Bild

Wolfgang Meyer arbeitete früher in einem Jobcenter. Er kündigte, als er in ein Team versetzt wurde, in dem er neue Arbeitslose in Bewerbungskurse bringen sollte. zdf-screenshot

Er war Jobcenter-Mitarbeiter – jetzt packt er aus: "Da kursiert Angst"

Seit 2005 gibt es Hartz IV. Die Devise der umstrittenen Maßnahme zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in Deutschland lautet: Fördern und Fordern. Dazu gehört auch, dass Hartz-IV-Bezieher sogenannte "Bildungsmaßnahmen" absolvieren, um weiterhin ihre vollen Hartz-IV-Sätze zu beziehen.

Mit den Bildungsmaßnahmen lässt sich in Deutschland gutes Geld verdienen: Pro Teilnehmer erhält ein Anbieter von Bildungsmaßnahmen rund 1900 Euro, heißt es in der ZDF-Sendung. Doch es ist fraglich, ob diese Maßnahmen den Betroffenen bei der Jobsuche überhaupt helfen können.

Nicht nur Arbeitslose, auch der Bundesrechnungshof sieht die Kurse kritisch. 2017 stellte die Behörde fest, dass die Hartz-IV-Maßnahmen in vielen Fällen den Arbeitslosen nicht geholfen – sondern ihnen bei ihrer Jobsuche sogar im Weg gestanden hätten.

Dennoch boomt der Markt: Im selben Jahr erreichte die Anzahl der Maßnahmen mit 700.000 ihren Höchststand.

Arbeitslose sollte Mandalas in Bildungsmaßnahme ausmalen

Professor Stefan Sell von der Hochschule Remagen warnt in der ZDF-Sendung: "Die Zahl der schwarzen Schafe unter den Anbietern hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen." Der Grund: Die Bildungsmaßnahmen der günstigsten Anbieter sei oft qualitativ schlecht, aber aufgrund der Preise bei den Jobcentern eben besonders beliebt.

Bild

zdf-screenshot

Im ZDF berichtet die Hartz-IV-Empfängerin Susanne Zechmeister von einer solchen Maßnahme: Einfachste Matheaufgaben hätte sie lösen müssen: "Als ob ich im Kindergarten angefangen hätte." Später sollte sie Mandalas ausmalen und basteln. Die Erklärung des Unternehmens: Sinn der Maßnahmen sei es gewesen, "die Feinmotorik, Konzentration und Sorgfalt der Frauen und Männer zu ermitteln".

Die Vorwürfe von Zechmeister sind kein Einzelfall. Anfang des Jahres ging der Tweet einer Nutzerin viral, die sich über die Maßnahmen des Jobcenters für ihre Mutter beschwerte. Auf einem Foto waren einfachste Rätselaufgaben zu sehen.

Eine Sprecherin der Arbeitsagentur bestätigte später dem "Stern" die Echtheit des Blatts: "Es stimmt, dass dieses Arbeitspapier bei einem Maßnahmeträger in Niedersachsen ausgehändigt wurde", sagt dieser. "Es stimmt auch, dass das Papier sonst an Grundschulen zum Einsatz kommt."

Früherer Jobcenter-Mitarbeiter packt im ZDF aus

In Deutschland kämpfen rund 8000 Anbieter um die Vergabe der Bildungsmaßnahmen – in der Branche herrscht ein hoher Preisdruck. Und auch die Jobcenter-Mitarbeiter haben zu kämpfen: In der ZDF-Sendung ist zu sehen, wie Mitarbeiter unter Druck gesetzt werden, die von den Agenturen gebuchten Kurse mit Arbeitslosen zu füllen. Ob die Maßnahmen für die Betroffenen geeignet sind, scheint dabei in den Hintergrund zu rücken.

Wolfgang Meyer arbeitete früher in einem Jobcenter. Er kündigte, als er in ein Team versetzt wurde, in dem er neue Arbeitslose in Bewerbungskurse bringen sollte. Ganz egal, ob diese Kurse für die Arbeitslosen überhaupt geeignet sind.

Bild

zdf-screenshot

Meyers Erklärung für das Vorgehen der Jobcenter: "Jeder Maßnahmen-Teilnehmer erscheint nicht in der Arbeitslosenstatistik – und das sind viele Menschen." Auch Meyer und seine Mitarbeiter seien unter Druck gesetzt worden, behauptet der frühere Jobcenter-Mitarbeiter: "Da kursiert die Angst, wir machen, was man von uns verlangt. Egal, wie sinnhaftig das Ganze ist."

Meyers früherer Arbeitgeber, das Jobcenter Bremen, wehrt sich. Im ZDF meint die Geschäftsführerin der Behörde, Susanne Ahlers: Die von Meyer geschilderten Vorgaben seien "nicht zielführend", die Behörde wolle einfach das ihr zur Verfügung gestellte Budget ausschöpfen.

Helfen die Bildungsmaßnahmen den Hartz-IV-Beziehern überhaupt? Bei westdeutschen Arbeitslosen, die an einer Bildungsmaßnahme für ein Jahr teilnahmen, sank laut dem eigenen Forschungsinstitut der Arbeitsagentur die Wahrscheinlichkeit, weiterhin Hartz IV zu beziehen, um lediglich 0,5 Prozent. Bei ostdeutschen Arbeitslosen fiel die Bilanz noch schlechter aus: Dort haben die Maßnahmen gar keine Wirkung hinterlassen.

Die Bundesregierung will nachbessern – im Gespräch mit dem ZDF konnte die zuständige Staatssekretärin Leonie Gebers aber nicht sagen, wie genau das Arbeitsministerium das anstellen möchte.

(pb)

Die Geschichte des Bundestages in 17 Daten

1 / 19
Die Geschichte des Bundestages in 17 Daten
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Ab jetzt AfD-Osten? So ein Quatsch!

2
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Kater Karlo 27.09.2019 10:27
    Highlight Highlight 2009 in der Wirtschaftskrise, hat das Arbeitsamt zu zehntausenden eine "Ausbildung Stapplerschein" rausgehauen. Wen man sich dann damit beworben hat, war die erste Frage ob man echte Erfahrung hat oder nur diesen Schnellkurs vom Arbeitsamt mit 3 Tagen....
  • Apollo 26.09.2019 21:17
    Highlight Highlight Es ist ja nichts Neues, dass diese Kurse eine reine Beschäftigungstherapie sind, als wären alle Arbeitslosen doof wie Brot.......aber die Kosten sind enorm......es wird nur immer wieder geredet, dass diese nutzlos sind und dass seit Jahren, aber es ändert sich nichts, das Geld würde anderweitig mehr Nutzen bringen.....z.B. für einen Führerschein, aber nein, dafür wird es verweigert ...

Nazi-Familie Ritter streitet mit Youtuber "Gurkensohn" – es geht ums Geld

Vor kurzem waren sie noch so etwas wie beste Freunde: Nazi-Familie Ritter aus Köthen und der Youtuber "Gurkensohn". Doch der umstrittene Youtuber bekam sehr viel Kritik für die Videos, die er vor allem mit Mutter Karin drehte. Darin wollte "Gurkensohn" laut eigenen Angaben herausfinden, ob die Familie Ritter tatsächlich so sei, wie sie in den Medien dargestellt werde.

Doch nach den Videos herrscht dicke Luft zwischen dem Youtuber und Familie Ritter. Nun macht er seinem Ärger in einem …

Artikel lesen
Link zum Artikel