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Bild: gettyimages/ montage

Unsere Armutsserie startet: So lebt Jan mit 800 Euro im Monat

Helena Düll, Christina zur Nedden

Jetzt erzählen Leute, die von Armut bedroht sind – damit Jens Spahn das nicht muss.

Jan* (Name geändert), 29 Jahre, hat eine Geisteswissenschaft studiert und arbeitet als Kulturanthropologe in Berlin. Er verdient sein Geld als Freiberufler für Kultureinrichtungen und Museen. Sein Netto-Gehalt von knapp 800 Euro monatlich braucht er für Miete, Essen, Handy und Krankenversicherung.

Das ist unsere Serie "Unter 1000 Euro"

Die allein erziehende Mutter, der junge Künstler und der Rentner, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt: Auf den ersten Blick haben sie nichts gemeinsam. Doch sie alle sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, genauso wie jeder Fünfte in Deutschland. watson trifft regelmäßig Menschen, die mit weniger als 1000 Euro netto im Monat auskommen müssen.

Würdest du dich selbst als arm bezeichnen?

Aus materieller Hinsicht müsste ich mich wohl als arm bezeichnen. Ich kenne die Zahlen, anhand derer die relative Armut berechnet wird. Da wird unterschieden zwischen arm, Existenzminimum und armutsgefährdet. Wenn ich mir mein Einkommen der letzten Jahre anschaue, liege ich stets in einem dieser Bereiche.

"Auch im konkreten Vergleich mit meinem Umfeld, stehen mir relativ wenig Mittel zur Verfügung"

Jan 

Woran merkst du täglich, dass du arm bist? 

Ich merke es jeden Tag. Denn fast alles, womit ich in Berührung komme hat einen Preis. Abgesehen von der Luft ist nichts kostenfrei. Ganz im Gegenteil, manchen Kosten kann ich gar nicht entkommen, wie zum Beispiel den Mietkosten oder den Beiträgen zur Krankenversicherung. Ich bin umgeben von Preisen für Waren und Dienstleistungen. Im Supermarkt, im Kaufhaus, in der Werbung, in den Nachrichten – offline und online. Auch unter Freunden oder in der Familie ist Geld immer ein Thema. Wenn zum Beispiel Freunde fragen, ob wir gemeinsam in den Urlaub fahren möchten oder auch nur wo wir zusammen essen sollen – weil ich arm bin, muss ich immer rechnen. 

"Und das Rechnen, genauer das Rechnen-Müssen, ist quasi die permanente Konfrontation mit meiner eigenen Mittellosigkeit."

Jan 

Wer ist arm in Deutschland?

16,1 Millionen Menschen, also jeder Fünfte Deutsche, war im Jahr 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. 

Ein Mensch gilt als von Armut bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: (Quelle: Leben in Europa EU-SILC).

1. Das Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze. 2015 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1033 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2170 Euro im Monat.

2. Der Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. Das bedeutet, dass jemand zum Beispiel nicht in der Lage war, Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, die Wohnungen angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren.

3. Der Mensch lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung. 

EU-SIlc-bericht 2015

Was war das krasseste, was du mal gemacht hast, um an ein bisschen Geld zu kommen?

Ich musste kürzlich eine größere Summe ab bezahlen. Ich wusste vorher schon, dass ich das Geld dafür nicht habe beziehungsweise es nur für die Miete reicht.

"Ich habe dann alles auf eine Karte gesetzt und mein letztes Geld in ein Bitcoin-Zertifikat angelegt."

Jan 

Dann hieß es warten und hoffen. Ich hatte Glück, denn die Kurse stiegen. Ich bin ausgestiegen, als ich genug beisammen hatte. Die Kurse sind danach weiter gestiegen, aber das war mir egal. Klingt vielleicht nicht so krass, aber ich achte eigentlich immer darauf nie wirklich in eine prekäre Lage zu geraten, also in erster Linie die Miete nicht zahlen zu können. Dass ich dafür mal auf Aktien wetten muss, hätte ich nicht gedacht.

Was hast du dir zuletzt gegönnt?

Das war ein Urlaub vor zwei Jahren. Ich war zwei Wochen in Spanien, das Ganze hat rund 1500 Euro gekostet. 

Wie lange dauert es, bis das Geld knapp wird?

Da ich kein regelmäßiges Einkommen habe, gibt es bei mir keine festen Rhythmen. Wenn ich mal wieder etwas Geld verdient habe, kann ich ungefähr abschätzen, für wie lange das reicht. Meistens habe ich 1-2 Monate Ruhe nach einem Auftrag. Wenn in der Zeit keine neuen Aufträge kommen, dann wird es knapp.

"Ohne ein geregeltes Einkommen, weiß ich nie, wie lange das Geld reichen muss und planen ist quasi nicht möglich."

Jan 

Ich weiß wirklich nie, wann ich wieder Geld habe und wenn ich es nicht habe, kann ich nur hoffen. Manchmal schaue ich nach Gelegenheitsjobs, die ich am Ende gar nicht annehme. Aber alles mache ich auch nicht, zum Beispiel Jobs, wo man bewertet wird. Ich hab zwar kein Geld, aber meinen Stolz habe ich noch.

