Hermann Josef Tenhagen ist Chefredakteur des Geld-Ratgebers Finanztip.
Hermann Josef Tenhagen ist Chefredakteur des Geld-Ratgebers Finanztip.Bild: imago stock&people / STAR-MEDIA
Energie

"Rechnen Sie mit einer Verdoppelung des Gaspreises" – was der Finanzexperte Tenhagen rät, um trotzdem zu sparen

29.06.2022, 14:0729.06.2022, 15:45

Ob Deutschland nun auf die Gasbremse drückt und die Energiesparziele des Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck schafft, oder nicht: Eines ist sicher – der kommende Winter wird teuer!

Das sagt auch der Verbraucherjournalist Hermann-Josef Tenhagen, und er muss es als Chefredakteur des Ratgebers "Finanztip" schließlich wissen. Watson hat mit ihm über die steigenden Gaspreise, Möglichkeiten zur Verbrauchsreduzierung und Tipps zur finanziellen "Schadensbegrenzung" gesprochen.

Finanzprofi Hermann-Josef Tenhagen gibt Tipps, wie man den gestiegenen Energiekosten, zumindest teilweise, entkommen kann.
Finanzprofi Hermann-Josef Tenhagen gibt Tipps, wie man den gestiegenen Energiekosten, zumindest teilweise, entkommen kann. bild: Micha Kirsten

watson: Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hat vergangene Woche im Deutschlandfunk gesagt, er könne in der momentanen Situation nicht garantieren, dass die gestiegenen Gaspreise von den Anbietern nicht eins zu eins an die Kunden weitergegeben werden. Wie ist da Ihre Einschätzung?

Hermann-Josef Tenhagen: Genauso ist das. Herr Müller hat völlig Recht. Und wenn Sie jetzt einen Gasvertrag haben, und der Vertrag ist für ein Jahr abgeschlossen, also bis März zum Beispiel, dann haben Sie jetzt bis zum kommenden März bei den Preisen erst mal Ruhe, weil: Sie haben ja einen Preis fest vereinbart. Wenn Sie aber in der Grundversorgung sind, haben Sie keinen festen Preis vereinbart und es kann durchaus passieren, dass Stadtwerke oder andere Grundversorger die Preise ganz, ganz deutlich erhöhen. Man muss sich jetzt aber nicht die größten Sorgen machen, weil auch die Gasversorger kaufen eigentlich ihr Gas mittel- und langfristig zu bestimmten Preisen ein.

"Rechnen Sie mal mit einer Verdoppelung des Gaspreises gegenüber dem, was Sie im letzten Jahr gezahlt haben."
Hermann-Josef Tenhagen gegenüber watson

Aber es kann sein, dass diese Preise deutlich steigen. Und wenn im Winter Ihr Vertrag ausläuft, dann haben Sie möglicherweise richtig schlechte Karten. Das bedeutet nämlich, dass Sie dann in der möglichen Krisensituation der Gasknappheit einen neuen Vertrag machen müssen. Ich würde einfach allen Menschen raten, die eine Gasheizung haben: Rechnen Sie mal mit einer Verdoppelung des Gaspreises gegenüber dem, was Sie im letzten Jahr gezahlt haben.

Junge Frau mit Heizkostenabrechnung, Heizkosten || Modellfreigabe vorhanden
Das Doppelte wie im Jahr zuvor: Mit diesen Heizkosten muss man rechnen.Bild: chromorange / Christian Ohde / CHROMORANGE

Was, wenn man keine Gasetagenheizung hat, sondern eine Zentralheizung?

Die Zentralheizung hat ja auch irgendeine Energiequelle. Wenn Sie in einem Mietshaus wohnen, wäre es schon interessant für Sie, herauszufinden, ob Sie eine Gasheizung im Keller haben, oder ob das Haus Fernwärme nutzt oder eine Ölheizung. Das wäre die entscheidende Frage, weil beim Heizöl ist es das gleiche Problem. Im letzten Frühjahr sind die Heizölpreise in Berlin beispielsweise von 0,60 Euro pro Liter im Frühjahr 2021 auf in der Spitze 2,09 Euro pro Liter angestiegen. Und wenn der Tank Ihres Vermieters gerade dann leer war, dann müssen Sie damit rechnen, dass Sie eine sehr, sehr hohe Nachzahlung bekommen.

