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Reinhold, Tochter Francis und Maria sind Protagonisten der Armutsshow "Armes Deutschland". Bild: RTL 2

"Armes Deutschland" zeigt großes Problem von Hartz IV – doch es gibt einen Haken

Alles, nur kein Hartz IV: Was manche Familien auf sich nehmen, nur, um nicht vom Staat abhängig zu werden, ist eigentlich kaum fassbar. Da werden Arbeitsbedingungen akzeptiert, die gegen sämtliche Regelungen verstoßen oder Schuldenberge aufgetürmt, um bloß nicht arbeitslos zu werden.

So ist es auch bei Reinhold und Maria. Die beiden Selbstständigen und deren zwei Kinder sind Protagonisten der RTL-2-Armutsshow "Armes Deutschland" – und erfüllen quasi die Rolle der armen, aber ehrwürdigen Arbeiter. Damit bilden sie das Gegengewicht zu den in der Sendung üblicherweise präsentierten Fällen:

Meist sind das junge Paare, die sich angeblich weigern, arbeiten zu gehen, sich dafür in der sozialen Hängematte ausruhen, wie die Stimme aus dem Off nicht müde wird, zu betonen, und so beim Zuschauer Ressentiments gegen Langzeitarbeitslose erzeugen. Zum Glück gibt es dann ja noch Fälle wie die von Reinhold und Maria: Menschen, die alles tun, um eben nicht in Hartz IV zu rutschen.

Das sind die Probleme mit Hartz IV, die RTL 2 zeigt

Die Probleme bei dieser Erzählweise in Sendungen wie "Armes Deutschland" sind allerdings folgende:

  1. Es werden "böse" Arme und "gute" Arme gegeneinander erzählt: Scheinbar wird schon im Vorhinein festgelegt, bei welchen Protagonisten eine auch nur drohende Abhängigkeit vom Staat gerechtfertigt wäre. Deren Geschichte wird dann vergleichsweise empathisch erzählt. Der Rest wird in der Sendung allerdings nicht hinterfragt – warum schon junge Menschen sich zum Beispiel weigern, arbeiten zu gehen. So vereinfacht erzählt fällt es dem Zuschauer nicht schwer, negative Gefühle gegen den "faulen" Arbeitslosen zu entwickeln.
  2. Bei der Erzählung der "guten" Armen wird ebenfalls unhinterfragt gelassen, wie "gut" sie eigentlich wirklich sind und wie logisch deren Verhaltensweise ist: Wenn sich Menschen wie Reinhold und Maria mit Händen und Füßen gegen staatliche Unterstützung wehren, die ihnen doch zustehen würde, ist das nicht nur lobenswert, sondern trägt unfreiwillig ebenfalls zur Stigmatisierung von Arbeitslosen bei. Alles, nur bloß kein Hartz IV – die Abhängigkeit von Staat wird als Abgrund dargestellt, in den man um keinen Preis hinabrutschen darf.

RTL 2 zeigt bei der letzten Folge "Armes Deutschland" somit ein Problem, dass sie selbst mit befeuern – die Angst vor Hartz IV. Folglich wirkt es in der Sendung so: Wer die staatliche Hilfe annimmt, macht es sich bequem in seiner finanziellen und beruflichen Misere. Wohlwollend wird allerdings berichtet über diejenigen, die sich der Unterstützung des Sozialstaates verweigern und sich stattdessen aufreiben, das eigene Wohlbefinden und die Zukunft der Kinder aufs Spiel setzen.

So sind Reinholds und Marias Entscheidungen nicht allesamt nachvollziehbar und könnten teils sogar schädlich für ihre Familie sein. In der Sendung thematisiert wird das allerdings nicht.

Hartz IV kommt für Reinhold und Maria nicht infrage

Seit Jahren betreiben Reinhold und Maria gemeinsam ein Gartenbauunternehmen. Lange Zeit ging es ihnen und den beiden Kindern sehr gut, bis Reinalds Gesundheitszustand sich allerdings drastisch verschlechterte und das Unternehmerpaar größere Aufträge absagen musste.

Seitdem bleiben der vierköpfigen Familie nur 450 Euro zum Leben im Monat übrig. Die Miete für ihr Haus hat sie seit drei Monaten nicht gezahlt.

Um ihrer Familie zu helfen, hat Tochter Francis die Schule abgebrochen und soll nun als Geschäftsführerin für einen neuen Unternehmensplan hinhalten: einen Imbiss – die scheinbar letzte Chance für die Familie, aus dem finanziellen Tief zu kommen. Gerade volljährig weist Francis eine positive Schufa-Auskunft auf und kommt so als einziges Familienmitglied infrage, um die neue Geschäftsidee zu tragen.

