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Lehrer verrät, welche Elterntypen ihn am meisten nerven

lehrer m.

Die Arbeit an einer Schule ist nicht immer ganz einfach. Unter dem Pseudonym "Lehrer M." klärt ein Schweizer Lehrer über all das Chaos auf, was ihn täglich im Klassenraum erwartet. Doch nicht immer sind es die Schüler, die Probleme machen. Warum auch die Eltern oft nerven und welche Eltern-Typen am schlimmsten sind, hat er heute für uns aufgeschrieben.

Sie alle sind endlos lange zur Schule gegangen. Das macht sie natürlich auch alle zu Experten, was die Schule angeht. Gemeint sind die Eltern. Zweifellos sind trotzdem weitaus die meisten im Umgang mit uns Lehrern sehr in Ordnung. Umso mehr Staub wirbeln aber die Eltern auf, die aus dem einen oder anderen Grund mühsam bis unerträglich sind.

Sie möchte ich aus meiner Sicht kurz vorstellen. Natürlich gelten auch bei diesen Nervensägen zum Teil mildernde Umstände. Einer dieser Umstände ist die Tatsache, dass die betroffenen Eltern gar nicht merken, dass sie so sind, wie sie sind; sonst wären sie nicht so, wie sie sind. Ein anderer könnte sein, dass Kinder für ihre Eltern emotional immer wichtiger werden. Deshalb wollen die meisten Eltern nur das Beste für ihr Kind. Und das ist sicher nicht nur schlecht.

Die Supereltern

An ihnen gibt es eigentlich nichts auszusetzen – weder aus Lehrer- noch aus Kinder- noch aus Elternsicht. Sie machen einfach alles perfekt: beim Pausenbrot, beim Elterngespräch, beim Elternabend. Und oft sehen sie auch noch perfekt aus. Leider. Denn das ist das Problem: Niemand liebt es, ständig den Spiegel der eigenen Unzulänglichkeit vorgehalten zu bekommen. Und Lehrer zu sein heißt nicht, dass man nicht auch noch Mutter oder Vater ist. Im Prinzip sind solche Eltern eine wandelnde Zumutung und eine ständige Provokation für uns Normalsterbliche – falls es sie tatsächlich gibt.

Die Projekt-Eltern

Ehrgeiz ist etwas Gesundes – vor allem, wenn er gesund ist. Das sagte mir meine Mutter immer, mit ziemlich mäßigem Erfolg. Aber es gibt auch krankhaften Ehrgeiz und krankhafte Eltern. Ihr Kind soll werden, was sie nie wurden. Krank sind auch ihre Ansprüche. Klein-Eva soll mindestens Astrophysik oder Einstein studieren. Auch wenn das rein genetisch gesehen eher unmöglich ist. Denn der Apfel fällt, wir wissen es, nicht weit vom Stamm.

Das Hauptproblem ist aber, dass sich dieser übertriebene Ehrgeiz auf das Verhältnis zu den Lehrern auswirkt, weil er nervt. Wenn nämlich Klein-Eva die Matheprüfung versemmelt, ist grundsätzlich der Lehrer schuld: Er hat das Thema nicht gut erklärt, die Prüfung war zu schwer oder die Klasse hatte zu wenig Zeit. Und bei Groß-Eva schaut es nicht anders aus, nur dass sie anstelle ihrer Eltern mit verbissener Miene nach vorne stürmt, wenn ihr eine Prüfung zurückgegeben wird, deren Bewertung nicht den Ansprüchen ihrer Eltern entspricht. Denn wenn sie noch nicht daran zerbrochen ist, hat sie die überzogenen Ansprüche ihrer Eltern längst verinnerlicht.

Die Besserwisser

Es gibt Eltern, die wissen alles: besser. Und das zeigen sie sehr gerne, besonders an Elterngesprächen und bei jedem Elternabend – sehr zum Leidwesen aller anderen, denn sie sind oft sehr ausdauernd beim Besserwissen. Was sie dabei vergessen: Man weiß in der Regel nicht, was man nicht weiß, sonst wüsste man ja, dass man etwas nicht weiß; zum Beispiel, dass man ein Besserwisser ist. Nun sagen sich natürlich alle Besserwisser (und ich rede da aus eigener Erfahrung): Da ich es besser weiß, kann ich kein Besserwisser sein. Doch, das kann man, sogar wenn man es besser weiß.

