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Die meisten jungen Menschen beachten die Corona-Regeln, sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Bild: iStockphoto / Finn Hafemann

Jugendforscher warnt: Junge Menschen sind "am stärksten vom Lockdown betroffen"

Es ist eingetreten, was alle befürchtet haben: Deutschland ist wegen der steigenden Corona-Infektionszahlen wieder im Lockdown. Seit Mittwoch sind nicht nur der Einzelhandel geschlossen, sondern auch Kitas und Schulen, Kontakte müssen noch stärker beschränkt werden.

Wie gehen nun junge Menschen mit dieser Lage um? Während sie einerseits zu Sündenböcken der Pandemie gemacht und zu Corona-Party-Gängern deklariert werden, sind sie auch diejenigen, die viele erste Male gerade nicht erleben können: Das erste Mal feiern gehen, ohne die Familie verreisen, neue Leute kennenlernen und das erste Mal eine Beziehung eingehen.

Was der zweite Lockdown für junge Menschen bedeutet, darüber hat watson mit dem Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Hertie School in Berlin gesprochen.

"Ich behaupte, dass die Gruppe der 15 bis 25-Jährigen am stärksten vom Lockdown betroffen ist, wenn nicht gesundheitlich, so zumindest sozial, psychisch und in Bezug auf Zukunftsfragen."

watson: Herr Hurrelmann, Deutschland ist seit Mittwoch wieder im harten Lockdown. Wie nehmen Sie die aktuelle Situation wahr?

Klaus Hurrelmann: Ich denke, mir geht es da wie vielen anderen auch: Dieser Lockdown fühlt sich an wie ein Déja-vu, man erinnert sich an den ersten im Frühjahr. Nur ist der Schock nicht mehr ganz so groß, die Erlebnisse sind weniger einschneidend. Gleichzeitig ist auch nicht mehr dieselbe Spannkraft in der Bevölkerung da, man spürt eine allmähliche Ermüdung.

Glauben Sie, dass der harte Lockdown für jüngere Menschen eine andere Bedeutung hat?

Davon müssen wir ausgehen. Menschen zwischen 15 und 25 haben viele lebenswichtige Erfahrungen noch nicht gesammelt, sie positionieren sich gesellschaftlich erst noch. In dieser Lebensphase werden viele prägende schulische, berufliche und soziale Entscheidungen getroffen, die für Kinder noch keine Rolle spielen und ältere Erwachsene bereits hinter sich haben. Menschen ab 40 können natürlich auch vor großen Fragen stehen, vielleicht haben sie jetzt gerade ein Unternehmen gegründet oder stehen vor einem anderen wichtigen Karriereschritt. Das passiert in dem Alter allerdings meist auf sicherem Boden, den sich jüngere Menschen erst noch erschließen. Das zu tun, wird während der Pandemie erheblich erschwert. Deswegen behaupte ich, dass die Gruppe der 15 bis 25-Jährigen am stärksten vom Lockdown betroffen ist, wenn nicht gesundheitlich, so zumindest sozial, psychisch und in Bezug auf Zukunftsfragen.

"Momentan werden junge Menschen daran gehindert, wichtige Entwicklungsschritte reibungslos tun zu können."

Vielen jungen Menschen werden gerade Möglichkeiten verwehrt, die für ältere Generationen in deren Jugend selbstverständlich waren, zum Beispiel feiern oder reisen. Wird das Konsequenzen haben?

Erste Studien bestätigen das. Die Sorgen und Ängste bei jungen Leuten sind gerade sehr hoch. Eine Vorauswertung der Studie "Junge Deutsche", bei der wir 1600 Menschen im Alter von 14 bis 39 befragt haben, zeigt, dass fast ein Drittel von ihnen wegen Corona und den Maßnahmen schulische und finanzielle Nachteile fürchtet. Solche Sorgen sind gerade im jungen Alter sehr ernst zu nehmen: Dass die Zukunftsperspektive so beeinträchtigt ist, ist eine extrem bittere Nachricht. Momentan werden junge Menschen daran gehindert, wichtige Entwicklungsschritte reibungslos tun zu können. Sie können sich möglicherweise persönliche Qualifikationen nicht aneignen, die auch für den Beruf später wichtig sein könnten, das kann natürlich auch psychische Konsequenzen haben. Die Benachteiligungen treffen allerdings nicht alle jungen Menschen gleich: Wer gut qualifiziert ist, kommt selbst mit dieser Krise wahrscheinlich gut zurecht.