Und wenn man jetzt zum Beispiel Fernwärme nutzt? Da geht man ja erst mal nicht davon aus, dass das von Öl- oder Gas-Preisen abhängig ist...

Doch, weil auch in der Fernwärme wird die Energie mit Öl, Gas oder irgendwas anderem erzeugt. Und auch in der Fernwärme kann es durchaus sein, dass die Preise ansteigen – je nachdem mit welchem Energieträger die Anbieter das erzeugen. Generell gilt: Wenn Sie für den Winter 21/22 schon eine Abrechnung haben, rechnen Sie noch mal mit einer Verdoppelung und dafür legen Sie Geld zur Seite, wenn Sie irgendwie können.

Heizkraftwerk Nord, München, 21. Juni 2022 Deutschland, München, 21. Juni 2022, Heizkraftwerk Nord der Stadtwerke München, Kraftwerk in München-Unterföhring besteht aus drei Blöcken, Block 2 wird mit  ...
Auch Nutzer anderer Heizquellen wie beispielsweise Fernwärme, müssen mit gestiegenen Preisen rechnen.Bild: www.imago-images.de / imago images
"Ärmere Haushalte sollten Wohngeld beantragen."

Was, wenn man das nicht kann?

Dann müssen Sie überlegen, wie Sie dem Ganzen anders begegnen können. Ärmere Haushalte sollten Wohngeld beantragen. Es gibt Statistiken, die sagen, dass bis zu zwei Drittel der Haushalte, die Wohngeld bekommen können, das nicht beantragen. Das ist eine Leistung, die der Staat zahlen muss, wenn man entsprechend wenig Geld und viel Mietkosten hat. Also wenn Sie das noch nicht gemacht haben, tun Sie das!

Bildnummer: 50317248 Datum: 19.06.2003 Copyright: imago/Steinach
Wohngeldantrag - Formular, Körperteile, Objekte, Symbolfoto; 2003, Mietzuschuss, ankreuzen, ausfüllen, Kreuzchen, Formulare, Antrag, An ...
Wohngeld beantragen kann mühsam sein - lohnt sich aber!bild: imago / steinach

Für den letzten Winter hat der Staat gesagt, die Leute, die Wohngeld beantragt haben, die kriegen von uns einen Zuschuss zu den Heizkosten, damit sie nicht absaufen. Dann können Sie annehmen, dass das möglicherweise im nächsten Winter genauso ist. Das gilt insbesondere auch für junge Leute, Studierende, WGs, die sich da nicht drum gekümmert haben, und für Rentnerinnen und Rentner.

Woher weiß man, ob man für Wohngeld infrage kommt?

Der Berliner Senat, den ich sonst nicht so oft lobe, hat ein Wohngeldrechner-Tool bei sich auf der Seite. Damit kann man einigermaßen ausrechnen, ob und wie viel man bekommt. Und wenn da steht, man würde Geld bekommen, dann würde ich mich nochmal dahinter klemmen. Häufig sind diese Anträge in sozialversicherungs-chinesisch, also nicht so einfach zu verstehen. Und in anderen Bundesländern ist das auch noch deutlich komplizierter gehalten. Deswegen sage ich immer: Den Berliner Rechner mal kurz nutzen und rausfinden, ob sich der Aufwand lohnt.

Um welche Beträge handelt es sich da?

Da geht es um einen Hunderter oder zwei im Monat. Um nicht wenig Geld.

Und was könnte man noch tun, im Alltag. Wo kann ich jetzt schon sparen, damit die Abrechnung nicht zu horrend wird?

Nicht mehr baden. Ganz platt gesagt. Das ist natürlich das, wo Sie viel Energie verbrauchen. Und für den Winter, wenn Sie keine vernünftigen Thermostate an Ihrer Heizung haben, dann bauen Sie die ein. Die können Sie im Baumarkt kaufen, das ist nicht schwierig zu installieren. Das bringt eine Menge. Wenn Sie können, bringen Sie Ihren Vermieter dazu, oder machen Sie das als Eigentümer selber: ein hydraulischer Abgleich. Das sorgt dafür, dass die Heizkörper wirklich da heizen, wo sie sollen und nicht da mehr heizen, wo sie es gar nicht brauchen und da zu wenig heizen, wo es gebraucht würde. Spart zehn bis 15 Prozent. Wir haben bei Finanztip eine 24 Punkte-Liste gemacht, wie man Energie sparen kann. Arbeiten Sie die systematisch ab. Alles, was Sie mit Ihrem Budget und in Ihrem konkreten Fall vereinbaren können.