Wir, die wir ganz sicher nicht so sind, wissen natürlich, was dahintersteckt: der Drang, zu zeigen, dass man es besser weiß, weil man sich dann besser fühlt – wenigstens besser als der andere, der weniger weiß. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Wir Lehrer haben das aus beruflichen Gründen nicht gern. Denn wir sind qua Selbstverständnis dazu verdammt, es tatsächlich besser zu wissen – ganz nach dem Motto von Sokrates: "Ich weiß, dass ich es besser weiß."

Die Bildungsfeindlichen

Die Bildungsfeindlichen sind nicht deckungsgleich mit den Bildungsfernen, denn die sind nicht automatisch bildungsfeindlich. Natürlich gibt es die eine oder andere Überschneidung. Der Hauptunterschied ist aber der, dass die Bildungsfeindlichen im Gegensatz zu den Bildungsfernen auf die Gebildeten herabschauen. Viele von ihnen halten übrigens Gölä (Schweizer Rockmusiker, Anm. d. Red.) für einen tiefsinnigen Rockmusiker, was das Verhältnis zu mancher Lehrkraft massiv belasten kann, vor allem, wenn sie auch Göläs pädagogische Ansichten zu Ohrfeigen als patentes Erziehungsmittel teilen. Die restlichen Klischees erspare ich uns.

Problematisch ist, dass sie Lehrern grundsätzlich mit einer Mischung aus Arroganz und Misstrauen begegnen. Entweder haben sie das nebst etlichen Ohrfeigen so von ihrem Elternhaus mitbekommen, oder sie haben es sich im Laufe ihrer eigenen Schulzeit fremd- oder eigenverschuldet angeeignet. Leider geben sie ihre Bildungsfeindlichkeit und ihre Verachtung für alles, was irgendwie nach Intellekt riecht, an ihren Nachwuchs weiter. Sie sind der natürliche Gegenpart zu den Projekt-Eltern, obschon auch sie ein Projekt haben: Ihr Kind soll auf keinen Fall studieren, auch wenn es das möchte. Denn für sie hat nur Handwerk goldenen Boden.

Die Helikoptereltern

Die unter uns Lehrern gefürchtetsten Eltern sind die Helikoptereltern. Sie kreisen unablässig um ihre Kinder, kontrollieren, bewachen, überwachen und behüten sie. Leider auch in der Schule, denn sie mischen sich bei jeder Kleinigkeit ein, vor allem, wenn sie das Gefühl haben, ihr Kind sei ungerecht behandelt worden. Und dieses Gefühl haben sie immer. Das macht sie für uns Lehrer so unangenehm. Denn sie kämpfen für das vermeintliche Wohl ihrer Kinder mit Zähnen und Klauen. Nach meinem letzten Rencontre mit einer Helikopter-Mutter kam ich mir vor, als sei ich vom neuen Tesla-Truck überfahren worden. Was irgendwie Sinn macht, denn sie war eine Grüne.

Eine unnötige Weiterentwicklung der Helikopter- sind die Rasenmäher-Eltern. Wie Schafe mähen sie ihrem Nachwuchs den Weg frei, wo immer es geht. Widerstandslos soll dieser seinen Weg gehen können. Bei ihnen weiß man nie, wer denn nun die Facharbeit geschrieben hat – die Eltern oder das Kind. Es kann also durchaus vorkommen, dass das Kind nach Hause kommt und sagt: "Papi, wir haben in Geschichte eine Sechs". Wenn sich der Erfolg trotz allem nicht einstellt, kann es sein, dass diese Eltern unsereinem oder der Schule mit rechtlichen Schritten drohen. Das ist sehr unangenehm.

Die Ewiggestrigen

Nicht alles Neue ist schlecht. Es ist in erster Linie neu. Wahrscheinlich hat schon bei der Erfindung des Rades einer den baldigen Weltuntergang prophezeit. Ewiggestrig ist zwar in erster Linie ein politischer Begriff, aber im Prinzip geht er auf Friedrich Schiller zurück, denn schon sein "Wallenstein" wusste: "Nicht, was lebendig, kraftvoll sich verkündigt, ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz Gemeine ist, das ewig Gestrige, was immer war und immer wiederkehrt und morgen gilt, weil’s heute hat gegolten!" (Mancher wird sich jetzt fragen: "hä?")

