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Bild: RTL 2

Meinung

Hartz-IV-Empfänger als Schmarotzer? "Armes Deutschland" zeigt nur einen Teil der Wahrheit

Alex ist 23, dreifacher Vater, hat keinen Schulabschluss und lebt von Hartz IV. Bereits mit 16 Jahren war er obdachlos, war zwischenzeitlich eineinhalb Jahre lang im Gefängnis. Dazu Schulden, Sanktionen, drohende Haft.

Ohne den Mann in Schutz nehmen zu wollen: Wenn man diese Geschichte hört, möchte man ihm mindestens einen Sozialarbeiter vorbeischicken. Da scheint von vorne bis hinten nichts, einfach nichts mehr zu klappen.

RTL 2 schickt lieber ein Kamera-Team. In der Sendung "Armes Deutschland" wird sein Fall dann vorgehalten, um zu fragen: Lohnt sich Arbeit in Deutschland noch? Alex findet: Nein.

Seine Antwort überrascht nicht. Wahrscheinlich hätte ich an seiner Stelle, mit seiner Biographie, auch keinen Bock mehr, arbeiten zu gehen. Oder mich um den Haushalt zu kümmern. Oder überhaupt irgendetwas zu machen.

Hartz-IV-Empfänger Alex hat keine Lust, zu arbeiten – warum?

In vier neuen Folgen hat RTL 2 den jungen Familienvater nun begleitet – und dabei zugesehen, wie er auf dem Dach sitzend rauchte. Wie er fettige Würstchen briet. Wie er erklärte, Vollzeit-Vater zu sein – und dann doch nicht mit seinen Kindern spielen wollte. Wie er einen Schuldenberater aufsuchte. Wie er einfach nicht arbeiten wollte.

Zu faul, auch nur eine Bewerbung zu schreiben – so kommentiert die Stimme aus dem Off den Fall von Alex.

Nun, in der jüngsten Folge vom letzten Dienstag, stand die Haft im Fokus, die Alex droht: Er wurde dafür angezeigt, ein Schaufenster zerschlagen zu haben – und ist nicht zum Gerichtstermin erschienen. Dafür könnte er ins Gefängnis kommen (am Ende muss er nur Sozialstunden abarbeiten).

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Ja, Alex ist kein klassischer Sympathieträger. Eigentlich mag man ihn überhaupt nicht. Selbst die Stimme aus dem Off zeigt kein Mitleid und wird nicht müde, Alex' Lethargie zu kommentieren. Wie er es sich in der "sozialen Hängematte" bequem macht. Wie er einfach "zu faul" sei, "auch nur eine Bewerbung zu schreiben."

Die Fragen der Redakteure von "Armes Deutschland" sind provokativ

Die Fragen der Redakteure, die ihn vor laufender Kamera interviewen, sind provokativ. Schon in den ersten Folgen wurde in einem leicht sarkastischen Tonfall gefragt, warum Alex sich keinen Job suche. Oder es wurde angemerkt, dass andere Menschen schließlich auch arbeiten gingen und sein Leben durch ihre Steuern finanzierten.

Als Alex sich auf Raten einen neuen Computer kauft, merkt die Redakteurin hinter der Kamera gleich an: "Jetzt hast du deinen Rechner für deine Bewerbungen, ne?" Dass die Redakteurin sich selbst nicht glaubt, hört man gleich. Ihre Worte wirken geradezu höhnisch. Gleich darauf will sie sich Alex' Bewerbung zeigen lassen. Er hat natürlich keine geschrieben.

"Jetzt hast du deinen Rechner für deine Bewerbungen, ne?", fragt die Redakteurin Alex.

Keine Frage – Alex legt keinerlei Motivation an den Tag. Ohne die Mitleidskarte spielen zu wollen, kommt man allerdings nicht umhin, zu fragen: Hat der Mann jemals in seinem Leben eine echte Chance bekommen? Hat er jemals gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen?

Alles, was wir von Alex wissen, ist, dass er aus schwierigen Verhältnissen stammen muss und es mindestens seit seiner Obdachlosigkeit mit 16 nicht besonders gut lief. Das ist keine Entschuldigung für schlechtes Verhalten. Aber zumindest eine Erklärung dafür, warum jemand immer und immer wieder scheitert. Und schließlich die Motivation verliert.

Sollte man Hartz-IV-Empfänger so im Fernsehen zeigen?

Nichts, was in der Sendung gezeigt wird, deutet auf ein unterstützendes soziales Netzwerk hin. Auch das Produktions-Team konzentriert sich lieber auf die offensichtlich vertrackte Lage und Alex' kaum nachvollziehbare Haltung, anstatt Gegebenheiten zu hinterfragen.

Angenommen, jemand wie Alex ist kein bösartiger und fauler Sozialschmarotzer, wie "Armes Deutschland" suggeriert. Sondern eine gescheiterte Existenz, die sich lediglich so verhält, wie ihr Umfeld es erwartet – ist es dann gerechtfertigt, die Kamera drauf zu halten und diese Geschichte im Fernsehen zu zeigen?

