Leben
Nah dran

Erdbeben in der Türkei: Helfer berichtet von Überlebenskampf und Leichen

13.02.2023, Türkei, Antakya: Ein Mann schreibt Kontaktinformationen auf ein Brett, für den Fall, dass eine Leiche unter den Trümmern eines zerstörten Gebäudes in Antakya im Südosten der Türkei gefunde ...
Ein Mann im Erdbebengebiet Antakya schreibt Kontaktinformationen auf ein Brett, für den Fall, dass eine Leiche unter den Trümmern eines zerstörten Gebäudes gefunden wird.Bild: AP / Bernat Armangue
Nah dran

Kinder nach Erdbeben begraben – Helfer kritisiert Behörden in der Türkei: "Da war niemand"

14.02.2023, 15:5414.02.2023, 19:16
Mehr «Leben»

Zerstörte Wohnviertel, Leichen auf den Straßen und dramatische Bilder der Trauer, aber auch der Rettung von Überlebenden: Es sind Bilder aus der Türkei und Syrien, die wir so schnell nicht vergessen. Die Zahl der Todesopfer des Erdbebens in der Türkei und Syrien wurde zuletzt mit mehr als 35.000 angegeben. Und das Leid ist noch lange nicht vorbei. Die Seuchengefahr ist groß und viele Menschen sind noch verschollen.

Hüseyin Yildirim ist eigentlich Regisseur und dreht Musikvideos, zum Beispiel für den Künstler Apache 207. Privat ist er immer wieder als Helfer in Krisengebieten unterwegs. Als das Erdbeben die Türkei traf, war er gerade in der Ukraine.

Normalerweise dreht Hüseyin (2. v. r.) Musikvideos, wie hier mit Haftbefehl.
Normalerweise dreht Hüseyin (2. v. r.) Musikvideos, wie hier mit Haftbefehl.Bild: privat

Inzwischen ist der 28-Jährige seit mehreren Tagen in der Türkei, im Epizentrum Hatay, Antakya und erzählt watson von der aktuellen Situation vor Ort. Das Protokoll vom 14. Februar.

"Ich war eigentlich bis vor eineinhalb Wochen in der Ukraine und habe bei Evakuierungen in Kramatorsk geholfen. Dann ist das mit dem Erdbeben in der Türkei passiert und ich bin mit dem Auto nach Deutschland. In Frankfurt habe ich Sachen wie Generatoren eingepackt, die ich vorab habe besorgen lassen und bin mit meinem privaten Auto weitergefahren. Jetzt bin ich seit ein paar Tagen hier.

Bei Instagram teilt Hüseyin manchmal, was er in der Türkei gerade erlebt.
Bei Instagram teilt Hüseyin manchmal, was er in der Türkei gerade erlebt. screenshot/bertinaxefilm

Aktuell schlafe ich immer noch im Auto, so wie alle anderen. Es ist extrem kalt. Ich habe auch Freunde, bei denen ist die Nase, die Lippe, alles aufgeplatzt von der Kälte. In Hatay geht es noch so, was die Kälte angeht. Aber in Kahramanmaraş sind es bis zu Minus 20 Grad. Alle Leute, die ein Auto haben, haben viel Glück. Wir schlafen aktuell an einer Tankstelle von privaten Leuten, die so eine Art Camp mit Security dort aufgebaut haben. Denn viele Menschen werden leider beklaut und nachts angegriffen.

Jeder muss hier auf der Straße schlafen, davon ist keiner ausgeschlossen. Das gilt nicht nur für die, deren Häuser eingestürzt sind, sondern jeder ist betroffen. Keiner wird jetzt, während es noch immer jeden Tag Nachbeben gibt, in seinem Haus bleiben. Ich war schon in Syrien in Flüchtlingscamps, ich war in der Ukraine und habe dort viel gesehen, aber was hier ist, ist schon krass. Alle müssen hier anstehen, um Brot und Suppe zu bekommen, auch Helfer und Ärzte. Es ist schon etwas surreal, was man hier erlebt.

Private Helfer sind überfordert von der Bergung toter Kinder

Mir geht es den Umständen entsprechend aber gut. Ich bin durch meine Aufenthalte in Syrien und der Ukraine auch schon etwas gewohnt, aber hier finde ich es noch mal schlimmer. Ich habe meine Freunde dabei, das sind 'gestandene' Männer und denen geht es teilweise so nahe, dass sie abbrechen müssen und ein paar Stunden im Auto warten.

"Der Junge war selber noch so klein und hat versucht, den Körper seiner Schwester zu beschützen. Du siehst, wie machtlos sie waren."

Wir haben gestern zwei kleine Kinder geborgen. Man sah, dass sie wortwörtlich aus dem Schlaf gerissen wurden. Sie lagen übereinander und der Junge war selber noch so klein und hat versucht, den Körper seiner Schwester zu beschützen. Du siehst, wie machtlos sie waren. Sie rauszutragen, war schon sehr schmerzhaft. Bei dem Jungen hast du das Gesicht gar nicht mehr erkannt, das Mädchen hatte schon so ein aufgeblähtes Gesicht und das Gesicht von der Mutter war komplett zerquetscht.

Die Bergung von toten Kindern ist besonders schlimm.
Die Bergung von toten Kindern ist besonders schlimm.screenshot/bertinaxefilm

Die Familie lag wirklich direkt am Rand. Du hättest dafür nicht irgendwas bergen müssen oder so, du hättest vorbeifahren und das sehen können. Nur war Hatay eine der Gegenden, wo man sehr spät mit der Hilfe angefangen hat. Und selbst die Hilfe, die gestern kam, war von Privatmenschen.

