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Wenn Geld die Beziehung belastet: Paartherapeutin gibt Tipps

Als ich klein war, wurde bei uns zu Hause immer viel gestritten. Meist wegen Geld – genauer gesagt eher, weil zu wenig davon da war. Erst ist nur mein Vater arbeiten gegangen und meine Mutter war mit mir zu Hause, das hat dann irgendwann nicht mehr gereicht.

Dann ist meine Mutter auch noch arbeiten gegangen, hat, als mein Vater krank geworden ist, den Großteil unseres Geldes verdient – und das hat dann wieder nicht gereicht. Schlimmer noch, mein Vater fühlte sich in seiner Rolle als Familienoberhaupt und Ernährer angegriffen. Geld verdienen war in seinen Augen Männersache.

Bei Geld hört die Liebe manchmal auf

Man sagt doch so schön: "Bei Geld hört die Freundschaft auf" – bei der Liebe gilt das leider auch oft. Viele Menschen kennen es aus der eigenen Beziehung oder Partnerschaften in der Familie und im Freundeskreis, wie schnell die finanzielle Situation emotionale Krisen und Konflikte auslösen kann. Das kann schon anfangen bei so simplen Begebenheiten, wie dass ich meinen Partner ständig auf einen Kaffee einladen muss, weil er nie Bargeld dabei hat – und aufhören bei Streitereien, wer die nächste Rate für das Eigenheim abbezahlt.

"Geld ist einer der häufigsten Streitgründe bei Paaren", sagt auch Birgit Neumann-Bieneck. Die Paartherapeutin erlebt in ihrer Praxis immer wieder, welche Beziehungskonflikte rund ums Geld entstehen – und wie Partnerschaften auch daran zugrunde gehen können.

Häufig entstehen schwerwiegende Beziehungskrisen, wenn die finanziellen Ressourcen in einer Partnerschaft ungleich verteilt sind. Leider ist es selbst in Deutschland immer noch keine Seltenheit, dass meist Frauen sich mit einem niedrigeren Gehalt begnügen müssen: Im Schnitt verdienen sie 21 Prozent weniger, was nicht unbedingt am individuellen Gehalt liegen muss, sondern auch daran, dass Frauen häufiger in Teilzeit oder schlecht bezahlten Branchen arbeiten oder weniger gut ausgebildet sind.

All das sind Aspekte, die nicht nur zu einer sozialen Ungleichheit in der Gesellschaft führen, sondern sich auch im Privatleben, also auch in der Liebe, niederschlagen können. Wie und was wir verdienen trägt dazu bei, wie wir uns selbst sehen und kann unsere Position in einer Beziehung beeinflussen.

Frauen verdienen immer noch weniger als Männer

Die deutschlandweiten Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern tragen zu unserem Rollendenken bei: Geld scheint immer noch Männersache zu sein. Und zwar so sehr, dass sie mit ihren Partnerinnen oftmals nicht einmal offen darüber sprechen, berichtet Neumann-Bieneck:

"Leider verdienen Männer ja meist immer noch mehr Geld als Frauen – und wollen oftmals nicht verraten, wie viel mehr. Einige von ihnen vertreten die Meinung, dass es ihre Partnerin nichts angehe, wie viel monatlich auf das Konto eingeht."

Wenn ich an da an meine Eltern denke, überraschen mich die Worte der Paartherapeutin nicht: Wenn ich unsere finanziellen Schwierigkeiten mit meiner Mutter besprechen wollte, war sie oftmals nicht so sehr im Bilde, wie ich gedacht hätte. Zum Beispiel wusste sie nicht immer, wie viel Geld mein Vater bekam, wofür er es ausgab und wie hoch seine Schulden waren.

