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"Star Wars: Squadrons": Ein Game für 90er-Kinder

Kinder der Neunziger werden dieses Spiel lieben – vorausgesetzt, sie haben an einem PC gezockt. Damals zogen Konsolenfans in "Star Fox" in Pseudo-3D-Weltraumschlachten – es ging nur geradeaus. PC-Gamer hingegen stiegen in die Cockpits stilvoller X-Wings oder zerbrechlicher Tie-Jäger und erlebten echte 360-Grad-Gefechte im kalten Nichts zwischen den Sternen.

Nachdem das Genre der Weltraum-Action-Simulationen in den Nullerjahren eingeschlafen war, überraschte Publisher Electronic Arts (EA) Mitte 2020 mit einer Ankündigung: "Star Wars - Squadrons" erscheint noch in diesem Jahr. Es sollte gleichermaßen die ergrauten Kids der 90er-Jahre sowie deren Nachwuchs zurück in die "Star Wars"-Cockpits holen. "Squadrons" sollte Feeling und Anspruch von legendären Titeln wie "X-Wing" und "Tie-Fighter" mit bunter Action-Optik und Zugänglichkeit kombinieren, dabei gleichermaßen Fans von Singleplayer wie Multiplayer begeistern. Die eierlegende "Star Wars"-Sau, wenn man so will.

Nun scheitern Entwickler häufig an den überzogenen Ansprüchen ihrer Publisher (oder den eigenen Fähigkeiten). Gelang Entwickler Motive mit seinem neuen "Star Wars"-Game der Beweis des Gegenteils? Jein. Denn ob "Squadrons" ein Top-Game ist, hängt sehr davon ab, mit welchen Vorstellungen Gamer oder Gamerinnen ins Cockpit steigen.

Beginnen wir mit einer Überraschung: "Squadrons" ist in erster Linie ein Singleplayer-Spiel. Das war angesichts dessen, was vorab über das Game bekannt geworden war, nicht abzusehen. EA und Motive hatten vor allem Material aus dem Multiplayer gezeigt. Dass es eine Story geben würde, war klar, sie wirkte aber zunächst wie Beiwerk.

Mehr Abwechslung als ihr glaubt

Die 14 Missionen lange Kampagne überzeugt dabei auf (fast) ganzer Linie. Gamer klettern abwechselnd in jeweils vier verschiedene Raumjäger des Imperiums oder der Neuen Republik (vormals bekannt als "Rebellen-Allianz") und stürzen sich in dramatische Gefechte zwischen den Sternen. Unter anderem müssen Konvois beschützt oder zerstört oder auch mal Rebellen, mal Imperiale in Hinterhalte gelockt werden. Klingt nach wenig Abwechslung, spielt sich aber vielfältig und fühlt sich nach "Star Wars" an.

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Bild: ea/Screenshot

Das liegt daran, dass wir als Piloten unseren Raumjäger zu jeder Zeit unter Kontrolle behalten müssen, insbesondere auf den höheren Schwierigkeitsgraden. Schilde, Waffen und Antrieb greifen alle auf dieselbe Energiequelle zurück. Piloten müssen also im Gefecht je nach Situation entscheiden, ob sie lieber volle Energie in die Laser lenken und mehr Schaden austeilen, oder bei einem Fluchtmanöver Antrieb und/oder Schilde hochfahren. Da kommt schnell Hektik auf, die sich einfach klasse anfühlt und so ziemlich denselben Frust auslöst, den die Action-Simulationen der 90er-Jahre so unvergleichlich vermitteln konnten. Mit einem Unterschied: Die Missionen haben nun Checkpoints. Zerplatzt der eigene Jäger also unter Laserfeuer (und das wird er), ist nicht gleich der ganze Einsatz verloren.

"Squadrons" kann anspruchsvoll sein und die genaue Kenntnis der kleinsten Stellschrauben aller Raumjäger erfordern – muss es aber nicht. Wer lieber die Story erleben will, und sich dabei fühlen wie Luke Skywalker beim Anflug auf den Todesstern, der findet in "Squadrons" genau dieses Erlebnis.

Verrat und Enttäuschung

Die Geschichte ist für "Star Wars"-Verhältnisse in Ordnung und dreht sich um den "Star Hawk", ein besonders mächtiges Raumschiff der Neuen Republik, das bisher nur in Comics, mehreren Tabletop-Spielen und Büchern Erwähnung fand. Weniger überraschend wollen die Imperialen jene Wunderwaffe zerstören, die andere Seite genau das verhindern. Punkten kann die Story vor allem in der B-Note, denn sie dreht sich auch um Verrat und Enttäuschung. Dadurch erhält sie eine gewisse Würze.

