Leben
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Laura. Nach dem Abi zog die 26-Jährige nach Berlin und merkte schnell, dass sie den grauen Wänden, der Enge und Anonymität nichts abgewinnen kann. Sie zog zurück in ihre Heimat Brandenburg. bild: Martin brachmüller

Interview

Bloggerin Laura wollte zurück nach Brandenburg – ein Gespräch über Heimat

7000 Menschen wohnen in der Brandenburger Kleinstadt Treuenbrietzen, eine von ihnen ist Laura. Nach dem Abi zog die 26-Jährige nach Berlin und merkte schnell, dass sie den grauen Wänden, der Enge und Anonymität nichts abgewinnen kann. Nach einem Jahr packte Laura die Koffer und ging zurück in ihre Brandenburger Heimat. Diese Entscheidung hat sie bis heute an keinem einzigen Tag bereut – im Gegenteil.

Für ihren Blog "Herz an Hirn" besucht sie die schönsten Ecken in Brandenburg, fotografiert sie und schreibt darüber. Jeder ihrer Texte gleicht einer kleinen Liebeserklärung an ihre Heimat. Wir haben mit Laura über die anstehenden Wahlen, über Brandenburgs schlechten Ruf und Heimatgefühle geredet.

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Laura wandert durch den Choriner Wald. bild: Martin brachmüller

watson.de: Was bedeutet Heimat für dich?
Laura: Brandenburg. Das bedeutet für mich gleichzeitig Geborgenheit und Freiheit – der Geruch von frisch gemähtem Rasen, von Seewasser oder die Luft kurz nach einem heftigen Regen lösen in mir das Gefühl von Heimat aus. Aber auch die wunderbare Langeweile, die sich hier immer wieder breit macht, ist ein Teil von meinem zu Hause.

Die Langeweile ist für die meisten jungen Menschen der Grund, Brandenburg zu verlassen.
Für mich ist Langeweile unglaublich wertvoll – ich reise viel, bin ständig unterwegs und erlebe in kurzer Zeit viel Neues. Das macht mir großen Spaß, aber umso schöner ist es, danach an einen Ort zu kommen, den ich so gut kenne, dass ich komplett abschalten kann. Das ist vor allem für meine kreative Arbeit wichtig.

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Auch das ist Brandenburg: Ein Café im Klasdorfer Bahnhof. bild: herz an hirn / laura schneider

Dresden, Germany old town skyline with rainbow

Bild: iStockphoto

Du bist kurzzeitig zum Studieren nach Berlin gezogen – was hat dir da gefehlt?
Nach dem Abi wollte ich sofort hier weg, mich konnte nichts in unserer Kleinstadt Treuenbrietzen halten. Erst als ich Brandenburg den Rücken gekehrt habe, merkte ich, was mir fehlt. Ich bin damals im Winter nach Berlin gekommen, alles war grau, anonym und ich konnte nur auf Häuserwände gucken – mir hat die Natur, der weite Blick, die Ruhe, aber auch die Nähe zu den Menschen, Nachbarn und Freunden gefehlt. Irgendwann habe ich mir eingestanden, dass es ein Fehler war, nach Berlin zu ziehen, habe meinen Mut zusammengenommen und den Schritt zurück gewagt. Übrigens: Innerhalb Berlins brauchte ich genauso lange zur Uni wie von Treuenbrietzen aus. Brandenburg ist gar nicht so sehr am Ende der Welt, wie die meisten denken.

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Ein Schnappschuss vom Werbellinsee. bild: herz an Hirn / laura schneider

Hast du den Schritt zurück nach Brandenburg jemals bereut?
Nein, überhaupt nicht. Aber natürlich gibt es auch Dinge, die mich hier nerven. Der letzte Zug nach Berlin fährt zum Beispiel schon um 21 Uhr, deswegen bin ich viel mit dem Auto unterwegs. Und auch der Handyempfang lässt zu wünschen übrig – sobald man Treuenbrietzen verlässt, bricht das Netz zusammen. Das wurde zum riesigen Problem bei den schlimmen Waldbränden im letzten Jahr: Die Feuerwehr konnte im Wald keinen Funk empfangen, deswegen mussten die Informationen und Nachrichten per Motorrad überbracht werden. Das war schon absurd.