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Klaus Hurrelmann ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School. Er hat mehrfach die Shell Jugendstudie geleitet und gehört zu Deutschlands führenden Jugendforschern. Bild: Hertie School

Schüler und Schülerinnen werden wieder aus der Ferne unterrichtet, die Winterferien verlängert. Was können wir tun, damit Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Familien nicht abgehängt werden?

Der vergangene Lockdown hat uns gezeigt, dass etwa 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler gut mit Maßnahmen wie Fernunterricht zurechtkommt. Das sind meist die Familien mit einem soliden Bildungshintergrund, wo viele der Eltern ins Homeoffice gehen können und die Kinder betreuen, Raum zum Lernen sowie die notwendigen Endgeräte vorhanden sind. Etwa ein Drittel der Schüler erlebt wesentlich größere Schwierigkeiten beim Homeschooling, kommt aber irgendwie durch. Bei letzten Drittel allerdings spitzt sich die Lage zu: Sie haben kaum Möglichkeit, vom digitalen Fernunterricht zu profitieren, haben weder Platz zum Lernen noch das notwendige Material, wahrscheinlich können deren Eltern nicht ins Homeoffice gehen. Es wird auch diese Gruppe sein, die sich am meisten Sorgen um ihre Zukunft macht und sich benachteiligt fühlt, das spiegeln unsere Studienergebnisse wider.

"Die Corona-Pandemie verstärkt nun soziale Ungleichheiten, die vorher schon bestanden haben."

Hatte diese Gruppe nicht vor der Pandemie schon schlechtere schulische und berufliche Perspektiven zu befürchten?

Ja, allerdings hat sich diese Sorge in der Pandemie verstärkt. Vor Corona haben etwa 20 Prozent der jungen Menschen angegeben, sich benachteiligt zu fühlen, weil sie keine Ausbildung gefunden haben und nicht gut in den Beruf einsteigen konnten. Und das war in einer Zeit von großer wirtschaftlicher Sicherheit, einer hohen Konjunktur und einem stabilen Arbeitsmarkt. Die Corona-Pandemie verstärkt nun soziale Ungleichheiten, die vorher schon bestanden haben: Wer aus dem Elternhaus viel Unterstützung erfährt, wird besser durch die Krise kommen, als Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Familien. Es werden diejenigen am meisten unter den Auswirkungen der Pandemie leiden, die vorher schon in einer prekären Lage waren.

Wenn sich die sozialen Ungleichheiten bei jungen Menschen nun verstärken: Kann man derzeitige Maßnahmen wie digitalen Fernunterricht sozial gerecht gestalten?

Das ist sehr schwierig. Schließlich können nicht alle Eltern von zu Hause arbeiten und ihren Kindern helfen, viele besitzen auch die digitale Kompetenz nicht. Bereits der vergangene Lockdown hat gezeigt, dass etwa 10 bis 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen einfach vom schulischen Radar verschwinden, sobald sie in den Fernunterricht gehen. Ohne die Unterstützung der Lehrer und Klassengemeinschaft kommen sie nicht gut zurecht und verlieren den Anschluss. Und auch das trifft meist die, die vorher schon Schwierigkeiten hatten. Deswegen denke ich, dass Schulen eine ähnliche Notbetreuung einrichten sollten wie Kitas: Unter strengen Hygienevorschriften sollten Schüler und Schülerinnen aus prekären Lebenslagen die Möglichkeit bekommen, in kleinen Gruppen weiter vor Ort unterrichtet zu werden und dort auch ihre Hausaufgaben machen zu können.

