Deutschland
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Bild: dpa/montage: watson

Kommentar

Ich war immer ein Linker – trotzdem bin ich froh, dass Merkel noch Kanzlerin ist

Als mich vor wenigen Jahren ein amerikanischer Backpacker in einem Hostel in Beirut fragte, ob ich Angela Merkel mag, habe ich entsetzt den Kopf geschüttelt.

"Why not?", war seine Nachfrage.

Dabei war das ein ganz einfaches Ding: Merkel war konservativ, ich war links. Ich mag doch keine Kanzlerin der CDU!

Seitdem hat sich einiges verändert. Heute habe ich Angst vor einem Deutschland ohne Merkel.

Wie konnte das passieren?

Ich war gegen alles, für das Merkel stand...

...und habe gegen fast alles davon demonstriert. Als Schülervertreter gegen die Bildungspolitik von CDU und FDP in Nordrhein-Westfalen. Später gegen Militäreinsätze, Castor-Transporte und Abschiebungen. 

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So ähnlich habe ich damals auch demonstriert. Und ja, es ist mir heute etwas peinlich. Bild: dpa/montage: watson

...und bin noch immer gegen das meiste

2015 die Grenzen nicht zu schließen, als hunderttausende Flüchtlinge über den Balkan nach Deutschland kamen, das rechne ich Angela Merkel hoch an. Das also, was ihr seitdem von der CSU wie auch von der AfD vorgeworfen wird.

Ansonsten widerspreche ich der Kanzlerin in den allermeisten politischen Fragen. Als sie 2016 den Flüchtlings-Deal mit der Türkei aushandelte, habe ich den Kopf geschüttelt. Da war vom ikonischen "Wir schaffen das!" schon nicht mehr viel übrig. Fast zeitgleich kam die Aussetzung des Familiennachzugs – während die Angehörigen vieler Flüchtlinge in Kriegsgebieten sterben. Ich musste dabei an einen guten Freund aus Syrien denken, der seine Eltern, seine Brüder und seine Großmutter nur mit großem Aufwand und teuren Bürgschaften von Freunden in Sicherheit bringen konnte. Was wäre aus denen geworden, wenn die schon von dieser Regelung betroffen gewesen wären? Vielleicht wären sie heute tot.

Und jetzt hat sich Angela Merkel mit den anderen europäischen Regierungschefs darauf geeinigt, Sammellager für Flüchtlinge einzuführen. In Europa und möglichst auch in Nordafrika. Mit Merkel wird Europa weiter zur abgeschotteten Festung. Meine Vision von Europa ist eine andere.

Doch so verrückt es auch klingt, bin ich trotzdem froh, dass Angela Merkel noch Kanzlerin ist

Was kommt nach Merkel?

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Rechte Populisten wohin man nur schaut. Bild: dpa/montage:watson

Mich lässt der Gedanke an das erschaudern, was nach Merkel kommen könnte. Wenn sich die Union doch noch über den Asylstreit zerlegt, wenn die Regierung zusammenbricht und es tatsächlich zu Neuwahlen kommt. Wie geht es dann in Deutschland weiter? Nach 13 Jahren Merkel fehlt mir schlicht die Fantasie dafür, wer sonst in Deutschland Kanzler könnte – oder Kanzlerin.

Außerdem: Wer soll dann noch mit wem regieren? Und welche Rolle würde der AfD dabei zufallen? In einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov liegt die Partei bei 16 Prozent. 

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Nach Merkel die Sintflut? Bild: getty images/dpa/montage: watson

Ich stelle mir viele solcher Fragen, wenn ich über ein mögliches (plötzliches) Aus der Regierung Merkel nachdenke. Zufriedenstellende Antworten finde ich auf keine von ihnen. 

Diese Ungewissheit ist es, die mir die meiste Angst macht. Es gibt vieles, das mich in unserer Gesellschaft, so wie sie heute aussieht, stört. Und trotzdem ist sie es wert, verteidigt zu werden. Gegen Politiker, die die Grenzen wieder hochziehen wollen. Und gegen alle, die die gesellschaftliche Liberalisierung der vergangenen Jahrzehnte am liebsten rückgängig machen wollen.

Und das ist mit Merkel gerade einfacher zu machen, als ohne. 

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