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In "Among Us" werden Freunde hinterrücks erledigt. Bild: screenshot

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Einfach ist auch geil: Das Game "Among Us" zeigt, was große Spielehersteller vergessen

Es fängt friedlich an: Das Raumschiff gleitet durchs All, die Mannschaft kümmert sich um die Maschinen. Zur Crew gehört das Figürchen mit dem Namen Blau. Gedankenverloren arbeitet es in einem dunklen, viel zu engen Raum. Nur noch wenige Sekunden, bis Blau fertig und seine To-do-Liste abgehakt ist. Plötzlich betritt ein Kamerad den Raum. Blau will sich gerade umdrehen, da legt sein Kollege ihm die Hände an den Kopf, bricht ihm das Genick und verschwindet. Kurz darauf findet die Crew Blaus Leiche. Die Suche nach dem Mörder beginnt.

"Among Us" ist ein Phänomen. Nach dem Release vor zwei Jahren verschwand das Spiel in der Versenkung. Die Aufmerksamkeit reichte nicht einmal zum Geheimtipp: Rund 20 Spieler tummelten sich auf den Servern des Games. Oft waren es zu wenige, um eine Partie – für die es mindestens vier braucht – zu starten. Nun, 2020, entwickelt es sich zum Hit. Mehr als 100.000 Nutzer sind heute gleichzeitig aktiv, fast 400.000 waren es zur Hochphase, wie es in den Charts der weltgrößten Game-Plattform Steam heißt. Das sind Werte, die selbst Spiele wie "GTA 5" und "Monster Hunter World" nicht erreicht haben, trotz namhafter Studios im Rücken.

Dabei gab es weder eine große Werbemaßnahme seitens des verantwortlichen Studios Innersloth noch starke Veränderungen am Gameplay. Der Durchbruch war reines Glück, das Konzept sorgte aber dafür, dass der Hype anhielt. Bis heute. "Among Us" zeigt vor allem, wie sich der Gaming-Markt veränderte – und warum große Spielhersteller damit ihre Schwierigkeiten haben.

Ein simples Game

Erstmal die Basics: "Among Us" spielt sich wie "Werwolf". Zehn Spieler erledigen gemeinsam oder allein Wartungsarbeiten in einem Raumschiff. So weit, so langweilig. Um einen gewissen Thrill einzubringen, befinden sich ein bis zwei Bösewichte in der Gruppe, die sie nach und nach dezimieren. Ein Ziel ist, die oder den Mörder aufzuspüren und ins kalte, schwarze Weltall zu befördern. Andersherum gewinnen die Mörder unter anderem, wenn sie die gesamte Gruppe ausschalten und nicht auffallen.

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Mörder oder Crewmitglied? Das Zufallsprinzip entscheidet. Bild: Screenshot

So simpel das klingt, es bietet viel Raum für spaßige, aber auch dramatische Diskussionen. Denn alle Spieler sind menschlich, zumindest im Normalfall. Innerhalb eines Chatrooms spekulieren also alle Beteiligten. Falsche Anschuldigungen, die mit dem Tod eines Unschuldigen enden, sind da keine Seltenheit. Fliegt jemand von Bord, der nicht der Mörder ist, geht das Spiel weiter.

Ein Streamer machte das Spiel groß

Es ist einfach, es ist lustig, es bietet Entertainment. Das sah auch der Streamer SodaPoppin, der "Among Us" zufällig entdeckte und seinem Millionenpublikum auf Twitch vorstellte. Kurz darauf eroberte es die Streaming-Plattform für Gamer, es folgten tausende neue Spieler. Ein Phänomen, das bereits bei Titeln wie "Fall Guys" auftrat: Streamer entdeckt ein Spiel, stellt es seinen Fans vor, die es daraufhin kaufen. Große Spielehersteller hassen diesen Trick.

Denn das Potenzial von Twitch erkennen sie zwar, wissen aber nicht, wie sie davon profitieren sollen. So probierte Ubisoft jüngst seinen Battle-Royale-Shooter "Hyper Scape" auf der Plattform zu vermarkten. Und scheiterte bitterlich. Es wird klar, dass geplante Aktionen eben nicht überall funktionieren.

