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SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach hält am Begriff der "zweiten Welle" fest. Bild: screenshot zdf

Lauterbach spricht bei "Lanz" von zweiter Welle: "Ich will die Dinge beim Namen nennen"

Die Politik und die Wirtschaft machen sich wieder zunehmend Sorgen über die steigende Zahl der Neuinfektionen im Zuge der Corona-Pandemie. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts vom Donnerstag wurden in den vergangenen 24 Stunden 1445 neue Fälle gemeldet, der höchste Wert seit dem 1. Mai. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mahnte währenddessen zur Wachsamkeit.

Spahn sagte dem ZDF: "Priorität sollte für uns alle jetzt haben, dass Schule, Schulbetrieb wieder starten kann und dass das wirtschaftliche Leben, um Arbeitsplätze zu sichern, starten kann."

Am Donnerstagabend diskutierten Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, Politiker und Epidemiologe Karl Lauterbach (SPD), Meterologe Mojib Latif und Elternvertreterin Claudia Pick bei "Markus Lanz" über eine zweite Corona-Welle. Dabei ging es vor allem auch um die Erfahrungen nach dem Start des Regelschulbetriebs, um die bevorstehende Winterzeit und die damit einhergehende Corona-Situation.

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Die Gäste: In der Gesprächsrunde wurde über den Begriff der zweiten Welle diskutiert. Bild: screenshot zdf

Karl Lauterbach erklärt den Begriff der zweiten Welle

Zunächst meinte Meteorologe Mojib Latif von der Christian-Albrechts-Universität Kiel, dass derzeit wegen Corona niemand mehr über den brennenden Amazonas sprechen würde. "Wer hat in der Corona-Krise versagt? Donald Trump in Amerika und Jair Bolsonaro in Brasilien. Wir müssen international zusammenarbeiten. Alle großen Krisen können nur international gelöst werden. Es sträubt sich alles in mir zu akzeptieren, dass wir es nicht hinkriegen."

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Mojib Latif: Der Meteorologe kritisiert besonders Trump und Bolsonaro. Bild: screenshot zdf

Markus Lanz erklärte daraufhin, dass Karl Lauterbach seit sechs Monaten immer wieder mit mahnenden Worten auf die Gefahr hinweise und der Start der zweiten Welle eindeutig sei. Der Politiker und Epidemiologe stellte klar:

"Ich mahne nicht nur, sondern mache auch Vorschläge. Wir sind aus meiner Sicht klar am Beginn der zweiten Welle. Der R-Wert liegt bei 1. Die Fälle sind auf ganz Deutschland verteilt. Das bedeutet aber nicht, dass wir wieder zum Lockdown zurückmüssen."

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Karl Lauterbach: Der Politiker erklärt, was sich nun ändern muss. Bild: screenshot zdf

Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut verwies allerdings darauf, dass wir uns in einer Phase der stabilen Kontrolle befinden würden. Er stellte offen die Frage, was die Menschen nun empfinden, wenn davon gesprochen werde, dass jetzt die zweite Welle da sei. Schmidt-Chanasit würde das dementsprechend anders betrachten, denn seit Monaten würden wir in Deutschland versuchen, die Fallzahlen gering zu halten:

"Wenn ich eine massive Überforderung des Gesundheitssystems sehe, dann würde man davon sprechen. Wenn wir 10.000 Infektionen pro Tag hätten, wäre das eine andere Situation. An dem Punkt sind wir noch nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Abstandsregeln wichtig. Es gibt sehr viel zu tun."

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Jonas Schmidt-Chanasit: Der Virologe möchte auf den Begriff der zweiten Welle verzichten. Bild: screenshot zdf

Lauterbach hielt jedoch an der Bezeichnung der zweiten Welle fest: "Ich glaube, dass der Begriff hilfreich ist. Die Fallzahlen steigen wieder. Je früher ich einwirke, desto bessere Möglichkeiten habe ich. Ohne Lockdown kann ich das jetzt noch gut beherrschen. Der Aufwand ist aber gigantisch. Mit einer klugen Strategie dürfen die Zahlen nicht wachsen."

Für den Virologen sei es hingegen wichtig, den Begriff der zweiten Welle zu vermeiden. Vielmehr sollte auf die "AHA-Regel" geachtet werden, also auf den Abstand, die Hygiene und die Alltagsmasken. Er fragte Lauterbach konkret, welches Verhalten jetzt geändert werden müsste.

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Karl Lauterbach: Der Epidemiologe setzt auf eine andere Definition bezüglich unseres Zustandes in der Pandemie. Bild: screenshot zdf

Der Politiker kam allerdings noch mal darauf zu sprechen, warum er bei der Pandemie mittlerweile von dem Zustand der zweiten Welle ausgeht:

"Ich will die Dinge beim Namen nennen und sagen, wie ich die zweite Welle definiere. Beim jetzigen R-Wert habe ich nach vorne gerechnet, um zu sehen, was passiert, wenn wir so weiter machen. In wenigen Wochen sind wir in einem Wachstum, das wir seit Monaten aufgebaut haben. Die Frage ist, reicht das, was wir jetzt machen? Nein, sonst würden die Zahlen nicht steigen. Es gibt die Gruppe, die glaubt, das Problem ist hinter uns. Jüngere schätzen die Gefahr als geringer ein. Solange es uns nicht so schwer betrifft, verhalten wir uns anders. Meine Position ist, dass die 'AHA-Regel' nicht reicht."

