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Brief ans Jobcenter: Hört auf, meine über 60-jährige Mutter in Jobs zu drängen

Die Mutter unserer Autorin ist über 60, krank – und lebt von Hartz IV. Dennoch droht das Jobcenter der Mama mit Sanktionen, wenn sie sich nicht bewirbt. Mit diesem Brief wendet sich unsere Autorin an die Jobcenter-Mitarbeiter Deutschlands, um auf ein paar Punkte aufmerksam zu machen.

Liebe Jobcenter-Mitarbeiter,

erst einmal: Vielen Dank, dass Sie sich um meine Mutter kümmern. Mit ihren fast 64 Jahren und als Hartz-IV-Empfängerin hat sie vor Kurzem einen Neustart gewagt und ist von Essen nach Berlin gezogen. Weil sie gerne näher bei mir sein wollte. Und weil sie Essen auch nicht besonders mochte.

Dass Sie sie hier als Hartz-IV-Empfängerin aufgenommen haben, ist toll. Und anscheinend auch nicht selbstverständlich. Schließlich wird Hartz-IV-Empfängern nur unter besonderen Umständen ein Umzug bewilligt, wie zum Beispiel ein neues Jobangebot. Familienzusammenführung ist zwar ein nobler, aber kein notwendiger Grund.

Schwierig ist es allerdings, dass Sie meine Mutter nun dazu animieren möchten, sich auf Jobs zu bewerben – die Sie natürlich vorschlagen.

Klar: Hartz-IV-Empfängern sollten Jobs vermittelt werden – aber wie?

Langzeitarbeitslose zur Jobsuche zu motivieren klingt nun zunächst wie eine Notwendigkeit. Getreu dem Motto "Fördern und Fordern" müssen auch Sie schließlich Ihre Arbeit erledigen.

Allerdings gibt es bei der Situation meiner Mutter gleich drei Haken:

Die Lage ist also vertrackt: Sie müssen Ihren Job machen und meine Mutter idealerweise wieder aus Hartz IV rausbekommen. Und meine Mutter bewirbt sich nun pro forma auf Stellen in der Wäscherei oder als Zimmermädchen, für die sie völlig ungeeignet ist und auf die sie bisher natürlich nur Absagen bekommt.

Das klingt nach einer ganzen Menge Aufwand für ein recht aussichtsloses Unterfangen – das weiß meine Mutter, das weiß ich, und das wissen mit Sicherheit auch Sie als Mitarbeiter des Jobcenters.

Arbeitgeber reagieren irritiert auf Bewerbungen meiner Mutter

Nun ist es natürlich nicht so, dass meine Mutter nicht arbeiten will. Obwohl sie in ungefähr zwei Jahren schon in Rente geht, würde sie gerne noch mal in Vollzeit arbeiten. Momentan hat sie lediglich einen Mini-Job, bei dem sie ein paar Stunden pro Woche aushilfsweise Regale einräumt. Nach weiteren Optionen schaut sie sich um.

Gleichzeitig muss meine Mutter gerade auch einige Arzttermine wahrnehmen, weil sie ihre Hände mittlerweile nicht mehr gut bewegen kann. Die Hüfte will auch nicht mehr so wie früher. Im Fuß hat sie seit Längerem eine Entzündung. Eigentlich kann sie keine anstrengenden körperlichen Tätigkeiten mehr wahrnehmen.

Trotzdem hat sie sich meine Mutter bei einer Großwäscherei für Hotels beworben. Eine Arbeit, bei der man, wie sie von Erzählungen von Bekannten weiß, Wäschesäcke von bis zu 20 Kilo heben muss.

Kurz nachdem sie ihre Bewerbung abgeschickt hatte, kam der leicht verwirrte Anruf der Leiterin der Wäscherei. Sie fragte: "Kann es sein, dass Sie sich hier beworben haben, weil man Sie dazu angeleitet hat?"

Meine Mutter: "Ehrlich gesagt, ja."

Die Dame: "Weil, mit Verlaub, Sie passen ja gar nicht auf die Stelle. Sie haben keine Erfahrung in dem Feld und physisch wäre die Arbeit eine reine Zumutung. Sagen Sie denen vom Jobcenter lieber, dass solche Angebote nichts mehr für Sie sind."

Das Jobcenter reagiert nicht auf die Einwände meiner Mutter

Die Gespräche mit dem Jobcenter waren bisher jedoch leider nicht so fruchtbar. Schon vor fünf Jahren wurden meiner Mutter, damals vom Jobcenter Essen, Weiterbildungen und Umschulungen verweigert – mit der Begründung, dafür sei meine Mutter zu alt. Jobs in Vollzeit hat sie nicht mehr gefunden – entweder, weil sie die Qualifikation nicht hatte, oder weil bestimmte Tätigkeiten körperlich nicht mehr gingen. Und viele Jobs werden auch einfach nicht mehr in Vollzeit angeboten, weil sie durch Minijobber ersetzt wurden.

In einem Gespräch mit einem Ihrer Mitarbeiter, liebes Jobcenter, fragte meine Mutter, ob es nicht wenigstens Angebote gäbe, die ihren Erfahrungen entsprächen. Sie hat einige Jahre lang in einem Lager gearbeitet, dann in einem Supermarkt. Aber laut des Mitarbeiters gibt es da keine freien Stellen.