Wie viel Geld hat jemand, von dem du denkst, dass er reich ist?

In Zahlen? Ich finde, das ist eine sehr triviale Frage und darum nicht leicht oder eigentlich gar nicht zu beantworten. Wenn jemand darauf eine plausible und allgemein gültige Antwort geben könnte, dann würde das gesamte System der sogenannten westlichen Welt zusammenstürzen.

"Es gibt eine Zahl für arm, aber keine Zahl für reich."

Jan 

Was hältst du vom bedingungslosen Grundeinkommen?

Das Thema langweilt mich mittlerweile ein wenig. Wenn es denn mal zur Abstimmung stehen sollte, dann stimme ich dafür. Bis dahin habe ich andere Sorgen.

Anonym mitmachen

Jeder fünfte Deutsche ist von Armut bedroht. Darüber müssen wir sprechen. Würdest auch du dich als arm bezeichnen und möchtest mit uns - gerne anonym - darüber sprechen? Dann schreib uns an redaktion@watson.de

Wer Hartz IV bezieht ist nicht arm – alles zu Jens Spahn und seiner Exklusiv-Meinung:

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    Alle Leser-Kommentare
  • no risk no fun 27.03.2018 08:19
    Highlight Highlight Ich stelle mir einhundert Menschen vor, und zwei bis drei Menschen besitzen so viel wie der Rest.Da frage ich mich welch Politik das schafft? Eine Demokratie....? Das ist der Punkt an dem wir stehen, und das ist Fakt.
    Die aktuelle Politik wird nicht für den Rest gemacht ,das steht fest.
  • Walter Ditrich 26.03.2018 19:32
    Highlight Highlight Wir Süddeutschen suchen dringend Handwerker und -helfer!
  • King Mongo 26.03.2018 19:29
    Highlight Highlight Ich glaube auch ich werde von der Regierung dazu getrieben in Armut zu leben, ich gelte als schwerbehinderte und erwerbsunfähigkeitsrente und kann mir nur deswegen ab und zu mal Luxus leisten weil ich mir lieber eine kleine Wohnung leisten die mit 25qm sicherlich nicht angemessen ist! Meine Rente beträgt ca 1000 Euro allerdings muss ich davon alle Kosten selbst tragen und ich kann mir auch dank den ungerechten teilhabegesetz auch kein großes Kapital anspaaren was natürlich nicht mehr als 2600 Euro überschreiten darf! Im Gegensatz darf ein Harz 4 Empfänger mehr anspaaren!

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  • Eckhard Jahn 26.03.2018 19:26
    Highlight Highlight Ich habe mit meiner Frau zusammen 1300€ Rente.Für jeden also 650€ .Er hat 1000 für sich alleine....!!!
  • hamster 26.03.2018 18:31
    Highlight Highlight Ja, es ist schon traurig dass, wenn man arbeitet, weniger Geld als ein Harz4 er hat. Es darf doch nicht sein, wenn man nach seinen Möglichkeiten arbeitet weniger hat als ein Harz-Empfänger. Eigentlich hat hier der Spahn recht , nur muß die Politik Menschen fördern die arbeiten gehen. Denn ein Geringverdiener sollte mehr Geld haben als einer der gar nicht arbeiten geht (will...)
  • Albaner Norbert 26.03.2018 14:15
    Highlight Highlight Ich bin geschieden, habe 2 Kinder und jede menge Verpflichtungen. Geschiedene Männer leben oft an der Armutsgrenze. Doch ich hab Arsch in der Hose und eine Chance vor vier Jahren ergriffen die mir finanzielle Freiheit gegeben hat. Ich würde gerne die Chance auch dem Jahn* geben. Er braucht sich nur bei mir melden. Unter www.job4you-einfach-erfoglreich.de Beste Grüße
    • Helena Düll 26.03.2018 15:05
      Highlight Highlight Danke dir! Wir haben dein Angebot an Jan weitergeleitet.
  • Horst 26.03.2018 13:22
    Highlight Highlight Ich denke sehr wohl das ein Hartz 4 Empfänger arm ist. Das Geld reicht ja nicht einmal um sich gesund Ernähren.
    Ich kann mich über solche abgehobenen Politiker, wie diesen Spahn, nur noch aufregen. In meinen Augen hat solch ein Mensch nichts in der Politik zu suchen.
    Ich bin bis heute, zum Glück, noch nicht von Hartz 4 abhängig gewesen. Hartz4 ist in meinem Augen unmenschlich.

"Ich schalte im Winter den Kühlschrank ab" – Rentnerin Gertrud in unserer Armutsserie

Hier sprechen regelmäßig Menschen, die von Armut betroffen sind.

Gertrud ist 71 Jahre alt, Renterin, und wohnt in einer deutschen Kleinstadt. In der DDR hat sie als Bibliothekarin gearbeitet. 1989, drei Wochen vor dem Mauerfall, floh sie in den Westen, wo sie in einer Drogerie arbeitete, bis sie nach ihrer Scheidung krank und erwerbsunfähig wurde. Heute lebt sie von einer Rente über 672 Euro und gelegentlichen Geldgeschenken. Gertrud ist nicht ihr richtiger Name, sie möchte anonym bleiben. 

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