Die unzureichenden Testungen sieht Lauterbach als ein großes Problem

Derzeit wird auch über das geplante Großkonzert mit Sarah Connor diskutiert. Dort werden 13.000 Zuschauer erwartet. Angesichts der momentanen Situation hat der Virologe Schmidt-Chanasit eine klare Meinung dazu: "Ich kann mir das Konzert, so wie es geplant ist, nicht vorstellen." Wenn jedoch zukünftig sehr oft getestet werde, könne nahezu auf die Regeln verzichtet werden.

"Wir wollen keinen zweiten Lockdown. Wir können schauen, welche spezifischen Regeln wir ermitteln." Massenveranstaltungen wie die Raves auf der Hasenheide in Berlin-Neukölln würden mit den Verboten in die Illegalität abrutschen. "Ein pauschales Nein ist für die Politiker einfacher, sie müssen sich nicht mit einem Hygienekonzept auseinandersetzen", mahnte der Virologe an.

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Jonas Schmidt-Chanasit: Der Experte spricht sich für die "AHA-Regel" aus. Bild: screenshot zdf

Das große Problem sieht Lauterbach vor allem bei den Testungen. Im Wesentlichen könne man sehr viel mehr zulassen, wenn man schnelle Ergebnisse hätte. Doch in Deutschland würde es diese Tests schlichtweg noch nicht geben: "Wir sind, was Teststrategien angeht, noch nicht so weit, wie man sein könnte. Wir verlassen uns in Deutschland sehr stark auf den klassischen Test und der ist sehr teuer." Dadurch, dass der Test sehr genau sei, würden wir das Ergebnis oft erst Tage später erhalten. Lauterbachs Lösungsansatz ist folgender: "Wir müssen mehr Tests für die Bevölkerung zulassen, die schneller sind. Schnelligkeit ist wichtiger als Genauigkeit." Und weiter:

"Wir laufen derzeit der Pandemie hinterher. Die Strategie der Gesundheitsämter ist eine Si­sy­phus­ar­beit."

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Die Diskussionsrunde: Besonders bei der Testfrage sind sich die Gäste einig. Bild: screenshot zdf

Wenn ein Mensch heute krank werde, hätte er an den ersten beiden Tagen Symptome, davor sei er aber ansteckend. Das Problem: Wenn der Betroffene die Ergebnisse bekommt, sei die Phase schon wieder vorbei. "Mit einem viel zu präzisem Test fährt man quasi mit einem Panzer einem Kaninchen hinterher, das schon weg ist", so der Politiker.

Der Virologe meinte zudem, dass der Druck zunehmen werde und wir immer mehr illegale Veranstaltungen sehen würden. Lanz sprach davon, dass sich die Leute langsam weigern würden, die Maßnahmen zu befolgen. Pauschale Verbote hätten dazu geführt, dass Entscheidungen infrage gestellt wurden. Der Virologe machte noch einmal klar: "Wir müssen die nächsten Jahre mit dem Virus leben."

Elternvertreterin kritisiert die Ausstattung in den Schulen

Elternvertreterin Claudia Pick ist Vorsitzende des Landeselternbeirats Gymnasien in Schleswig-Holstein. Sie erklärte: "Wir haben Eltern, die große Sorgen haben, wenn die Schulen geöffnet werden. Wie sicher ist es, wenn es keinen Abstand mehr gibt? Die Eltern wollen, dass der Unterricht weitergeht. Wir haben festgestellt, dass wir einfach nicht so weit sind. Die Ausstattung ist noch nicht so gegeben. Wir sind nicht richtig vorbereitet." Lauterbach machte klar, dass es eben in Schulen nicht ausreichen würde, wenn die Fenster auf Kipp stehen. Einigermaßen gute Luft würde es nicht geben: "Die Kinder können sich schlecht konzentrieren."

Ein Lehrer sei mit den Stoffmasken nicht ausreichend vor der Übertragung geschützt, wenn die Kinder die infektiöse Phase haben.

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Claudia Pick: Die Elternvertreterin beschreibt die Situation für Schüler und Lehrer. Bild: screenshot zdf

Schmidt-Chanasit gab jedoch zu bedenken, dass es immer darauf ankommen würde, wie viele Schüler wie lange in einem Raum seien. "Eine pauschale Aussage ist schwer", so der Virologe. Zudem könnten mobile Filtereinheiten in den Schulen eingebaut werden. "Man hat eine deutliche Verbesserung der Raumluft", erklärte er. Auch für Lauterbach war das ein wichtiges Thema:

"Alle Schulfenster würde ich so umbauen, dass man richtig gut lüften kann. Lüften ist das Wirkungsvollste überhaupt. Wenn ich alle halbe Stunde für zehn Minuten lüfte, dann ist auf jeden Fall die Konzentration so niedrig, dass die Kinder während des Unterrichts nicht die Maske tragen müssen."