Dann erwähnte meine Mutter, dass sie eine Entzündung am Fuß habe und gerade auf die Untersuchungsergebnisse ihrer Fingergelenke warte. Möglicherweise hat sie Arthrose, ihre Finger sind jedenfalls schon deformiert.

Der Mitarbeiter schlug vor, sie könne sich ja ein halbes Jahr lang krank schreiben lassen, dann überlegen sie noch mal von vorne.

Meine Mutter traute sich nicht, laut zu fragen: "Bin ich bis dahin jünger oder gesünder?" Bewirbt sich dann allerdings trotzdem weiter für Jobs, für die sie weder die Kenntnisse noch das körperliche Vermögen besitzt, um nicht sanktioniert zu werden.

Nur wenige über 55 Jahre finden den Weg aus Hartz IV heraus

Entgegen der Vorstellung vieler Menschen ist Arbeitslosigkeit leider nicht mit Urlaub gleichzusetzen. Die meisten Menschen wollen arbeiten, schaffen den Weg zum Arbeitsmarkt zurück jedoch nicht. Je älter sie sind und umso länger sie wegbleiben, desto schwieriger wird es. So haben laut Bundesagentur für Arbeit (BA) im Jahr 2018 lediglich zwölf Prozent aller Langzeitarbeitslosen eine Vollzeitbeschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt wieder aufgenommen. Bei über 55-Jährigen betrug die Quote gerade einmal 0,9 Prozent.

Nicht, dass es sinnlos wäre, diese doch recht niedrige Rate verbessern zu wollen. Natürlich bin ich nicht dafür, ältere Menschen aufzugeben und ihnen gar keine Aufgabe in der Gesellschaft mehr zuzuteilen.

Die gerade genannten und durchaus schlechten Zahlen sprechen allerdings dafür, dass die angewandten Methoden, ältere Menschen wie meine Mutter auf den Arbeitsmarkt zurückzubringen, möglicherweise nicht aufgehen. Zumindest nicht, wenn Sie, liebe Jobcenter-Mitarbeiter, keine altersgerechten Angebote bringen – und die unpassenden Stellenangebote auch noch unter Androhung von Sanktionen kommen.

Durch eine effektivere und individuelle Vermittlungsarbeit könnten nicht nur Kosten gesenkt, sondern auch Nerven geschont werden. Die körperlich schweren Aufgaben könnten Sie, liebe Jobcenter, dann besser an Menschen vermitteln, die diese tatsächlich noch wahrnehmen können. Damit ist auch Ihre wertvolle Zeit besser investiert.

Übrigens: Soeben hat meine Mutter angerufen. Tatsächlich hat sie eine galoppierende Arthrose und darf ihren Körper nicht mehr belasten. Ich hoffe, Sie akzeptieren den Attest, den sie Ihnen nun bald vorlegt – und zwar für länger als ein halbes Jahr.

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16 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Dietmar Auerbach
14.09.2019 16:07registriert July 2018
Also, das ist ein netter Brief...aber! Wenn es gesundheitliche Gründe gibt, dann kann man selbstredend Atteste/AUs vorlegen, das Jobcenter kann eine Begutachtung beim Gesundheitsamt samt Gutachten veranlassen(Achtung! Gutachten ist juristisch unbrauchbar und dient nur dem Verwaltungsakt), dem Gutachten entsprechend darf man eben bestimmte Tätigkeiten nicht ausüben, es gibt meist zusätzliche Einschränkungen (schweres Heben, Staub, Chemikalien, Führen von Fahrzeugen und Maschinen etc.). Hilft alles nichts, Anwalt nehmen und ggflls. Klage vor dem Sozialgericht. Das hilft, solche "Briefe" nicht.
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Dorian
15.09.2019 10:17registriert April 2019
Nun ja, die Jobcentermitarbeiter meinen, sie haben die Menschen in der Hand und schikanieren sie nach Strich und Faden. Sie haben doch die Fäden in der Hand, indem sie einfach das Geld kürzen oder streichen. In meinem Landkreis ist es schon vorgekommen, dass Jobcentermitarbeiter von malträtierten H4-Empfängern Krankenhausreif geschlagen wurden, ob zu recht oder unrecht vermag ich nicht zu sagen, ich glaube aber eher das erste! Eine Bekannte von mir hat sich in Berlin über einen Argemitarbeiter beschwert, dieser Mann wurde dann zu recht aus seinem Arbeitsverhältnis entfernt.
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Sven Baum
15.09.2019 20:04registriert September 2019
1. Das Jobcenter kann keine Umzüge und Wohnortwechsel unterbinden. Einzig die mögliche Übernahme der Umzugskosten.
2. Mit entsprechenden Diagnosen und Gutachten zur Vorlage kann man Sachbearbeitern sehr wohl begegnen. Ansonsten soll sich die Dame einfach bewerben, zu den Einladungen gehen und gut ist. Die Arbeitgeber können dann dem JC Feedback geben, was das sollte. Sie ist fein raus. Ansonsten kann sich die Mutter auch jederzeit selbst um einen Job kümmern. Da fehlt leider auch Eigeninitiative. Ja, die JC haben wenig Perspektive und Angebote zu bieten. Nichts Neues.
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