Francis unterstützt lieber ihre Eltern, anstatt ihre Schule fertig zu machen

Dass die 18-Jährige somit keine Ausbildung machen kann und ein großes finanzielles Risiko eingeht, geht vor dem Hintergrund ihrer ehrwürdigen Beweggründe, den Eltern zu helfen, ein wenig unter.

Ist es wirklich so sinnvoll, staatliche Unterstützung unter allen Umständen zu verweigern und stattdessen nicht nur das eigene Wohlbefinden, sondern auch die Zukunft der Kinder zu gefährden? Funktionieren Reinhold und Maria als Positivbeispiele von Menschen, die alles tun, um der Armut zu entfliehen – indem sie ihre eigene Tochter in die finanzielle Misere schicken, wenn alles schief geht?

Und schief gehen könnte hier schließlich so einiges, denkt man an die nicht existenten Rücklagen der Familie und die mangelnde Berufserfahrung der jungen Geschäftsführerin.

Auch meine Eltern gingen in Insolvenz – und schließlich Hartz IV

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an meine eigene Jugend zurück: Meine Eltern haben damals, ähnlich wie Reinhold und Maria, versucht, sich mithilfe der Selbstständigkeit vor der drohenden Armut zu retten.

Vor etwa 15 Jahren noch haben sie mit einer eigenen kleinen Firma Zeitungen ausgetragen – und hatten schließlich Pech mit ihrem Auftraggeber. Die Zusammenarbeit kollabierte von einem Tag auf den anderen, meine Mutter, auf die das Unternehmen lief, meldete Privatinsolvenz an.

Meine arbeitslose Mutter meint: Die gezeigte Familie schätzt das Risiko falsch ein

Als ich mit ihr über Reinholds und Marias Situation spreche, sagt sie: "Es ist extrem und eigentlich kaum zu glauben, wie sich diese Familie aufopfert." Laut ihrer Einschätzung ist die Familie sich allerdings nicht dessen bewusst, welches finanzielle Risiko sie mit ihrem Handeln eingehen und wie stark sich ihre Situation dadurch verschlechtern könnte.

Schließlich besteht die Möglichkeit, dass das neue Unternehmenskonzept nicht aufgeht und die Familie so in eine Schuldenfalle tappt, aus der es kein schnelles Entrinnen gibt:

"Wer sich stark verschuldet, wird große Schwierigkeiten haben, aus so einer Situation wieder herauszukommen."

Meine Mutter weiß, wovon sie spricht. Von der Privatinsolvenz und der darauffolgenden Arbeitslosigkeit hat sie sich bis heute nicht erholt. Zwar hatte sie zwischenzeitlich wieder eine Vollzeitstelle in Festanstellung – allerdings hat sie auch diese wieder verloren, als ihr Arbeitgeber pleite ging. Und das nur kurz nachdem ihre Schulden vom Staat getilgt worden waren und sie wieder mehr als 900 Euro pro Monat verdienen durfte.

Was passiert bei einer Privatinsolvenz?

Wer eine hohe Summe von Schulden anhäuft, hat die Möglichkeit, Privatinsolvenz anzumelden. Wenn man sich mit seinen Gläubigern nicht außergerichtlich einigen kann, wird ein Insolvenzverfahren eingeleitet. Dabei wird das Vermögen des Schuldner verwaltet und an die Gläubiger verteilt. Damit beginnt auch die sogenannte Wohlverhaltensphase: In den folgenden bis zu sechs Jahren muss der Schuldner einen Teil seines Einkommens an den Insolvenzverwalter abtreten. Wenn der Schuldner alle Regeln, werden die Restschulden normalerweise nach spätestens sechs Jahren vom Staat getilgt.

"Was diese Familie macht, ist: Sie versuchen, zu retten, was nicht rettbar ist", sagt meine Mutter. Weiterhin meint sie:

"Wenn schon so ein großes Risiko besteht, wie bei Reinhold und Maria gezeigt, sollte man lieber versuchen, weitere Schulden zu vermeiden. Hartz IV zu beziehen ist eine Sache – Privatinsolvenz anmelden zu müssen und dann möglicherweise dennoch in Hartz IV zu rutschen allerdings noch eine andere. Davon profitiert niemand, weder die Familie noch der Staat."

RTL 2 versäumt es, stärker auf die Panik vor Hartz IV einzugehen

Schade ist, dass die Sendung nicht die Gelegenheit aufgreift, tiefer in das Thema einzusteigen und das Problem, die Panik vor Hartz IV, offen als solches zu verhandeln.

Es zeigt sich wieder einmal, wenn auch nur angedeutet, was für ein großes Problem Arbeitslosigkeit in unserem Land darstellt: Einerseits das System Hartz IV und die damit oftmals einhergehende Stigmatisierung. Andererseits auch die Angst vor der Arbeitslosigkeit, die durch die Stigmatisierung noch zusätzlich geschürt wird.

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