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Markus Lanz: Der Moderator spricht vom Versagen bei der Schulpolitik. Bild: screenshot zdf

Elternvertreterin Pick berichtete, dass im Gespräch mit den Ministerien das Hauptthema immer gewesen sei, den Präsenzunterricht zurückzubringen. "Ich glaube, das letzte Abitur haben die Schüler noch gut hinbekommen. Die nächste Klasse hat nicht viel Zeit, das aufzuholen. Während die eine Schule einen getakteten Unterricht geschafft hat, mussten die anderen Schüler zu Hause bleiben", meinte sie. Markus Lanz sprach sogar von echtem Versagen der Schulpolitik und fragte: "Haben Kinder keine Lobby?" Die Antwort von Lauterbach folgte prompt:

"In der ersten Phase der Pandemiebewältigung sind wir sehr gut unterwegs gewesen. Ein Grund war, dass Wissenschaft und Politik gut zusammengearbeitet hat. Das hat sich jetzt gelockert. Die Länder sind unabhängig unterwegs, in der Schulpolitik sowieso."

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Karl Lauterbach: Der Epidemiologe geht davon aus, dass wir jetzt noch rechtzeitig handeln können. Bild: screenshot zdf

Für Lauterbach sei der Blick nach vorne entscheidend, denn "wenn wir jetzt zusammenkommen, gibt es noch viel Spielraum." Bezüglich des Impfstoffs aus Russland merkte der Virologe zum Schluss noch kritisch an: "Da sind so wenige Informationen bekannt. Es ist fatal, dass jetzt losgeimpft wird. Ganz wichtig ist, dass die Nebenwirkungen wie Fieber oder Unwohlsein klar kommuniziert werden. In schweren Fällen kann es zu Impfnebenwirkungen wie Entzündung des Gehirns oder der Leber kommen." Der Politiker sah das ebenfalls kritisch: "Das ist ein Ritt über den Bodensee. Wenn das schiefgeht, können die Menschen das Vertrauen in den Impfstoff verlieren."

(iger)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Kolos 14.08.2020 15:53
    Highlight Highlight "Bezüglich des Impfstoffs aus Russland merkte der Virologe zum Schluss noch kritisch an: "Da sind so wenige Informationen bekannt. Es ist fatal, dass jetzt losgeimpft wird."
    Aber ob die EU Ende des Jahres mit d. Impfung anfängt, ist doch fast gleich. Nichts wird richtig getestet, alles braucht seine Zeit, über Jahre, bis die Auswirkungen/Schäden sichtbar werden. Inzwischen kommt evtl. ein neues Virus. Ich denke, Corona ist nicht so gefährlich, wie diese Impfung sein kann, daher möchte ich sie nicht. Es muss wohl dann wieder Bussgeld, wie bei Masken, kassiert werden. Das wäre der Gipfel.
    • Wotan 14.08.2020 16:58
      Highlight Highlight Sie schildern völlig richtig (wenn auch in speziellem Zusammenhang) ein Verhängnis, aus dem die Politik nicht mehr herausfinden wird. Wenn das Corona Virus irgendwann abflacht und die freiheitsbeschränkenden Maßnahmen gelockert werden sollten, ist das nächste Grippevirus da. Dann beginnt alles wieder von vorne, denn frei nach Goethe läßt sich feststellen: "Die Geister die ich rief, sie werde ich nicht mehr los." Soll heißen: Aus der Nummer kommen wie nie, nie mehr wieder raus!
  • Wotan 14.08.2020 14:00
    Highlight Highlight Was bitte ist die "Zweite Welle"? Den Begriff findet man nur im Zusammenhang mit der "Spanischen Grippe", als das Virus in mutierter Form nach einiger Zeit wieder auftauchte, aber nicht als Bezeichnung für einen medizinischen Sachverhalt, der sich wissenschaftlich auf die Corona Epidemie anwenden ließe. Seriöse Virologen, wie zum Beispiel Herr Streeck, benutzen diesen Ausdruck auch nicht oder mehr noch, sie lehnen ihn ab.
  • Kilian Kratzer 14.08.2020 10:11
    Highlight Highlight Der höchste Wert sein Mai, diese Aussage ist mit Vorsicht zu genießen. Bis Mai/Juni wurden vor allem Personen mit Symptome getestet. Jetzt werden sehr viele getestet auch ohne Symptome. Die Ergebnisse dann zu vergleichen macht wenig Sinn, da die Grundlagen zu sehr voneinander abweichen. Die Auslastung des Gesundheitssystems wäre hier ein sinnvoller Gradmesser.
    • Wotan 14.08.2020 11:58
      Highlight Highlight Sehr richtig, nur hören will das niemand.

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