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Fragen der Liebe

Liebe und Beziehung: Was Gedanken und Erinnerungen an die Jugendliebe bedeuten

Happy young loving couple wearing hoods embracing each other outdoors in the park
Sich zum ersten Mal geborgen und begehrt zu fühlen, ist ein wirklich unvergessliches Gefühl.Bild: iStockphoto / Ilona Shorokhova
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Nostalgie oder echte Sehnsucht: Was Gedanken an die Jugendliebe bedeuten

06.08.2023, 10:10
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Nostalgie. Laut Duden bezeichnet dieses Wort eine "von unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit äußert."

Unbestimmt, vergangen, verklärt – so vage fühlt es sich gar nicht an, wenn man sich grinsend durch alte Pärchen-Bilder klickt oder der Hoodie der ersten großen Liebe im Schrank Herzklopfen verursacht. War das damals nicht alles wahrhaftig und eigentlich viel besser als jetzt?

"Sehnsucht nach dem Zauber der Jugend."
Therapeutin Vera Matt

Ist das nur ein genüssliches Zurückblättern an die Lieblingsstellen der eigenen Biografie oder steckt echte Sehnsucht nach dem oder der Ex dahinter? Wir fragten Vera Matt. Sie ist Paartherapeutin und hat eine psychotherapeutische Praxis in Brandenburg.

Vera Matt Paartherapeutin aus Brandenburg
Psychotherapeutin Vera MattBild: privat/Thomas Ernst / www.ernst-fotos.de

Sie macht vor allem drei Gründe dafür aus, dass man sich auf ein Gedankenspiel mit der Vergangenheit einlässt. Die erste Ursache, sagt sie, sei "die Nostalgie an ein jüngeres Ich, an eine Phase, wo man noch nicht so viel Verantwortung hatte und das Leben leicht war, wo man noch Ziele und Pläne hatte und alles möglich war."

Jugendliebe als Symbol der Freiheit

Eine Zeit, in der die Eltern noch Einkäufe und Wäsche gemacht haben, man selbst die Wochenenden durchfeierte und nach dem Schulabschluss alle Freund:innen mit großen Träumen ausschwärmten. Vielleicht rettet man Gorillas im Kongo oder wird Modedesigner:in in London? "Das hat meistens mit dem heutigen Leben nichts mehr zu tun", so Vera Matt ernüchternd.

Die frühe Liebe wird in den Tagträumen dann "auch ein Stück zur Projektionsfläche und zum Symbol für die Unbeschwertheit der Jugend. Früher war ja sowieso immer alles besser", erläutert die Therapeutin weiter:

"Dann deutet man in diesen Menschen eine Freiheit hinein und flüchtet aus dem heutigen Leben in die Zeit, in der noch alle Wahlmöglichkeiten des Lebens vermeintlich offen standen."

Im Kern steckten hinter dem Sehnen nach der Jugendliebe also weniger ein Vermissen der Person an sich, sondern viel eher "die Sehnsucht nach dem Zauber der Jugend."

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Das "erste Mal" erinnert wohl noch jede:r genau. Bild: The Image Bank RF / Jupiterimages

Die Jugendliebe ist zudem ein einschneidendes Erlebnis, weil es so neu und aufregend für uns ist. Das ist die zweite Ursache, erklärt Vera Matt. "Die ersten Erfahrungen prägen uns immer", sagt sie. Sie könne sich zum Beispiel nicht mehr an jedes Auto erinnern, das sie jemals fuhr, "aber an mein erstes sehr wohl."

Man ist jung, unsicher, aufgeregt, alles ist intensiv und hinterlässt Eindruck. Auch das Schlechte, wie die Therapeutin erklärt: "Der erste Liebeskummer ist geradezu tödlich. Man glaubt, das überlebt man nie." Überleben tut man es zwar schon – doch vergessen? Niemals!

"Das hat mit dem Mensch oft nichts zu tun. Es ist eine Projektion in die Zeit."
Therapeutin Vera Matt

Nostalgische Gedankenspiele

Was auch ein Grund für Ursache Nummer Drei ist. Denn neben der Lust auf Jugend und der einprägsamen Trennung, "kommt natürlich schnell die Frage auf: Was wäre wenn?", berichtet die Psychotherapeutin. "Wie wäre diese Geschichte weitergegangen? Wären wir heute glücklich?"

Das sind Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Auch wenn man meint, eine zu haben, erklärt sie weiter: "Man denkt schnell, dass die Leichtigkeit und die Freude der Jugend durch den Menschen damals entstand und mit ihm auch heute gelebt werden könnte. Man ist verliebt ins Verliebt-Sein."

Um es kurz zu machen: Damit lügt man sich selbst zuweilen in die Tasche. "Das hat mit dem Mensch oft nichts zu tun", sagt die Therapeutin klar. "Es ist eine Projektion in die Zeit, in der man einfach noch das ganze Leben vor sich hatte."

"Eine Zeitreise zur Jugendliebe bleibt meist genau das: Ein schönes Gedankenspiel."
Therapeutin Vera Matt

Können solche ausschweifenden Tagträume denn zum Problem werden, wenn die reale Partnerschaft dagegen öde aussieht? "Dann wäre ja auch jeder Film gefährlich, in dem die Liebespaare cool und sexy aussehen, besser als unsere Beziehungen", verneint die Expertin. "Das eine ist ganz klar Fiktion und das andere ist Wirklichkeit."

Young couple goofing around outdoor
Es fühlte sich alles so frei an. Ob das nur an der/dem Ex lag?Bild: iStockphoto / satamedia

Die meisten Menschen wüssten das durchaus zu unterscheiden, sagt sie:

"Solange man nicht pathologisch an der Vergangenheit hängt, sind Tagträume etwas Schönes und es kann der Seele guttun, sich Geschichten auszudenken, wie es hätte weitergehen können im Leben."

Es ist also weder peinlich noch verzweifelt, hin und wieder an vergangene Liebesmomente zu denken. Die Erinnerung an die Jugendliebe darf genossen werden, weil es (hoffentlich!) auch eine sehr schöne Zeit war.

Sich wohlig in die Vergangenheit zu träumen, sei "zutiefst menschlich", glaubt Vera Matt. "Solange man zwischendurch selbstreflektiert genug ist, um auch zu sagen: 'Ich habe mich entwickelt, er oder sie hat sich entwickelt. Mein ganzes Leben ist jetzt anders als damals', ist alles in Ordnung."

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Die Vergangenheit und die Gegenwart sind schlichtweg nicht vergleichbar. Niemals wäre eine alte Beziehung in der Jetzt-Zeit genauso wie ehemals. Das ist völlig okay.

"Es ist eine bewusste Entscheidung, sich nostalgischen Tagträumen hinzugeben", sagt die Paartherapeutin; am heutigen Leben zweifeln muss man deshalb aber noch lange nicht. "Eine Zeitreise zur Jugendliebe bleibt meist genau das: ein schönes Gedankenspiel."

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