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Bild: ea/Screenshot

Ein kleiner Wermutstropfen: Nur für eine Seite in den Weltraum ziehen, geht nicht. Die Story wechselt alle paar Missionen den Blickwinkel, dann fliegen wir für die Gegenseite. Wer mit der jeweiligen Fraktion nichts anfangen kann, hat Pech – und muss ertragen, dass die Guten auch wirklich die Guten ("Lasst uns Zivilisten retten") und die Bösen schlicht böse sind ("Lasst uns Zivilisten töten"). Graustufen, wie sie etwa "Star Wars: Rogue One" vorkamen, gibt es nicht. Und Konflikte mit der Agenda der eigenen Seite haben die Figuren nur selten – am allerwenigsten die eigene, denn die ist stumm und trägt zur Geschichte nichts bei. Gordon Freeman ("Half Life") lässt grüßen.

All das stört allerdings wenig, denn innerhalb der Einsätze packt "Squadrons" auf den Tisch, was "Star Wars"-Fans lieben: brachiale Hochgeschwindigkeits-Weltraumaction, in der alle paar Sekunden etwas explodiert und hektische Funksprüche durchs Cockpit jagen, während wir elegant um gigantische Raumschiffe herumfliegen, immer auf der Suche nach dem nächsten Ziel. Das Sounddesign sucht dabei seinesgleichen und dank Frostbite-Engine ("Dragon Age: Inquisition", "Anthem") sieht das Game umwerfend aus und lässt sich, passende Hardware und ein starker Magen vorausgesetzt, auch in Virtual Realtiy erleben. "Squadrons" ist ein fantastisches "Star Wars"-Erlebnis.

Multiplayer erinnert an "Battlefront"

Etwas anders sieht es hingegen im Multiplayer aus. Der fühlt sich ein bisschen so an, wie die Raumkampf-Karten aus des hauseigenen Konkurrenz-Produkts "Star Wars: Battlefront 2". Zwei Modi stehen zur Auswahl: Staffel-Deathmatch und Flottenkampf. Im ersteren werden zwei Teams aufeinander losgelassen und dürfen sich so lange auf die Rübe geben, bis eines gewonnen hat.

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Bild: ea/Screenshot

Zweiterer erfordert wesentlich mehr taktische Finesse. Dabei müssen die Subsysteme mächtiger Gegner, etwa Sternenzerstörer, einzeln kaputtgebombt werden. Es gilt, die Schwächen des einen Jägers mit den Stärken des anderen auszugleichen. A-Wings zum Beispiel sind flink und wendig, platzen aber schon, wenn man in ihre ungefähre Richtung hustet. Sie eignen sich also hervorragend dazu, Bomber abzuschießen, gehen gegen die Turbolaserkanonen eines Sternenzerstörers aber schneller unter, als man R2D2 sagen kann.

Dieses Schere-Stein-Papier-Prinzip erweitert Motive mit einer Reihe von – selbstverständlich freischaltbaren – Gimmicks wie Schnellfeuerkanonen, Spezialschilden oder neuen Schiffsrümpfen, mit denen sich die Raumjäger an den eigenen Geschmack und die taktische Situation anpassen lassen.

Es macht Spaß

Im Zusammenspiel bedeutet beides, dass sich Teams im Flottenkampf gut absprechen müssen: Wer fliegt welches Schiff mit welchen Waffen und greift dann welches Ziel an? Das ist durchaus herausfordernd und macht Spaß, dürfte sich aber auch schnell abnutzen. Die Spielerzahlen für den Multiplayer waren in der ersten Woche nach Release zwar stabil, aber ob das angesichts des doch recht gleichförmigen Spiel-Erlebnisses so bleibt? Ob Motive und EA in Zukunft nachlegen und frischen Content liefern, ist derzeit unklar.

So bleibt "Star Wars: Squadrons" ein wunderschöner Singleplayer-Titel mit echtem "Star Wars"-Feeling. 90er-Kids können bedenkenlos zugreifen, da Anspruch und Spielmechaniken nur leicht hinter denen der geliebten Titel aus der guten alten Zeit zurückbleiben. Alle anderen dürfen zuschlagen, weil "Squadrons" bunte Balleroptik bietet, sich extrem flüssig spielt und für ein paar Stunden lang prächtig unterhält. Multiplayer-Puristen können aber bei "Battlefront 2" bleiben und sich ihr Geld für den x-ten DLC sparen.

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