Single sad teen holding a mobile phone lamenting sitting on the bed in her bedroom with a dark light in the background

Einigen Kindern fällt die Rückkehr in die Schule inzwischen richtig schwer. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / AntonioGuillem

Therapeutin erklärt, wie sich Homeschooling auf die Psyche der Schüler auswirkt

Der Druck auf Schüler und Schülerinnen ist seit der Corona-Pandemie hoch: Zuerst mussten sie sich während der Lockdowns mit Homeschooling durchschlagen, nun sprechen Bildungsexperten von enormen Lernlücken. Schon Anfang Mai hatte der Bund daher ein milliardenteures Corona-Aufholprogramm auf den Weg gebracht, das neben zusätzlichen Sozialarbeitern auch schulische Fördermaßnahmen und Lernwerkstätten an Schulen vorsieht, um verpassten Unterrichtsstoff aufzuholen. Am Freitag hat der Bundesrat es besiegelt.

Der Bundes-Psychotherapeutenkammer reicht das nicht. Sie fordert mehr Behandlungsplätze für Kinder und Jugendliche. Deren Beratungsbedarf sei durch die Corona-Pandemie gestiegen. Die Psychotherapeuten warnen: "Bei der Umsetzung des 'Aufholprogramms' des Bundes darf nicht nur das Aufholen schulischer Lerndefizite im Mittelpunkt stehen."

Ähnlich sieht das Shirin Sobhani, 44. Sie arbeitet als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Hamburg. Sobhani weiß aus ihrer Praxis, dass viele Schüler durch das monatelange Homeschooling noch heute mit psychischen Belastungen zu kämpfen haben.

Therapeutin aus Hamburg, Shirin Sobhani

Kinder- und Jugendtherapeutin Shirin Sobhani Bild: privat / Tatiana Kosukhina.

watson sprach mit ihr über verzerrte Selbstbilder von Jugendlichen, die sich selbst stundenlang über Zoom sahen, Kinder, die sich bis heute nicht mehr in die Schule trauen und wie die Corona-Erfahrungen helfen könnten, psychische Gesundheit auf den Lehrplan zu hieven.

"Ich kann sagen, dass ich in meiner bisherigen Tätigkeit noch nie so viele Anfragen von Familien erhalten habe, deren Kinder im letzten Jahr psychische Auffälligkeiten entwickelt haben."

watson: Haben Kinder und Jugendliche das monatelange Homeschooling als belastend empfunden?

Shirin Sobhani: Das Homeschooling wurde sehr unterschiedlich wahrgenommen. Insbesondere im ersten Lockdown waren die meisten Kinder und Jugendlichen besonders belastet. Die Schulen waren noch nicht gut darauf eingestellt, sodass die Kinder und Jugendlichen größtenteils auf sich allein gestellt waren. Es gab wenig gute Anleitung, es konnte nicht auf Fernunterricht-Materialien oder gute technische Ausstattung zurückgegriffen werden. Vor allem fehlten den Kindern Anleitung zu Struktur im Alltag, regelmäßiges Feedback und eine direkte Ansprache. Auch der Austausch der Schüler und Schülerinnen untereinander klappte im ersten Lockdown kaum.

Wie war das im zweiten Lockdown?

Im zweiten Lockdown war die Mehrzahl der Kinder in der Mittelstufe technisch besser ausgestattet. Es hatte ein Umdenken und Umlernen stattgefunden und viele konnten neue hilfreiche Routinen entwickeln. Einige Schulen schafften es nun, die Schüler regelmäßig morgens über Plattformen zu begrüßen, zu unterrichten und sogar Prüfungsleistungen darüber abzuwickeln. Auch Teamarbeiten und der Austausch unter der Schülerschaft wurde nun besser gefördert und gelebt.

"Für manche hatte auch die verzerrte Wahrnehmung ihres Gesichtes über die Video-Plattform einen negativen Einfluss auf ihr Selbstbild."

Welche Faktoren waren besonders schwierig für die Schüler im Homeschooling?