Moderne Thermosstate sparen bares Geld. Wenn der Vermieter nicht mitmacht, einfach selbst einbauen!
Moderne Thermosstate sparen bares Geld. Wenn der Vermieter nicht mitmacht, einfach selbst einbauen!Bild: dpa / Marcus Brandt

Wie kann man im Haushalt einsparen?

Der Wäschetrockner ist eigentlich etwas, was man nicht benutzt, wenn man Energie sparen will. Und: Der Kühlschrank gehört natürlich nicht neben den Gasherd oder den Backofen. Heizkörper entstauben und keine Vorhänge vor den Heizkörpern. Bei der Dusche einen Durchflussbegrenzer einbauen, dass nicht so viel Wasser vorne rausgeht. Gefrierfach und Kühlschrank regelmäßig abtauen. Das spart einen Haufen Energie!

"All diese Dinge, nur hier ein bisschen und dort ein bisschen. Aber wenn es eng ist, dann hilft das halt."

Den Kühl- und Gerfrierschrank nicht lange offenstehen lassen. Nicht den Rest Lasagne, auch wenn sie noch warm ist, in den Kühlschrank stellen. Also all diese Dinge, nur hier ein bisschen und dort ein bisschen. Aber wenn es eng ist, dann hilft das halt.

Würde denn in manchen Fällen, bei sehr hoher Abrechnung, auch ein Anbieterwechsel helfen?

Wenn Sie jetzt im Augenblick eine extrem hohe Rechnung haben und Sie möchten günstiger wegkommen: Angenommen, in der Grundversorgung, kostet das Gas 0,14 Euro pro Kilowattstunde und man bekommt einen Zweijahresvertrag oder einen Jahresvertrag, bei dem das Gas 0,15 Euro kostet: Da machen Sie eine Wette. Wenn Ihre Stadtwerke gut und ordentlich geplant haben, kann es sein, dass die Grundversorgung ohne Vertragslaufzeit für Sie günstiger ist. Wenn Ihre Stadtwerke nicht so gut geplant haben, könnte es sein, dass ein Vertrag, der unwesentlich teurer ist, aber eine Preisgarantie für das nächste Jahr gibt, die günstigere Variante ist.

"Wir werden im Winter nicht erleben, dass die Leute kein Gas mehr bekommen, sondern dass aus Versorgungsengpässen die Preise explodieren."

Sind die Anbieter berechtigt, dass sie ihrerseits aus den Verträgen aussteigen können, wenn der Einkaufspreis fürs Gas innerhalb der Vertragslaufzeit massiv steigt?

Normalerweise nicht. Aber wenn im nächsten Winter alles auf dem Kopf steht, dann kann es natürlich zum Wegfall der Geschäftsbedingungen kommen. Das könnte einen als Vertragskunde dann trotzdem ereilen. Der Punkt ist ja: Wenn das Gas knapp wird, dann kann zwar die Regierung sagen, man dreht das Thermostat auf 19 oder 18 Grad runter, aber die privaten Haushalte kommen vor der Industrie. Das ist Europarecht. Von daher werden wir es im Winter nicht erleben, dass die Leute kein Gas mehr bekommen, sondern dass aus Versorgungsengpässen die Preise explodieren. Deswegen sagt Herr Habeck ja immer sparen, sparen, sparen. Je mehr in den Speichern drin ist, desto weniger wahrscheinlich ist das und desto weniger wird es als Problem auftreten.

Neue Whatsapp-Funktion: Messenger schaut sich beliebte Apple-Funktion ab

Es ist schon lang bekannt, dass sich Social-Media-Apps Features voneinander abschauen. So war Snapchat Vorreiter in der Story-Funktion, was Instagram, Facebook und Whatsapp allesamt nachahmten.

Zur Story