Eine Begleiterscheinung des Brexit: Leere Supermarktregale
Eine Begleiterscheinung des Brexit: Leere Supermarktregale
Bild: www.imago-images.de / Hesther Ng
Interview

Junger Londoner über das Leben mit dem Brexit: "Weniger Pasta zur Verfügung zu haben, gehört für mich zu den kleineren Unannehmlichkeiten"

14.10.2021, 07:42

Erst der Brexit, dann Corona, und jetzt das: Leere Supermarktregale, kein Bier in den Pubs, lange Schlangen vor den Tankstellen, Ernten vergammeln und Vieh muss notgeschlachtet werden – Großbritannien gibt derzeit aufgrund des Brexit-bedingten Fachkräftemangels im Land ein recht desolates Bild ab. "Shortage" ist wohl das Wort der Stunde.

Selbst Premier Boris Johnson leugnet inzwischen den Zusammenhang mit dem Brexit nicht mehr vollständig und spricht von einem "kaputten Wirtschaftsmodell" bezüglich der Versorgungsabhängigkeit der Insel von unterbezahlten ausländischen Arbeitskräften. Auf dem Parteitag der Tories vergangenen Mittwoch sprach Johnson in einer Grundsatzrede auch die Versorgungskrise im Land an, und bezeichnete diese als vorübergehendes Übel. Für die Zukunft gab sich der Regierungschef optimistisch: Seine Regierung habe "den Mumm", den "keine Regierung zuvor gehabt habe", einen "lange überfälligen Kurswechsel“ einzuleiten, der langfristig zu einem Aufschwung mit "hohen Löhnen, hohen Qualifikationen und hoher Produktivität" führen werde.

Doch bevor Boris Johnson, wie in seiner Zukunftsvision geschildert, den "britischen Spirit entfesseln" und dafür die neuen "Brexit-Freiheiten" nutzen kann, müssen die Menschen in Großbritannien gerade noch mit ganz konkreten Folgen der Brexit-Politik klar kommen. Wie geht es vor allem den jungen Menschen, die mehrheitlich bei der Abstimmung im Jahr 2016 gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt hatten?

Watson hat bei Avishkar Chhetri nachgefragt, einem jungen Filmemacher, der in West London lebt.

Avishkar Chhetri wurde in Pokhara in Nepal geboren und ist in West London aufgewachsen. Er studierte Animation und machte seinen Master am Royal College of Art. Als Illustrator und Filmemacher konzentriert er sich aktuell auf lokale Themen, geprägt von der örtlichen Kultur und der Geschichte der Menschen, bestehend aus Einheimischen und Flüchtlingen in seiner nächsten Umgebung.
Avishkar Chhetri wurde in Pokhara in Nepal geboren und ist in West London aufgewachsen. Er studierte Animation und machte seinen Master am Royal College of Art. Als Illustrator und Filmemacher konzentriert er sich aktuell auf lokale Themen, geprägt von der örtlichen Kultur und der Geschichte der Menschen, bestehend aus Einheimischen und Flüchtlingen in seiner nächsten Umgebung.
Bild: Avishkar Chhetri

watson: Warteschlangen an Tankstellen und leere Supermarktregale haben wir bereits erwähnt. Aber gibt es noch andere Dinge, die der Brexit verursacht hat und die dein Leben jetzt direkt beeinflussen?

Avishkar Chhetri: Obwohl ich in meinem Leben selbst bisher keine tiefgreifende Veränderung erlebt habe, habe ich zum Beispiel Leute bei Panikkäufen gesehen. Weniger Pasta zur Verfügung zu haben, gehört für mich persönlich zu den kleineren Unannehmlichkeiten im Leben. Laut einer Umfrage stellt das aber für 30.000 Haushalte in Großbritannien ein Problem dar. Meine Mutter ist Vollzeit-Dozentin und unterrichtet Studenten mit erheblichen Lernschwierigkeiten. Sie hat durch den Brexit auch Probleme in ihrem Beruf. Sie sieht negative Auswirkungen im Hochschulmanagement und beobachtet eine Zunahme an Stress für ihr Personal – verursacht durch widersprüchliche und undurchdachte Botschaften unserer Regierung.

"Weniger Pasta zur Verfügung zu haben, gehört für mich persönlich zu den kleineren Unannehmlichkeiten im Leben."

Wie wirkt sich der Brexit auf deine finanzielle Situation aus?

