Die Zukunft der sozialen Interaktion liegt im Metaverse: Mark Zuckerberg bei der Vorstellung des neuen Firmennamens.
Die Zukunft der sozialen Interaktion liegt im Metaverse: Mark Zuckerberg bei der Vorstellung des neuen Firmennamens. Bild: www.imago-images.de / R4924_italyphotopress
Interview

Nutzerrückgang, Aktiencrash, Imageverlust: Facebook sucht sein Glück im Metaverse

25.04.2022, 15:03

Angefangen hat alles mit der überraschenden Umbenennung der Facebook-Marke in Meta Platforms, Inc. im Oktober 2021. Seitdem kommen Facebook und sein Mutterkonzern Meta nicht mehr aus den Schlagzeilen.

Sei es aufgrund einer angeblichen "Identitätskrise", die durch den beträchtlichen Kurseinbruch nach Bekanntgabe des schrumpfenden Umsatzwachstums, dem Rückgang der Nutzerzahlen im vierten Quartal 2021 und der Veröffentlichung der Enthüllungen der Whistleblowerin Frances Haugen entstanden ist oder der Drohung des Konzerns, Facebook werde sich aus dem europäischen Markt zurückziehen, sollte die EU weiterhin auf strengen Datenschutzgesetzen bestehen, die Anfang des Jahres für Aufsehen sorgte.

Oder weil Angestellte von Meta sagen, der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sei besessen vom Metaverse, wolle über nicht anderes mehr sprechen, derweil unter den Mitarbeitern aber keine konkrete Vorstellung darüber existiere, wie das Metaverse konkret aussehen könnte, da es einfach noch nichts zu sehen gibt und eine kohärente Strategie innerhalb des Unternehmens fehle.

Eine konkrete Vision, was das Metaversum betrifft, geht offenbar nicht nur Zuckerbergs Mitarbeitern ab. Wie eine aktuelle Umfrage von YouGov zeigt, können sich nur 19 Prozent der befragten Deutschen überhaupt etwas unter dem Begriff "Metaverse" vorstellen. Knapp drei von fünf Befragten (58 Prozent) geben an, dass sie sich darunter gar nichts vorstellen können.

Für was steht Meta?
Meta ist ein Teil des aktuellen Modeworts im Silicon Valley: "Metaverse" – das Metaversum. Erstmals erwähnt wurde der Begriff Metaverse in dem 1991 veröffentlichten Science-Fiction-Roman "Snow Crash" von Neal Stephenson. Der Autor behauptet er, dass er den Begriff für dieses Buch als Marketinggag erfunden habe, ebenso wie den Begriff "Avatar". Er beschreibt das Metaverse als globale virtuelle Realität, in der Menschen durch ihre persönlichen Avatare repräsentiert werden, ähnlich der heutigen Multiplayer-Online-Rollenspiele – nur ohne festgelegtes Ziel. Das Metaverse soll eine digitale Alternative zur physischen Welt sein, mithilfe derer Menschen virtuell an Ereignissen teilnehmen oder sich treffen können.
Wikipedia

Zuckerberg scheint das nicht zu irritieren, er verknüpft jedenfalls die Zukunft seines Konzerns damit. Er bezeichnete es kürzlich als ein langfristiges Projekt, das erst in einem Jahrzehnt oder länger vollständig entwickelt sein werde.

Der Name "Meta" ist kein Zufall

Im Dezember 2021 startete Meta die soziale Virtual Reality-Plattform Horizon Worlds, eine eigene Welt, in der sich Nutzer mithilfe der Meta-eigenen VR-Brille "Oculus Quest 2" virtuell treffen, zusammen spielen oder die Welt gemeinsam gestalten können. Mit seinen Investitionen in "the Next Big Thing", das Metaverse, macht das Unternehmen im Moment allerdings noch keinen Gewinn: Die VR- und AR-Abteilung Reality Labs machte 2021 einen Umsatz von knapp 2,3 Milliarden, jedoch Verluste in Höhe von 10,2 Milliarden US-Dollar. Eines wird in der Entwicklung der letzten Monate aber deutlich: Facebooks Mutterkonzern Meta befindet sich gerade in einem tiefgreifenden Wandel, und die Wahl des neuen Namens ist dabei kein Zufall.

