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Hetze gegen Lehrerin – Wie Rechte eine Grundschule bei Reutlingen terrorisieren

Am Freitagmittag erreichen die ersten Hass-Mails die Uhlandschule im baden-württembergischen Wannweil. Darin stehen neben heftigen Beleidigungen auch Anschuldigungen und Drohungen. Einmal heißt es etwa: "Ich komme am Montag in deinem Unterricht vorbei, dann wirst du schon sehen". Die Schreiben zielen auf die Leitung der Grundschule sowie eine evangelische Religionslehrerin.

2016 hatte sie ihren Schülerinnen und Schülern in einer Klassenarbeit eine Erörterungs-Frage gestellt. "In deiner Straße soll eine Mosche gebaut werden. Was ist deine Meinung? Begründe". Zwei Punkte gab es für eine Antwort. Außerdem sollten die Schüler in dem Test unter anderem die Begriffe Koran und Allah erklären sowie die fünf Säulen des Islams auflisten.

Drei Jahre später hat die rechtsexteme Plattform PI-News den Test für ihre Zwecke entdeckt.

Ein aufgebrachter Vater, so glauben sie in Wannweil bei Reutlingen, hatte die Fragen an das Portal geschickt. Dort werden User immer wieder um solche angeblich ideologisch gefärbten "Hinweise" gebeten. Eine Vorgehensweise, die auch die AfD kopiert hat.

Die Seitenmacher bauten aus den einfachen Fakten-Fragen über den Islam am Freitag dann einen Artikel. Darin unterstellten sie einen "Islam-Gesinnungstest". Die wirre Argumentation: Die Meinungsfrage zum Moscheebau diene nur dazu, islamkritische Familien in der Gemeinde zu enttarnen. Darunter verlinkt die Seite auf das Kontaktformular der Schule sowie einer der Religions-Lehrerinnen.

Auftakt einer Hexenjagd mitten in Deutschland

Sofort erreichen dutzende Hass-Mails das Sekretariat und den Förderverein der Uhlandschule. Als Direktorin Beatrice Bantlin die Quelle erkennt, entschließt sie sich noch am Mittag dazu, die Website der Schule abzuschalten. Aber die Mails stoppen nicht.

"Die Leute hatten die Kontaktdaten schon gespeichert oder noch im Cache", erinnert sich Volker Steinmaier gegenüber watson. Er ist Vorsitzender des Fördervereins der Schule und spricht gerade in der Öffentlichkeit, damit Eltern und Lehrer es nicht müssen.

Wer ihm zuhört, erfährt von einer rechten Hexenjagd auf das Kollegium einer einfachen Schule in Schwaben. Deren Lehrerin hatte nur im Sinn, ihre Schülerinnen und Schüler über eine Religion zu informieren. "Es wäre völlig egal gewesen, wie die Schüler die Frage beantwortet hätten. Es ging nur darum, dass sie sich Gedanken über das Thema machen", erzählt Steinmaier. Der rechte Artikel allerdings mache daraus einen abartigen Ausfall gegen das Grundgesetz, den es aber nie gegeben habe.

Auch bei ihm gingen wütende Mails ein. Die meisten davon verlangten, die Religionslehrerin von der Schule zu schmeißen. "Meistens beriefen sie sich die Schreiber auf das deutsche Recht, dabei hat die Lehrerin mit staatlich und kirchlich geprüftem Unterrichtsmaterial gearbeitet", sagt Steinmaier. Kurzum: Sie machte ihren Job.

Nachdem dann mit Gewalt gedroht wurde, entschied sich die Schulrektorin am Wochenende, die Polizei zu rufen. Auch Steinmaier sagt: "Wir wussten, dass wahrscheinlich nichts passiert. Aber wenn doch und wir hätten nicht gehandelt, dann hätte ich mir das mein Leben lang nicht verziehen." So kam es, dass am Montag auch die Polizei zum Unterrichts-Tag einiger Grundschüler gehörte.

Auch für den Rest des Kollegiums, sowie für die Schüler und Eltern kamen die Drohungen wie ein Schock. Sie bekommen jetzt psychologische Betreuung, um das Geschehen aufzuarbeiten. Auch einen Rundbrief hat Bantlin geschrieben.

Gegenüber watson sagt die sichtlich unter Druck stehende Rektorin nur:

"Wir haben alle Schritte in die Wege geleitet, um alle zu beschützen, die etwas mit unserer Schule zu tun haben."

Ähnlich äußerte sich auch der Bürgermeister von Wannweil, Christian Majer, gegenüber dem lokalen "Tagblatt". "Die Sicherheit an der Schule, für die unsere Gemeinde sorgen muss, hat absolute Priorität."

Fördervereinsvorsitzender Steinmaier hofft, dass die Wut der rechten Trolle jetzt wieder vorüberzieht. Erst am Montagabend allerdings bekam er einen merkwürdigen Anruf auf seiner Privatnummer. Er kam von einem angeblichen Herrn Maier, der nach eigenen Angaben beim Landratsamt für Asyl in Reutlingen arbeite. Er wollte eine Rechtfertigung von Steinmaier, der aber verweigerte. "So einen gibt es im Landratsamt gar nicht", sagt er.

Ansonsten kamen die Nachrichten meist anonym an, viele mit Ortsmarken aus Berlin und Hamburg. Nur ein Wutschreiben erreichte die Schule nachweislich aus der Region selbst. "Es ist wie in vielen Fällen: So etwas wird veröffentlicht und dann rotten sie sich in ganz Deutschland zusammen, um Rabatz zu machen", sagt Steinmaier. Er bleibt dennoch dabei: Besser Vorsicht als Nachsicht.

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