Deutschland
New elected Free Democratic Party FDP premier of Thuringia Thomas Kemmerich gives a statement in Erfurt, Germany, February 5, 2020. REUTERS/Hannibal Hanschke

Ein Mann sah rot, beziehungsweise blau: 24-Stunden-Ministerpräsident Thomas Kemmerich (FDP). Bild: reuters

Meinung

Wir alle spielen gerade das Spiel der AfD

Apokalyptische Sprachbilder bestimmten den Diskurs. Eine Brandmauer sei eingerissen worden, von Dammbruch oder Flächenbrand war die Rede. Blumen wurden dem frisch gebackenen FDP-Ministerpräsidenten vor die Füße geworfen, Angela Merkel ließ die maximal unglückliche Formulierung fallen, man müsse die Wahl rückgängig machen und Bodo Ramelow glänzte mit einen Adolf-Hitler-Zitat auf Twitter.

Ja, in Thüringen hat sich ein FDP-Mann von Faschisten wählen lassen. Ja, es ist wichtig, nach solch einem Vorgang nicht zur Tagesordnung überzugehen. Und: Nein, die Demokratie ist deswegen nicht am Ende.

Genau diesen Eindruck konnte man aber in den vergangenen 24 Stunden bekommen. Doch die Demokratie war genauso wenig bedroht, wie sie mit der Rücktrittsankündigung nun gerettet ist. Wer den Demokratienotstand ausruft, spielt das apokalyptische Spiel der AfD.

Präsi für eine Nacht

Denn was ist eigentlich passiert: Ein FDP-Politiker hat sich zu einer Wahl gestellt, weil er glaubte, eine "bürgerliche Alternative" zu Kandidaten der Linken und der AfD anbieten zu müssen. Kemmerich ist kein Nazi. Eher ein Spieler. Einer, der sich gehörig verzockt hat. Einer mit einem unerhörten Selbst- und Sendungsbewusstsein, der nur einmal König sein wollte. Wenn auch für eine Nacht. Soll es ja geben.

Das ist auch eigentlich egal. Kemmerich kündigt bereits wieder seinen Rücktritt an. Zumindest eine Fußnote in Wikipedia ist ihm sicher. Seine Motive müssen andere klären. Fest steht: Er hat es der AfD denkbar einfach gemacht. Und das ist das eigentlich Unverzeihliche. Aber nicht nur er macht es den Neofaschisten gerade leicht.

Im Grunde tun wir das gerade alle.

Die Kemmerich-FDP, weil sie glaubte, das Spiel der AfD mitspielen zu können, zur Wahl antrat, sie annahm, um schließlich wieder abzutreten. Die wütenden Reaktionen aus Politik und Medien auf der anderen Seite, weil sie suggerieren, demokratische Prozesse könnten irgendwie rückgängig gemacht werden – und zwar von oben.

Die AfD ist der Gewinner

Und es profitiert die, deren Währung das Spiel mit der Apokalypse ist: die AfD. Sowohl Wahlvor- als auch Nachgang sind im Grunde ein einziges Konjunkturprogramm für die selbsternannte Alternative. Die kommt gerade aus dem Grinsen nicht mehr raus. Einmal, weil sie erst mit einem ziemlich billigen Trick durchkommt, sich zum bürgerlichen Königsmacher erklärt. Und nach Rücktritt von der Wahl: weil sie es unfassbar leicht hat, ihre Legende von der vermeintlich linken Meinungshoheit um ein weiteres Kapitel zu erweitern.

Dabei zeigen die Vorgänge in Thüringen vor allem eines: Die demokratischen Parteien, Medien, wir alle, haben im Umgang mit der AfD offenbar nicht viel dazugelernt.

Was folgt, ist die übliche Suche nach dem Schuldigen. Schuld haben mal Mohring, mal AKK, mal Lindner, mal die Kanzlerin. Dabei kennt Demokratie allenfalls Verantwortung. Und die ließe sich zur Abwechslung einmal dort suchen, wo sie liegt: beim Wähler. Stattdessen der Ruf nach einem Machtwort von oben. Merkel, AKK, Lindner oder Mohring haben ihren Laden nicht im Griff, heißt es. Doch, Moment. Der Laden, von dem da gesprochen wird, heißt Demokratie. Und: Ist das nicht die Sinnhaftigkeit von Demokratie, "den Laden" eben auch mal nicht im Griff zu haben?

Falsche Bilder machen es der AfD leicht

Das Spiel der AfD unterfüttern aber auch Vergleiche, die gerade auf Social Media kursieren. Bilder, die Hindenburg und Hitler zeigen und mit Kemmerich und Höcke vergleichen. Und die Frage bleibt: Wer hat hier eigentlich in Geschichte nicht aufgepasst? Im besten Fall ist es ein schiefer Vergleich, weil es die Höcke-Faschisten größer macht, als sie eigentlich sind, im schlimmsten Fall eine Relativierung des Nationalsozialismus.

Ja, ein Tabu wurde gebrochen, ja, es ist kompliziert und ja, das alles macht keinen Spaß. Aber statt zu brüllen und auf den AfD-Untergangszug aufzuspringen, statt sofort zu wissen, wer alles und warum Schuld hat, hätte sich Thüringen angeboten, um für einen kurzen Moment inne zu halten. Denn: Auch nach Thüringen brennt weder das Land noch die Demokratie. Wir sollten es mit diesen Untergangserzählungen der AfD nicht so furchtbar einfach machen. Wir alle. Denn das hat Demokratie nun wirklich nicht verdient.

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