Viele Arbeitnehmer erkennen gerade, dass sie kürzere Arbeitszeiten und mehr Remote Work oder Home Office bevorzugen. Dies hat in meinen Haushalt jedoch in finanzieller Hinsicht zu Schwierigkeiten und mehr Druck geführt. Ich denke, das ist nicht nur der Pandemie, sondern auch einem reaktiven und nicht präventiven Regierungsmanagement geschuldet. Ich musste kürzlich einen Universalkredit in Anspruch nehmen, der mir weniger als den Mindestlohn zum Überleben garantiert. Mein Bezirk Ealing verzeichnete in letzter Zeit grundsätzlich einen Anstieg der Universal Credit-Bewerber. (Anm. der Redaktion: Der Universal Credit ist ein Kreditinstrument der britischen Regierung, der, ähnlich der Sozialhilfe in Deutschland, bei zu geringem Einkommen eine monatliche Zahlung zur Deckung der Lebenshaltungskosten leistet. Anders als die Sozialhilfe muss das Geld aber zurückgezahlt werden.)

Wie siehst Du derzeit die Zukunftsperspektiven für Dich und andere jungen Menschen in Großbritannien?

Da ich selbst hier Migrant bin, erwäge ich jetzt, aus Gründen des Wohlstands und der Sicherheit ins Ausland zu ziehen. Die EU-Gesetze und -Verordnungen könnten von unserer Regierung umgeschrieben oder überprüft werden und damit könnten unsere Menschenrechte als Migranten gefährdet sein. Erst vor kurzem wurde ins Gespräch gebracht, Asylsuchende von der Hauptinsel in Offshore-Lager auf eine abgelegene Atlantikinsel zu verlegen. Die meisten Londoner, insbesondere junge, sehen ihre Perspektiven aus einer internationalen Sicht, glaube ich. Ich für meinen Teil würde es vorziehen, einen offenen Zugang zu Kontinentaleuropa für Reisen und Handel zu haben.

"Es war, als würde sich der schlimmste Teil der Internetkultur vor dir manifestieren."

Was bestimmt Deinen Alltag derzeit mehr: Covid-19 oder der Brexit? Und wie genau?

Der Brexit ist definitiv etwas weniger Visuelles und unterliegt mehr der Interpretation persönlicher politischer Überzeugungen, während Covid-19 im Alltag sehr präsent ist.

Ich glaube, die Sichtbarkeit von Covid-19 ist auf all die vorbeugenden Maßnahmen, wie das Maskentragen und auf die Präsenz der gegensätzlichen ideologischen Gruppierungen und den daraus resultierenden "Kulturkampf" zurückzuführen.

Ich sehe immer mehr Graffiti und Aufkleber von linksextremen Antifa-Gruppen und rechtsextremen Verschwörungsgruppen wie QAnon, die behaupten, die "Medien" seien das Problem. Ich habe einige negative Erfahrungen mit Menschen gemacht, die keine Maske trugen oder dies verweigern, oder die mich dafür angriffen, dass ich eine Maske trage. Im Geschäft beschimpfte ein Mann einen anderen Kunden und wies darauf hin, dass er keine Maske trage. Es war, als würde sich der schlimmste Teil der Internetkultur vor dir manifestieren.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Ich wünsche mir mehr Vertrauen in den zivilpolitischen Diskurs und in medizinische Fachkräfte, eine bessere naturwissenschaftliche Grundbildung, mehr Höflichkeit insgesamt, mehr kollektives und globales Denken.

"Ich habe Angst davor, keine laufenden Wasserhähne zu haben, und davor, was die Menschen einander antun könnten, um an diese Ressourcen zu kommen."

Wovor hast du Angst?

Vor einem Zusammenbruch der Zivilgesellschaft, vor Rassismus, vor zunehmender Arbeitslosigkeit und durch den Klimawandel vor Nahrungs- und Wasserknappheit und vor Überschwemmungen. Die Themse ist hier in South Acton in der Nähe und ich habe an Orten wie der Goldhawk Lane und Kingston upon Thames schon starke Überschwemmungen gesehen. Ich habe Angst, in einem extremen und unwirklichem Szenario in unserer Wohnung oder in London gefangen zu sein. Als Migranten haben wir, außer uns Mitbewohnern in meiner Wohngemeinschaft, in Großbritannien keine Familie, auf die wir uns verlassen können. Meine Befürchtungen vor einem Zusammenbruch der Zivilgesellschaft basieren auf knappen Ressourcen, da wir schon jetzt Probleme mit Strom, Nahrung und Wasser haben. Ich habe Angst davor, keine laufenden Wasserhähne zu haben, und davor, was die Menschen einander antun könnten, um an diese Ressourcen zu kommen. London ist eine Megastadt mit wenig kollektivem Bewusstsein. Viele Menschen würden sich selbst und ihr eigenes Wohl dem Rest der Gesellschaft vorziehen.

(mit Material von afp)

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