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Jens Spahn bei "Dunja Hayali". Bild: Screenshot ZDF

Pflegerin kritisiert Jens Spahn bei "Dunja Hayali": "Das kann ich Ihnen nie vergessen"

Maik mosheim

Eine neue Sommer-Staffel "Dunja Hayali" steht an – und die Moderatorin widmet sich in der ersten Donnerstagsabends-Sendung im ZDF dem Thema Pflege während der Corona-Krise. Die Ausnahmesituation hat den Pflegeberuf massiv in den Vordergrund gerückt und wieder einmal gezeigt, wo die Missstände in dem Beruf liegen. Zu wenig Geld und zu wenig Personal sind nur zwei der vielen Probleme.

Gleich zu Beginn leitet ein emotionaler Beitrag über ein Pflegeheim in Berlin-Neukölln den Abend ein. In dem Heim waren zwölf Menschen an Covid-19 gestorben, Normalität scheint Jahre entfernt zu sein.

Das gilt offenbar für die meisten Heime. Branka Ivanisevic, examinierte Altenpflegerin aus Hessen, beklagt die schwierige Lage, in der sich ihre Einrichtung befunden habe.

Pflegerin zu Jens Spahn: "Das kann ich Ihnen nie vergessen"

Als sie über die Anfangszeit der Krise redet, wird sie emotional: "Wir standen dann ohne Schutzausrüstung da", erzählt sie. Und dann, zu Gesundheitsminister Jens Spahn gewandt: "Das kann ich Ihnen nie vergessen. Ihnen als amtierender Gesundheitsminister."

Spahn schaut betroffen drein, während Ivanisevic weiterspricht und den Bürgern ihrer Stadt dankt, die das Pflegeheim in den ersten Wochen der Krise mit Masken versorgt hätten. "Gott sei Dank" habe man keine Corona-Fälle in ihrem Heim gehabt, sagt sie.

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Branka Ivanisevic nahm Jens Spahn in die Mangel.

Jens Spahn sagt, es habe sich bei dieser Pandemie um ein Jahrhundertereignis gehandelt, wo Ausnahmen gemacht werden mussten. "Ich bin natürlich dabei, dass manches nicht da war." "Vieles", fällt ihm Ivanisevic ins Wort. Spahn leicht genervt: "Ja, ich kann jetzt lange mit Ihnen darüber streiten, an welcher Stelle man hätte bevorraten müssen, aber die Frage war ja, sind wir beim nächsten Mal besser vorbereitet." Und das sei man, so Spahn.

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Jens Spahn verteidigte sich gegen die Kritik der Pflegerin. Bild: screenshot zdf

Der Minister muss sich an diesem Abend so einiges an Kritik gefallen lassen. Und das nicht nur von den Gästen der Show, auch Moderatorin Hayali konfrontiert Spahn immer wieder mit provokativen Fragen. Wieso sei es dem Staat nicht wert, alle Pflegekräfte gleichermaßen angemessen zu prämieren? Ist der Staat wirklich auf alle Eventualitäten einer zweiten Welle vorbereitet? Jens Spahn ist im Laufe der Sendung immer mehr anzumerken, dass er sich ein wenig auf den Schlips getreten fühlt.

Hayali und Spahn geraten aneinander

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Bild: Screenshot ZDF

Als Moderatorin Hayali dann eine Grafik zum personellen Misstand in der Pflege einblendet und dabei von einem "Pflegedesaster" spricht, unterbricht der Gesundheitsminister sichtbar erregt:

"Wer soll in einen Beruf gehen, wo Sie nur von Desaster reden? Wir haben heute Abend noch nicht ein positives Wort zur Pflege verloren."

Jens Spahn

"Nicht der Beruf ist ein Desaster, sondern die Situation", entgegnet Hayali. Für den Beruf an sich habe sie nur Bewunderung und Respekt übrig.

Die Auseinandersetzung zeigt exemplarisch: Die Pflege hat ein Image-Problem. Und das wird nicht nur an dieser Stelle sehr deutlich. "Wenn ich in Serbien sage, ich bin eine Krankenschwester, dann bin ich eine Halbgöttin", erzählt Altenpflegerin Ivanisevic. In Deutschland sei das anders. Man sei zwar dankbar für die Arbeit der Pflegekräfte, aber der Beruf habe ein viel schlechteres Image. Ivanisevic betont, sie könne ihre Tochter nicht guten Gewissens in diesen Beruf lassen.

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Branka Ivanisevic bei in Dunja Hayalis Sendung. Bild: Screenshot ZDF

Dann, erneuter Auftritt Jens Spahn: "Wie soll sich das Image dieses Berufs ändern, wenn niemand positiv drüber redet?", fragt er in die Runde. Was folgt, ist ein eindringlicher Monolog darüber, was sich in den letzten Wochen, Monaten und Jahren positiv in der Pflege entwickelt habe. Spahns Beispiele: Seit dem 1. Juli 2020 ein Mindestlohn von 15 Euro in der Stunde.

Eine generalistische Pflegeausbildung, bei der Alten- und Krankenpflege zusammengelegt wurden, die Perspektiven für Auszubildende schaffe. Und vieles mehr. Den Einwand, dass der erhöhte Mindestlohn noch nicht genug sei, redet Spahn einfach weg. "Da sag ich Ihnen, es gibt seit Anfang Juli Tausende Pflegekräfte, die mehrere Hundert Euro pro Monat mehr haben."