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an ein Gespräch, dass ich mit Inge Hannemann geführt habe. Die Hartz-IV-Kritikerin hat früher im Jobcenter gearbeitet, wo sie sich unter anderem gegen ungerechtfertigt ausgesprochene Sanktionen stark machte. Zuständig war sie unter anderem für besonders schwierige Kunden unter 25 – jemand wie Alex hätte also theoretisch ihr Kunde sein können.

Wenn dein Umfeld dich abschreibt, schreibst du dich selbst ab

Bei unserem Gespräch erzählte Hannemann von einem jungen Mann, der sich anscheinend weigerte, die Regeln des Jobcenters zu befolgen. Er antwortete nicht auf Briefe und erschien zu keinen Terminen. Und nun meint Hannemann: Anstatt mit dem Finger auf solche Fälle zu zeigen, müsse man eher versuchen, Zugang zu den Menschen zu finden, um sie zu unterstützen. Wohl gerade dann, wenn die Situation aussichtslos scheint.

"Als Jobcenter-Mitarbeiterin habe ich gezielt Jugendliche als Kunden zugewiesen bekommen, die als 'schwierig' galten: die nicht zu Terminen oder Weiterbildungsmaßnahmen erschienen. Die aggressiv waren. Die bereits sanktioniert worden waren. Dabei brauchten diese Jugendlichen in den meisten Fällen vor allem eines: Zeit."

Bei dem besagten jungen Mann stellte sich auf Nachforschungen Hannemanns heraus, dass er unter seiner besonders schwierigen Familiensituation litt. Erst, als das ans Licht kam, konnte man ihm helfen. Mittlerweile studiert er übrigens Medizin.

Hannemann kennt viele solcher Beispiele aus ihrer Laufbahn als Jobcenter-Mitarbeiterin. Die Geschichten zeigen: Wenn dein Umfeld dich abschreibt, schreibst du dich meist auch selbst ab. Das hat nichts damit zu tun, ob du ein guter oder schlechter Mensch bist.

Im TV wird aus dem Hartz-IV-Empfänger ein Sozialschmarotzer

Alex hat sich offensichtlich selbst abgeschrieben. Seine Lustlosig- und Perspektivlosigkeit lässt sich eigentlich nicht anders erklären. Wo genau seine Haltung herrührt, wissen wir nicht. Sich aus ihr aber wieder nach oben zu arbeiten, wird ein enormer Kraftakt werden, den er wahrscheinlich nicht allein bewältigen können wird.

Dann ist es einfacher, den Sozialschmarotzer zu geben, den Sendungen wie "Armes Deutschland" dankbar und deutlich unterkomplex abbilden.

Menschliche Schicksale sind nun mal komplizierter, als sie sich in einem zweistündigen Unterhaltungsformat abbilden lassen. Selbst die Geschichten von Protagonisten, die einen zunächst ärgerlich grummeln oder sogar empört aufschreien lassen, sind wahrscheinlich weit komplexer, als es einem lieb ist.

Schade, dass "Armes Deutschland" anscheinend nicht den Weg geht, die wahren Gründe für die Misere ihrer Protagonisten aufzudecken. Dann wäre die Sendung vielleicht weniger unterhaltsam, dafür deutlich näher am echten Leben dran.

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    Alle Leser-Kommentare
  • ZweiundVierzig 11.05.2019 13:04
    Highlight Highlight Alex IST ein Schmarotzer. Er ist jung, arbeitsfähig aber arbeitsunwillig.
    Gäbe es kein H4 müsste er für sein Überleben irgendeiner Arbeit nachgehen (und wenn es klauen wäre - Sachbeschädigung ist ja schon ein Hobby von Alex).

    Leider ist das Wort Arbeitsdienst negativ belegt. Aber für solche arbeitsfähigen Schmarotzer wäre eine Zwangsverpflichtung für 40 Stunden/Woche als erzieherische Maßnahme über mehrere Monate sinnvoll (Müllsammler, Straßengfeger, etc).
    Und selbst wenn daraus kein Umdenken der Person entsteht - für den Steuerzahler wäre dies zumindest eine Wiedergutmachung.
  • herrkern 09.05.2019 15:09
    Highlight Highlight Viele Protagonisten leiden unter psychischen Auffälligkeiten, manchmal sind da echte Pathologien dabei.

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Eine dreifache junge Mutter. Ein Vater, natürlich Raucher, der sich weigert, arbeiten zu gehen. Eine dreckige Wohnung, in der leicht verlotterte Kinder herumhüpfen. Dazu fallen Sätze wie: "Für 8,50 Euro pro Stunde geh ich nicht arbeiten."

Besser könnte man sich die Protagonisten von "Armes Deutschland" eigentlich nicht ausdenken. Muss man auch gar nicht, irgendwie finden die Produzenten von RTL 2 immer die richtigen Leute, die alle Klischees bedienen, die wir uns über Hartz-IV-Empfänger auch …

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