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Amtsarzt Patrick Larscheid muss Helge Brauns Optimismus enttäuschen. bild: screenshot zdf

Als Merkel-Minister Corona-App anpreist, setzt ein Arzt zum Konter an

maik mosheim

Donald Trump hat das Coronavirus besiegt – das zumindest sagt der US-Präsident über sich selbst und wirbt dafür, "keine Angst" vor dem Virus zu haben. Für ihn scheint das die richtige Strategie zu sein, um die US-Wahl im November irgendwie zu gewinnen. Die Umfragen sprechen allerdings dagegen und auch die teils heftigen Reaktionen aus aller Welt zeigen, dass „keine Angst“ vor dem Virus zu haben, möglicherweise einen gefährlichen Eindruck erweckt.

Bei „Maybrit Illner“ im ZDF diskutieren die Gäste, wie Trumps Umgang mit der Pandemie einzuschätzen ist und wie Deutschland für den Herbst, Winter und darüber hinaus mit dem Virus leben sollte. Dabei zeigt sich schnell: Einen thematischen Schwerpunkt gibt es eigentlich gar nicht - und das wird zum Problem.

Zu Gast an diesem Abend sind:

Donald Trump und seine undurchschaubare Corona-Infektion

Was da in den USA mit Donald Trump gerade geschehen ist, versteht wohl niemand so richtig, vielleicht nicht mal die, die dabei waren. Auch die Schweizer Virologin Isabella Eckerle gehört zu den Menschen, die ein wenig ungläubig auf die Ereignisse starren.

„Ich verstehe das gar nicht, was da passiert ist."

Isabella Eckerle

Normalerweise könne man nach so einem Medikamenten-Cocktail, wie ihn Trump bekommen hat, nicht nach drei Tagen gesund aus der Klinik entlassen werden, sagt Eckerle. Aber am Ende sei es reine Spekulation, ob der wilde Mix aus verschiedenen Medikamenten, darunter das ursprünglich als Ebola-Mittel gedachte Remdesivir und ein experimenteller Antikörper-Cocktail, Trump tatsächlich so schnell wieder gesund gemacht hat, ob seine Infektion womöglich schon länger zurückliegt, oder oder oder.

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Virologin Isabella Eckerle über Trumps Corona-Infektion. Bild: screenshot ZDF

Bei Trumps Umgang mit der Pandemie und der Botschaft, jeder könnte das Virus „besiegen“, ist sich die Runde dafür einig: "Gefährlich" sei es, solche Ansichten zu vermitteln, auch könne sich nicht jeder eine solche Therapie leisten, wie sie der US-Präsident offenbar bekommen hat.

Es ist eine wirre Sendung. Aus New York und Washington sind die Sängerin Ute Lemper, die über ihre persönliche- und die New Yorker-Corona-Situation spricht und der ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen, der über die TV-Duelle zwischen Trump und seinem Herausforderer Joe Biden aufklärt, zugeschaltet. Dann geht es auf einmal um Todesfälle in Deutschland. Einen klaren thematischen Schwerpunkt hat die Sendung nicht, gefühlt leidet sie unter der ungewöhnlich hohen Zahl an Gästen, die alle zu Wort kommen sollen.

Die jungen Leute und das Coronavirus

Wo sich die Talk-Runde einig zu sein scheint: Man muss die Todesfallzahlen möglichst gering halten und wenn vor allem jüngere Leute, die sich an Corona-Regeln nicht halten wollen, sich das Virus holen, bleiben die Todeszahlen auch gering, weil die Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufs bei jungen Menschen ebenfalls gering ist. Salopp gesagt: Man kann die Jüngeren zwar auffordern, sich an die Regeln zu halten, aber wenn die das nicht interessiert, dann kann man sie notfalls auch einfach machen lassen.

Doch dann kommt Patrick Larscheid, Leitender Medizinischer Direktor und Amtsarzt des Gesundheitsamtes Berlin-Reinickendorf an die Reihe, der sich zuvor auffallend zurückgehalten hatte.

„Mich irritiert die Haltung ein bisschen, dass man sagt, lass die jungen Leute das doch haben.“

Patrick Larscheid

Er sieht darin einen „Denkfehler“: „Die jungen Leute sind ja auch potenzielle Überträger“, führt er aus. So würden beispielsweise in Pflegeeinrichtungen oftmals jüngere Leute arbeiten, die dann im schlimmsten Fall das Virus auch zu den viel gefährdeteren älteren Menschen tragen.

Kurz danach: Wieder ein neues Thema. Die Runde springt, von einem Themenblock zum nächsten und kaum einer wird mal ausführlicher diskutiert.

Die Corona-App und warum sie keine Hilfe ist

So hält dann auch ein weiterer, mittlerweile sehr ausführlich besprochener Aspekt Einzug in die Runde: Die Corona-Warn-App. Die App ist eines der Herzensthemen von Kanzleramtschef Helge Braun (CDU), der ebenfalls in der Runde zu Gast ist. Er verteidigt die App wie gewohnt mit Herzblut, sie erfülle genau das, wofür man sie brauche und entwickelt habe.

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Helge Braun, großer Verfechter der Corona-App. Bild: screenshot ZDF

Doch die Realität scheint anders auszusehen. Patrick Larscheid zumindest hält sie in seiner Funktion als Leiter eines Gesundheitsamtes für "unbrauchbar".

„Ich muss Sie sehr enttäuschen, aber die App hilft uns im Alltag überhaupt nicht.“

Patrick Larscheid

Durch den hohen Datenschutzstandard, der an die App gelegt wurde, sei es den Einrichtungen kaum möglich, Kontakte nachzuverfolgen und damit sei sie für die Covid-19-Nachverfolgung praktisch bedeutungslos. Da hilft es auch nichts, dass Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, "eine Lanze für die App brechen" will. Sie sieht zwar auch Schwächen bei der App, hätte aber schon häufig gehört, dass sich Leute gefreut hätten, über mögliche Kontakte zu Infizierten benachrichtigt worden zu sein.

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Für Patrick Larscheid ist die Corona-App "unbrauchbar". Bild: screenshot ZDF

Und das ist auch schön und gut. Aber wenn die Corona-App ihre ursprünglich angedachte Funktion, die Kontaktnachverfolgung zu unterstützen und den Gesundheitsämtern zu helfen, nicht erfüllen kann, ist jede Mitteilung, dass man mit Infizierten Kontakt hatte, auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

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