HANDOUT - 29.06.2021, Afghanistan, Masar-i-Scharif: Das Handout der Bundeswehr zeigt den  letzten A400M, der vom Feldlager in Masar-i-Scharif Richtung Deutschland fliegt. Damit endete der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Camp Marmal, einst größter Bundeswehr-Stützpunkt außerhalb Deutschlands, ist geräumt und an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. Foto: Torsten Kraatz/Bundeswehr/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

Die letzten Soldaten steigen in das Transportflugzeug vom Feldlager in Masar-i-Scharif nach Deutschland. Bild: Bundeswehr / Torsten Kraatz

Einsatz beendet: Letzte deutsche Soldaten aus Afghanistan ausgeflogen

Nach fast 20 Jahren ist der verlustreichste und teuerste Auslandseinsatz in der Geschichte der Bundeswehr beendet. Am Dienstag wurden die letzten verbliebenen deutschen Soldaten aus Afghanistan ausgeflogen, wie die Bundeswehr mitteilte. Camp Marmal, einst größter Bundeswehr-Stützpunkt außerhalb Deutschlands, ist geräumt und an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben.

Die Soldaten wurden mit vier Militärmaschinen aus dem Feldlager in Masar-i-Scharif im Norden des Landes ausgeflogen. Die letzte Maschine, eine A400M der Luftwaffe, verließ den afghanischen Luftraum um 21.24 Uhr. An Bord war der deutsche Kommandeur Ansgar Meyer. Die Soldaten wurden nach einem Flug über Georgien am Mittwoch in Deutschland erwartet.

"Nach fast 20 Jahren Einsatz haben heute Nacht die letzten Soldatinnen und Soldaten unserer Bundeswehr Afghanistan verlassen", teilte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer mit. "Ein historisches Kapitel geht zu Ende, ein intensiver Einsatz, der die Bundeswehr gefordert und geprägt hat, bei dem sich die Bundeswehr im Kampf bewährt hat. Ein Einsatz, bei dem Angehörige unserer Streitkräfte an Leib und Seele verletzt wurden, bei dem Menschen ihr Leben verloren haben, bei dem wir Gefallene zu beklagen hatten", so die CDU-Politikerin.

Zum 11. September sollen alle internationalen Soldaten abziehen

59 deutsche Soldaten verloren in Afghanistan ihr Leben, 35 bei Anschlägen oder in Gefechten. Mehr als 12 Milliarden Euro kostete der Einsatz, der ursprünglich der Friedenssicherung dienen sollte und dann zum Kampfeinsatz gegen die aufständischen Taliban wurde. Zuletzt war der Kernauftrag der Nato-Truppe die Ausbildung afghanischer Streitkräfte.

Kramp-Karrenbauer kündigte am Dienstag auch weitere Hilfe für Ortskräfte an, die der Bundeswehr in den vergangenen Jahren bei ihrem Einsatz zum Beispiel als Übersetzer geholfen hatten und nun eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland erhalten können. "Wir wissen, dass ein Teil derjenigen schon auf dem Weg ist nach Deutschland, andere wollen die Situation erst noch abwarten", so die Ministerin.

Die Bundeswehr hatte den Abzug zuletzt deutlich vorantreiben müssen, nachdem die US-Regierung unter Präsident Joe Biden den Abzug beschleunigt hatte. Die letzten internationalen Soldaten sollen bis spätestens 11. September Afghanistan verlassen haben, vermutlich werden sie das aber bereits viele Wochen früher tun.

In Afghanistan gibt es weiterhin Auseinandersetzungen

Vor dem Beginn der Rückverlegung im Mai waren noch 1100 Männer und Frauen der Bundeswehr in Afghanistan. 750 Seecontainer Material wurde auf dem Land- und Luftweg nach Deutschland zurückgebracht, darunter waren rund 120 Fahrzeuge und sechs Hubschrauber.

Zuletzt hatte sich die Sicherheitslage in Afghanistan vor allem im Norden des Landes zugespitzt. Die militant-islamistischen Taliban hatten alleine in der Provinz Balch, in der sich Camp Marmal befindet, im Juni mindestens sechs Bezirke erobert. Auch in der Nacht zu Mittwoch gab es Berichte über Kämpfe in der Provinz. Unklar blieb bis zuletzt, ob es zu einem Angriff auf das Feldlager kommen würde. Die Bundeswehr hatte Verstärkung in das Lager gebracht.

Insgesamt haben die Islamisten seit 1. Mai, dem offiziellen Beginn des Abzugs der US- und Nato-Truppen, rund 90 der etwa 400 Bezirke des Landes neu erobert. Dabei wurden Hunderte Sicherheitskräfte der Regierung getötet, verwundet, gefangen genommen oder zur Aufgabe überredet.

US-General warnt vor Bürgerkrieg

Nach einer Statistik der "New York Times" sind im Juni im Schnitt täglich 25 Sicherheitskräfte der Regierung ums Leben gekommen. Tausende Zivilisten haben sich nun nach Aufrufen von politischen Parteien und Figuren bewaffnet und den Sicherheitskräften angeschlossen, um den Taliban-Vormarsch zu stoppen.

Vor Beginn des Abzugs drückten die allermeisten Beobachter und westlichen Diplomaten die Überzeugung aus, dass die jahrelang von der Nato ausgebildeten afghanischen Sicherheitskräfte stärker seien, als ihr Ruf. Die raschen Gebietsgewinne der Taliban und zahlreiche Kapitulationen von Soldaten und Polizisten der Regierung lösen nun aber zunehmend Sorgen aus.

Der Kommandeur der US- und Nato-Truppen in Afghanistan, US-General Austin Scott Miller, warnte am Dienstag davor, dass das Land in einen Bürgerkrieg abdriften könnte. Afghanistan stünden "sehr harte Zeiten" bevor, sollte sich die gespaltene zivile Führung des Landes nicht einigen und die nun zu den Waffen gerufenen Milizen nicht kontrolliert werden.

Nach UN-Daten mussten zwischen Abzugsbeginn Anfang Mai und Mitte Juni fast 55.000 Menschen innerhalb Afghanistans vor den Kämpfen aus ihren Dörfern und Städten fliehen, doppelt so viele, wie im Vorjahreszeitraum. Nachbarländer fürchten zunehmend eine neue Flüchtlingswelle. Die Friedensgespräche zwischen der Regierung in Kabul und den Taliban treten weiter auf der Stelle.

(lfr/dpa)

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