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Der Chef ganz ehrlich

Ein Chef ganz ehrlich: Die Homeoffice-Debatte treibt mich in den Wahnsinn

Homeoffice? Ja, gerne. Aber vergessen wir in der Debatte nicht den Großteil unserer Gesellschaft?
Homeoffice? Ja, gerne. Aber vergessen wir in der Debatte nicht den Großteil unserer Gesellschaft?bild: shutterstock / ka lina
Der Chef ganz ehrlich

Die Homeoffice-Debatte macht mich immer wieder wütend

Swen ist Chefredakteur von watson. Er findet seinen Job so gut, dass er auch noch eine Kolumne über ihn schreibt. Hier berichtet er von schönen, traurigen und kuriosen Erlebnissen. Denn man mag es kaum glauben: Auch Führungskräfte machen sich Gedanken. Und haben manchmal Gefühle.
14.08.2023, 08:3014.08.2023, 09:00
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Mein Vater ist früher jeden Tag um 4.30 Uhr aufgestanden. Er ist ins Bad, hat die Zähne geputzt, anschließend eine Tasse Tee getrunken und exakt drei trockene Kekse gegessen. Anschließend ist er zum Rewe gefahren. Dort hat er ab 5 Uhr 20 Kilo schwere Bananenkisten vom Lkw geladen und in den Laden gebracht. Damit drei Stunden später, wenn der Supermarkt öffnete, Kunden vor gut gefüllten Regalen stehen konnten.

Mein Vater war, vor seiner wohlverdienten Rente, Einzelhandelskaufmann. Er hat das gut gemacht, war schon in jungen Jahren Marktleiter. Und konnte so seinen beiden Kindern das Abitur ermöglichen, ein wenig Geld für die Studentenbude zuschießen und unserer Familie jedes Jahr einen Urlaub in Spanien oder Portugal bezahlen. Gemeinsam mit meiner Mutter, die halbtags beim Bäcker Brötchen verkaufte und zu Hause den Laden schmiss.

Aus dem Leben einer Führungskraft
Wie führt man Menschen der Generation Z und die jüngere Hälfte der Generation Y modern und erfolgreich? Seit mehreren Jahren versuche ich, das herauszufinden, weil die allermeisten meiner Kolleg:innen 18 bis 35 Jahre alt sind. In meiner Kolumne "Der Chef ganz ehrlich" möchte ich meine Erfahrungen und Gedanken zum Leben als Vorgesetzter teilen. Subjektiv und direkt, durch die Brille einer Führungskraft. Alle Namen sind natürlich anonymisiert. Und nicht jedes Erlebnis stammt aus der watson-Redaktion. Feedback, Gedanken und Themenvorschläge gerne jederzeit an swen.thissen@stroeer-publishing.de.

Ich war 14 oder 15 Jahre alt, als mein Vater zum ersten Mal zu mir sagte: "Ich möchte einfach, dass ihr Kinder nicht den gleichen Scheißjob machen müsst wie ich." Er meinte das nicht despektierlich. Er mochte seinen Job. Er wollte nur nicht, dass auch ich mir jede Woche 60 Stunden im Supermarkt den Rücken krummarbeiten muss, um eine Familie ernähren zu können. Denn es macht nicht immer Spaß, im Sommer pro Arbeitstag drei der damals weinroten, karierten Rewe-Arbeitshemden durchzuschwitzen.

Der Wunsch meines Vaters ist in Erfüllung gegangen. Ich habe studiert, wurde Journalist, bin heute Chefredakteur. Ich verdiene genügend Geld, sitze den ganzen Tag am Schreibtisch oder in Meetingräumen und führe ein 35-köpfiges Team.

"Ich kann meinen Job nur machen, weil meine Chefs mir erlauben, auch aus dem Homeoffice zu arbeiten."

Wenn ich in meiner heutigen Position als Führungskraft neues Personal suche, ist meist die erste Frage von Bewerber:innen: "Und wie ist das bei euch mit dem Homeoffice?"

Und an dieser Stelle wird das Eis dünn. Für mich. Für diese Kolumne. Ich bin selbst Verfechter davon, Menschen das Homeoffice zu ermöglichen. Und kann das Thema dennoch nicht mehr hören.

Ich möchte versuchen, meinen inneren Zwiespalt zu erklären.

Ja, auch das passiert: Man räumt im Homeoffice eben mal kurz die Waschmaschine ein.
Ja, auch das passiert: Man räumt im Homeoffice eben mal kurz die Waschmaschine ein.Bild: pexels / RDNE Stock

Vorweg: Ich lebe mit meiner Frau in München und arbeite in Berlin. Ich kann diesen Job nur machen, weil meine Chefs mir erlauben, auch aus dem Homeoffice zu arbeiten. Ich selbst bin ein großer Profiteur von der Post-Corona-Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt.

Ebenso habe ich für alle Kolleg:innen Verständnis, die selbst gerne im Homeoffice arbeiten. Oder Bewerber:innen, die diese Möglichkeit als zwingende Voraussetzung für ihre Vertragsunterschrift formulieren. Das Thema wird nicht mehr verschwinden. Und das ist, ich betone es ausdrücklich, auch gut so!

Der Vorteil für Firmen mit cleveren Homeoffice-Regelungen ist: Sie finden gutes Personal, das ohne diese Möglichkeit nicht unterschreiben würde.