Das Fehlen von sozialen Kontakten, Tagesstruktur, Bewegung – für einige hatten auch ausbleibende Erfolgserlebnisse negative Folgen für die Grundstimmung und Motivation. Schlechte WLAN-Verbindungen, wenig Platz zu Hause, viel Zeit auf engem Raum sorgten für Unzufriedenheit. Für manche hatte die verzerrte Wahrnehmung ihres Gesichtes über die Video-Plattform einen negativen Einfluss auf ihr Selbstbild. Die ohnehin schon kritische Selbstbetrachtung im Rahmen pubertärer Entwicklung erhielt hier besondere Relevanz und nahm in manchen Fällen ein überzogenes Ausmaß an, man nennt das Zoom-Dysmorphie.

Kam es im Rahmen des Homeschoolings auch zu mehr Konflikten zwischen Eltern und Kindern?

Mehr Konflikte entstanden, wenn sich Familienmitglieder Geräte teilen mussten und keiner wirklich zu erledigten Aufgaben kam. Der Druck stieg, indem die To-Do-Listen immer länger wurden oder Aufgaben nicht erledigt werden konnten, für die es dann Rügen oder schlechte Bewertungen gab. Konflikte ergaben sich auch, wenn Eltern die "Lehrer-Rolle" ersetzen mussten, aber keine Ahnung davon haben, wie Grundlagen der Mathematik oder Rechtschreibung erschlossen werden können. Eltern-Kind-Interaktionen in Leistungssituationen bieten eigentlich immer Zündstoff, unter Pandemiebedingungen konnte das in vielen Fällen nicht über außerhäusliche Nachhilfe abgefangen werden.

Welche Kinder und Jugendliche treffen die Nachteile besonders?

Kinder und Jugendliche mit schwacher Selbstorganisation, ADS, ADHS, Jugendliche mit Neigung zur Lethargie und Antriebsschwäche. Charaktere mit wenigen Hobbys und Interessen als Ausgleich und Temperamente mit fehlender Flexibilität sowie Anpassungsbereitschaft. Wir nennen das fehlende Resilienz.

"Eltern-Kind-Interaktionen in Leistungssituationen sind eigentlich immer Zündstoff."

Gab es im Gegenzug auch Kinder und Jugendliche, für die diese Situation von Vorteil war?

Kinder und Jugendliche, die eher introvertiert sind, viel Rückzug genießen und sich selbst organisieren können. Temperamente, die zu sozialer Ängstlichkeit oder generalisierter Angst neigen, sahen sich zunächst in der Komfortzone. Das eigene Zimmer schien ein sicherer Ort. Für diese Kinder wurde dann allerdings der Übergang zurück in die Schule noch schwerer, sodass einige von ihnen der Schule immer noch fern bleiben und nun dringende psychotherapeutischen Hilfen benötigen, um den "Weg zurück" zu schaffen.

Momentan wird vor allem über die entstandenen Lernrückstände debattiert. Warum ist auch der psychische Aspekt wichtig?

Ohne mentale Gesundheit sind wir nicht leistungsfähig, wir können unser Leistungspotenzial nicht abrufen, sind weniger kreativ, entwickeln Ängste, werden antriebsloser, können uns schlechter konzentrieren und uns nicht entwickeln. Ich finde die Debatte über die Lernrückstände zwar wichtig, aber deutlich überzogen und gehe davon aus, dass die Kinder und Jugendlichen das aufholen werden.

Wie kann der Lernstoff aufgeholt werden, ohne die Kinder weiter zu belasten?

Ich rate dazu, den Druck rauszunehmen und den Kindern die Zeit zu geben, die es zum "Aufholen" braucht. Das muss nicht in jedem Fall heißen, dass ein Schuljahr wiederholt wird. Ich würde es begrüßen, wenn die Lehrkräfte Flexibilität entwickeln und die Schulbehörden den Lehrplan etwas anpassen würden, sozusagen einen "Post-Pandemie-Lehrplan" schaffen.

Wie erleben Sie die Kinder und Jugendlichen denn derzeit in ihrer Praxis?