Wirft bei so manchem Fragen auf: Das neue Logo auf dem Firmenschild von Meta, One Hacker Way in Menlo Park, Kalifornien.
Wirft bei so manchem Fragen auf: Das neue Logo auf dem Firmenschild von Meta, One Hacker Way in Menlo Park, Kalifornien.Bild: AA / Tayfun Coskun

Die Tech-Welt sieht den Schachzug der Umbenennung als konsequent und logisch an, doch es gibt auch Stimmen, die dem Facebook-Mitgründer Mark Zuckerberg damit ein gigantisches Ablenkungsmanöver unterstellen. Das Unternehmen steht in den USA wegen seines Umgangs mit Hassrede und Falschinformationen seit Haugens Aussagen in der Kritik.

Der CEO Zuckerberg selbst begründete diesen Schritt auf der Hauskonferenz "Connect" damit, dass es an der Zeit sei, die Identität des Unternehmens zu überarbeiten:

"Ich bin stolz auf das, was wir bisher aufgebaut haben, und gespannt auf das nächste Kapitel. Wir werden die Grenzen des heute Möglichen überwinden, die Einschränkungen der Bildschirme hinter uns lassen, uns über geografische und physikalische Barrieren hinwegsetzen – und auf eine Zukunft zusteuern, in der alle Menschen zusammenkommen, neue Möglichkeiten schaffen und neue Dinge erleben können."

Watson hat zwei Social Media-Experten befragt, was die aktuelle Entwicklung bei Meta für Facebook und die Nutzer hierzulande bedeutet, und was man sich unter unserer Zukunft im Metaverse vorstellen kann.

  • Thomas Hutter ist CEO der Hutter Consult AG und zählt zu den renommiertesten Facebook Marketing-Experten im deutschsprachigen Raum.
Facebook-Experte Thomas Hutter berät mit seinem Unternehmen große und mittelständische Unternehmen, Organisationen und Agenturen.
Facebook-Experte Thomas Hutter berät mit seinem Unternehmen große und mittelständische Unternehmen, Organisationen und Agenturen.bild: Bors Baldinger
  • Nicola Kiermeier ist Chefredakteurin von AllFacebook.de, fester Bestandteil der deutschen Blogosphäre rund um Facebook & Social Media Marketing, und die Programmleiterin der Allfacebook-Marketing-Conference.
Nicola Kiermeier und ihr Team tragen mit AllFacebook.de täglich die wichtigsten Informationen rund um das größte Social Network der Welt zusammen.
Nicola Kiermeier und ihr Team tragen mit AllFacebook.de täglich die wichtigsten Informationen rund um das größte Social Network der Welt zusammen.bild: Ulf Büschleb

watson: Eine Millionen weniger aktive Nutzer, das klingt ja schon nach einer Hausnummer. Wie betrachten Sie den aktuellen Rückgang der Facebook-Nutzer?

Thomas Hutter: Im vierten Quartal 2021 gab es einen Rückgang von einer Million Nutzer in den USA und drei Millionen in den Entwicklungsländern. In Europa und im Raum Asia-Pacific nahm die tägliche Anzahl der Nutzer um je eine Million zu. Entsprechende Schwankungen sind bei täglichen Gesamtnutzungszahlen von 1.929 Milliarden durchaus möglich und normal. Das heißt, von einem effektiven Rückgang kann nicht wirklich gesprochen werden.

"Das ist Jammern auf sehr hohem Niveau"
Facebook-Expertin Nicola Kiermeier über die Stagnation der Nutzerzahlen gegenüber watson

Nicola Kiermeier: Also ich muss das auch mal ein bisschen relativieren. Das war auch 2020 schon so, dass die Zahlen stagnieren. In der Branche ist es nicht die total große Neuigkeit. Wenn man sich die Quartale im Vergleich anschaut, dann sind die Zahlen der aktiven Nutzer von 1,93 Milliarden auf 1,92 Milliarden gesunken. Das ist im Gesamtbild von Facebook nicht ganz so viel. Also die Steigerung ist von 2020 auf 2021 grundsätzlich immer noch da.

Trotzdem ist ein Rückgang der Nutzerzahlen nicht von der Hand zu weisen...

