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Bild: Getty Images / watson Montage

Meinung

"Nicht mal Geld für Essen": So kämpfen Erzieherinnen gegen Armut in der Kita

ilona böhnke

Ilona Böhnke ist Erzieherin in Dortmund. In ihrer 40-jährigen Laufbahn hat sie immer wieder in Brennpunkt-Kitas gearbeitet. Sie musste dabei miterleben, wie Armut das Leben mancher Kinder beeinträchtigt. Mit diesen Maßnahmen konnten sie und ihre Kolleginnen den Kindern trotzdem helfen – und was sich nach ihrer Ansicht dennoch ändern muss.

Wir Erzieherinnen erleben täglich, was es wirklich bedeutet, in Deutschland arm zu sein. Denn viel zu oft trifft Armut diejenigen, die sich am wenigsten dagegen wehren können: die Kinder.

In vielen Familien ist am Ende des Monats oft kein Geld mehr da. So bekommen die Kinder zu Beginn des Monats noch belegte Brötchen mitgegeben, teilweise sogar die teuren vom Bäcker. In der zweiten Monatshälfte gibt es dann nur noch Toastbrot, wenn überhaupt. Und natürlich kein frisches Obst oder Gemüse.

Die Kleidung einiger Kinder ist so alt und durchgetragen, dass man sie eigentlich wegwerfen müsste. Geld für neue Klamotten haben viele Familien nicht.

Auch an solch essentiellen Dingen wie Windeln oder Feuchttüchern bemerkt man die Armut – denn diese sollten die Eltern nämlich eigentlich selbst stellen. Doch gerade diese Utensilien sind alles andere als günstig. So passiert es oft, dass die Windelschublade der Kita, in der jede Familie die Windeln für das eigenen Kind lagern sollte, am Ende des Monats leer bleibt.

Wir versuchen in der Kita alles, um den Kindern zu helfen – aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt

Wir Erzieherinnen tun natürlich alles, um den Kindern zu helfen. Jede Kollegin hat schon größere Portionen Essen mitgebracht, um in der Pause mit den Kindern teilen zu können oder hat von ihrem eigenen Gehalt schon mal Windeln gekauft. Wenn im Bekanntenkreis jemand Kinderkleidung abzugeben hat, dann habe ich die oft mitgenommen und im Kindergarten gebunkert – für den Notfall.

Wir tun alles, damit Geld für die Kinder möglichst keine Rolle spielt. Das führte dazu, dass wir neben den kleinen Unterstützungen mit Windeln und Essen auch harte Regeln einführen mussten. Es ist zum Beispiel nicht erlaubt, dass Kinder ihr eigenes Spielzeug mitbringen. Den sonst könnten sich schon kleinste Kinder miteinander vergleichen: Wer hat das Marken-Spielzeug, wer "nur" das Nachgemachte? Wer kann dem Trend folgen und wer nicht?

Es sollte nicht schon im Kindergarten dazu kommen, dass der, der Geld hat, angesehen und cool ist – und der, der keins hat, zum Außenseiter wird.

Schließlich gibt es in der Kita überlicherweise schon genug Spielzeuge. Wenn jetzt ein Kind nicht ohne das liebste Kuscheltier kann, machen wir da natürlich eine Ausnahme. Ansonsten muss diese Regel allerdings eingehalten werden, dass müssen dann sowohl Eltern als auch Kinder verstehen.

Teures Spielzeug oder Geschenke mitbringen geht in der Kita nicht

Eine weitere Sache, die wir verbieten mussten, sind die sogenannten Serviettengeschenke. Das sind kleine Spielzeuge oder Süßigkeiten, eingepackt in Servietten, die Eltern zum Beispiel zum Geburtstag für alle Kinder mitbringen.

Das führte allerdings dazu, dass die Eltern oftmals versuchten, sich gegenseitig zu überbieten. Viele Eltern wollten den Kindern was Tolles und Besonderes mitgeben. Das übt dann allerdings Druck aus auf die einkommensschwächeren Familien – schließlich wollen die bei den ausgefallenen Geschenken mithalten können.

Lediglich einen Kuchen darf man noch mitbringen, wenn eines der Kinder Geburtstag hat. Wenn Eltern sich auch das nicht leisten können, haben wir immer Kuchen und Kekse in der Kita vorrätig. So kann jedes Kind mit den Freunden feiern.

