn gestandene Comedians zu dir?
Häufig, dass ich ein sehr gutes Timing habe und weiß, wann ich die Punchline setzen soll. Sie merken auch, dass ich vorher lange Comedians studiert habe. Dadurch verstehe ich schon einiges und weiß, wie ich was rüber bringen muss. Das ist die halbe Miete. Wenn du dann noch gute Jokes schreiben kannst, dann kannst du es relativ weit bringen.

Hast du Vorbilder?
Jeder, der sich traut, auf die Bühne zu gehen, um Leute zum Lachen zu bringen, ist eine große Inspiration für mich. Felix Lobrecht ist ein Vorbild, weil er auf der Bühne er selbst ist. Er macht sich keine Gedanken, wie etwas ankommt. Maria Clara Gropplers Art, Witze zu erzählen, finde ich auch sehr lustig.

"Wenn so ein Peter unter meinen Auftritt zum 500. Mal 'Stand Up würde ich das ja nicht nennen' schreibt, dann bin ich der, der aus Mitleid lacht."

Du hast in deinem Set gesagt, dass du Mitleid hasst. Merkst du es, wenn jemand aus Mitleid lacht?
Auf der Bühne ist es schwierig zu sagen: Reihe 4, Platz 7, da hat jemand aus Mitleid gelacht. Du merkst aber, wenn alle nur gezwungen grinsen und verhalten klatschen, weil sie sich verpflichtet fühlen oder Mitleid haben. Das finde ich bisschen schade. Wenn’s dir nicht gefällt, dann brauchst du auch nicht zu klatschen.

Dürfen deiner Meinung nach Menschen, die keine Einschränkungen haben, Witze über die Behinderungen anderer Leute machen?
Ein großes Thema. Es kommt drauf an, wer es rüberbringt, auf welche Art und Weise und wie er oder sie es meint. Chris Tall hat ja mit seinem Programm "Darf er das" genau das aufgegriffen, seine Message – und auch meine – lautet ja eigentlich: Alle sind gleich. Also dürfen wir über alle lachen.
Wenn ich aber merke, der Andere mag mich nicht und macht aus Arroganz einen Witz, dann finde ich es blöd. Es kommt auch immer drauf an, ob er lustig ist. Wenn so ein Peter unter meinen Auftritt zum 500. Mal 'Stand Up würde ich das ja nicht nennen' schreibt, dann bin ich der, der aus Mitleid lacht.

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Bild: Aleksander Paric

Dich erreichen bestimmt viele Anfragen derzeit. Wie bekommst du das mit der Schule unter einen Hut? Gesundheit, Schule, das steht alles erstmal im Vordergrund. Es kommen viele Anfragen, auch Sachen, auf die ich Bock habe, die ich aber einfach absagen muss. Eine Operation steht auch nächstes Jahr an mit geplanter Reha. Wir müssen halt alles mit einberechnen. Außerdem muss ich mir neues Zeug einfallen lassen, bei meinem letzten Auftritt haben die Leute meine Punchlines schon erwartet.

Du schreibst schon an neuen Sachen?
Ich habe auch schon einiges zusammen. Da ist sehr viel Bescheuertes dabei. Der dumme Humor eines 14-Jährigen halt.

Du wirkst sehr viel reifer als ein 14-Jähriger.
Das sagen sehr viele. Das kommt vielleicht dadurch, dass ich nicht so hyperaktiv bin, weil ich nicht so rumturne. Ich bin gelassener und rede vielleicht etwas mehr.

Du sammelst gerade Geld ein. Kannst du sagen wofür?
Unser Auto ist nicht mehr das Geilste. Es wird wohl nicht mehr durch den TÜV kommen. Um zu den Auftritten zu kommen, brauchen wir ein Neues mit Barrierefreiheit. Und wir möchten Stiftungen und Forschungen unterstützen, die sich für die Heilung von Genkrankheiten einsetzen. Es ist cool, wenn ich meine Reichweite für so etwas Gutes nutzen kann.

Carls Spendenaufruf findet ihr hier.

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