Gleichzeitig ist das nicht überraschend. Schließlich sind meine Eltern Mitte er 50er Jahre geboren worden und dementsprechend womöglich etwas konservativer als unsereins. Junge Paare sind in Hinblick auf Geld bestimmt etwas entspannter und offener. Neumann-Bieneck widerspricht dem allerdings:

"Ich selbst dachte lange Zeit, so etwas käme nur in älteren, tradierten Beziehungen vor – aber auch viele junge Menschen denken so."

Das Problem liegt also nicht nur darin, dass wir unterschiedlich verdienen und daran unter Umständen unseren Selbstwert messen – sondern auch daran, dass wir einfach nicht gerne über Geld sprechen. Es ist nach wie vor ein Tabuthema, selbst in jüngeren Generationen und selbst für den Menschen, der unser engster Vertrauter sein sollte – unser Partner.

Die Beziehung kann leiden, wenn einer mehr Geld hat als der andere

Auch wenn offen gelegt wird, dass ein Partner mehr verdient oder vielleicht sogar ein größeres Vermögen mit in die Beziehung bringt, weil er zum Beispiel geerbt hat, kann es allerdings zu tiefgreifenden Konflikten kommen.

Auch Neumann-Bieneck meint, dass der finanziell schlechter gestellte Partner schnell das Gefühl bekommen könnte, sich generell in einer schlechteren Position zu befinden. Das merkt man dann zum Beispiel bei gemeinsamen Aktivitäten, die für den einen vielleicht ein kleines Vermögen, für den anderen jedoch nur ein Taschengeld kosten:

"Viele Paare rechnen Kosten für gemeinsame Aktivitäten oder Anschaffungen getrennt ab – zum Beispiel zahlt jeder für seinen eigenen Urlaub. Wenn die finanziellen Einkünfte unterschiedlich sind, kann das Auswirkungen auf die Beziehung haben: So könnte der Partner, der weniger Geld zur Verfügung hat, den Eindruck bekommen, er sei nicht gut genug. Der vermögendere Partner wiederum meint oft, der andere solle sich nicht so anstellen."

Wenn der Vermögendere seinem Partner allerdings aushelfen möchte, kann auch dieser Versuch leider schnell nach hinten losgehen, sagt die Expertin – zumindest auf Dauer:

"Dadurch, dass der wohlhabendere oder besserverdienende Partner den anderen häufiger einlädt, entsteht unter Umständen ein Ungleichgewicht zwischen den Partnern."

Eine nette Geste sollte natürlich nicht zum gefühlten Almosen ausarten. Deswegen sollte der Partner, der mehr finanzielle Mittel zur Verfügung hat, versuchen, in dieser Hinsicht ein gutes Mittelmaß zu finden und nicht gekränkt zu sein, wenn der andere mal nicht eingeladen werden will. Am besten lässt sich das natürlich in einem offenen Gespräch klären, wann und wie oft es sich gut anfühlt, einzuladen oder sich einladen zu lassen.

Offen über Geld reden kann Beziehungsprobleme vermeiden

Generell rät die Paartherapeutin dazu, das offene Gespräch über Geld zu suchen, damit es nicht wie eine dunkle Wolke über der Beziehung schwebt.

"Um zu vermeiden, dass Geld eine zerstörerische Rolle in der Beziehung einnimmt, sollten sich die Beziehungspartner um einen ständigen Werteabgleich bemühen: das heißt, am besten offen ansprechen, wenn sie unterschiedlich verdienen, um mit der Differenz umgehen zu lernen."

Eine Lösung kann, muss aber nicht das gemeinsame Konto sein, auf den jeder Partner jeden Monat denselben Betrag für gemeinsame Ausgaben einzahlt. Das Geld-Thema an sich schon zu enttabuisieren könnte schon dazu beitragen, dass es nicht allzu viel Gewicht in einer Beziehung einnimmt.

Geld regiert vielleicht die Welt, würde der Zyniker an dieser Stelle sagen – aber zumindest können wir mit ein wenig Offenheit und Vertrauen zumindest dagegen vorgehen, dass es uns auch in unseren Liebesbeziehungen bestimmt.

Männer, die weinen

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