"Selbst die Bestattung, den Transport, alles haben wir selbst übernommen. Da war niemand anderes."

Der Geruch der vielen Leichen ist unerträglich. Ganz am Anfang hieß es vom Staat aus, dass private Menschen sich nicht einmischen sollen. Aber hier kommt so wenig an, dass die Leute darauf scheißen. Jeder versucht, seine eigene Familie zu retten. Es gibt auch lokale Volunteers, die versuchen, zu helfen und etwas Sinnvolles zu machen, so wie wir gestern. Selbst die Bestattung, den Transport, alles haben wir selbst übernommen. Da war niemand anderes. Ich habe auch bis jetzt außer diesen ganzen Medis und die Evakuierungsgruppen nicht wirklich gesehen, dass der Staat dort war.

Die Helfer:innen geben bei der Suche nach Überlebenden nicht auf

Wir suchen immer noch weiter. Gestern waren wir wegen einer anderen Bergung bei einem zerstörten Haus, da wurden fünf Menschen gefunden. In der Zeit, in der wir dort waren, wurde ein 13-jähriger Junge lebend herausgeholt. Aber bevor ich sehen konnte, was mit den anderen vier passiert ist, haben wir Hilfeschreie gehört, dass die Kinder und die Mutter rausgeholt werden müssen. Deshalb sind wir schnell rübergegangen und haben nicht verfolgt, was auf der anderen Seite passiert ist. Aber ein Kind wurde da schon mal lebend rausgeholt.

Immer noch suchen Hilfskräfte nach Überlebenden.
Immer noch suchen Hilfskräfte nach Überlebenden.screenshot/bertinaxefilm

Es wirkt alles wie ein Alptraum. Selbst für mich war es gestern sehr surreal, dass die Leichen einfach am Straßenrand liegen. Man darf nicht vergessen, dass die Menschen psychologische Behandlung brauchen werden. Deshalb plane ich, mit der deutschen Organisation 'Leave no One Behind', ein Camp für Kinder aufzumachen, wo man sie auch therapeutisch betreut. Zusammen mit türkischen Organisationen wollen wir betroffenen Menschen sowohl online als auch vor Ort eine Behandlung anbieten.

Neu: dein Watson-Update
Jetzt nur auf Instagram: dein watson-Update! Hier findest du unseren Broadcast-Channel, in dem wir dich mit den watson-Highlights versorgen. Und zwar nur einmal pro Tag – kein Spam und kein Blabla, versprochen! Probiert es jetzt aus. Und folgt uns natürlich gerne hier auch auf Instagram.

In den Epizentren sind derzeit nur die Menschen, die helfen oder die, die einfach keinen anderen Platz haben. Da sind auch sehr viele Geflüchtete aus Syrien. Es kursieren aber gerade Videos, wie einige Menschen aus Syrien versucht haben, LKWs mit Hilfsgütern zu entern. Seitdem ist die Lage etwas angespannt zwischen Syrern und Türken. Hatay liegt direkt an der Grenze, sprich, die Syrer kommen hier immer zuerst entlang und deshalb ist hier ein kleiner Krieg zwischen ihnen und Türken ausgebrochen.

"Hier sind Häuser, die ein Jahr alt sind und trotzdem einstürzen."

Jeder versucht zu überleben und es gibt hier aktuell nicht so viele Zelte. Also gibt es auch um den Schlafplatz einen kleinen Überlebenskampf. Die Supermärkte oder Restaurants haben auch nicht auf, man ist nur auf das angewiesen, was von außen kommt. Mit Geld können die Leute nichts anfangen, es ist hier nichts wert. Meine Freunde sind noch ein bisschen unerfahren. Die haben einfach den Kofferraum aufgemacht und das Ding war in zwei Minuten leer, weil die Menschen sich einfach darauf stürzen, egal was da drin ist.

Die Menschen wissen: Es war nicht das letzte Erdbeben – und nicht das schlimmste

Viele Menschen gehen nicht weg, sondern bleiben vor Ort und versuchen, wirklich selbst anzupacken. Aber es bringt ja nicht einmal etwas, nach Istanbul zu gehen. Geologen sagen schon seit zehn Jahren, dass sie dort ein viel schlimmeres Erdbeben erwarten. Deshalb ist die Bevölkerung auch richtig sauer, weil nichts dagegen getan wird. Hier sind Häuser, die ein Jahr alt sind und trotzdem einstürzen. Und in Istanbul wird uns leider in den nächsten 20 Jahren noch etwas sehr viel Schlimmeres erwarten.

Die Leute wissen das hier in der Türkei. Die denken: 'Selbst wenn ich nach Istanbul gehen sollte, wird es noch mal passieren.' Und diejenigen, die in Deutschland Verwandte haben und jetzt leichter ein Visum bekommen, haben das Problem, dass die ganzen Konsulate überfüllt sind. Da bekommen dann vielleicht am Tag vier Leute ein Visum. Effektiv ist es aktuell nicht."

EM 2024: England-Fans lästern fies über "Zombie-Zone" in Frankfurt

Frankfurts Bahnhofsviertel, einst bekannt für sein Rotlichtmilieu, hat sich zu einem Brennpunkt des Drogenmissbrauchs entwickelt. Rund 5.000 Drogensüchtige bevölkern das Viertel, unterstützt von etwa 300 Dealern. Einheimische und Gäste berichten von erschreckenden Zuständen: Etwa von zahlreichen Frauen, die sich zur Prostitution gezwungen sehen, um ihre Sucht zu finanzieren. Oder über die zunehmende Kleinkriminalität.

Zur Story