Der Vorteil für Arbeitnehmende ist: Sie haben mehr Zeit fürs Privatleben. Sie sparen sich Fahrtwege. Sie können tagsüber unbemerkt die Wäsche auffalten, mal kurz mit der Mama telefonieren, die Supermarktlieferung annehmen und in aller Ruhe verräumen. Und wer nun behauptet, er oder sie würde all das nicht tun, ist ein krasser Ausnahmefall. Oder schwindelt. (Zumal man dafür ja auch die Mittagspause nutzen kann.)

Der "Economist" hat vor einigen Wochen zusammengefasst, dass die Erzählungen von den Effizienzgewinnen im Homeoffice längst nicht auf alle Arbeitenden zutreffen. Eine neue Harvard-Studie zeigt, dass Menschen im Homeoffice knapp weniger leisten als im Büro. Ich vermute: Weil sie eben das tun, was ich gerade aufgezählt habe. Und vielleicht auch, weil das Homeoffice längst zur Gewohnheit wurde, während man vor wenigen Jahren, inmitten der Ausnahmesituation einer Pandemie, noch unbedingt beweisen wollte, was man zu Hause alles schafft.

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Unterm Strich kann man sagen: Menschen im Büro arbeiten ähnlich viel wie Menschen im Homeoffice. Was ja auch schon eine tolle Erkenntnis ist. Nur: Hört bitte endlich auf, eure Homeoffice-Aktivitäten mit besseren Leistungen zu begründen. Und seid ehrlich, warum ihr zu Hause bleiben wollt.

"Worüber allerdings niemand spricht: 75 Prozent aller Deutschen arbeiten nicht im Homeoffice."

Was mich an diesem Thema manchmal so wütend macht, ist nicht die Tatsache, dass jemand tagsüber irgendetwas Privates erledigt. Im Büro machen die Menschen auch Raucherpausen, surfen privat im Internet oder quatschen mit Kolleg:innen übers Wetter. Vielmehr ärgert sich das Arbeiterkind in mir über die elitäre Bubble, zu der ich selbst gehöre, die in Artikeln, auf Linkedin oder in Gesprächen so tut, als würde der Fortbestand unserer Zivilisation von Homeofficeregelungen abhängen. Und entsprechende Forderungen in einer Schärfe diskutiert, die niemandem hilft und auch gar nicht notwendig ist.

Das Homeoffice ist da. Und es wird sich entwickeln. Jede:r kann für sich entscheiden, ob man mit den Gegebenheiten in der Firma zufrieden ist. Oder sucht sich eben etwas anderes. Damit müssen die Firmen dann leben.

Worüber aber niemand spricht: 75 Prozent aller Deutschen arbeiten nicht im Homeoffice. NIE. Das hat das Statistische Bundesamt erhoben.

"Entscheidend ist einzig und allein, dass wir den Fachkräftemangel in all jenen Jobs beheben, in denen man von Homeoffice nur träumen kann."

Und jetzt kommt's: Viele Menschen dieser 75 Prozent sind die Personen, die unsere Gesellschaft wirklich am Laufen halten, während wir im privaten Arbeitszimmer Debatten führen. Sie pflegen unsere Kranken, passen auf unsere Kinder auf, fegen unsere Straßen, sanieren unsere Häuser, kochen für uns in Restaurants und, Grüße an meine Eltern, versorgen uns im Supermarkt mit Lebensmitteln. Und daran wird sich auch in den kommenden 50 Jahren wenig ändern.

Ja, es ist praktisch, wenn man im Notfall auch im Homeoffice mal schauen kann, was das Kind gerade macht.
Ja, es ist praktisch, wenn man im Notfall auch im Homeoffice mal schauen kann, was das Kind gerade macht. Bild: pexels / tatiana syrikowa

Ich finde dennoch, dass man all jenen, die den Luxus haben, auch aus dem Homeoffice zu arbeiten, dieses Glück gönnen sollte. Es ist ein Fortschritt für Millionen Arbeiter:innen. Nur lasst uns bitte, bitte aufhören, so zu tun, als würde es auf unserem Arbeitsmarkt keine größeren Probleme geben.

Entscheidend ist einzig und allein, dass wir den Fachkräftemangel in all jenen Jobs beheben, in denen man von Homeoffice nur träumen kann. Für diese Menschen, die für uns alle bis zum Umfallen schuften, Lösungen zu finden, das ist wirklich wichtig für unsere Gesellschaft. Darüber sollten wir schärfer und intensiver diskutieren. Und nicht über die Frage, ob ich morgen Homeoffice machen kann, um in der Mittagspause auch mal den Geschirrspüler ausräumen zu können, damit ich abends ein wenig mehr Freizeit habe.

Transparenzhinweis: Ich hatte diesen Text schon lange im Kopf, habe mich aber erst nach dem oben genannten Beitrag des "Economist" an die Arbeit gemacht. Aufmerksam geworden bin ich darauf in einem Meinungsbeitrag der "Zeit" von Autorin Luisa Jacobs, deren Gedankengänge ich offensichtlich in weiten Teilen teile.

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Weniger arbeiten, bei gleichbleibendem Gehalt? Das ist der Traum vieler. Die meisten Angestellten in Deutschland in Vollzeit müssen mindestens fünf Tage die Woche arbeiten. Doch die Vier-Tage-Woche geriet in den vergangenen Jahren vermehrt in den Fokus der öffentlichen Debatte. Es gibt bereits einige wenige Menschen, die aktuell hautnah erleben, wie sich die Vier-Tage-Woche auf ihr Leben und das Unternehmen auswirkt.

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