Pflegekräfte und die fehlende gewerkschaftliche Organisation

Es wirkt an manchen Stellen so wie in einer Schulklasse. Alle reden durcheinander, nicht mal Moderatorin Hayali hat eine Chance auszureden. Die Stimmung wird mit der Zeit immer hitziger, die Sendung zeigt wieder einmal, wie hochemotional das Thema Pflege ist.

Jens Spahn hat ein weiteres Problem erkannt: Pflegekräfte seien oft nicht gut in Gewerkschaften oder ähnlichem organisiert – und das wirke sich negativ auf die Tarifverhandlungen und die Tarifverträge mit den Arbeitgebern aus. Da stimmen dem Gesundheitsminister alle zu, Altenpflegerin Ivanisevic lässt sich sogar anschließend dazu hinreißen, Werbung für die Gewerkschaft Verdi zu machen.

"Da kriegen Sie aber Ärger", sagt Helmut Wallraffen, Chef mehrerer Pflegeheime in Nordrhein-Westfalen, dazu lachend. Einer der wenigen lockeren Momente an einem insgesamt sehr ernsten Abend.

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Helmut Wallraffen betreibt mehrere Pflegeheime in NRW. Bild: Screenshot ZDF

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    Alle Leser-Kommentare
  • Cassie 17.07.2020 09:44
    Highlight Highlight Alle schreien nach mehr Gehalt,alle halten sich für ach so wichtig.Also 15,-/Std. möchte ich auch als systemrelevante und gelernte Verkaufskraft an derSupermarktbedientheke verdienen.Dann müsste ich und meine Kollegen aber viel schneller arbeiten-die Kunden abservieren bei gleichen Umsatz-dann kann 1 Verkaufskraft eingespart werden und das Gehalt theoretisch unter den verbliebenen aufgeteilt werden.Examinierte Pflegepersonal verdient aber weitaus mehr als die 15,-/Std.Wo soll das hohe Gehalt herkommen?Wieder von der Allgemeinheit?Die für viel weniger Geld arbeiten muss?
    • Hansi Daurippel 18.07.2020 11:35
      Highlight Highlight Auch bei Arbeitskraft gilt heute "Hauptsache billig". Heute kann man getrost sagen: Je schwerer, körperlich und psychisch, ein Beruf ist desto niedriger das Gehalt. Warum gehen denn heute so viele Menschen lieber einer Bürotätigkeit nach? Dickes Gehalt und dabei schön sitzen. Viele scheinen aber auch zu vergessen das Deutschland wirtschaftlich nur so erfolgreich ist weil die Menschen die mit ihrer Hände Arbeit für den Erfolg beigetragen haben nicht anständig verdienen. Deutschland ist ein Niedriglohnland an dem sich z. B Zeitarbeitsfirmen noch ne goldene Nase verdienen.
  • beobachter 17.07.2020 08:33
    Highlight Highlight Es ist deutlich zu kurz gesprungen, den berechtigten Frust beim amtierenden Gesundheitsminister abzuladen ! Die desolate Situation im Pflegebereich - aber auch in Krankenhäusern, Arztpraxen, Apotheken und anderen Berufen des Gesundheitswesens ! - liegt an der Wertschätzung der Berufe dort, und da muss sich JEDER Bürger an die eigene Nase fassen !!! Wie benehmen sich Patienten und deren Angehörige in den Einrichtungen, welches Anspruchsdenken wird an den Tag gelegt und vor allem: WAS ist man selbst bereit, zu leisten ? Work-life-Balance im 8-15-Job oder Einsatz in einem herausfordernden Beruf ?
    • Kilian Kratzer 17.07.2020 09:01
      Highlight Highlight dem ist nichts hinzuzufügen!
    • MrMatrone 17.07.2020 09:50
      Highlight Highlight Ich bin examinierte Altenpflegerin. Habe ich meinen Beruf, der sehr vielseitig ist, in "geselliger Runde" genannt, hieß es meistens nur "das könnte ich nicht, den ganzen Tag alten Leuten den Hin*ern abwischen. Dass dieser Pflegeberuf wesentlich mehr beinhaltet interessiert die wenigsten. Schlimmer als schlechte Bezahlung ist die Unsitte der Vorgesetzten, permanent das Personal intern auszutauschen- die alten Leute sehen dauernd andere Gesichter, auf ihr Schamgefühl wird keine Rücksicht genommen. Hilfsmittel fehlen, knappe Zeitvorgaben vom MDK schaffen die Misere: keine Zeit für Gespräche....
    • Cassie 17.07.2020 14:48
      Highlight Highlight @MrMatrone,eigentlich wie in jeden anderen Beruf auch.zuviel Arbeit bei zuwenig Personal,Angestellte die meinen zu wenig zu verdienen,fehlende Anerkennung für ihre Arbeit-wie in JEDER anderen Berufsparte auch.Ausser bei den Beamten.Nenn doch mal dein Bruttogehalt,samt Weihnachts-Urlaubsgeld und den anderen Vergünstigungen,Zuschläge usw.Dann werde ich dir als gelernte Verkaufskraft mit 42 Jahren Berufserfahrung mal mein Gehalt nennen,,es gibt weder Weihnachts-noch Urlaubsgeld,kein Zuschlag nach 20 Uhr,aber zu wenig Personal und respektlosen Druck von manch Kunden und Chef-egal wie alt man ist
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