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Sollten Schulen wieder öffnen? Ab 4. Mail soll es schrittweise wieder losgehen. Bild: Getty Images/vgajic

Interview

Psychologin: Lockdown "Gefährlich für Kinder, wenn sie nicht in die Schule dürfen"

Vergangenen Monat schlossen Schulen deutschlandweit ihre Pforten. Eine Maßnahme zum Infektionsschutz. Kinder sitzen zu Hause fest. Viele verfolgen den Unterricht via Computer, andere können sich nicht aufraffen, überhaupt etwas zu tun. Hinzu kommt die Isolation von Freunden, mit denen sie ihre Zeit auf dem Pausenhof verbringen. Das kann Folgen für die soziale Entwicklung haben. Denn wo sammelt man mehr Erfahrungen als in der Schule?

Nun haben sich Bund und Länder darauf geeinigt, dass der Regelschulbetrieb schrittweise ab dem 4. Mai wieder aufgenommen werden soll. Zuerst mit Abschlussklassen und Schülern, die im kommenden Jahr vor Prüfungen stehen sowie den obersten Grundschulklassen. Die Kultusminister der Länder sollen bis Ende April ein Konzept zu Hygienemaßnahmen, Schulbusbetrieb, Pausenzeiten und Gruppenaufteilung erarbeiten. Prüfungen und Prüfungsvorbereitungen für Schüler, die jetzt vor dem Abschluss stehen, sind in den Schulen aber auch vor Anfang Mai schon unter strengen Auflagen möglich.

Doch ist es wirklich gut, wenn Kinder wieder zur Schule gehen, während es von allen Seiten Warnmeldungen gibt? Bedeutet die Corona-Pandemie nicht ohnehin schon Stress für sie?

Über diese Fragen sprachen wir mit der Kinderpsychologin Coletta Scharf. Seit Beginn der Pandemie sprach sie mit Eltern und Kinder über die damit verbundenen Sorgen.

Warum es gefährlich sein könnte, wenn Kinder im Zuge des Lockdown nicht zur Schule dürfen

watson: Bund und Länder haben beschlossen, die Schulen schrittweise wieder zu öffnen. Was kann das für Kinder bedeuten?

Coletta Scharf: Die meisten Kinder sagen mir, dass ihnen zu Hause langweilig ist und dass sie die Schule vermissen. Das gilt für Kleinkinder wie auch für Jugendliche. Letztere beschwerten sich vor allem über den Abstand zu ihren Freunden.

Ist es aus ihrer Sicht sinnvoll, Kinder in der aktuellen Lage wieder zur Schule zu schicken?

Aus psychologischer Sicht würde ich sagen, dass die Pflicht, einen Großteil seiner Zeit zu Hause zu verbringen, für viele Familien zu Stress führt. Die Eltern befinden sich derzeit in verschiedenen Rollen. Sie sind nicht mehr nur die Versorger, sondern auch Unterhalter und Lehrer. Für viele ist es aber schwer, die Kinder zu motivieren, sich mit dem Schulstoff auseinanderzusetzen. In dem Punkt gibt es eine große Spannweite.

Nämlich?

Manche Eltern machen zu viel Druck, was die Eltern-Kind-Beziehung belasten kann. Andere unterstützen überhaupt nicht und geben keine Struktur vor. Auch die sozialen Umstände spielen eine Rolle. Wirkliche arme Familien können etwa nicht auf digitale Lernangebote zurückgreifen, weil die technischen Voraussetzungen dafür schlicht nicht da sind.

"Ich selbst hatte zwei Fälle, bei denen es auch zu körperlicher Gewalt kam und ich entsprechend vom Jugendamt sowie der Polizei kontaktiert wurde."

Coletta Scharf

Geht es bei der Wiedereröffnung der Schulen ausschließlich um die Bildung der Kinder oder spielt auch ihre soziale Entwicklung dabei eine Rolle?

Also ausgehend von der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder ist es schon gefährlich, wenn sie über einen längeren Zeitraum nicht mehr zur Schule gehen können. Gerade für Kinder, die gerade eingeschult werden oder kurz davor sind, eine weiterführende Schule zu besuchen, ist das ein Problem. In dem Moment befinden sie sich in einer Schwellensituation, also dem Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Wenn sie da länger zu Hause waren, fällt ihnen dieser Übergang viel schwerer. Gerade für Kinder mit Trennungsängsten ist das nicht leicht. Außerdem denke ich, Kinder haben das Grundbedürfnis mit Gleichaltrigen zu spielen.

Für viele Eltern ist die aktuelle Situation wahrscheinlich ähnlich schwer.