Kiermeier: Dass der US-Markt und der europäische Markt stagnieren, ist schon interessant im Gesamtkontext. Diese Märkte sind für Facebook oder Meta sehr wichtig, weil die Werbeerlöse hauptsächlich daraus kommen. Und dadurch hat es natürlich im Quartalsbericht Wellen geschlagen und zum Börseneinbruch geführt, weil die Märkte in die Zukunft schauen, wo Gelder generiert werden können. Dass Märkte stagnieren, ist aber auf der anderen Seite auch nicht überraschend, weil irgendwann ist ein Markt natürlich gesättigt.

Welche Rolle spielt Facebook als Plattform derzeit bei den Global Tech Playern?

Kiermeier: Es gibt jedes Jahr den Digital Report von Hootsuite und da ist Facebook als Plattform, also die Facebook App, 2021 immer noch die meistgenutzte Social-Media-Plattform weltweit. Gefolgt von YouTube, dann WhatsApp, Facebook-Messenger, Instagram. Das heißt, das Facebook App-Universum beinhaltet immer noch die meist genutzten aktiven Social Plattformen der Welt. Deswegen ist es ein bisschen Jammern auf sehr hohem Niveau und lässt uns als Experten nicht total verrückt werden.

"The Bowl" im Bürokomplex "MPK21", ein von Architekt Frank Gehry gestalteter Teil des Hauptsitzes von Meta in Menlo Park, Kalifornien.
"The Bowl" im Bürokomplex "MPK21", ein von Architekt Frank Gehry gestalteter Teil des Hauptsitzes von Meta in Menlo Park, Kalifornien.Bild: meta

Wenn Sie sagen, der Rückgang der Nutzerzahlen von Facebook sei Jammern auf einem hohen Niveau: Beim Blick in die Zukunft, was ist die Befürchtung der Anleger, warum reagiert die Börse so sensibel?

Kiermeier: Das liegt an verschiedene Punkten. 2021 ist für die Tech Player Amazon, Google oder Facebook grundsätzlich ein sehr gutes Jahr. Facebook hat erstmalig überhaupt in einem Jahr über Werbeeinnahmen mehr als 100 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Damit hat Facebook eine Steigerung von 37 Prozent gehabt. Es war eigentlich ein Rekordjahr, was die Werbeeinnahmen angeht. Spannend ist aber natürlich, was rundherum passiert. Einmal natürlich der Imageverlust durch die Skandale der letzten Jahre – Facebook ist dadurch angeschlagen. Der Namenswechsel zu Meta war natürlich eine Konsequenz daraus.

Welche weiteren Ziele hat Facebook denn für die Zukunft?

Kiermeier: Es gab unter anderem letztes Jahr Bestrebungen von Facebook, den indischen Markt stark zu bearbeiten. Da hat man noch enormes Nutzerpotenzial und deshalb wurde dort letztes Jahr das Free Basic Programm von Facebook initiiert. Zuckerberg wollte das Mobilnetz in Indien ausbauen, mit der Prämisse, dass man aber nur über Facebook in das Netz könne. Das heißt, so eine Art Premium-Zugangsrecht. Etwas Ähnliches hatte er auch schon mal in den afrikanischen Ländern angedacht, weil dadurch Nutzerwachstum möglich wäre.

Der Markt in Indien: Für Meta viel Spielraum für Expansion. Kürzliche Bestrebungen wurden aber von der indischen Regierung ausgebremst.
Der Markt in Indien: Für Meta viel Spielraum für Expansion. Kürzliche Bestrebungen wurden aber von der indischen Regierung ausgebremst.Bild: ZUMA Press Wire / Sri Loganathan

Und die indische Regierung hat das geduldet?

Kiermeier: Die indische Regierung hat dem Vorhaben aber gesetzlich den Riegel vorgeschoben. In den potenziellen Wachstumsmärkten wie in Indien und auch in den afrikanischen Ländern ist es nicht so einfach für Facebook. Facebook hat mit dem Free Basic Programm eine sehr aggressive Politik gefahren, um mehr Nutzer zu generieren. Das ist aber limitiert und ich finde, das merkt man jetzt schon, dass Zuckerberg die Strategie letztes Jahr sehr stark auf Metaverse gelegt hat und auf virtuelle Welten.