Dass schon Schiller (1759-1805) das wusste, sollte den ewiggestrigen Eltern zu denken geben. Nein, früher war nicht alles besser. Nicht die Lehrmittel, nicht die Erziehungs- und auch nicht die Unterrichtsmethoden (ok, ich liebe Frontalunterricht). Ordnung? Von mir aus. Zucht? Sicher nicht. Ich bin zwar in einem Alter, in dem man langsam nostalgisch wird, und Vintage ist sicher eine nette Sache, aber in der Schule eher nicht. Wir kommunizieren ja auch nicht mehr über Buschtrommeln und Rauchzeichen...

Die Kumpel-Anarchos

Der Gegenpart der Ewiggestrigen sind bzw. waren die Anarcho–Eltern. Interessanterweise gehören sie unterdessen schon fast wieder zu den Ewiggestrigen, denn Michail A. Bakunin (1814-1876), einer der Vordenker des Anarchismus und Antiautoritarismus (er starb übrigens in Bern!), ist ja kein heuriger Hase mehr, und auch die 68er sehen heutzutage alt aus. Die Anarchos sind sehr "gechillt" und ihre Kinder zum Ärger der anderen Eltern auch. Denn bei ihnen ist dein auch mein und landläufig gilt im Anarchismus das Recht des Stärkeren... (Was so nicht stimmt. Aber das wissen die Kumpel–Anarchos nicht.)

Wenn ihre Kinder die Mitschüler nerven, nerven sie natürlich auch uns Lehrer. Aber sie können eigentlich wenig dafür, denn oft sind sie ein Produkt aus Überforderung, Trägheit und Stimulanzien aller Art – mit denen sie nicht selten auch selbst relativ früh Bekanntschaft machen. Denn natürlich teilen sie mit ihren Eltern alles: Bier, Schnaps und hin und wieder einen Joint. Dafür sind sie in keinerlei Weise ehrgeizig. Und ihre Eltern auch nicht.

Die Hardcore-Religiösen

Das Thema Religion ist ja heikel. Trotzdem, schon nur die Extrawürste (die Wurstfrage ist tatsächlich ein Problem) der Fundamentalreligiösen nerven: beim Händeschütteln, im Schwimmunterricht, am Mittagstisch, bei Theaterbesuchen, Landschulwochen, auf Maturreisen etc. Und zwar bei allen Ultras. Ich danke Gott, Allah, Jahwe und Konsorten, dass ich nicht Naturkundelehrer bin – die menschliche Anatomie, das Paarungsverhalten der Bienen, die Evolutionstheorie: alles ein Spießrutenlauf.

"Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald."

Sprüche Salomos, Kapitel 13 Vers 24

Aber auch der Deutschunterricht ist nicht ohne. Da liest ein Gymnasiallehrer mit seinen Schülern im Unterricht Wedekinds "Frühlings Erwachen" und schwuppdiwupp ist er seinen Job los und hat eine Anklage wegen Pornographie am Hals. Während Gewalt in gewissen fundamentalistischen Kreisen eine lange Tradition hat, ist die menschliche Fortpflanzung ein Tabu. Oder wie es eine meiner Schülerinnen ausdrückte: "Ich darf keine Bücher lesen, in denen Liebe vorkommt." Wahrscheinlich meinte sie mit Liebe Sex. Und Sex ist in der Weltliteratur ein Dauerthema. In der Bibel übrigens auch.

Die (übrigen) Nervensägen

In Lehrerkreisen besonders beliebt sind außerdem die Dauer- sowie die Randzeitenanrufer und seit einigen Jahren die E-Mail-Fetischisten, die umgehend und jederzeit eine Rückmeldung erwarten. Es gibt die Nörgler, die grundsätzlich an allem etwas auszusetzen haben, ohne irgendwelche Verbesserungsvorschläge zu bringen, dann die Realitätsverweigerer ("Mein Kind würde das nie machen"), die Endlosfrager und Endlosplauderer an den Elternabenden, die nicht nur uns Lehrern auf den Wecker gehen. Und es gibt die Lehrer-Eltern, die zur Kategorie Besserwisser gehören. Ergänzungen sind in den Kommentarspalten herzlich willkommen.

Beeindruckt hat mich jene Mutter, die konsequent genug war, sich selbst zur Lehrerin ausbilden zu lassen, weil sie sich immer extrem über die Lehrer ihrer Kinder geärgert hatte. Ob sie es jetzt besser macht, weiß ich nicht.

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