Die Lufthansa-Schalter für den Check-In blieben am Dienstag unbesetzt. Lediglich eine BER-Mitarbeiterin klärte Reisende auf.
Die Lufthansa-Schalter für den Check-In blieben am Dienstag unbesetzt. Lediglich eine BER-Mitarbeiterin klärte Reisende auf.Bild: anna von stefenelli
Vor Ort

Lufthansa streikt – und Reisende bleiben auf der Strecke: "Eine Ego-Nummer in der Urlaubszeit zu streiken"

27.07.2022, 19:4727.07.2022, 19:55

Mittwochvormittag, 11.30 Uhr am BER. In der Schlange eines Check-In-Schalters steht eine Frau mit zwei Kindern. Die Frau namens Ilona R. bückt sich über den blauen Kinderwagen, in dem ihr elf Monate alter Sohn sitzt. Er quengelt. In der Tasche am Wagen sucht sie nach einem Kinderbuch. "Man muss immer genug dabei haben, wenn man mit Kindern verreist", sagt sie und lächelt, sichtbar angespannt. Auch ihre Tochter, gerade mal drei Jahre alt, wirkt aufgedreht und läuft wiederholt weg, um die Gegend zu erkunden.

Sie sind seit Stunden auf den Beinen. Nachts fuhren sie von München nach Berlin. Eigentlich wollte die Familie fliegen: von München aus über Berlin nach Antalya. Doch die plötzlichen Flugausfälle durch den Streik des Lufthansa-Bodenpersonals am Mittwoch machten der Familie einen Strich durch die Rechnung. Wie vielen anderen auch.

Angesichts des Verdi-Streiks müssen zahlreiche Flugreisenden auf Alternative warten.
Angesichts des Verdi-Streiks müssen zahlreiche Flugreisenden auf Alternative warten.Bild: picture alliance/dpa | Paul Zinken

Alternativen ausgebucht: Einige Menschen warten tagelang auf Weiterreise

Aufgrund des Streiks rund tausend Flüge der Lufthansa kurzfristig abgesagt worden. Über 130.000 Passagiere sind betroffen, mitten in der ohnehin schon angespannten Sommer-Reisezeit.

In Einzelfällen könne es auch sein, dass die Menschen mehrere Tage auf ihre Weiterreise warten müssten, hatte ein Lufthansa-Sprecher gegenüber der dpa erklärt. Ein britischer Tourist auf dem Weg nach Singapur erzählt, dass er sich bereits auf eine zweite Hotel-Nacht einrichte. Ein Pärchen hatte noch keine Antwort auf seine Fragen erhalten: "Wir sind hier förmlich gestrandet. Wie und wann wir nach Mexiko kommen? Keine Ahnung!". Die meisten Alternativverbindungen sind überwiegend ausgebucht.

Ilona hatte hingegen Glück: Als ihr Lufthansa-Flug nach Berlin gecancelt wurde, suchte auch sie verzweifelt nach Alternativen – mit Erfolg: Kurzentschlossen buchte sie eine Mitfahrgelegenheit zum Flughafen BER, um dort ihren Flug nach Antalya zu erreichen. Ein späterer Alternativflug wäre für die Familie nicht infrage gekommen. Denn in der türkischen Stadt findet noch diese Woche die Hochzeit ihrer Schwester statt.

Reisende warten am Flughafen BER auf die Öffnung der Check-in-Schalter.
Reisende warten am Flughafen BER auf die Öffnung der Check-in-Schalter. Bild: picture alliance/dpa | Paul Zinken

Ilona und ihre Kinder werden pünktlich am Abend vor dem Beginn der Feierlichkeiten da sein. "Ich bin echt gestresst und müde. Es war einfach nur anstrengend, in der Nacht nach Berlin zu fahren. Aber jetzt sitzen wir ja bald im Flugzeug", zeigt sich die Mutter trotz der Strapazen erleichtert.

Wie die Münchnerin als Betroffene über den Streik denkt? "Ich kann verstehen, dass das Personal streikt, für uns war es aber wirklich frustrierend", sagt sie.

Gähnende Leere an Lufthansa-Schaltern

Von den Flugausfällen betroffen sind neben Lufthansa-Flügen auch Verbindungen von Lufthansa-Konzerngesellschaften wie Swiss, Austria, Brussels oder Air Dolomiti sowie Maschinen von Croatian, United, Air Canada oder der polnischen LOT sind betroffen.