Ich kann sagen, dass ich in meiner bisherigen Tätigkeit noch nie so viele Anfragen von Familien erhalten habe, deren Kinder im letzten Jahr psychische Auffälligkeiten entwickelt haben. Beeinträchtigt von den Monaten, in denen die Kinder und Jugendlichen vorwiegend zu Hause waren und es sich in ihren Zimmern vor dem Bildschirm oft vermeintlich "gemütlich" gemacht haben, fiel es manchen enorm schwer, wieder regelmäßig zur Schule zu gehen.

Wie erklären Sie sich das?

Vornehmlich trifft das Kinder und Jugendliche mit vorsichtigem, verletzlichem Temperament und großem Sicherheitsbedürfnis. Deren psychisches Grundbedürfnis nach Orientierung wurde über viele Monate hinweg frustriert, denn sie erlebten die Welt um sie herum "in Aufruhr und Sorge". In der Mehrheit der Fälle ging dies einher mit einer Veränderung der Alltagsstrukturen, dem Wegfall der geliebten Hobbys, sehr reduzierten freundschaftlichen Aktivitäten und der ins Homeoffice verlegten Arbeit der Eltern. Dieser Verunsicherung wurde meist mit viel Zeit im eigenen Zimmer gegengesteuert, wo alles sicher und kontrollierbar schien. Das ist an sich eine ganz natürliche und gesunde Bewältigungsstrategie.

"In der Folge schienen vielen Schüler und Schülerinnen überfordert, entwickelten übermäßig starke Ängste, verweigerten den Schulbesuch, spürten Schmerzen, die sie vom Schulbesuch abhielten."

Aber es macht die Rückkehr in die Schule schwer?

Ja, denn was jene Kinder in diesen Monaten nicht üben konnten, war: Den anhaltend hohen schulischen Anforderungen zu begegnen und sich Herausforderungen zu stellen, Konflikte mit Peers zu lösen, mit Maske-Tragen und Distanz im Klassenzimmer umzugehen, sich mit Ängsten auseinanderzusetzen und Bewältigungsstrategien einzuüben. In der Folge schienen vielen Schüler und Schülerinnen überfordert, entwickelten übermäßig starke Ängste, verweigerten den Schulbesuch, spürten Schmerzen, die sie vom Schulbesuch abhielten. Das hält weiterhin an.

Wie kann man bei diesen psychischen Belastungen gegensteuern?

Wir sollten den Kindern und Jugendlichen vermitteln, wie sie in solchen Zeiten gut durch die Krise kommen. Sie brauchen Handwerkszeug, wie sie gut für ihre psychischen Bedürfnisse sorgen können, was es bedeutet, ausreichend auf sich zu achten, einen balancierten Lebensstil zu entwickeln, einen guten Umgang mit Ängsten, Langeweile und Stress zu finden, damit sie für Krisen wie diese gut gerüstet sind. Mein Vorschlag wäre es, neben dem Fach "Digitales Lernen", das an vielen Schulen zusätzlich eingeführt wurde, ein neues Fach einzuführen, das präventiv Methoden für die mentale Gesundheit vermittelt, damit sie ihre Resilienz trainieren.

Was würde dort gelehrt werden?

Was in so einem Fach "Gesundheit lernen" Inhalt sein könnte: Was gehört zu einem gesunden Lebensstil? Wie kann ich für mich sorgen? Welche Entspannungsverfahren gibt es und wie wende ich sie an? Es geht darum, von einem "Fixed Mindset" zum "Growth Mindset" zu kommen, also zu lernen: Wie entwickele ich eine optimistische Grundhaltung? Wo bekomme ich Hilfen? Wie finde ich Austausch und Halt in Gruppen?

Was würden Sie den Kindern denn gerne vermitteln?

Dass wir aus jeder Krise gestärkt hervor gehen können. Schwierigkeiten und Probleme lassen uns wachsen. Herausforderungen können uns bestärken. Wenn wir gut reflektieren, finden wir Sinnzusammenhänge, können zunehmend schätzen, was wir an Kompetenzen in der Krise erworben haben, die wir ohne die Pandemie nicht erworben hätten und in diesem Sinne "Frieden schließen" mit einer ganz außergewöhnlichen Zeit.

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