Du bist 26 Jahre alt – gibt es Gleichaltrige in deiner Umgebung?
Laura: Ja. Die Mieten sind hier erschwinglich, es gibt schönen, preiswerten Wohnraum, Berlin ist nur knapp eine Stunde entfernt und es gibt viele Arbeitsplätze – das zieht mittlerweile vermehrt junge und kreative Menschen hierher, die hier tolle Projekte stemmen.

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Idyllisches Arbeiten im Grünen: Zum "Coconut"-Coworking-Place in Glien kommen Menschen aus der ganzen Welt. bild: Herz an hirn / Laura schneider

Zum Beispiel?
Den deutsch-französischen Gasthof in Rehagen, den ein junges Pärchen eröffnet hat. Dort kann man in alten Schlafwägen, die ursprünglich für die transsibirische Eisenbahn gebaut wurden, übernachten. Ein weiteres Beispiel ist der Coworking-Space in Glien. Glien ist ein winziges Kaff, in dem ein paar junge Leute den Coworking-Space "COCONUT" in einem alten Gutshof eröffnet haben. Den besuchen Menschen aus der ganzen Welt, um im Grünen zu arbeiten – als ich das letzte Mal da war, habe ich eine Mexikanerin, eine Neuseeländerin und jemanden aus Peru kennengelernt. Menschen, die man eigentlich in Kreuzberg erwarten würde, sitzen auf einmal mitten in Brandenburg.

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So gemütlich sieht das Rehagener Schlafwagenhotel von Innen aus. bild: herz an hirn / Laura Schneider

Du betreibst den Reiseblog "Herz an Hirn", einer deiner Schwerpunkte ist Brandenburg. Hat man nicht irgendwann alles über Brandenburg erzählt?
Als ich damals von hier wegging, fiel mir auf, dass ich meine Heimat fast gar nicht kenne. Klar, der Weg zum Supermarkt sitzt, aber alles darüber hinaus, habe ich nie richtig erkundet. Stattdessen bin ich durch die ganze Welt gereist. Als ich mir dann auf einmal ganz bewusst Brandenburg vorknöpfte, packte mich die Faszination. Nicht nur, dass es wunderschöne, verwinkelte und einsame Orte gibt, sondern auch das Drumherum ist besonders – auf Brandenburg muss man sich einlassen, darauf, dass hier alles etwas langsamer geht, die Wege weiter sind und die Menschen die raue Berliner Schnauze haben. Das muss man abkönnen und dann lernt man es zu lieben.

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Rau und einsam: "Die verbotene Stadt" in Wünsdorf Waldstadt ist vor allem verboten schön. bild: herz an hirn / Laura schneider

Kommenden Sonntag wird gewählt, gerade in Brandenburg ist der Rechtsruck ein großes Thema. Machst du dir Sorgen?
Ja, die Wahl macht mir sogar richtig Bauchschmerzen. Die Entwicklung der letzten Jahre ist katastrophal – wenn ich mir angucke, wie salonfähig in den letzten Jahren rechte Parolen wieder geworden sind und wie wenig Gegenwind Rassisten hier bekommen, dann mache ich mir große Sorgen.

Wäre eine noch stärkere AfD im Landtag ein Grund, Brandenburg zu verlassen?
Nein, das wäre das völlig falsche Signal. Stattdessen muss man hier die Fahne hochhalten und zeigen, wie viele weltoffene, kreative und tolle Menschen hier leben. Brandenburg hat einen hartnäckigen, rechten Ruf, der von der Außenwelt gerne allen Menschen, die hier leben aufgedrückt wird. Natürlich gibt es große rechte Probleme, aber auch viele andere Meinungen und tolerante Menschen. Umso wichtiger ist es, Brandenburg nicht abzuwinken, sondern im Gespräch zu bleiben, mal vorbeizukommen und Brandenburg eine Chance zu geben.

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Bullerbü oder Brandenburg? Das Museumsdorf Glashütte punktet mit urigem Charme. bild: herz an hirn / Laura schneider

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