Vor allem an den Drehkreuzen München und Frankfurt bleiben fast alle Maschinen am Boden.

Am Flughafen BER herrscht am Mittwochvormittag hingegen geschäftiges Treiben. Dass das Personal der Lufthansa streikt, ist vor Ort nur an den geschlossenen Lufthansa-Schaltern zu erkennen. Sie bleiben am Dienstag überwiegend unbesetzt. Lediglich eine BER-Mitarbeiterin klärt Reisende auf.

Zahlreiche gestrichene Flüge und teilweise tagelang kein Ersatz.
Zahlreiche gestrichene Flüge und teilweise tagelang kein Ersatz.Bild: Anna von Stefenelli

Doch vor dem Flughafen versammelt sich am Vormittag eine "Menschentraube", wie ein Security-Mitarbeiter des BER erzählt: "Die haben draußen protestiert. Irgendwann ist aber die Polizei gekommen und hat sie weggeschickt."

Der Linken-Politiker Tupac Orellana, der offenbar Teil der Verdi-Menge war, twittert dazu: "Verdi stellt die richtigen Forderungen. Wenn sich nicht bald etwas tut, kippen alle aus den Latschen oder kündigen, dann fliegt niemand mehr in den Urlaub."

In der Tat sind viele Mitarbeiter der Lufthansa offenbar unzufrieden. Das Problem: der ihrer Meinung nach zu niedrige Tariflohn.

Lohnstreit geht bei der Lufthansa in die nächste Runde

In der zweiten Runde Mitte Juli waren die Tarifverhandlungen zwischen der Lufthansa und Verdi für die rund 20.000 Beschäftigten am Boden ohne Ergebnis geblieben. Die Forderungen der Gewerkschaft sind klar: Sie will 9,5 Prozent mehr Lohn und einen Mindeststundenlohn von 13 Euro bei zwölf Monaten Laufzeit durchsetzen.

Darauf ist Lufthansa bisher nicht eingegangen. Zahlen müssen nun die gestrandeten Reisenden.

Doch Verdi und Lufthansa halten sich gegenseitig vor, für die Lage verantwortlich zu sein. Das Unternehmen habe bewusst darauf verzichtet, nach der Warnstreikankündigung noch einmal zu verhandeln, sagte etwa Verdi-Streikleiter Marvin Reschinsky. Er hoffe nun auf ein schnelles, gutes Ergebnis. "Wir erwarten ganz klar, dass Lufthansa in der nächsten Woche nachlegt, damit der Luftverkehr wieder läuft."

Ein hoher Abschluss sei auch ein Entlastungssignal an das Bestandspersonal, wenn Lufthansa attraktivere Jobs für Neueinsteiger anbiete. "Die werden dringend gebraucht."

Wenig Begeisterung für den Zeitpunkt des Lufthansa-Streiks

Dass die Gewerkschaft mitten in der Urlaubszeit zum Streik aufgerufen hatte, nimmt man bei Lufthansa mit Unmut hin.

Beinahe alle Flüge der Lufthansa am Mittwoch wurden gestrichen.
Beinahe alle Flüge der Lufthansa am Mittwoch wurden gestrichen.Bild: anna von stefenelli

Lufthansa-Personalvorstand Michael Niggemann kritisierte etwa den Streikaufruf und das Timing. "Die frühe Eskalation nach nur zwei Verhandlungstagen in einer bislang konstruktiv verlaufenden Tarifrunde richtet enorme Schäden an", sagte er am Dienstag. Das betreffe vor allem die Fluggäste in der Hauptreisezeit. "Und es belastet unsere Mitarbeitenden in einer ohnehin schwierigen Phase des Luftverkehrs zusätzlich stark."

Auch Flughafenmitarbeiter zeigen auf Nachfrage von watson wenig Verständnis für den Zeitpunkt. "Wir bekommen alle zu wenig Lohn. Aber es ist schon eine Ego-Nummer in der sowieso schon stressigen Urlaubszeit zu streiken", sagt ein Security-Mitarbeiter des BER. Und: Mitarbeiter kleinerer Fluggesellschaften wären stärker auf Lohnerhöhungen angewiesen als jene der "ganz Großen".

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