"Das Metaverse ist eine Zukunftsvision, die aber einfach noch so vage ist in gewisser Weise."
Allfacebook-Chefredakteurin Nicola Kiermeier

Warum dieser starke Fokus auf das Metaverse?

Kiermeier: Natürlich kann man spekulieren, was dahinter steckt, aber ich würde jetzt vermuten, dass das natürlich auch eine Form dieses Expansionsgedanken ist. Wenn man es nicht mehr über die sozialen Apps Facebook, WhatsApp und Instagram hinbekommt, eine größere Zahl an Nutzern zu generieren – weil da auch einfach eine natürliche Sättigung da ist – überlegt sich natürlich Facebook: Wo kann die Zukunft hingehen? Das Metaverse ist eine Spekulation, eine Wette: Dass das soziale Leben in der virtuellen Welt stattfinden kann.

Wenn Meta sich aufgrund der Verschärfung der EU-Datenschutzregelungen aus dem europäischen Markt zurückziehen würde, welche Folgen hätte das? Bekämen dann alternative Plattformen eine Chance?

"Bei einem Shutdown wäre die Existenzgrundlage für viele Menschen schlicht und einfach weg."
Facebook-Experte Thomas Hutter über die Folgen eines Rückzugs von Facebook in Europa für Influencer und Creatorn

Hutter: Meta hat entsprechende Pläne dementiert. Würde man allerdings die Idee weiterspinnen, hätte dies gravierende Folgen. Hinter Meta verbirgt sich ein riesiges Ökosystem, das von heute auf morgen verschwinden würde. Zu diesem System gehören unzählige (Klein-)Unternehmen, welche einen wichtigen Teil ihres Umsatzes direkt oder indirekt über die Plattformen generieren, aber auch Dienstleister, Software-Anbieter, Schulungsanbieter und viele weitere Branchen.

Und was ist mit den Influencern und Creators, die ihr Einkommen über diese Plattformen verdienen?

Hutter: Bei einem Shutdown wäre die Existenzgrundlage für viele Menschen schlicht und einfach weg. Nicht nur der kommerzielle Sektor würde getroffen, bedenkt man, wie viele Vereine und nicht gewinnorientierte Aktionen und Institutionen diese Kanäle als wichtigstes Sprachrohr und Plattform für den Austausch nutzen. Allerdings gäbe es tatsächlich Chancen für alternative Anbieter, welche wahrscheinlich aber zuerst 'bekannt' werden müssten.

Kiermeier: In Indien hatte Zuckerberg nach dem Verbot des Free Basic Programms ja auch gedroht, dass er aus dem Markt aussteigt. Hat er aber nicht gemacht. Die Drohung gab es auch in Teilen Australiens, wo die lokale Regierung Regelungen durchsetzen wollte, die die Datensammlung einschränken und die Bürger schützen sollte. Auch da hat Zuckerberg gedroht. Das scheint für ihn ein politisches Mittel zu sein, um sich zu 'wehren'. Aber Facebook ist letztendlich dann nie wirklich aus dem Markt ausgestiegen.

Das Metaverse eröffnet neue Spielwiesen: Eine Frau probiert das "Metaverse" via VR Technologie aus, auf dem Mobile World Congress (MWC) im März 2022 in Barcelona, Spanien.
Das Metaverse eröffnet neue Spielwiesen: Eine Frau probiert das "Metaverse" via VR Technologie aus, auf dem Mobile World Congress (MWC) im März 2022 in Barcelona, Spanien.Bild: XinHua / Zheng Huansong

Was ist mit den zwei größten anderen Tech-Konzernen neben Meta, Google und Microsoft, die da auch reinbuttern?

Kiermeier: Der Wettbewerb ist extrem hoch. Alle großen Player streben eben gerade auf diesen Markt, weil es natürlich gerade neue Spielwiesen eröffnet, in die man investieren kann und das wird ja permanent gesucht. Und gerade ist die Zeit reif, dass es in die Richtung geht. Das Problem, warum das bisher noch nicht ging, war einfach die technische Voraussetzung – man braucht entsprechendes Netz. Der entscheidende Punkt liegt in der Abhängigkeit zwischen der Infrastruktur und der Vision. Inzwischen, mit 5G, sind wir einfach an der Schwelle, dass man sagen kann, das Metaverse ist jetzt realisierbar. Jetzt hat der Nutzer auch entsprechendes Netz, um die Leistung konsumieren zu können.