"In gewisser Weise bestätigt die Corona-Krise die Klimabewegung: Beide Herausforderungen zeigen, dass wir unseren Lebensstil nachhaltig ändern müssen."

Sie sagen, die Corona-bedingten Einschränkungen treffen junge Menschen an härtesten. Können Sie an der Krise auch wachsen?

Die Chance besteht. Selbst Jugendliche und junge Erwachsene, die bisher sozial und finanziell benachteiligt waren, könnten jetzt lernen, wie man mit großen Herausforderungen umgeht. Vor allem aber diejenigen, die sowieso schon gute Startbedingungen haben, können an der Krise wachsen. Das hat uns auch die Klimaschutzbewegung gezeigt: Das waren und sind vorrangig junge Menschen, die sich gegen die Umweltzerstörung engagiert haben. Sie zeigen Erwachsenen, wie man mit einer globalen Krise umgehen kann und es fällt ihnen nicht schwer, sich auf eine Pandemie einzustellen. In gewisser Weise bestätigt die Corona-Krise die Klimabewegung: Beide Herausforderungen zeigen, dass wir unseren Lebensstil nachhaltig ändern müssen. Diese Einsicht birgt auch Chancen. Wer allerdings weder die finanzielle Absicherung von zu Hause hat noch den familiären Rückhalt, dem wird es unheimlich viel schwerer fallen, Positives aus der Krise zu ziehen.

Haben Sie den Eindruck, dass junge Menschen die aktuellen Corona-Maßnahmen akzeptieren und unterstützen?

Unsere Befragung von Menschen zwischen 14 und 39 im September und Oktober zeigt ganz klar: Über 70 Prozent der Teilnehmer halten sich an die AHA-Regeln, verzichten bewusst auf soziale Zusammenkünfte wie Partys und zeigen sich solidarisch mit älteren Menschen. Die meisten jungen Menschen halten sich an die Corona-Regeln, selbst wenn sie zu keiner Risikogruppe gehören. Auch jetzt, im zweiten Lockdown, hält sich der Großteil der jungen Menschen bemerkenswert an die Regeln.

Wenn sich 70 Prozent an die Maßnahmen halten: Was ist mit den anderen 30 Prozent?

Denen fällt es schwerer, sich mit dem Lockdown zu arrangieren und auf die Dinge zu verzichten, die man in jungen Jahren eben tut: das Elternhaus verlassen, Gleichaltrige treffen, feiern, erste sexuelle Beziehungen eingehen. Das alles sind extrem wichtige, persönliche Entwicklungsschritte, die jetzt vorerst stark eingeschränkt werden. Das ist sehr einschneidend im Leben eines Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Die große Mehrheit junger Menschen zeigt allerdings ein außergewöhnliches Durchhaltevermögen und Verständnis für die Situation.

"Jugendliche haben in der Regel nun einmal keine eigene Wohnung, in die sie sich mit Freunden zurückziehen können, also müssen sie nach draußen, wenn sie ihren Elternwohnungen mal bewusst entfliehen wollen."

Vonseiten der Politik werden Jugendliche und junge Erwachsene regelmäßig zu mehr Geduld angemahnt oder als feiernde Corona-Party-Gänger dargestellt. Können Sie nachvollziehen, woher diese Kritik kommt?

Ich finde es generell schwierig, von DEN jungen Menschen zu sprechen: Natürlich gibt es einen Bruchteil, der sich nicht an die Regeln hält und feiern geht. Diese Gruppen fallen uns besonders auf, weil wir ihnen gezwungenermaßen in der Öffentlichkeit begegnen: Jugendliche haben in der Regel nun einmal keine eigene Wohnung, in die sie sich mit Freunden zurückziehen können, also müssen sie nach draußen, wenn sie ihren Elternwohnungen mal bewusst entfliehen wollen. Obwohl das in der Gesamtsumme wenige Jugendliche sind, die sich an öffentlichen Plätzen und in Parks treffen, fallen sie negativ auf und schärfen die Annahme, junge Menschen würden ständig feiern gehen. Letztlich ist das allerdings nur eins: ein Vorurteil.

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