Gerade hier im Ruhrgebiet sind solche Fälle leider keine Seltenheit. In den letzten Jahrzehnten habe ich hier in vielen Kindergärten gearbeitet, oft in sozialen Brennpunkten. Vom Jugendamt wissen wir, dass häufig bis zu drei Viertel der Kita-Plätze vom Amt bezahlt werden, weil die Eltern nicht einmal genügend Geld zur Verfügung haben, um selbst für die Plätze aufzukommen.

Dass so manch eine Familie finanziell schlecht aufgestellt ist, wissen wir, weil die Eltern sich uns oft anvertrauen. Warum die Eltern jedoch kein Geld haben, wissen wir nicht immer – schließlich können viele Gründe dahinterstecken. Die sind uns Erzieherinnen jedoch erst einmal egal. Uns ist nur wichtig, dass die Kinder wenigstens im Kindergarten eine normale Kindheit haben – und das geht nur, wenn sie nicht ständig mit ihrer eigenen Armut konfrontiert werden.

Dafür helfen wir auch gerne mit unserem eigenen Geld aus – und sei es nur, um hin und wieder Windeln zu kaufen. Wir wollen, dass die Kinder einen guten Start ins Leben haben. Doch dass wir Erzieherinnen selbst finanziell einspringen müssen, um das zu gewährleisten, ist eigentlich eine Schande – und belastet uns im Endeffekt auch. Schließlich können wir nicht unsere ohnehin schon niedrigen Gehälter opfern, um allen Kindern zu helfen.

Zumindest das Essen sollte in der Kita gratis sein

Uns und den Kindern würde es schon sehr helfen, wenn zumindest das Essen in der Kita kostenlos wäre. Selbst wenn die Eltern nur einen Euro zum Mittagessen beisteuern müssen, belastet das viele Familie sehr – die wahren Konsequenzen tragen dann allerdings die Kinder, die in der Kita dann vielleicht nicht mitessen können.

Generell sollte Nahrung für Kinder in öffentlichen Einrichtungen immer kostenlos sein – nicht nur in Kitas, auch in Schulen. Auch dort können schließlich auch nicht die Lehrer dafür aufkommen, dass alle Kinder versorgt sind. Würde die Essenskosten allerdings vom Staat übernommen werden, könnte so gewährleistet werden, dass alle Kinder zumindest eine richtige Mahlzeit am Tag erhalten. Wir wissen ja nicht, wie es bei ihnen daheim aussieht.

So eine Maßnahme kostet den Staat selbstverständlich Geld und sicherlich wird es einige Menschen geben, die meinen, das wäre es nicht Wert.

All diesen Menschen kann ich nur raten: Schaut euch mal die Brennpunkte in Deutschland genauer an. Schaut euch mal die Kinder genauer an, die dort aufwachsen müssen.

Wir Erzieherinnen brauchen Unterstützung – und zwar dringend

Eine ehemalige Chefin hat früher allen Erzieherinnen, die neu bei ihr angefangen haben, die Orte gezeigt, in denen die Kinder wohnen. Stadtteile, die völlig verkommen sind und auf denen Arbeitslose statt Kindern die Spielplätze bevölkern. Dort sind die Straßen häufig verdreckt und die Häuser verfallen. Dort fühlt sich nichts nach einer guten Zukunft, nach Chancen für einen tollen Start in Leben an. Daher ist es sehr wichtig, dass es mit der Kita einen Ort gibt, an denen die Kinder sich wirklich entwickeln können.

Auch wenn wir Erzieherinnen versuchen, für die Kinder da zu sein, auch finanziell: Bald können viele von uns nicht mehr. Die Kitas brauchen Unterstützung – und zwar sehr dringend. Schließlich kommen jedes Jahr neue Kinder in die Kita, die einen guten Start ins Leben verdient haben.

Das sollte jeden Euro wert sein.

Ilona Böhnke ist seit 40 Jahren Erzieherin. Während dieser Zeit hat sie in diversen Kitas im Ruhrgebiet gearbeitet, viele davon waren in sogenannten Brennpunktvierteln. Texte über ihre Beobachtungen sind unter anderem bei "Focus Online", der "HuffPost" und "The European" erschienen.

Protokoll: Tobias Böhnke und Agatha Kremplewski

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