Wer wird sich da am Ende durchsetzen können?

Kiermeier: Für Facebook wird das aber ein harter Kampf. Im Metaverse herrscht ein harter Wettbewerb, weil alle auf diesen Markt gehen und Facebook keine exklusive Plattform für den Zutritt ist. Es wird für Meta schwierig, zu zeigen, was Facebook im Metaverse bietet: Etwas, das exklusiver, oder attraktiver sein kann als das, was beispielsweise Google kann.

Gibt es Spekulationen, was das sein könnte?

Kiermeier: Bisher ist es so, dass Meta sehr zurückhaltend ist, was aber auch für Verunsicherung an den Märkten führt. Aber worauf sich Zuckerberg ja immer beruft, ist eben dieses 'connecting people', das ist ja der Leitspruch von Meta: 'We don't build services to make money. We make money to build better services and that's what we plan to do here.' Also im Prinzip setzt er darauf, dass er diesen 'Social'-Gedanken in den sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram und WhatsApp ins Metaverse tragen kann. Und das ist Spekulation, ob das in dieser Form funktioniert.

"Im Endeffekt setzt sich immer das durch, was praktisch ist und in der Lebenswirklichkeit der Nutzer besser funktioniert."
Nicola Kiermeier über die Zukunft der Sozialen Medien

Meinen Sie also, die klassischen sozialen Medien, die man hauptsächlich über das Handy konsumiert, spielen dann in der Zukunft vielleicht gar keine so große Rolle mehr? Ziehen die um ins Metaverse?

Kiermeier: Im Endeffekt setzt sich immer das durch, was praktisch ist und in der Lebenswirklichkeit der Nutzer besser funktioniert. Deswegen sind zum Beispiel die Messenger auch so extrem erfolgreich gewesen in den letzten Jahren, weil wir kein Festnetztelefon mehr haben und weil SMS irgendwie auch nervig und limitiert ist. WhatsApp hat sich durchgesetzt, weil das einfach viele Leute nutzen, eine gewisse kritische Masse und deswegen nutze ich dann eher diese Plattform und nicht andere wie Telegram. Die Frage ist: Schafft es Facebook oder Google oder wer auch immer, eine kritische Masse in dieses Metaverse zu bekommen? Dafür braucht man einmal die technische Hardware, die technische Lösung und die Infrastruktur. Das wird einer der entscheidenden Punkte sein. Und da stehen wir ja ganz am Anfang. Wir haben ja noch nicht mal 5G-Netz.

Ins Metaverse kommt man nur mit entsprechender Technik: Ein Besucher des Mobile World Congress (MWC) in Barcelona, Spanien im März 2022 probiert das Meta Oculus Quest 2 Headset.
Ins Metaverse kommt man nur mit entsprechender Technik: Ein Besucher des Mobile World Congress (MWC) in Barcelona, Spanien im März 2022 probiert das Meta Oculus Quest 2 Headset.Bild: NurPhoto / Joan Cros

Also brauchen wir erst mal alle neue 5G-fähige Handys und entsprechend gutes Netz?

Kiermeier: Genau das ist es: Wann kommen wir überhaupt an den Punkt, dass eine kritische Masse diese technische Lösung hat. Diese Lösung muss zu erst einmal einfach sein. Dann zieht das Metaverse auch extrem viele Daten, das heißt, das Netz muss richtig schnell sein, damit es überhaupt konsumierbar ist. Wenn das so wäre und wenn wir an einem Punkt wären, dass ich einfach meine Brille aufsetze, die aber auch schön aussieht und ich keine Datenproblematik habe, dann könnte es schon interessant sein. Dann kann es sein, dass ich als Nutzer sage: 'Na gut, da treffe ich tatsächlich alle, die ich kenne.' Und das ist genau die Frage: Wie schafft man diese Grundstruktur?

"Wenn wir an einem Punkt sind, dass ich einfach meine Brille aufsetze, die aber auch schön aussieht und ich keine Datenproblematik habe, dann kann es schon interessant sein."
Nicola Kiermeier über das Metaverse

Wie würde sich die Netzkultur durch das Metaverse verändern?

