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Viele Menschen asiatischer Herkunft berichten im Netz, dass sie im öffentlichen Raum gemieden oder angefeindet werden – weil ihnen unterstellt wird, Träger des Coronavirus zu sein. (Symbolbild) Bild: Getty Images

Coronavirus und Rassismus: Asiatisch aussehende Menschen berichten von Anfeindungen

In China breitet sich das neuartige Coronavirus weiter aus: Nach aktuellem Stand hat die Krankheit bereits 361 Todesopfer gefordert, 17.205 Menschen sollen mit dem Virus, das eine schwere Lungenkrankheit auslösen kann, infiziert sein. Vergangenen Donnerstag rief die Weltgesundheitsorganisation WHO deswegen eine internationale Notlage aus.

Auch in Deutschland wurden bereits erste Fälle gemeldet: Zehn Menschen in Bayern sind infiziert, sie alle befinden sich in Behandlung. Es soll ihnen den Umständen entsprechend gut gehen. Zur Vorsicht befinden sich die Patienten in Quarantäne, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Auch die China-Rückkehrer, die am Sonntag mit einem Bundeswehrflugzeug nach Deutschland zurückgeholt wurden, befinden sich derzeit in Isolation.

Schneller als das Virus selbst scheinen sich allerdings Vorbehalte gegen Menschen zu verbreiten, die als asiatisch gelesen werden können. Wer asiatischer Herkunft ist oder so aussieht, muss sich derzeit möglicherweise dumme Sprüche im Zusammenhang mit dem Coronavirus anhören, wird in der U-Bahn gemieden oder gar beschimpft.

Wer asiatisch aussieht, wird möglicherweise als Träger des Coronavirus abgestempelt

Autor Marvin Ku, dessen Familie aus Shanghai stammt, schilderte vor kurzem zum Beispiel im "Tagesspiegel", wie er im Berliner Zoo von Mitarbeitern geradezu gemieden wurde. Sie hätten Angst, sich mit Corona anzustecken, wie er einem Gesprächsfetzen entnahm. Dabei ist der Journalist in Nordhessen geboren.

Youtuberin Pocket Hazel, die gebürtig aus Vietnam stammt, wurde laut eigener Aussagen zwar persönlich noch nicht mit rassistischen Äußerungen im Zusammenhang mit Corona konfrontiert. Allerdings hat sie zahlreiche Kommentare von Usern erhalten, die meinen, sie würde den Coronavirus nach Deutschland schleppen. Die Kommentare liest Hazel in einem Erklärvideo über den Coronavirus vor.

Über Alltagsrassismus berichten User unter #ichbinkeinVirus

Nicht nur Personen des öffentlichen Lebens wie Marvin Ku oder Pocket Hazel wurden wegen des Coronavirus schon mit rassistischen Äußerungen konfrontiert. In den sozialen Medien berichten zahlreiche Menschen, die asiatisch aussehen, über ähnliche Erfahrungen. Darüber schreiben sie zum Beispiel auf Twitter unter den Hashtags #IamNotAVirus, #JeNeSuisPasUnVirus und #ichbinkeinVirus.

Eine Userin twitterte zum Beispiel über eine unangenehme Begegnung, die ihre Mutter kürzlich machte:

Dieser User stammt selbst aus keinem asiatischen Land – bekommt den Alltagsrassismus allerdings dennoch mit, da seine Frau aus China kommt:

Auch unter Hazels Erklärvideo zum Coronavirus posten einige User mit asiatischem Migrationshintergrund, welche Anfeindungen sie nun erleben. Ein Nutzer kommentiert zum Beispiel: "Hab asiatische Züge und musste Mal im Supermarkt Husten, hätten mich fast rausgeworfen." Eine weitere Userin berichtet, dass ihr in der Schule immer spaßhaft unterstellt werde, sie habe Corona – andere haben Ähnliches erlebt, wie sie in den Kommentaren erzählen.

Rassismus wird mit Angst vor einer Erkrankung gerechtfertigt

Teilweise rechtfertigen sich diejenigen, die asiatisch aussehenden Menschen aktuell misstrauisch oder gar feindlich begegnen, mit Angst. Schließlich werde diese in den Medien gerade geschürt, da habe es nichts mit Rassismus zu tun, wenn man sich vor Asiaten und Asiatinnen schützt, meint zumindest dieser User:

Wie einfach es ist, bei dieser Argumentation dennoch bestimmte Gruppen in Schubladen zu stecken und sie als "eklig", "ansteckend" und "krank" zu verurteilen, scheint der User nicht zu merken.

Wer so argumentiert, vergisst, dass der Virus keine Ethnien kennt, dass Asiaten nicht alle gleich aussehen, dass nicht alle Asiaten Chinesen sind und nicht alle Chinesen vom Coronavirus befallen sind.

Der Coronavirus kennt keine Ethnie

Was bei der ganzen Panik wegen des Coronavirus in Deutschland allzu gerne vergessen wird, ist: Der Virus stammt zwar aus einem asiatischen Land, hat allerdings auch dort, wo die Gesundheitsversorgung nicht immer so gut ist wie hierzulande, die meisten Opfer gefordert.

Das soll die Tatsache, dass auch in Deutschland aktuell zehn Menschen, darunter ein Kind, infiziert sind, nicht kleinreden. Die Krankheit ist nach wie vor gefährlich und nicht zu unterschätzen. Deswegen werden auch entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen, wie zum Beispiel, dass Rückreisende aus der Stadt Wuhan, dem Epizentrum des Coronavirus, zunächst in Quarantäne kommen.

Ein Grund, ganze Ethnien als "verseucht" zu behandeln und ihnen mit Rassismus zu begegnen, kann das niemals sein. Eine feindliche Haltung gegenüber asiatischen Menschen sagt weniger über den aktuellen Stand um die Verbreitung des Coronavirus aus, als mehr über unsere Denkmuster, die wir in manchen Fällen dringend nachjustieren sollten. Gegen eine Ansteckung hilft mehrfach tägliches, gründliches Händewaschen – gegen rassistisches Gedankengut leider nicht.

(ak)

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