Klar, viele Eltern sind das überhaupt nicht mehr gewohnt, den ganzen Tag mit ihren Kindern zu verbringen. Viele haben schlicht Probleme, eine Beschäftigung für sie zu finden. Manche versuchen es mit Medien wie Videospielen oder Fernsehen – was erstmal negativ klingt, aber in Maßen völlig normal ist. Ist die Tagesstruktur von der Schule vorgegeben, tut das Kindern sowie Eltern gleichermaßen gut. Wiederkehrende Strukturen geben auch Sicherheit.

Haben Sie denn in Ihrer Praxis mitbekommen, dass vermehrt Familienkonflikte auftreten?

Aus Italien oder China hieß es ja, dass seit der Quarantäne vermehrt Konflikte in Familien aufgetreten sind. Ich selbst hatte zwei Fälle, bei denen es auch zu körperlicher Gewalt kam und ich entsprechend vom Jugendamt sowie der Polizei kontaktiert wurde. Das ist aber nicht repräsentativ. Vielmehr handelt es sich um Einzelfälle. Dennoch steigt das Konfliktpotential, wenn eine Familie ungewohnt viel Zeit miteinander verbringt. Kinder können auch anstrengend sein – besonders jüngere. Die wollen beschäftigt werden.

Wie nehmen Kinder die Corona-Pandemie allgemein wahr?

In vielen Familien wird den Kindern etwa erklärt, dass sie ihren Großeltern erstmal nicht zu nahekommen können. In dem Punkt ist es auch eine Art Verlusterfahrung, die den Kindern schwerfallen kann. Ähnliches gilt für die Schulschließungen und den daraus resultierenden Abstand zu Freunden oder Bezugspersonen wie Lehrern.

"Grundsätzlich ist es so, dass Kinder erst dann beunruhigt sind, wenn es die Eltern auch sind."

Coletta Scharf

Um die neuen Umstände für Kinder greifbar zu machen, spielt auch die Kommunikation eine Rolle. Wie erklärt man eine Pandemie kindgerecht?

Wenn man dem Kind erklärt, dass Corona eine Erkrankung ist, aber gleichzeitig die optimistische Grundhaltung bezüglich der Gefahr vermittelt – etwa bezüglich der Risikogruppen –, trägt das zum Verständnis bei. Wichtig ist, den Kindern den Sinn der Schutzmaßnahmen zu vermitteln. Noch wichtiger, dass die Eltern dabei auf ihren emotionalen Unterton achten. Angst überträgt sich.

Nun wird bereits seit Wochen intensiv über das Coronavirus berichtet. Viele Meldungen, dass sich auch Kinder anstecken und ebenfalls schwere Verläufe haben können, sind bereits für Erwachsene beunruhigend. Kann sich diese Unruhe nicht auch auf die Kinder übertragen?

Über das Thema habe ich mit vielen Familien gesprochen. Grundsätzlich ist es so, dass Kinder erst dann beunruhigt sind, wenn es die Eltern auch sind. Bis zur Schulschließung hatte ich nicht den Eindruck, die Kinder wären verängstigt. Meist hieß es, sie waschen sich häufiger die Hände, haben aber generell keine Angst, da Kinder ja nur selten schwer erkranken.

Bund und Länder empfehlen "dringend", Schutzmasken in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu tragen. Schutzmasken zeigen aber auch, dass ja irgendwo eine Gefahr lauert, vor der man sich schützen muss. Kann das für Kinder nicht beunruhigend sein?

Ich glaube, die meisten Kinder haben verstanden, dass Covid-19 eine Krankheit ist, die über Husten und Niesen übertragen wird, sofern die Eltern das angemessen erklären – etwa indem sie sagen, dass eine Maske schützt und allgemein eine gute Sache ist, da sie auch die Mitmenschen schützt. Und an sich nutzen Kinder ja auch einen Helm beim Fahrradfahren. Solange Eltern den Kindern vermitteln, wie sinnvoll die Maske als Schutz ist, sollte das funktionieren.

Es ist auch möglich, dass Kinder in diesen Zeiten mit dem Tod konfrontiert werden. Wie spricht man darüber?

Der Tod ist gesellschaftlich ein Stück weit tabuisiert. Das gilt nicht nur für die Covid-19-Phase. Erkrankt ein Familienmitglied etwa an Krebs und stirbt an den Folgen, ist der Tod ebenso präsent. Generell sollten Eltern mit ihren Kindern über den Tod sprechen. Er gehört zum Leben schlicht dazu. Kinder machen sich häufig schon im Alter von vier Jahren Gedanken über das Thema – etwa wenn sie einen toten Vogel auf der Straße sehen.

Welchen Rat haben Sie da?

Manche Eltern sprechen über ein Leben danach. Für viele Kinder ist das tröstlich. Generell hängt es aber von den Eltern ab. Haben sie sich schon mal mit dem Tod und der eigenen Vergänglichkeit auseinandergesetzt? Wenn ja, ist ein klärendes Gespräch in der Hinsicht wesentlich wahrscheinlicher.

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