Kiermeier: Grundsätzlich ist die technisch affine, eher jüngere Zielgruppe als Early Adopter als Erstes auf neuen Plattformen. Dann kommen natürlich auch Neugierige. Ein gewisser Teil wird auch erst mal bei den klassischen Plattformen bleiben und manche davon werden auch bestehen bleiben. In der Messenger-Kultur kann ich mir schwer vorstellen, dass sich da schnell was ändert. Eher, dass Schnittstellen entstehen, dass man in den virtuellen Raum reinswitcht oder so. Aber ob es an der Netzkultur etwas ändert? Ich weiß nicht.

Ein Jugendlicher kreiert sich seinen persönlichen Avatar – also seinen digitalen Zwilling, den man braucht, um sich auf digitalen Plattformen und im Metaverse zu bewegen.
Ein Jugendlicher kreiert sich seinen persönlichen Avatar – also seinen digitalen Zwilling, den man braucht, um sich auf digitalen Plattformen und im Metaverse zu bewegen.Bild: SOPA Images via ZUMA Press Wire / Guillermo Gutierrez Carrascal

Und auf rechtlicher Ebene?

Kiermeier: Definitiv wäre es wichtig, da frühzeitig, was die EU ja auch versucht, mit der DSGVO rechtliche Leitplanken zu schaffen. Ich glaube, das wäre eine Chance. Und dass auch da wieder diese positive Ausrichtung im Netz stattfindet, damit die Leute Gleichgesinnte finden. Es gibt die Tendenz, die wir sowieso schon haben, dass die Leute selektiver werden, dass es eher in private Räume geht, dass man nicht mehr so viel offen legt. Ich glaube, diese Tendenz wird definitiv weitergehen. Ich glaube, da sind wir auch noch nicht am Ende, dass man sich eher in kleineren, geschützten Gruppen aufhält.

Was wäre denn, außer Games, ein guter Inhalt für das Metaverse?

Kiermeier: Das Metaverse ist natürlich super spannend für den öffentlichen Raum. Das heißt, für virtuelle Konzerte oder für Sportveranstaltungen, und das ist dann noch mal wirklich was komplett Neues. Das ist dann für alle Altersklassen interessant, nicht nur für die jungen Menschen. Alles hängt extrem davon ab, wie gut das gemacht ist und wie gut unsere digitale Infrastruktur ist. Bis das in Deutschland wirklich so konsumierbar ist, dass wir wirklich Spaß daran haben, werden ein paar Jahre vergehen und da hat der Gesetzgeber auch noch genug Zeit etwas zu tun.

"Und irgendwann kommt dann das Event, für das man die Technologie unbedingt nutzen möchte. Der Moment, wo man das Gefühl hat, jetzt brauche ich das."
Nicola Kiermeier, Allfacebook.de

Ab wann, also zu welchem Punkt in der Zukunft, würde man dann von der Geburtsstunde des Metaverse sprechen?

Kiermeier: Ich glaube nicht, dass es diesen Punkt Null gibt. Es gibt ja schon kleine Metaverse-Räume. Das gab es auch schon vor Jahren. Entscheidend ist: Wann ist es flächendeckend für die Masse konsumierbar? Also wann kann ich ein WM-Finale in einem virtuellen Stadion sehen? Technisch könnten das jetzt schon einige Stadien abbilden. Nur der Endkunde kann das noch gar nicht. Oder nur ein Teil. Das ist so ein fließender Prozess wie die Einführung des Smartphones. Erst werden die neuen Geräte auf den Markt kommen. Das Netz wird flächendeckend ausgebaut und so geht das eine mit dem anderen einher. Und irgendwann kommt dann das Event, für das man die Technologie unbedingt nutzen möchte. Der Moment, wo man das Gefühl hat, jetzt brauche ich das.

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
345 Euro mehr: So erhalten Studierende und Azubis den zweiten Heizkostenzuschuss

Es klingt nach einer guten Nachricht: Die Bundesregierung will Bafög-Empfänger:innen und Azubis mit einer neuen Heizkostenpauschale in Höhe von 345 Euro unterstützen.

Zur Story