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Schon beängstigend, wenn man niemandem trauen kann. Bild: Screenshot

Twitch ist zu schnelllebig, zu wenig vorhersehbar. Das Liegt unter anderem daran, dass das Angebot zu groß und vor allem vielseitig ist. Das führt dazu, dass bei einem Game bereits wenige langweilige Sekunden reichen, um den Geduldsfaden der Nutzer zum Reißen zu bringen. Ein Spiel kann so eben zum Hit werden oder gnadenlos untergehen. Natürlich hängt das davon ab, wie reichweitenstarke Streamer oder Let's-Player es vermarkten. Doch so wichtig deren Rolle heutzutage ist: Um auf Twitch zu funktionieren, muss ein Spiel ein paar Voraussetzungen erfüllen.

Was "Among Us" interessant macht

"Among Us" bietet Raum fürs Kopfkino. Wir haben Geschichten, die praktisch alle Farben des Gefühlsspektrums abbilden. Loyale Freunde werden zum Verräter, verhasste Feinde entpuppen sich als Mitstreiter. Trauer, Wut, Frust, Freude, das alles in nur wenigen Minuten – "Among Us" ist quasi digitales und legales Ecstasy, ohne gesundheitliche Langzeitschäden. Spieler lassen sich berauschen, Zuschauer bekommen etwas geboten. Die Chats mit den Anschuldigungen ähneln einer Seifenoper:

"Du bist der Mörder!"
"Herrgott, ich wars nicht. Mit Sicherheit warst du es – oder dein Kollege, der ist so auffällig still."

Das Spiel glänzt aber besonders in einem Punkt: es ist lustig. Sehr sogar. Die Figürchen, die dramatischen Diskussionen, ja selbst die Sterbeszenen sind derart überzogen, dass sie ein wenig an einen Monty-Python-Film erinnern. Leider ist Humor etwas, an dem manche Großproduktion scheitern. "Last of Us 2", "Ghost of Tsushima" oder "Red Dead Redemption 2“ sind Hits, keine Frage. Allerdings verbindet sie alle ein ernster Ton, das muss nicht immer sein.

Kurze, lustige Runden

Gerade in Corona-Zeiten wollen wir abschalten, uns berieseln lassen, auch mal lachen. Da muss es nicht immer eine komplexe Story rund um die psychischen Probleme gebeutelter Protagonisten sein. Das zeigte bereits "Fall Guys", ein Partyspiel, in dem wir lustige Figuren durch bunte Hüpfburg-Installationen steuern. Lustig, bunt und albern – aber allen voran kurzweilig.

Etwas, mit dem Großproduktionen nicht aufwarten können. Zu deren Verteidigung muss aber gesagt werden, dass die Spiele eben mehr kosten, entsprechend auch mehr bieten sollten. An dieser Stelle sei angemerkt, dass manche, nennen wir sie Gagspiele, relativ rasch an Bekanntheit verlieren. Bei "Fall Guys" schwinden die Spieler aktuell wieder, bei "Among Us" könnte es ähnlich ablaufen.

Was "Among Us" für Spieleentwickler bedeutet

Erstmal nicht viel. Es ist ein Trendgame, von dem Jahre später sehr wahrscheinlich nicht mehr als eine Anekdote im Gedächtnis alternder Gamer bleibt. Allerdings zeichnet sich immer stärker ein Trend in der Branche ab: die weiterhin wachsende Relevanz der Streaming-Plattform Twitch. YouTube-Trailer ohne Spielszenen oder zugekleisterte Litfaßsäulen fallen als Werbetool aus der Zeit. Streamer werden hingegen immer wichtiger.

Weiterhin muss es nicht immer die große Blockbuster-Produktion sein, die die Augen mittels mannigfaltiger Effekte malträtieren. Auch braucht es nicht immer eine Spieltiefe, in der wir völlig versumpfen. Manchmal reicht es einfach, jemanden des Mordes zu beschuldigen.

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