Kriegsnachrichten über Tinder – so wie Google Maps wird auch die Dating-App Tinder genutzt, um russische Falschnachrichten zum Krieg in der Ukraine zu entkräften.
Kriegsnachrichten über Tinder – so wie Google Maps wird auch die Dating-App Tinder genutzt, um russische Falschnachrichten zum Krieg in der Ukraine zu entkräften. Bild: dpa / Fabian Sommer

"Denken, ich bin ein Spion": Nutzer der Dating-App Tinder kämpfen gegen Putins Propaganda

06.03.2022, 16:26

Viele Menschen in Russland wissen nicht, dass ihr Land in der Ukraine derzeit unschuldige Zivilisten und Soldaten tötet. Sie glauben die Lügen, die der russische Präsident Wladimir Putin über die gleichgeschalteten Medien des Landes verbreitet. Der Kremlchef behauptet gegenüber der Bevölkerung, dass er eine militärische Mission in die Ukraine entsandt habe, um dem "Völkermord", der dort in den Regionen Luhansk und Donezk angeblich geschehe, Einhalt zu gebieten.

Um den Menschen in Russland die Wahrheit über den Krieg mitzuteilen, haben Internetnutzer in den letzten Tagen verschiedene kreative Lösungen gefunden. Wer sich zum Beispiel bei Google Maps Restaurantbewertungen in Moskau durchliest, stößt auf immer mehr Beiträge, die nicht das Essen besprechen, sondern die Zustände in der Ukraine erklären. Ein Trick, zudem das internationale Hackerkollektiv Anonymous vor einigen Tagen aufgerufen hatte.

Die Aktion von Anonymous, die auf der Idee eines anderen Twitter-Nutzers beruht, inspirierte User auch, andere ungewöhnliche Kanäle zu nutzen, um Informationen über den Krieg zu verbreiten. Zum Beispiel die Dating-App Tinder, die mit 3,08 Millionen Downloads 2021 die zweitgrößte Dating-App Russlands war.

Eine Frau, die in Deutschland lebt und genau das tut, ist die Kommunikationsberaterin Mareile Ihde. Die frühere Marketingreferentin der Niedersäschischen FDP erfuhr auf Twitter von der Idee, Tinder als Informationsplattform zu nutzen. Dem Magazin "stern" hat sie jetzt von der Nachricht erzählt, die sie auf Russisch allen Männern in Russland schickt, mit denen sie auf Tinder schreibt.

Im russischen Fernsehen verbreitet Präsident Putin Lügen über den Krieg in der Ukraine.
Im russischen Fernsehen verbreitet Präsident Putin Lügen über den Krieg in der Ukraine. Bild: SOPA Images via ZUMA Press Wire / Igor Golovniov

Der Text lautet so: "Ich weiß, dass dies eine ungewöhnliche Art ist, mit dir Kontakt aufzunehmen. Aber lies bitte weiter! Am 24. Februar hat Russland einen unrechtmäßigen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen. Im Gegensatz zu dem, was die Regierung und Präsident Putin dir erzählen, gibt es dafür keine Rechtfertigung, absolut keine Rechtfertigung."

Sie erzählt den Männern außerdem, dass Unschuldige, darunter Kinder, ermordet werden, dass die Welt möglicherweise vor dem Dritten Weltkrieg steht und dass die Bewohner Russlands protestieren und diesen Krieg stoppen müssen.

Misstrauen und Ablehnung sind die vorwiegenden Reaktionen

Bei den meisten stößt sie dabei anscheinend auf taube Ohren. Fast alle lösen die Verbindung mit ihr über Tinder sofort auf – vermutlich aus Angst, glaubt Ihde. "Vielleicht denken sie, ich bin ein Spion der russischen Regierung, der sie aushorchen will."

Von circa 20 Männern, die sie so kontaktiert hat, hat ihr bislang nur ein einziger Mann zurückgeschrieben. Seine Antwort habe gezeigt, dass er nach wie vor bedingungslos hinter Putin stehe. "Ich habe diesen Präsidenten gewählt. Und ich werde mit ihm bis zum Ende gehen. Solange mein Herz schlägt. Sollte der Dritte Weltkrieg beginnen, bin ich bereit, mein Leben für mein Land zu geben."

Mareile Ihde will mit ihrer ungewöhnlichen Informationskampagne trotzdem weitermachen. Parallel zu den Tinder-Chats schreibt sie auch Restaurantbewertungen bei Google Maps. Und versucht auch hier, über die Geschehnisse in der Ukraine aufzuklären.

(nik)

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