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Den Feuerwehren gehen die Feuerwehrleute aus. imago images/watson-montage

Zwangsverpflichtet bei der Feuerwehr – "Ist definitiv nicht mein Ding"

Weil es nicht genügend Freiwillige gibt, verpflichtet Grömitz in Schleswig-Holstein Bürger zum Dienst in der Feuerwehr. Auch in anderen Bundesländern gibt es solche Fälle.

Etwas verloren steht Thomas Marter in seiner Feuerwehrmontur auf dem Hof der Grundschule Grömitz. Um ihn herum üben Frauen und Männer der Freiwilligen Feuerwehr den Umgang mit Dreh- und Steckleitern.

Im Gegensatz zu ihnen ist Marter nicht freiwillig hier. Er gehört zu den acht Männern, die die Gemeinde Anfang August zum Feuerwehrdienst verpflichtet hat, weil das Personalsoll durch Freiwillige nicht mehr gedeckt werden konnte.

"Ich bin kein Feuerwehrmann, das ist definitiv nicht mein Ding", sagt Marter.

"Auch ich bin nicht glücklich mit der Pflichtfeuerwehr", sagt Grömitz' Bürgermeister Mark Burmeister. "Aber wir als Gemeinde sind verpflichtet, den Brandschutz zu gewährleisten, und wenn es nicht genug Freiwillige gibt, müssen wir eben Bürger verpflichten." Insgesamt 16 Verpflichtungsbescheide hat die Gemeinde seit dem Sommer verschickt, acht Pflichtfeuerwehrleute haben inzwischen ihren Dienst angetreten.

Feuerwehrpficht vor allem in Schleswig-Holstein

Grömitz ist die vierte Gemeinde in Schleswig-Holstein, die Bürger zum Dienst in der Feuerwehr verpflichtet. Die erste war die Gemeinde List auf Sylt. "Wir waren 2005 bundesweit die erste Wehr nach 1945, die von einer Freiwilligen Feuerwehr zu einer Pflichtfeuerwehr umgewandelt wurde", sagt Wehrführer Matthias Stahl. Dort sind alle Bürgerinnen und Bürger zwischen 18 und 50 Jahren verpflichtet, Dienst in der Pflichtfeuerwehr als ehrenamtliche Tätigkeit für die Gemeinde zu übernehmen, sofern sie nicht nachweisen, dass sie den gesundheitlichen Anforderungen des Feuerwehrdienstes nicht gewachsen sind.

Die gesetzliche Möglichkeit dazu haben die Gemeinden in allen Bundesländern. Am meisten Gebrauch wurde davon nach Angaben des Deutschen Feuerwehrverbandes bislang in Schleswig-Holstein gemacht. "Nach unserer Kenntnis gibt es noch vereinzelte Pflichtwehren in Mecklenburg-Vorpommern, in einigen Gemeinden in Niedersachsen und in Hessen gab oder gibt es entsprechende Überlegungen", sagt Silvia Darmstädter, Pressesprecherin des Verbandes.

Pflichtfeuerwehrmann Marter ist nicht generell gegen Freiwillige Feuerwehren, deren Notwendigkeit leuchtet ihm durchaus ein. "Ich finde es toll, dass es sie gibt, aber für mich ist das eben nichts", sagt er. Für seinen Gemeindewehrführer Björn Sachau ist diese Haltung nicht verwunderlich. "Wenn die Leute Feuerwehr toll fänden, wären sie ja schon freiwillig eingetreten", sagt er. Aber das Problem der fehlenden Einsatzkräfte sei nun mal da und müsse gelöst werden.

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Thomas Marter. Bild: picture alliance/Georg Wendt/dpa

Die Feuerwehrpflicht hat Gründe

Als Hauptursache dieses Problems sieht der Landesfeuerwehrverband Schleswig-Holstein neben dem demografischen und gesellschaftlichen Wandel vor allem auf dem Land die hohe Zahl der Berufspendler. "Die sind tagsüber für Einsätze nicht verfügbar, deshalb werden inzwischen immer gleich mehrere Wehren alarmiert in der Hoffnung, dass genug Kameraden zum Einsatz kommen", sagt Verbandsgeschäftsführer Volker Arp.

Mit Löscheinsätzen könnten sich die meisten Zwangsrekrutierten abfinden. Doch der Feuerwehrdienst umfasst weit mehr. Zu den etwa 130 Einsätzen im Jahr kommen für die Grömitzer Feuerwehrkameraden jeweils zwei Übungsabende im Monat sowie weitere Übungen und Lehrgänge am Wochenende. "Man muss eine Menge Freizeit opfern", sagt Marter kritisch. Wenn es nicht genug Freiwillige gebe, müsse die Gemeinde eben Feuerwehrleute einstellen, schlägt er vor.

Ein Mann, der bereits vor zehn Jahren unfreiwillig zur Feuerwehr kam, ist Jacob Revenstorf. "Ich hab' das nur gemacht, weil ich nicht zur Bundeswehr wollte", sagt er. Doch dann habe er bei der Feuerwehr einen Aufgabenbereich gefunden, der ihm Freude mache, sagt er. "Heute bin ich Ortswehrführer von Grömitz und habe meinen Eintritt in die Feuerwehr noch keinen Tag bereut."

(Eva-Maria Mester, dpa/ ts)

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